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Der Bruch mit weißen Rettungsphantasien

Sophia Boddenbergs „Revolution der Frauen“ zeigt, was wir von Feministinnen aus Lateinamerika lernen können

| Nikola Siller

Sophia Boddenberg: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen, Mandelbaum Verlag, Wien 2025, 156 Seiten, 20 Euro, ISBN 978399136-100-8

 

Sophia Boddenberg arbeitet seit 2014 als Journalistin in ihrer Wahlheimat Südamerika, meist in Chile und Argentinien. Sie ist teilnehmende Beobachterin sozialer Bewegungen und positioniert sich als Feministin solidarisch an der Seite der Kämpfe um Rechte von Frauen und LGBTQI*. Aus dieser involvierten Perspektive hat die Autorin ihr aktuelles Buch „Revolution der Frauen“ geschrieben, mit dem sie die Leser*innen über zehn kurzweilige Kapitel an ihren teils sehr persönlichen Erfahrungen teilhaben lässt. Es ist eine Reise durch ein vielschichtiges Amerika von unten, in der Boddenberg auch ihre Position und Rolle als weiße Europäerin reflektiert. Fünfzig Kurzbiografien lateinamerikanischer Akti-vist*innen runden das Buch ab.

Boddenberg erzählt Geschichten von konkreten Personen, Begegnungen und Situationen. Durch die Auswahl entsteht ein Mosaik unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten, Widerstände und Kämpfe. Es kommen Frauen zu Wort, die seit Jahrzehnten in der chilenischen Wüste nach den Knochen ihrer verschwundenen Angehörigen suchen und somit an die brutalen Verbrechen der Pinochet-Diktatur erinnern. Sie besucht Frauen, die tote Kinder gebären, weil profitorientierte Bergbau-Unternehmen die Erde, Felder, Luft und Wasser nachweisbar mit Schwermetallen vergiften. Wir erfahren, wie es Aktivist*innen gelingt, gegen Feminizide und Straflosigkeit zu mobilisieren und lernen von Chilen*innen, wie sich ein Volk auf den Weg macht, sich eine neue Verfassung zu geben. Afrofeminist*innen, Schwarze Frauen und afrokolumbianische Frauen kommen ebenso zu Wort, wie Indigene Frauen. Mit ihren Kämpfen für die Wieder-Vergemeinschaftung von Land und Wasser stellen sie koloniale Vorstellungssysteme und Besitzverhältnisse grundsätzlich in Frage.

„Revolution der Frauen“ macht Mut und zeigt die Kraft, die in der sozialen und politischen Organisierung und im Kollektiv steckt. Die Fülle und Diversität der vorgestellten Kämpfe sind ebenso beeindruckend, wie die entschlossene und selbstbewusste Haltung der portraitierten Aktivist*innen. Der antifeministische und rechte Backlash wird hellsichtig als Reaktion auf feministische Stärke analysiert: „Was wir als Feministinnen geleistet haben, war so wichtig, dass wir jetzt das Feindbild der Ultrarechten sind.“ (S. 139) Die „Rolle des Feminismus als transformative soziale Kraft“ stellt sich Alondra Carrillo als „ein Feuer vor, das auch bei starkem Wind weiterbrennt. Eine kleine Flamme, die wir schützen müssen vor dem starken Wind, der gerade weht.“ (S. 124)

Boddenberg benennt Kolonialismus, die imperiale und kapitalistische Lebensweise, Raubbau an der Umwelt sowie strukturellen Rassismus und Patriarchat als relevante Kontext- und Einflussfaktoren. Mit diesen Fäden verbindet sie die einzelnen Geschichten zu einem Gesamtbild. Eine Stärke des Buchs ist der klare Bruch mit weißen Rettungsphantasien: „Ich werde mich meinem Vater, der Mapuche ist – auch wenn er vielleicht manchmal ein Macho ist – immer näher fühlen als einer weißen Feministin, die uns retten will.“ (Danilea Catrileo, S. 71) Und weiter: „Wir sind es so leid, dass weiße Frauen uns aus der Küche befreien wollen.“
Unter Bezugnahme auf Lélia Gonzalez benennt Boddenberg ignorante Flecken im weißen Feminismus: „Auch der lateinamerikanische Feminismus ist von weißen, europäischen Perspektiven geprägt, der die Erfahrungen Schwarzer und Indigener Frauen ausblendet. Ein Feminismus, der Rassendimensionen nicht mitdenkt, reproduziert koloniale Machtverhältnisse.“ (S. 54)

Boddenberg fragt sich, ob sie als weiße Europäerin überhaupt das Recht habe, ein solches Buch zu schreiben. Die Frage ist berechtigt. Die Verwertung von Erfahrungen Subalterner – und ist sie noch so gut und solidarisch gemeint – bleibt vor dem Hintergrund kolonialgeschichtlicher Machtunterschiede und Wohlstandsprivilegien ein Spannungsfeld. Boddenberg glättet dieses Spannungsfeld zum Glück nicht, sondern zeigt Unsicherheit und Auseinandersetzung mit eigenem Schmerz über das ungewollte koloniale Erbe. Weiße Feminist*innen sind herausgefordert, den Konflikt divergenter sozialer Positionierungen und Privilegien innerhalb der Feminismen und Frauenkämpfe anzuerkennen und auszuhalten. Das im Titel des Buchs angekündigte „Lernen von Feministinnen aus Lateinamerika“ erschöpft sich so nicht in Ermutigung oder dem Kopieren von Widerstandspraxen, sondern mahnt in erster Linie, Verantwortung für das koloniale Erbe zu übernehmen und dominante weiße Vorstellungen von Feminismus zu hinterfragen.