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Gelebte Selbstorganisation

Ein Buch für Kollektive, Haus- und andere Projekte in Selbstverwaltung

| Uwe Kurzbein

Elisabeth Voss: Praxishandbuch Selbstverwaltung, Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten, Transcript, Bielefeld 2025, 480 Seiten, 39 Euro, ISBN 978-3-8376-7580-1

 

Ich schreibe die Rezension als Anarchist und man möge mir meine ab und zu leicht ausrutschenden anarchistischen Kommentare vergeben. Es sind nicht viele, weil es nichts Wichtigeres gibt, als zu wissen, wie Gesellschaftsformen aussehen können, die maßgebend das Leben in dem Projekt bestimmen.
Ich könnte sagen: Wenn ich den Staat transformieren will und dennoch ein Arrangement mit ihm finden muss, dann sollten alle Beteiligten über die bürokratischen Strukturen genau Bescheid wissen. Dafür ist dieses Buch gut geeignet. Elisabeth Voss hat sich viel Mühe gegeben, die gesetzlichen Grundlagen aufzudröseln und für alle verständlich zu machen. Dennoch steht am Anfang jedes Kollektivs oder jeder Gemeinschaft die Frage: Warum? Warum will ich mir diesen Stress antun?
Elisabeth Voss ist regelmäßige Autorin u.a. der Graswurzelrevolution und arbeitet aus anarcha-feministischer Perspektive u.a. zu solidarischem Wirtschaften, Genossenschaften, Selbstorganisation und Digitalisierung. Kennengelernt habe ich Elisabeth bei dem Vorbereitungstreffen der Ost-West-Kommunen in Klein-Machnow 1990, gerade noch vor der ersten Ost-West-Bundestagswahl. Sie hat dann dort das erste Treffen organisiert, aus dem einige Gemeinschaften hervorgegangen sind. Unter anderem „Sieben Linden“ und vor allem „Lebensgut Pommritz“. Es macht mir Freude, zu ihrem „Praxishandbuch Selbstverwaltung“ eine Rezension zu schrieben. Wie der Titel sagt, ist es eine Anleitung wie Kollektive, Hausprojekte und ähnliche Konstrukte in Selbstverwaltung juristisch gestaltet werden können. Sie hat einen kleinen Bereich des Buches verwendet, um Kommunikationsmethoden zu erklären und zu empfehlen. Sie sind in jedem Fall, für jede Art der Kollektivbildung, gewissermaßen die Grundlage, also das Fundament. Ich meine, dass das fast der wichtigste Teil des Buches ist. Wenn die Kommunikation nicht konsequent, wie in der Schule, gelernt wird, nützen die ausgereiften Betriebsferien wenig. Es sei denn das Kollektiv
macht einen Betriebsausflug zur Kommune Olgashof.

Fürwahr, ein dickes Buch. Bevor es zur Sache geht, sind schon 43 Seiten verbraucht.
Das Inhaltsverzeichnis bringt einen guten Überblick, so dass nicht das ganze Buch gelesen werden muss, sondern hauptsächlich die Kapitel, die sich mit der gewünschten Gesellschafts- oder Betriebsform auseinandersetzen. Erstaunlich, dass Elisabeth die Kapitalgesellschaften kaum bearbeitet, sicherlich weil alternative Kollektive und Gemeinschaften als höchste bürgerliche Anpassung die Genossenschaft und keine Kapitalgesellschaften wählen werden. Der Genossenschaft wird deshalb auch ein Großteil des Buches gewidmet. Selbstverwaltung ist eine Leitschnur für dieses Buch. Meine Empfehlung, so wenig „juristische“ Selbstverwaltung wie möglich und so einfach wie möglich. Da ist die Genossenschaft das aufwendigere, aber sicherlich auch das standfesteste. Bei all diesen Geschäftsmodellen sollte auch stets gefragt werden, wer will den ganzen Bürokram machen und wer will kontrollieren, ob sich die Mitglieder entsprechend irgendwelcher Satzungen verhalten.
Ist das Leben in Kollektiven bereits ein politischer Ausdruck und viel wirkungsvoller für eine Transformation des Kapitalismus, als auf die Straße zu gehen und sich an verzweifelten Aktionen zu beteiligen? Beides natürlich. Eines ist auch klar: Die Definitionshoheit hat stets der Staat. Im Abschnitt „System Change“, auf Seite 30, spricht Elisabeth diese Frage an.
Auf Seite 39 beschreibt sie in einer guten Übersicht, welche Schritte zu tun sind, um das Unternehmen irgendwann anzufangen. Wenn dann das Programm, der Weg bis zum Anfang steht, dann empfehle ich, so schnell wie möglich anzufangen und den ganzen Plan wieder loszulassen. Es kommt garantiert anders. Und dieses Bild gleicht einem sich ständig verändernden Chaos und das nennt sich: „Politisches aktives Leben.“
Bei diesen Projekten ist eines ganz entscheidend zu lernen, das Loslassen von Eigentum. Um das zu ertragen, muss, wie in der Schule, gelernt werden.
Elisabeth beschreibt das in vorsichtiger Form und führt hier die gängigen Kommunikationsmethoden an. Das spricht sie im Kapitel 2.1 „Kultur der Kooperation“ an und erklärt auch gleich dankenswerter Weise die Überraschungen, die in der Gruppe zu finden sind.
Bedeutsam ist an Elisabeths Einlassungen, dass sie gut verständlich sind und Raum für die eigenen Erfahrungen lassen. An vielen Stellen betont sie, dass es sich um einen Entwicklungsprozess handelt, um einen Organismus, der erst einigermaßen zur Ruhe kommt, wenn an der Ladentür das „Geöffnet“-Schild steht. Oder die Tischlerinnen den ersten wichtigen Auftrag haben.
Wenn die Kollektivist*innen nicht Jura oder Wirtschaft studiert haben, dann empfehle ich dieses Buch, das seit heute auch im Bücherschrank unserer Kommune steht.

Uwe Kurzbein (geb. 1942) hat die Kommune Lutter mitgegründet und ist Mitherausgeber des Kommunebuchs (Assoziation A). Seit 1998 lebt er in der Gemeinschaft Olgashof bei Wismar. Siehe Interview mit ihm „Jede Kommune ist anders. Ein Küchentischgespräch mit Uwe Kurzbein“, in: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Unrast Verlag 2018, S. 331 ff.