Elon Musk, ein Antipode des Anarchismus

| Lou Marin

Georg Seeßlen: Elon Musk. Der dunkle Visionär. Geld, Frauen, Pop und Tech-Faschismus, Beltz/Fischer, Berlin 2025, 22 Euro, 350 S., ISBN 978-3-86505-781-5

Haben Sie in den letzten Tagen, beim alltäglichen Kopfschütteln über die Machenschaften der Trump-Regierung, auch die neuen, verschärften Einreisebedingungen in die USA registriert? Verlangt werden vom US-Heimatschutzministerium all Ihre Social-Media-Daten und Telefonnummern der letzten fünf, sowie alle E-Mailadressen der letzten zehn Jahre. (1)
So ernährt sich der vom Kulturkritiker Georg Seeßlen in seiner Elon-Musk-Biografie so genannte „Cloud-Kapitalismus“ als totales Überwachungssystem.

Biografie von Elon Musk

Musk wurde 1971 in Südafrika geboren und hatte einen extrem autoritären Vater, von dem sich seine nicht minder strenge Mutter 1979 scheiden ließ. Der junge Elon lernte das Programmieren und verlor sich in Videospielen. 1989, noch vor Ende der Apartheid, wanderte er erst nach Kanada, dann in die USA aus. Seinen Apartheids-Rassismus behielt er sein gesamtes Leben über bei. Sein Studium in Kanada, dann Philadelphia (USA) brach er vor Abschluss ab und gründete mit Bruder Kimbal seine erste Online-Plattform Zip2 mit digitalen Stadtführern und Geschäftsdaten. 1999 verkaufte er Zip2 für 307 Millionen Dollar und hatte damit sein Geschäftsmodell gefunden: Start-up-Firmen gründen und dann teuer verkaufen. Musk gehörte seit seinem Umzug nach Los Angeles zur Start-up-Generation des Silicon Valley, trug aber zum späteren Wandel des „Lifestile-Teilzeit“-Lebens im Silicon Valley bei, indem er sich zu einem autoritären, von Schnelligkeit, Leistung und Effizienz seiner Mit-
arbeiter*innen besessenen Unternehmer entwickelte. Nach seiner Zeit im Silicon Valley hat Musk seinen brutalen Führungsstiel auch auf seine Projekte in der Auto- und Raumfahrtindustrie (Tesla und Space X) übertragen: „Musk macht beständig Druck, fordert Tempo und Ergebnisse und feuert, wen immer er als unnütz oder hemmend ansieht.“ (S. 78) Schon bei Tesla verbot Musk „die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen und Arbeiter.“ (S. 102). Musks Reichtum ergab sich aus seiner egomanischen Darstellung visionärer Projekte, einer Erzählung, die nach Seeßlen lautet: „Der Wert eines Unternehmens ist gleichbedeutend mit der Illusion, die es erzeugen kann.“ (S. 118) Ökologische Ansätze wie beim E-Auto von Tesla wurden schnell durch eine Ignoranz des Klimawandels und die technizistische Erzählung der Rakete ersetzt, die angesichts einer untergehenden Menschheit die Elite auf den Mars ansiedeln und dadurch retten soll. Statt von intellektueller Bildung durch Aufklärung war Musk bei seinen Fantasien von einer intensiven Rezeption des Fantasy-Comic-Autors Robert A. Heinlein geprägt. Tendierte er politisch gar anfangs zu den „Demokraten“ in den USA, so wandelte er sich in den letzten Jahren zum Trump-Anhänger, finanzierte zu großen Teilen dessen zweiten Präsidentschafts-Wahlkampf und leitete die von Trump neu geschaffene DOGE-Behörde (Dept. Of Government Efficiency). Zur zeitweiligen Freundschaft von Trump und Musk meint Seeßlen: „Beide zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Impulse von Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie nirgendwo verstecken.“ (S. 171)
Musk hat 14 Kinder von vier Frauen, eines nannte er „X A/E Xii“. Der Sohn von Musk und Justine Wilson, Xavier, outete sich als Transgender und nannte sich Vivian Jenna, was Musk zur Weißglut trieb, da es mit seinen Positionen der „Rassenhygiene“ und Transphobie nicht übereinstimmt. In Musks Vision von pronatalistischer Menschenzucht sind Kinder nur quantitative Bestandteile der technischen Reproduktion von weißen Menschen.
Durch DOGE wurden Arbeits-, Dienst- und Pachtverträge per E-Mail gekündigt: „Nach hundert Tagen DOGE hatten 260.000 Beamte ihren Job verloren.“ (S. 265) Musk wollte innerhalb der US-Tech-Oligarchie immer zum Alleinherrscher aufsteigen und erlebte eine Reihe von Niederlagen, die er nie verkraften konnte: Bei Tesla scheiterte der Versuch eines selbstfahrenden Robot-Taxis nach dem Mai 2016, als ein Robot-Tesla einen Unfall verursachte, bei dem der Fahrer starb. Musks Wendung zum Trumpismus erfuhr viel Verachtung seiner Tesla-Konsument*innen und führte z.B. am europäischen Markt zu einem Absatzeinbruch von 45 Prozent. Insgesamt sank die Aktienbewertung von Tesla schnell um 90 %. Der Multimilliardär verlor sich in Drogen wie Ketamin oder Alkohol, in Wahnvorstellungen und Wirklichkeitsverlust. Über die Aktien abgesicherte Kredite bei Banken wurden fällig, die er aus liquidem Kapital nicht bedienen konnte. „In der Folge liquidierten die Banken alle Vermögenswerte von Musk bei Tesla und Space X.“ (S. 289) Der ehemals reichste Mann der Welt war dann zwar nicht pleite, überlebte aber so geschwächt, dass er den Streit mit Trump wegen dessen „Big Beautiful Bill“ 2025 verlor – und wurde nun seinerseits rausgeworfen, DOGE wurde aufgelöst. Musks KI-Firma xAI floriert weiter und symbolisiert seine „Gier nach Informationen und Daten bis in die letzten persönlichen Lebensbereiche hinein“. (S. 313) Das verweist uns wieder auf die aktuellen datenbezogenen, verschärften Einreisebestimmungen für die USA.
Diese neue Form des disruptiven, durch sofortige Massenentlassungen geprägten „predatory capitalism“ (Raubtier-Kapitalismus) analysiert Seeßlen am Beispiel Musk. So weit, so gut.

Musk – ein „rationaler
Anarchist“??

In seinem gesamten Buch transportiert Seeßlen ein falsches Anarchismusverständnis, wie es früher immer wieder von der marxistischen Zeitschrift „konkret“ verbreitet wurde. Gras-wurzelrevolutionär*innen wurden politisch durch den Slogan sozialisiert: „Jeder Anarchist ist zugleich Sozialist, aber nicht jeder Sozialist ist zugleich Anarchist“, wie wir leider an der von Gremliza und sogar vom späteren Neofaschisten Jürgen Elsässer dominierten konkret-Redaktionsphase sahen, in der ich Seeßlen als kulturjournalistischen Autor kennengelernt habe.
Der marxistisch geprägte Seeßlen geht dem modern von Rechten und „Libertarians“ gefälschten Verständnis von Anarchismus auf den Leim. Dabei lügt sich Seeßlen die extrem rechten und neoliberalen Libertarians tatsächlich als „Anarchist*innen“ zurecht, stützt sich dabei auf Heinlein und die oft rezipierte Libertarian-Schriftstellerin Ayn Rand, obwohl er weiß, dass sie nur „Fundamentalkapitalismus“ (S. 46) propagiert. Das zieht sich durch das gesamte Buch und radikalisiert sich sogar zu einem abstrusen „rationalen Anarchismus“, der absolut herrschaftslegitimierend ist, Beispiel:
Mehrheiten sind im gesamten Werk des Fantasy-Comic-Autors Robert A. Heinlein, den Musk im Gegensatz zu Leuten, die wirklich Philosophie studiert haben, intensiv rezipiert hat, „genau das, worauf die rationalen Anarchisten an der Spitze ganz und gar keine Rücksicht nehmen sollen, wenn es um die Menschheit geht.“ (S. 141)
Und weiter, nur noch eine von vielen solchen Stellen:
„Die rationale Anarchie bedeutet, dass die technisch begabten Superwesen die Herrschaft ohne Kontrolle der leidigen Sozial- und Empathiewerte ausführen können und daher auch keine Kontrollen über sich ergehen lassen dürfen. Elon Musks Abneigung gegen staatliche und soziale Kontrolle seiner Unternehmungen ist daher nicht nur seinem ökonomischen Egoismus geschuldet, sondern auch tieferer Aspekt seines Weltbildes.“ (S. 279)
Nein, Herr Seeßlen, da spielt Ihnen ihre orthodox-marxistische Sozialisation einen Streich. Rationaler, auf der Aufklärung basierender Anarchismus ist überhaupt keine Herrschaft. Und wer, wie Musk, als Kapitalist und herrschender Firmenchef nur nach unten treten kann, ist geradezu ein Antipode des Anarchismus!

(1) Vgl. https://web.de/magazine/politik/us-politik/verschaerften-us-einreiseregeln-montag-kraft-treten-41877916