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Erich Mühsam und das große Morden

| Bernd Drücke

Erich Mühsam: Das große Morden. Texte gegen Militarismus und Krieg. Hg.: Peter Bürger in Kooperation mit dem Lebenshaus Schwäbische Alb, edition pace, Hamburg 2025, 516 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 9783819265587
Erich Mühsam: Jedoch der Mut ist mein Genosse. Texte über Kampf und Revolution Hg.: Peter Bürger, edition pace, Hamburg 2025, 300 S., 13,99 Euro,ISBN 9783819248689

 

Als junger Anarchist war ich ein Fan des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam. Seine Texte habe ich verschlungen, einige Gedichte kann ich noch immer auswendig. Mühsam wurde am 6. April 1878 geboren. Am 10. Juli 1934 wurde der Redakteur von „Kain“ und „Fanal“ nach 16 Monaten schwerer Folter im KZ Oranienburg von SS-Schergen ermordet.
Mühsam war für mich eine Ikone. Dabei beißt sich das mit meinem Selbstverständnis als Anarchist. Anarchist*innen lehnen schließlich nicht nur Staaten, Führer und Chefs ab, sondern auch Ikonen. Niemand soll auf einen Sockel gestellt oder als „Held“ verklärt werden. Kein Mensch soll unterdrücken, sich unterdrücken lassen oder sich über andere stellen. Anarchist*innen streben eine solidarische Ordnung ohne Herrschaft an, eine freiheitlich-sozialistische und oft auch gewaltfreie Gesellschaft, jenseits von Kapitalismus, Patriarchat und Militär.

Historische Persönlichkeiten des Anarchismus können uns inspirieren, ein Personenkult wird von uns aber abgelehnt. So ist auch Mühsam in der anarchistischen Bewegung nicht sakrosankt. Er war ein Kind seiner Zeit und ist aufgrund bisweilen haarsträubender Äußerungen, die sich zum Beispiel in seinen Tagebüchern finden (1), aber auch aufgrund seiner Abkehr vom Gewaltfreien Anarchismus Tolstoischer Prägung und der zeitweiligen Hinwendung zu militanten und autoritär-marxistischen Strömungen nach dem Ersten Weltkrieg nicht unumstritten. So kritisiert Peter Bürger im Buch „Erich Mühsam. Jedoch der Mut ist mein Genosse“: „Die anfängliche Nähe dieses anarchistischen Schriftstellers zu Tolstois Haltung in der ‚Gewaltfrage‘ wandelte sich im Zuge von Weltkriegsverlauf, Münchener Revolution und Tuchfühlung mit dem ‚Spartakusprogramm‘ (mit nachfolgender Phase einer engen Zusammenarbeit mit Vertretern der KPD). Schließlich wünschte Mühsam, dass die Beherrschten ihre Waffen gegen jene richten, die ihnen das Kriegshandwerk aufgedrungen haben.“ (2)

Bürger hat mit „Jedoch der Mut ist mein Genosse“ und „Das große Morden“ 2025 zwei sehr lesenswerte und wichtige Bücher herausgebracht, die für „Mühsam-Fans“ bisweilen schwer verdaulich sein können. Der Herausgeber zeigt auf, dass Mühsam ein trefflicher Streiter wider Militarismus und Krieg war, kritisiert aber auch, dass der Anarchist „am Ende sein Dichterhandwerk zu leichtfertig in den Dienst eines ‚revolutionären Militarismus‘ gestellt“ habe.
Gefreut habe ich mich, dass neben vielen Mühsam-Texten auch sechs Beiträge über Mühsam aus der Graswurzelrevolution nachgedruckt wurden.
Beide Wälzer möchte ich sowohl „Neulingen“ als auch „alten Hasen“ wärmstens empfehlen.
Erich Mühsam bleibt für mich durch sein Gesamtwerk und sein gelebtes Leben ein positiver Bezugspunkt.

(1) B. Drücke: Tripper, Bandwurm, Anarchie. Erich Mühsams Tagebücher bieten Einblick ins Seelenleben, in die Ideenwelt, in Irrungen und Wirrungen eines sympathischen Anarchisten, in:Erich Mühsam. Jedoch der Mut ist mein Genosse, S. 229 ff.
(2) Antimilitarismus und revolutionärer Militarismus? Vorbemerkungen des Herausgebers P. Bürger, in: Erich Mühsam: Jedoch der Mut ist mein Genosse, S. 12 f.
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