Die Rote Hilfe wird in linken Kreisen oft als bloße Rechtsschutzversicherung verkannt. Dabei ist sie eine politische Organisation mit einer über hundertjährigen Geschichte. Diese Geschichte hat Silke Makowski recherchiert und in ihrem Buch „Geschichte der Roten Hilfe“ zusammengefasst. Sie skizziert die Ursprünge der Antirepressionsgruppierung in der KPD, ihr Verbot, die Zerschlagung in Nazideutschland und den Neuaufbau zu einer der größten linken Strukturen des Landes. Dabei verschweigt sie nicht die vielen Strömungskämpfe, welche die Rote Hilfe überstanden hat und die sie heute mit einem strömungsübergreifenden Selbstverständnis ausstatten.
Strömungsübergreifender Charakter
Der Name der Roten Hilfe ist auf ihren kommunistischen Ursprung zurückzuführen. Die Unterstützung trifft allerdings keinesfalls nur Kommunist*innen und ist erst recht nicht von Parteibüchern abhängig. In der Lektüre wird neben Clara Zetkins wichtigem Einsatz auch die Unterstützung für den Anarchisten Erich Mühsam erwähnt.
Auch aktuelle bürgerliche wie linke Vertreter*innen werden nicht ausgespart: Seien es Jusos, Mitglieder der Grünen Jugend oder der Linkspartei, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der Roten Hilfe durch die Presse gejagt wurden. Dass die Rote Hilfe neben den vielen kommunistischen und anarchistischen Strömungen auch den Spagat von linker bis linksradikaler Politik in sich vereint, ist alles andere als selbstverständlich. Auch in den vergangenen Jahrzehnten sorgten unterschiedliche Analysen immer wieder für Konflikte. Doch gerade hier liegt eine der großen Stärken der Organisation. Während sich Splittergruppen häufig in sich selbst verlieren, verlangen die Größe und Erfahrung der Roten Hilfe einen anderen Umgang. So haben die Entscheidungen, die sie in der Vergangenheit getroffen hat und in Zukunft treffen wird, immer auch einen Einfluss auf die gesamte linke Bewegung. Umso wichtiger ist die historische Auseinandersetzung, die das Buch bietet. So lässt sich aus den vergangenen Fehlern lernen; zugleich erinnert der Rückblick daran, dass auch andere, trotz augenscheinlich unlösbaren Problemen, einen Weg gefunden haben, um weiterzumachen. Den Roten Helfer*innen wird dabei vermutlich immer die Sicherheit der eigenen Genoss*innen vor Augen gestanden haben. Die Prioritäten zu kennen, kann helfen, beim Wesentlichen zu bleiben.
Zwischen juristischer Expertise und ungebrochener Solidaritätsarbeit
Staatliche Repressionen in Deutschland sind vor allem rechtlicher Natur. Der Verein wird deshalb in der linken Bewegung verständlicherweise primär als juristische Unterstützung wahrgenommen. Silke Makowski zeigt in ihrer Zusammenfassung aber deutlich auf, dass es weder aktuell noch historisch nur um die Vermittlung von Anwält*innen ging. Antirepression reicht bis in die Gefängnisse hinein. Sie unterstützt die Familien und bietet politischen Halt. Die Autorin weist dazu auch immer wieder auf die politische Arbeit der Frauen hin, die in der Roten Hilfe schon vor hundert Jahren wesentliche Säulen der Antirepressionsarbeit waren.
Linke Kämpfe sind international. So geht es wie selbstverständlich auch um den gefangenen US-Aktivisten Mumia Abu-Jamal, den kurdischen Unabhängigkeitskampf, die Repressionen gegen palästinasolidarische Aktivist*innen oder den Budapest-Komplex. Die Themen sind vielfältig und umfassen Antifaschismus, Kriegsdienstverweigerung, die Unterstützung Geflüchteter und politischer Gefangener, Antikapitalismus, Anti-AKW-Proteste, Klimaaktivismus und vieles mehr. Ein linker Aktivismus, der nicht unter den Aufgabenbereich der Roten Hilfe fällt, ist schwer denkbar. Und so wird die Veröffentlichung vermutlich viele ihrer Leser*innen zum Eintritt in den Verein bewegen.
Ein Blick in die Zukunft
Silke Makowski ist mit ihrer Veröffentlichung in der Basiswissen-Reihe des PapyRossa-Verlags ein informativer Überblick gelungen, der sich bereits auf einer längeren Zugfahrt gut durchlesen lässt. Trotz der Kürze trifft sie die wesentlichen Punkte und schließt damit viele Bildungslücken.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Roten Hilfe kann auf die Zukunft vorbereiten. Verbote hat sie bereits mehrfach überstehen müssen und ihre Arbeit in den Untergrund verlagert. Die aktuelle Debatte um das „Debanking“ (die Kündigung von Bankkonten) der Organisation und die gewaltige Normalisierung der extremen Rechten könnten ein solches Verbot erneut wahrscheinlicher machen (vgl. Artikel in GWR 506). Das Buch erschien genau zur rechten Zeit und könnte trotz des 100jährigen Rückblicks aktueller nicht sein.