Leidenschaftlich antiautoritär

Ketty Guttmanns Analyse der Gewaltspirale ist aktueller denn je

| Gisela Notz und Eveline Linke, Berlin/Hamburg

Raimund Dehmlow, Thomas Iffert (Hg.): Ketty Guttmann oder: Eine Todfeindin der Autoritäten. Dietz, Berlin 2025, 182 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-320-02430-7

 

Das Taschenbuch „Ketty Guttmann oder: Eine Todfeindin der Autoritäten“ ist in der Reihe Biografische Miniaturen erschienen. In der Aufmachung weicht es von den anderen Miniaturen des Dietz-Verlags ab: Es gibt kein Portrait von Ketty Guttmann auf dem Buchcover, weil die Autoren kein einziges Foto von ihr fanden. Sie führen es darauf zurück, dass Kettys Bild so spurlos sei, wie ihr Engagement kompromisslos und manchmal irritierend war.
Wie die anderen Miniaturen des Verlages, ist das vorliegende Büchlein in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil beschreibt es Ketty Guttmanns Leben und ordnet ihr Wirken in den zeitgeschichtlichen Rahmen. Im zweiten Teil werden einige ihrer Texte aus den Jahren 1911 bis 1924, 1929 und 1952 vorgestellt sowie ein Gespräch, das 1920 zwischen Lenin und Clara Zetkin über sie geführt wurde. Der dritte Teil (Anhang) enthält biografische Daten, Personenregister, Literatur- und Abkürzungsverzeichnisse. Er regt zur Weiterarbeit an.
Ketty Guttmann, 1883 als Katharina Margarethe Mathilde Ekey im hessischen Hungen in eine katholische Handwerkerfamilie hineingeboren, trat 1904 in die SPD ein, noch bevor Frauen im Großherzogtum Hessen einer politischen Partei beitreten durften. Zehn Jahre später verließ sie – wie viele andere Sozialistinnen – die Partei aus Protest gegen die Bewilligung der Kriegskredite wieder. 1919 kam sie über den Spartakusbund zur KPD, aus der sie wegen ihrer Kritik an deren Moskauhörigkeit nach fünf Jahren ausgeschlossen wurde. Kurzzeitig arbeitete sie 1906, vermutlich auf Anraten Rosa Luxemburgs, in Lodz im Bereich der Arbeiterbildung. Im gleichen Jahr ging sie nach Berlin, wo sie heiratete und Mutter eines Sohnes wurde. Vier Jahre später zog sie mit ihrer Familie nach Hamburg und kandidierte 1920 bei den Reichstagswahlen, wurde im Jahr darauf in die Bürgerschaft gewählt und nahm maßgebend an der Märzaktion teil. Als sie sich 1924 rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen anschloss, war sie offensichtlich für die Arbeiterbewegung zur Unperson geworden.
Eine ihrer ersten und bekanntesten Hamburger Aktionen war die Herausgabe einer Zeitschrift für Prostituierte, des Pranger, mit dem sie, wissend, welche Umstände Frauen in die Prostitution zwangen, die Verhaltensweisen und sexuellen „Bedürfnisse“ von Männern, insbesondere auch der gehobenen Schichten sowie die Doppelmoral des Staates, die einerseits die Notwendigkeit der Prostitution anerkennt und andererseits die Prostituierten bestraft, skandalisierte. Damit zog sie sich Klagen wegen Verbreitung von Obszönitäten zu, aber auch manche der „Kontrollmädchen“, wie sie damals genannt wurden, waren wenig erfreut, da sie ihnen die Kundschaft vergraulte, die Angst hatte, in der Zeitschrift zu erscheinen. Bei allem guten Willen, deren Situation zu verbessern, stülpte sie ihnen doch ihre eigene Moral über, in der sie ihr Ziel der Abschaffung der Prostitution vermengte mit dem der Schaffung einer „gesünderen“ Sexualität, in der sie auch Onanie und Homosexualität unter die Perversionen subsummierte. Ketty problematisierte aber auch die im Bürgertum verbreiteten familistischen Erwartungen, die den besonderen Schutz der Familie propagierten und unverheiratete Mütter und „uneheliche“ Kinder diskriminierten. Dafür wurde sie von „guten Kreisen“ bedroht, denn „die Ehe ist das Heiligste auf Erden“. So war das und so scheint es noch immer zu sein, denn auch die beiden Autoren betonen in ihrer Vorstellung am Ende des Buches, dass sie „in langjährigen ehelichen Partnerschaften“ mit ihren Frauen und „gottlob (!) nicht allein in dieser Welt“ leben.
Zurück zu Ketty. Sie war auch über den „Pranger“ hinaus journalistisch und schriftstellerisch tätig. Mit zahlreichen Artikeln war sie in der von Clara Zetkin herausgegebenen Zeitschrift „Die Gleichheit“ vertreten. Ihr früher Briefroman Liebe und Ehe, der von den Spannungsverhältnissen im Leben von Frauen handelt, wurde von der kommunistischen Presse hoch gelobt, weil er das Sexualproblem in den Klassenkampf hineinstellte. Auch die anarchistische Zeitschrift „Erkenntnis und Befreiung“ lobte den Roman. 1935 kam er von den Nazis auf die „Liste 1 des unerwünschten und schädlichen Schrifttums“.
Guttmanns antimilitaristisches Engagement führte dazu, dass sie 1929 der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) beitrat, der 1928 etwa 2000 Aktivistinnen aus 80 Städten angehört haben.
Den zweiten Teil des vorliegenden Buches leitet eine von Kettys Zeit in Polen inspirierte Erzählung über einen armseligen kleinen Jungen ein, der beim Versuch, ein paar von Fuhrwerken heruntergefallene Kohlestückchen zu stehlen, buchstäblich unter die Räder kommt. In einem Artikel für die „Hamburger Volkszeitung“ von 1919 stellt sie den Leserinnen ihre politischen Ziele vor. Mehrere kurze Artikel für den „Pranger“ von 1920 und 1921 befassen sich zum einen mit den russischen Vorstellungen von Moral und Sinnlichkeit – Arbeit, Sittlichkeit und Tugend – und dem rabiaten Umgang der Russen mit Prostituierten, den sie eigenartig positiv zu bewerten scheint. Andererseits fordert sie ein Altersheim für „Kontrollmädchen“, das den Älteren, die keine Möglichkeit haben, weiter im Gewerbe ihr Auskommen zu sichern, eine würdige Versorgung bieten sollte. In dem „Vortrag Kampf gegen Unzucht und Heuchelei“ wird der heute noch oder wieder ausgetragene Konflikt deutlich zwischen den Interessen der Prostituierten und derer, die sich, wie gut gemeint auch immer, gegen Prostitution verwenden.
In dem ausführlichen Traktat „Los von Moskau“ (1924) wettert Ketty Guttmann gegen die Bolschewiken, die ihre Theorie der deutschen proletarischen Bewegung aufzudrängen suchten. Weder sei diese samt Lenins Neuer Ökonomischer Politik (NEP) für alle Länder brauchbar, noch habe sie zur Herrschaft des Proletariats in Russland geführt. Das Zentralkomitee der Partei halte alle Macht in Händen. Das revolutionäre Proletariat Deutschlands aber sei selbst in der Lage, die ihm gemäßen Aktionen zu planen und durchzuführen.
Der letzte und besonders eindrucksvolle Artikel ist der von der Deutschen Friedensgesellschaft 1952 herausgegebenen Broschüre „Frau und Frieden“ entnommen. Hier knüpft Guttmann an ihre früheren Friedensaktivitäten an, so an den 1947 an die Frauen gerichteten Aufruf, sich nicht weiter für die Kriege der Männer zu opfern und ihnen nicht den Rücken freizuhalten für ihr schäbiges Handwerk. Zwar beginnt sie den Artikel mit einer, aus heutiger Sicht essentialistischen Entwicklungs-Theorie der Kriege aus der geschlechtlichen Arbeitsteilung und als Ursprung des Privateigentums. Höchst aktuell ist aber ihre Analyse der Gewaltspirale, die mit der Rechtfertigung, verteidigungsfähig sein zu müssen, zu immer extremeren Waffensystemen geführt hat.
Trotz ihres leidenschaftlichen Engagements und ihrer weitreichenden Bekanntheit wurde Ketty Guttmann in der Arbeitergeschichtsschreibung weitgehend verschwiegen. Es ist der Verdienst der beiden Herausgeber Raimund Dehmlow und Thomas Iffert, sie dem Vergessen entrissen zu haben.