Franz Heuholz mit Beiträgen von Genoss*innen: Lieber leben wir als Außerirdische. Basisorganisierung zwischen Aktivismus, Widerständigkeit und Militanz am Beispiel eines Syndikats der FAU. Syndikat A, Moers 2025, 356 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-949036-17-0
Bevor ich auch nur ein Wort über dieses Buch verliere, das Wichtigste vorab: Es ist die letzte Publikation des Syndikat A in Moers, im Frühjahr 2026 ist der Verlag nach Aachen umgezogen. Deswegen ist es unumgänglich, das lange Engagement des Syndikats A, der Barrikade in Moers und natürlich aller dort beteiligten Personen zu würdigen. Tausend und mehr Dank!
Zum Thema:
Vor geraumer Zeit tobte in der Linken eine Debatte um eine „neue Klassenpolitik“: es ging darum, das Thema „Klasse“ in der Linken wieder diskutierbar zu machen unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen – einerseits der Vielfachkrise und andererseits den Diskussionen um eine „Identitätspolitik“. Auslöser waren die Feuilleton-Debatten um Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“, in denen dieses Buch so gelesen wurde, dass erstens die arbeitenden Klassen schuld am allgemeinen Rechtsruck seien und zweitens der Zustand linker Politik wiederum schuld an dieser Entwicklung. Diese Diskussion lief länger, als sie wahrgenommen wurde: „Klasse“ fand zurück in linke Diskussionen zuerst durch die Agenda 2010-Politik der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder und durch die Weltwirtschaftskrise ab 2007. Sie ging dann in den späten 2010ern über in eine Organisationsdebatte, aus der u.a. die „revolutionäre Stadtteilpolitik“ hervorging.
Diese Organisationsdebatte wurde global geführt. Vincent Bevins hat das in seinem Buch „If we burn“ analysiert und kommt zu dem Schluss, dass die meisten der großen sozialen Bewegungen (Arabellion, Occupy usw.) von ihren Teilnehmer*innen nachträglich als zu „spontan“ und deswegen relativ erfolglos interpretiert wurden. Die Konsequenz war eine Orientierung an leninistischen Organisationsmodellen, die aktuell auch in Deutschland deutlich spürbar wird (siehe etwa die Diskussion um das „Rheinmetall Entwaffnen!“-Camp in GWR 503).
Eine organisierte Stimme war in dieser Debatte erstaunlich ruhig: die der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter*innen-Union (FAU). Das verwundert zum Ersten, weil „Klasse“ das ureigenste Thema der FAU ist; zum Zweiten ist es in der aktuellen Phase der Organisations-Debatte bedauerlich, hat doch der Anarchosyndikalismus organisationstheoretisch eine plausible Alternative zum Leninismus parat. Zum Dritten ist es aber vielleicht kein Wunder, denn das, was sowohl in der „Neuen Klassenpolitik“ wie auch in der daran anschließenden Organisationsdebatte diskutiert wurde, ist aus anarchosyndikalistischer Sicht ein alter Hut.
Nun hat Franz Heuholz im Syndikat A aus FAU-Sicht ordentlich nachgelegt. Er holt die Debatte aus den Höhen der Theorie herunter in die betriebliche Praxis und weist damit auf eine maßgebliche Lücke in der „Neuen Klassenpolitik“ hin: Es wurde nie über den betrieblichen Alltag geredet, und wo doch mal (wie vom Autor dieser Rezension), wurde nur darüber geredet, aber nicht gehandelt.
Heuholz nimmt die Funktionsweisen der FAU – am Beispiel seines eigenen Syndikats – dabei so weit auseinander, dass er zeigt, dass selbst in der FAU oft das Verständnis für den betrieblichen Alltag fehlt. Dies zeige sich in einer Spaltung zwischen „Aktivist*innen“ – das sind die namengebenden „Außerirdischen“, gemeint sind „Politaktivist*innen“ – und einer betrieblichen Basis. Kurz: Das Problem der Differenz zwischen einer Funktionärsebene und einer betrieblichen Basis stellt sich auch in einer Basisgewerkschaft. Vor den Fallstricken eines impliziten Leninismus ist nicht mal das syndikalistische Modell gefeit.
Was das Buch dabei vor allem inhaltlich so gewinnbringend macht, ist ein weitgehend undogmatischer Umgang mit allem, was der Debatte nutzt: Da stehen anarchosyndikalistische Theorien von Klassikern wie Rudolf Rocker und aktuelle Ansätze, wie die Beiträge Holger Marcks‘, neben Diskussionen aus dem DGB von Oskar Negt bis Peter Renneberg und Slave Cubela. Die Hauptinspiration sind aktuelle US-amerikanische Debatten aus den Reihen der Industrial Workers of the World (IWW).
Ausgehend von einer eigenen Erfahrung bei einer Betriebsintervention als betrieblicher Organizer (in der US-amerikanischen Debatte als „Salting“ bezeichnet) problematisiert Heuholz diesen Aktivismus – der Politaktivist geht von außen in die Betriebe – und beschreibt Konsequenzen sowohl für originär anarchosyndikalistische Ideen wie die Direkte Aktion und die innergewerkschaftliche Demokratie, wie auch für das Organizing allgemein, also sowohl für revolutionäre Stadtteilgruppen wie auch die Gewerkschaften des DGB. Heuholz korrigiert die Machtressourcentheorie aus dem Jenaer Soziolog*innen-Stall maßgeblich, wenn er frühere Analysen auch von FAU-Kampagnen, die die „diskursive Macht“ unterstreichen, dahingehend analysiert, dass es eben gerade Idee einer direkt-aktionistischen Basisgewerkschaft sein müsste, mit den primären proletarischen Machtquellen – struktureller und Organisationsmacht – arbeiten zu können. Er verbindet seine Kritik mit einer Klassenanalyse, indem er die Politaktivist*innen in der von den Ehrenreichs in den 1970ern diagnostizierten Professional-Managerial Class (PMC) verortet: Die Aktivist*innen kommen nicht nur oft ihrer Herkunft nach aus einer akademisch geprägten Mittelschicht, in ihrem Aktivismus lernen sie auch die Kompetenzen, um sich in erster Linie genau in diesem Modell zu behaupten, „in Linkspartei, NGO- und Organizing-Jobs, im akademischen Elfenbeinturm, der sozialarbeiterischen Passion“.
Heuholz’ Analyse ist plausibel, allerdings würde ich zu bedenken geben, dass sie vielleicht einen Haken hat: Frei nach Pierre Bourdieu ist nämlich die Entscheidung, wer als Basis und wer als Aktivist*in gilt, vielleicht letzten Endes eine Entscheidung im Kopf eines… nun ja, Aktivisten halt (bei Bourdieu „des Wissenschaftlers“). Hier geraten gewerkschaftliche Strategie und Selbstbestimmungs-Bedürfnis in Widerstreit, denn es sind nicht immer die in der „PMC“ Sozialisierten, die zu Aktivist*innen werden – auch die betriebliche Basis kehrt vielleicht dem Betrieb den Rücken, weil sie keinen Bock auf diese Lohnarbeit hat. Sie wird dann vielleicht Hochschullehrer*in, Rockmusiker*in, Rapper*in, gründet einen anarchistischen Verlag oder wird Koordinationsredakteur*in einer anarchistischen Zeitung.
Ohne auch nur ein Argument aus Heuholz‘ Buch geringzuschätzen, sei skeptisch angemerkt: Die von Heuholz als „Außerirdische“ Bezeichneten entpuppen sich als Menschen vom selben Planeten, möglicherweise waren sie nur so lange mit ihrem Raumschiff unterwegs, dass sie das selber nicht mehr wissen.
Folglich treffen Heuholz‘ Analysen, Kritik und alternative Strategie- und Handlungsvorschläge auch dann noch, wenn dies so zutrifft. Nicht nur deswegen liegt mit seinem Buch ein Meilenstein anarchosyndikalistischer Praxis-Auseinandersetzung (und eben nicht reiner Schreibtischtheorie) vor!