Kurt Hiller und die Gruppe Revolutionärer Pazifisten. Ein Beitrag zur Geschichte der Friedensbewegung und der Szene linker Intellektueller in der Weimarer Republik, Bockel-Verlag, Neumünster 2025, 444 S., 29,80 Euro, ISBN 9783956750182Kurt Hiller: Der Sprung ins Helle. Reden, offene Briefe, Zwiegespräche, Essays, Thesen, Pamphlete gegen Krieg, Klerus und Kapitalismus. Hg.: Rolf von Bockel, Neumünster 2025, 483 S., 29,80 Euro, ISBN 978-3-95675-046-5
Die Rosa Luxemburg Stiftung stellt Kurt Hiller (1885 in Berlin – 1972 in Hamburg) als „Schriftsteller und pazifistischen Publizisten“ vor, der „lebenslang für einen Sozialismus, für Frieden und sexuelle Minderheiten“ kämpfte. 1933 kam Hiller ins KZ Oranienburg, wo er die Folter Erich Mühsams miterlebte. 1934 konnte er zunächst nach Prag, danach nach England emigrieren, bis 1955 blieb er in London, dann kehrte er nach Hamburg zurück. Das klingt ausführlich und stringent.
Ganz so passt es aber auf Kurt Hiller nicht, zumal er seine Ansichten häufig änderte und sich auch mit potentiellen BündnispartnerInnen gerne zerstritt. Was fehlt ist seine jüdische Herkunft, die ihn antisemitischem Hass aussetzte, sein Hang zur persönlich gefärbten Polemik, der ihm viele Feindschaften einbrachte, und seine eher aristokratische Haltung gegenüber den ab 1918 revolutionären Massen und später gegenüber dem gesellschaftlichen Mainstream, die ihn in den zeitgenössischen Bewegungen zum Außenseiter stempelte. Während sich Erich Mühsam, Ernst Toller und Gustav Landauer 1919 an der Münchner Räterepublik beteiligten, während sich viele ExpressionistInnen des Aktionskreises um Franz Pfemfert, den Hiller mitinitiiert hatte, sich dem Rätekommunismus verschrieben, gründete er den „Politischen Rat geistiger Arbeiter“ und entwarf sein Programm des „Aktivismus“, das historische Gesetzmäßigkeiten ablehnte und den Willen der Menschen in politischen Auseinandersetzungen schätzte. Von 1916 bis 1924 gab er die „Jahrbücher für geistige Politik“ heraus. Wenn er deshalb als „Sozialist“ eine einflusslose Randfigur der revolutionären Ereignisse von 1918 bis 1924 bleiben musste, war sein langjähriger Einsatz für eine Anerkennung und Gleichberechtigung der Homosexualität ein wesentlicher Teil seiner Lebensleistung. Er war seit 1908 Mitarbeiter von Magnus Hirschfeld und dessen „Wissenschaftlich-humanitärem Komitee“ und blieb aktiv bis zum Verbot 1933. In den 1920er Jahren war er zeitweise stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung. In den 1950er Jahren wurde er für die neue Homosexuellenbewegung eine Art Bindeglied zu den Vorgängerorganisationen. Als streitbarer Publizist in der Weltbühne versuchte Hiller in der Weimarer Republik auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen, sein Eintreten für den Pazifismus wurde zum zweiten wichtigen Inhalt seiner Lebensleistung.
1920 wurde Hiller in den Vorstand der „Deutschen Friedensgesellschaft“ (DFG) gewählt. In dieser von Bertha von Suttner 1892 gegründeten Gesellschaft gehörte Kurt Hiller mit der radikalen gewaltfreien Pazifistin Helene Stöcker zum Flügel des „radikalen Pazifismus“. Helene Stöcker, die die absolute „Unantastbarkeit des menschlichen Lebens“ in den Mittelpunkt stellte, hatte Hiller bereits bei der Konzeption seines „Rats geistiger Arbeiter“ beeinflusst: „Leitstern aller künftigen Politik muss die Unantastbarkeit des Lebens sein.“ (Weltbühne 1918). In der DFG arbeiteten Stöcker und Hiller häufig zusammen, beide gerieten aber an den linken Rand der DFG. Stöckers kategorische Absage zu blutiger Gewaltanwendung geriet in Gegensatz zu den organisatorischen Pazifisten, die zwischen „gerechten“ und „ungerechten Kriegen“ unterschieden und bei „gerechten Kriegen“ Gewaltanwendung nicht ausschlossen. Die DFG unter Fritz Küster veränderte ihr Gesicht und verlor ihre Bereitschaft, unterschiedliche Positionen zuzulassen. Carl von Ossietzky stellte 1929 in der Weltbühne fest: „Fritz Küster (…) ist siegreich, (…) aber rechts und links ist nichts mehr da. (…) Hier ist jedoch nicht nur die Rechte – Quidde, Gerlach, Graf Kessler, Oberst Lange – abgezogen, sondern auch die von Helene Stöcker vertretene Linke. Das erinnert fatal genug an die berühmten Reinigungen der KPD.“
Zu diesem Zeitpunkt gehörte Hiller nicht mehr der DFG an, er radikalisierte sich nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925, fand in der DFG immer weniger Gehör und gründete die „Gruppe revolutionärer Pazifisten“ mit.
Rolf von Bockel hat die Geschichte der von Hiller zwischen 1926 und 1933 angeführten Gruppe in dem Buch „Kurt Hiller und die Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ aufgearbeitet. In seinem Verlag erschienen in Zusammenarbeit mit der Kurt Hiller Gesellschaft zahlreiche Veröffentlichungen zu verschiedenen Aspekten aus Hillers Leben. Mit dem Buch „Der Sprung ins Helle“ aus dem Jahr 1932 erschien 2025 bereits der fünfte Nachdruck von Hillers früheren Veröffentlichungen. Vorausgegangen sind „Das Recht über sich selbst“ (1908), „Die Schmach des Jahrhunderts“ (1922), „Verwirklichung des Geistes im Staat“ (1925) und „The Problem of Constitution“ (Das Problem der Verfassung) (1945).
Mit der neugegründeten Organisation verband Hiller den Pazifismus mit dem Sturz des Kapitalismus. Mit einer „sozialistischen Durchorganisierung der Welt (…) tritt die Gruppe revolutionärer Pazifisten aus der Enge des nur-pazifistischen Problemkreises und nimmt teil am Klassenkampf des Proletariats.“ Auch wenn diese Worte so klingen, meinte Hiller damit keineswegs den Klassenkampf seiner Zeit, den KommunistInnen, RätekommunistInnen, SyndikalistInnen oder UnionistInnen propagierten und dessen revolutionäre Aktionen nach 1924 zum Erliegen gekommen waren. Er griff vielmehr den ethischen Sozialismus auf, den er 1918 bereits im „Politischen Rat Geistiger Arbeiter“ mit dem Ziel einer „Herrschaft der Geistigen“ formuliert hatte. 1933 las sich dies in seinem Artikel „Heroismus und Pazifismus“ in der Weltbühne als „Herrschaft der revolutionären Aristokratie“, die eine friedliche Welt gewährleisten sollte. „Der Sprung ins Helle“ enthält Essays, die zum Teil vorher in der Weltbühne erschienen sind und Hillers Ansichten aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wiedergeben, oft stehen sie im Gegensatz zu seinen Veröffentlichungen von 1908 bis 1924.
Rolf von Bockel druckt eine Passage aus einem Brief Hillers an Hans Wehberg vom 5. Mai 1927 ab, die die Abkehr vom radikalen Pazifismus verdeutlicht: „Der revolutionäre Pazifismus (…) geht nicht von der ‚Heiligkeit des Menschenlebens‘, sondern von der Unantastbarkeit des Rechtes auf Leben aus.“
Der einzelne Mensch kann also freiwillig für ein erstrebenswertes Ideal sein Menschenleben einsetzen, um „rote wie weiße Bluthunde“ mit einem Minimum an Gewaltanwendung zu stoppen. Deshalb kritisierte Hiller 1931 auch die Grußbotschaft Albert Einsteins an die „Internationale der Kriegsdienstgegner“. Einstein hatte aufgefordert, den Gedanken der Kriegsdienstverweigerung weiter zu verbreiten. Hiller antwortete in der Weltbühne mit seinem Artikel „Einen Schritt noch, Einstein!“, der in „Sprung ins Helle“ im Original 1932 auf den Seiten 165–171 aufgenommen wurde (im Nachdruck S.269–275). Hiller lehnte die Kriegsdienstverweigerung oder den Kampf gegen die Wehrpflicht nicht ab, aber er sah diese Maßnahmen nicht mehr als entscheidend gegen einen drohenden modernen Krieg, da es genug freiwillige Berufssoldaten geben werde, die mit den modernsten Waffen ausgestattet, den Krieg führen werden, auch wenn alle Wehrdienstverpflichteten sich entziehen würden. Es sei eine Illusion „zu glauben, durchgeführt könne sie (die Kriegsdienstverweigerung) den Krieg verhindern. Sie allein jedenfalls kann es nicht. So wenig, wie Genf, den Haag und das Völkerrecht allein es können. Es gibt, verehrter Herr Professor, ein einziges wirklich taugliches Mittel zur Verhinderung des gigantischen Verbrechens: die revolutionäre Erhebung gegen die Verbrecher, die Eroberung der politischen Macht.“
Im „Sprung ins Helle“ hatte Hiller sich zuvor die rhetorische Frage gestellt: „kann man also das Ausbrechen eines neuen Krieges verhindern?“
„Der Krieg ist kein Naturereignis, sondern etwas von Menschen Gemachtes, kein ‚Schicksal‘, sondern ein Verbrechen; ganz gewiss nicht das Verbrechen eines Einzelnen, aber das Komplott Vieler; ein Gegenkomplott Vieler kann verhindern, dass es zur Ausführung gelangt. Mit welchen Mitteln? Hierüber tobt der Streit! Die einen empfehlen Erziehung und Völkerrecht, die anderen Generalstreik und Dienstverweigerung, wieder andere die Zersetzung des Heers und den bewaffneten Aufstand. Wählt nun der revolutionäre Pazifismus zwischen den Mitteln, oder empfiehlt er an ihrer Stelle ein neues? Er tut weder das eine noch das andre! Das Neue, was er zu diesem Streit beiträgt, ist: der Hinweis auf die Grundlosigkeit des Streits; die empfohlenen Mittel schließen einander durchweg nicht aus!“ (Sprung: S.159)
Die Verlagsarbeit des Bockel Verlags versucht Hiller wieder ins Bewusstsein zu bringen. Diese Arbeit wurde nicht ohne einen professionellen Abstand ausgeführt. Das wird deutlich, wenn der Verlag genauer unter die Lupe genommen wird, in dem „Der Sprung ins Helle“ 1932 erschienen ist. Der Wolfgang Richard Lindner Verlag wurde erst im April 1931 ins Handelsregister eingetragen und brachte bis 1938 neue Bücher heraus. Der Ulmer revolutionäre Pazifist Eugen M. Brehm nahm für sich in Anspruch, Hiller auf den Verlag aufmerksam gemacht zu haben, weil er offen für neue Autoren gewesen sei. Das Profil des Verlags kann in großen Teilen dem völkischen Denken zugerechnet werden. Im gleichen Jahr wie Hillers Buch erschienen Kurt van Emsens (d.i. der völkisch-nationale Nervenarzt Karl Strünckmann) Buch „Hitler und die Kommenden“, in dem das „Vierte Reich“ vorgestellt wurde und von Richard Schapke „Die schwarze Front. Von den Zielen und Aufgaben und vom Kampfe der deutschen Revolution“, mit einem Vorwort von Otto Strasser. Sowie Otto Strassers Broschüre „Sozialistische Einheitsfront! Her mit dem Revolutionskabinett Gregor Strasser, Graf Reventlow, Severing, Höltermann, Scheringer. Eine Forderung der schwarzen Front.“ Der Lindner Verlag vertrieb Hillers Buch nachweislich noch 1934, während der Autor im Juli 1933 verhaftet und im Columbia-Haus misshandelt worden war, im Oktober ins KZ Brandenburg und im Februar 1934 ins KZ Oranienburg kam. Unerwartet freigelassen, gelang Kurt Hiller am 2. Oktober 1934 seine Flucht nach Prag.