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Guter Rat vom Rätekommunisten Otto Rühle: Folgt keinen Autoritäten!

| Horst Blume

Wolfgang Haug (Hg.): Otto Rühle. Sein Kampf gegen das autoritäre Denken und Handeln, Verlag Edition AV, Bodenburg 2025, 383 Seiten, 24,50 Euro, ISBN 978-3-86841-311-2

 

Weltweit sind autoritär ausgerichtete Parteien auf dem Vormarsch. Der progressive Aufbruch der 68er-Bewegung mit ihrer Hinterfragung von Autoritäten ist mittlerweile Geschichte. Inzwischen haben in mehreren Ländern autokratische Herrscher die Macht an sich gerissen, bedrängen linke und demokratische Bewegungen massiv und stellen selbst bürgerlich-demokratische Errungenschaften infrage. Doch nicht nur Trump und die AfD haben starke autokratische Ambitionen, sondern auch in ehemals linken Bewegungen und Parteien breiten sich Autoritätshörigkeit und autoritäres Verhalten zunehmend aus. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und mehrere neu entstandene kommunistische Kleinparteien im Stil der alten K-Gruppen, die wieder Zulauf bekommen.
In dieser Situation erscheint das von Wolfgang Haug herausgegebene Buch „Otto Rühle. Sein Kampf gegen das autoritäre Denken und Handeln“ genau zum richtigen Zeitpunkt. Im ersten Teil wird ein informativer und sorgfältig recherchierter Überblick über das Leben Rühles (1874–1943) gegeben. Die politischen Entwicklungen und Auseinandersetzungen im Umfeld des Räterevolutionärs werden nachgezeichnet. Auf weiteren 250 Seiten zeigen ausgewählte Texte von Rühle aus mehreren Jahrzehnten, wie er sich vom aufmüpfigen Sozialdemokraten zum Rätekommunisten entwickelt und Autoritätshörigkeit und Hierarchien kritisiert hat.

Die Revolution ist keine Parteisache!

Am Anfang des Ersten Weltkrieges lehnte er als Reichstagsabgeordneter zusammen mit Liebknecht die Kriegskredite ab, trat aus der SPD aus, unterstützte für eine kurze Zeit die KPD, um 1918 den Vorsitz des Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrates zu übernehmen und sich der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) anzuschließen, die damals viele Mitglieder hatte. Als begabter „Wanderredner“ entfaltete er eine große Wirkung, insbesondere in Sachsen. Rühle agitierte in der der KAPD nahestehenden Gewerkschaft Allgemeine Arbeiter Union Deutschlands (AAUD), die sehr unter staatlicher Repression zu leiden hatte. Ihr Statut wurde 1920 von den 68 festgenommenen Delegierten im Saal des Polizeipräsidiums von Hannover beschlossen.
Im selben Jahr fasste Rühle seine Erfahrungen mit dem Parlamentarismus und der Parteipolitik bei SPD und KPD in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift „Aktion“ zusammen und formulierte dort seinen später vielzitierten Leitsatz „Die Revolution ist keine Parteisache!“ Desillusioniert kam er als Delegierter aus Moskau zurück, wo die KAPD wegen einer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Internationale angefragt hatte, allerdings unannehmbare Bedingungen erfüllen musste. Wegen seiner Parteikritik wurde er 1920 sogar aus der KAPD ausgeschlossen. Allerdings hatte er in Sachsen immer noch eine beachtliche AnhängerInnenschaft.

Individualpsychologie

Im Jahr 1921 begegnete Rühle seiner zukünftigen Frau Alice Gerstel aus Prag, die ihn in seiner Autoritätskritik nicht nur bestärkte, sondern ebenfalls mit der Individualpsychologie von Alfred Adler bekanntmachte. Wolfgang Haug betont in den vorangestellten 120seitigen profunden „biographischen Notizen“, wie wichtig diese Impulse für Rühle waren: „Die intensive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit seiner Frau Alice Rühle-Gerstel führte bis 1932 zu über 20 pädagogischen und politischen Schriften zur Frauenemanzipation, zu sexualwissenschaftlichen Fragen und zum Erziehungswesen. (…) In der Aktion veröffentlichte Rühle seine neuen Thesen über die Autoritätsfixiertheit der Arbeiterklasse, die als Anstoß für die sich bildenden heftigen Auseinandersetzungen im folgenden Jahr mit seinen bisherigen Mitstreitern Franz Pfemfert, Oskar Kanehl und James Broh gelten können.“ (S. 68)
In seinem 1925 geschriebenen Artikel geht Rühle darauf ein, dass „das gereizte Streben nach Geltung und Überlegenheit“ nicht nur in der bürgerlichen Gesellschaft eine große Rolle spielt, sondern auch in den linken Parteien anzutreffen ist. Rühle versuchte in seinen Artikeln, mit Hilfe der Individualpsychologie die individuelle mit der kollektiven Mündigkeit zu verbinden. Er beschäftigte sich intensiv mit Erziehungsfragen bei Kindern und Jugendlichen und prangerte das vorherrschende hierarchische und autoritäre Schulsystem an.
An Bürgerlichen wie Sozialdemokraten bemängelte er gleichermaßen, dass sie bei der Durchsetzung ihrer ökonomischen Klasseninteressen die Menschen lassen, wie sie sind und sich nicht auf persönlicher Ebene in solidarischer und rücksichtsvoller Weise begegnen. Als genauer Beobachter stellte er fest, dass die Masse der AnhängerInnen der linken Parteien im „innern noch ganz konservativ und traditionell“ in bürgerlichen Vorstellungen gefangen waren: „Überall verpfuschte Bürger, sitzengebliebene Spießer, vergessene Anwärter auf das Kanapee des behaglich-sorglosen Rentnertums.“ (S. 88)
Er rechnete schonungslos mit der parteigebundenen Linken ab: „Sie war und blieb eine kleinbürgerliche Reformpartei der Enttäuschten, Zukurzgekommenen, am kapitalistischen Aufstieg Verhinderten. Keine revolutionäre Bewegung, sondern nur eine Revolte wildgewordener Möchtegern-Kapitalisten.“ (S. 297)
Haug betont, dass Rühles emanzipatorische Ideen sogar bei der AAUD nicht sonderlich erfreut aufgenommen wurden und sie zu einer solidarischen Diskussion seiner Thesen nicht in der Lage war. Diese ab 1925 sich im Niedergang befindliche Gewerkschaft wähnte den Kapitalismus irrigerweise kurz vor dem Zusammenbruch. Obwohl Rühle diese Ansicht damals teilte, wies er darauf hin, dass eine emanzipatorisch ausgerichtete Erziehung erst längerfristig Früchte tragen kann. Ein Widerspruch.

Kritik der totalen Herrschaft

Einen breiten Raum nimmt im Buch die Auseinandersetzung mit den Herrschaftsmechanismen in ideologisch gegensätzlich ausgerichteten Lagern statt. Haug weist darauf hin, dass die ideologischen Begründungen für die Durchsetzung autoritärer Maßnahmen in verschiedenen Gesellschaftsordnungen sehr unterschiedlich sein können. Der im Buch befindliche Artikel Rühles „Brauner und roter Faschismus“ analysiert die totale Herrschaft in unterschiedlichen Staaten. Den Bogen zur heutigen Situation spannt Haug in seinem Vorwort, indem er u. a. auf die Ambitionen des US-amerikanischen Tech-Milliardärs Peter Thiel (1) hinweist, mit dem Datenauswertungssystem Palantir eine immer vollständigere Kontrolle über die Bevölkerung auszuüben, um sie auszubeuten und zu unterdrücken. Da diese Software in mehreren Bundesländern der BRD zur Verfügung steht, ist dieses Thema auch hier aktuell.
Wolfgang Haug hat bereits Bücher zu Rühles Wegbegleitern Franz Pfemfert (2) und Oskar Kanehl (3) geschrieben. Er kann deshalb bemerkenswerte Bezüge und Querverbindungen herstellen, die kaum bekannt sind und zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn führen. Es ist zu hoffen, dass Rühles Werk nach der nur kurzzeitigen Wiederentdeckung durch die frühe 68er-Bewegung mit diesem Buch wieder verstärkt rezipiert und den aktuellen autokratischen Tendenzen Paroli geboten wird.

((1)) Wolfgang Haug: Peter Thiel. Wegbereiter autokratischer Herrschaft, Artikel in: Graswurzelrevolution, Nr. 498, April 2025
((2)) https://www.edition-av.de/buecher/pfemfert-ich_setzte_diese_zeitschrift_wider_diese_zeit.html
((3)) https://www.machtvonunten.de/literatur-und-politik.html?view=article&id=27:das-sollen-gedichte-sein&catid=13