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Erregender Frauenhass

Eine Kritik der Pornografie

| Maurice Schuhmann

Feministisches Bündnis Heidelberg (Hg.): Erregender Frauenhass! Eine Kritik der Pornografie Alibri Verlag, Aschaffenburg 2025, 335 S., 19 Euro, ISBN 978-3865694331

 

In Bezug auf den Diskurs über das (vermeintliche) Potential von Pornografie zur Befreiung von Sexualität überlege ich, ob Karl Marx Recht hatte, als er sagte, dass sich die Geschichte wiederholt – erst als Tragödie und ein zweites Mal als Farce. In der 1968er Bewegung wurde bereits diskutiert, inwieweit Pornografie ein Befreiungspotential besitzt – und im Nachhinein muss dies wohl als gering angesehen werden. Seit ein paar Jahren erleben wir eine Neuauflage dieser Diskussion unter dem Aspekt, dass es Ecopornos (z.B. das Projekt FuckforForest), feministische Pornografie (z.B. die Produktionen von Petra Joy oder den feministischen Pornopreis PoYes) und eine Zunahme „selbstbestimmter“ und unkommerzieller, häufig auch queer-feministischer Amateurpornos gibt – inklusive deren Plattformen. Zu allen drei Genres gäbe es hier viel zu schreiben – und zu sagen. Fakt dürfte sein, dass diese im Gesamtbereich immer noch einen verschwindend geringen Anteil ausmachen – und das wohl meist gesuchte Begriffspaar im Bereich Internetpornografie nach wie vor – und mit großem Abstand gegenüber anderen – „Lolita sex“ ist; gefolgt von ähnlichen Suchbegriffen. Das muss man wohl nicht weiter diskutieren.

Persönlich glaube ich zwar nicht, dass eine strikte Anti-Porno-Position, wie sie im Rahmen der 1980er vom sogenannten sexnegativen Flügel der Frauenbewegung (Andrea Dworkin, Catherine MacKinnon) vertreten wurde, zielführend ist, aber die fast völlig verschwundene kritische Auseinandersetzung in der jungen Generation von Feminist_innen und Anarchist_innen erscheint mir häufig zu optimistisch-naiv bzw. häufig die gesellschaftlichen Folgen und auch die daraus resultierenden Verschlechterungen der hauptberuflich in der Mainstreampornografie arbeitenden FLINTA+-Menschen völlig zu ignorieren.
Vor diesem Hintergrund finde ich den Sammelband „Erregender Frauenhass“ des Feministischen Bündnisses Heidelberg einen längst überfälligen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion zur Pornografie, der wichtige Kritikpunkte und Fakten in den Ring wirft. Bereits vor diesem Sammelband hat das Bündnis unter dem Titel „Was kostet eine Frau? Eine Kritik der Prostitution“ (Alibri 2024) die Ergebnisse einer Tagung zum Thema Prostitution veröffentlicht. Das neue Buch beginnt mit einer lesenswerten Einleitung in die Thematik von Stefanie Schott. Es folgen weitere Beiträge u.a. über und auch eine (solidarisch-)kritische Auseinandersetzung mit Teilen der sogenannten sexpositiven, feministischen Pornographieszene – sich stark an Paulita Pappel, dem derzeitigen Shootingstar der feministischen Pornografie, abarbeitend, über die Verbindung von Rassismus und Pornografie, von Gail Dines oder auch über die Emanzipationslüge in Bezug auf die Selbstbestimmung bei OnlyFans, von Paula Thöner.

Erfrischend ist, dass für die Beiträge unterschiedliche Genres bedient werden. Neben analytischen Texten gibt es z. B. auch ein Interview mit der feministischen Aktivistin über die Veränderung der Sichtweise „der“ feministischen Bewegung zu Pornografie oder einen eher aktivistischen, manifestartigen Kampfaufruf. Der Band greift in fünfzehn Beiträgen viele wichtige Themen rund um den Komplex der Pornografie auf – und bietet dabei interessante Einblicke und Hintergrundinformationen. Auf dieser Basis kann dieses komplexe Thema nicht nur im feministischen Spektrum weiterdiskutiert und verhandelt werden. Abgesehen von ein paar Ausreißern in akademische Höhen der Lacan-Rezeption im Falle von Hanna Vatter bzw. in anderer Richtung auf universitärem Hausarbeitsniveau, ist der Band durchgehend auf hohem Niveau und lesenswert. Es ist ein wichtiger Sammelband, den ich wärmstens zur Lektüre empfehlen kann, auch wenn ich selber bezüglich einzelner Positionen und Einschätzungen anders denke. Einiges davon – z.B. der Fall von Linda Lovelace und ihrer sexuellen Ausbeutung für den, z.T. bis heute in feministischen Kreisen goutierten Porno „Deep Throat“ sollten zwar längst bekannt und Allgemeingut sein – oder die Herleitung des Begriffs Pornografie, wobei leider immer wieder französische Wortursprung und Prägung durch den kommunistischen Erotikautor Rétif de la Bretonne (mit seiner Schrift „Le Pornograph“) ignoriert wird, wäre sicherlich als solidarische Kritik hieran anzubringen, aber das sind Nebensächlichkeiten.