Rolf Raasch: Texte zum Neoanarchismus und andere Schriften. Edition AV Verlag, Bodenburg 2026, 166 Seiten, mit einigen s/w-Abb., 16 Euro, ISBN 978-3-86841-341-0
Wie habe ich mir das gewünscht, dass endlich, im Alter angekommen, jemand beginnt „unsere“ Geschichten zu dokumentieren. Der Nachkriegsanarchismus in Deutschland hatte durch den elementaren historischen Einschnitt der zwölf Jahre Nazi-Diktatur seine Kontinuität verloren. Die damaligen „Alt-Anarchist*innen“ aus der Vorkriegszeit und die „Neoan-archist*innen“, die Teil der antiautoritären (Student*innen-)Bewegung waren, konnten unterschiedlicher kaum sein. Während die einen den Mythos der revolutionären Arbeiter*innen-Bewegung aufrecht hielten, waren die anderen durch das „Wirtschaftswunder“ zu individualistischen Konsumverweiger*innen geworden. Sonntagsstaat gegen selbstgebatikte T-Shirts und abgeranzte Jeans, so ziemlich in allem so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber das Eine bedingt das Andere und Beide gehören zum Tag mit 24 Stunden.
Bildet Banden!
Die meisten Aktivist*innen, die jetzt das Rentenalter erreicht haben, stammen aus den 1950er Jahren. Die Studierendenbewegung, mit ihrer Orientierungslosigkeit nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und der Menge an kommunistischen Splittergruppen, separierte auch die anarchistische Bewegung, die nun hungrig auf Theorie war. Eifrige Antiquare, wie Hansjörg Viesel, oder „Altanarchisten“, wie Fritz Scherer, Uwe Timm oder Willy Huppertz, waren bereit, ihre wohlgehüteten Schätze, die sie durch die Nazizeit gerettet hatten, uns Freaks zum Nachdruck zu überlassen. Tatsächlich hatten wir bis dahin von Michail Bakunin, Emma Goldmann, Erich Mühsam, Errico Malatesta und anderen „klassischen Anarchist*innen“ nur wenig Ahnung.
Das Wissen um die Geschichte von unten und die Publikationen der anarchistischen Bewegungen wurden in diesen verheerenden zwölf Hitler-Jahren unterbrochen und zum Teil vernichtet. Verlage wie der Karin Kramer Verlag aus West-Berlin, der Impuls Verlag aus Bremen, der Trotzdem Verlag aus Reutlingen, die Edition Nautilus aus Hamburg, der Verlag Die Freie Gesellschaft aus Frankfurt/M. und andere versorgten jetzt ein hungriges, antiautoritärres Publikum mit geistiger Nahrung. Auflagen von zwei bis fünftausend Exemplaren waren keine Seltenheit. Selbst wenn die „Objekte der Revolution“, der Arbeiter und die Arbeiterin, inzwischen eben nicht mehr so geschlossen dastanden, weil angepasste Gewerkschaften und angestellte Manager hier längst die Fronten aufgeweicht haben, der „Arbeiter-Anarchismus“ dadurch etwas abhanden gekommen ist, galt es, neue Arten von Kämpfen auszufechten.
In den 1970er Jahren war es wichtig, mit dem grundlegendem Wissen der Klassiker*innen und den neuen Herausforderungen, wie Ökologie, Alternativbewegung, Drogen und Rockmusik (aber auch Folk etc.), die Hippies und andere Utopist*innen, zu verbinden. Es war angesagt, Banden zu bilden, Gemeinschaften, Gruppen, die subversiv gegen das kapitalistische System ankämpfen könnten. Wir waren in unserer Zeit zahlreich und vielfältig. Aber unsere Geschichten müssen noch geschrieben werden.
Unsere Geschichte ist wichtig
Der Autor Rolf Raasch (Jahrgang 1953) fängt nun mit einer Textsammlung an, diese Jahrzehnte der Nach-68er darzustellen. Mit diversen Rezensionen, Nachrufen, Sachtexten etc., die eine individuelle Sichtweise beschreiben, aber auch das Memento seiner Zeit und jener Erfahrung. Vom West-Berliner „Anarchistischen Arbeiter Bund“ über die Begegung mit Alt-Anarchisten, zu den jüngeren Anarchist*innen, zu seiner Leidenschaft, den Reisen nach Mittel- und Südamerika und der Spurensuche zu B. Traven, Ricardo Flores Margon oder Mario Vargas Llosa. Immer auf den Spuren eines ungebrochenen Freiheitswillens, der über die Generationen hinweg seine Bedeutung nicht verloren hat.
Die Biographie von Rolf Raasch ist ein Teilaspekt für eine Szene, die vielfältig war und ist. Sein durchgehendes Engagement in der Westberliner Anarcho-Szene zeigt die enge Verknüpfung von Arbeit und sozialem Engagement. Seine hier zusammengestellten Texte liefern Schlaglichter auf ein vielfältiges für die Sache gelebtes Leben.
Meine Erinnerungen an Arbeits- und Wohnexperimente, und eine ausgesprochen kleinkriminelle Biographie kommen hier nicht so recht vor, aber warum auch.
Wir brauchen mehr Geschichten aus den 1970er und 80er Jahren, nicht etwa, weil die Zeiten so „toll“ waren, auf die wir Rentner*innen heute zurückblicken können, sondern weil sie so vielfältitig und bunt waren, wie es heute anscheinend nicht mehr zu sein scheint. In der H&M-Individualität unserer Jetztzeit passt es sehr gut, dass der Opa nicht mehr vom Krieg erzählt, sondern von Jux und Dollerei, von Abenteuer und mutigen Kämpfen, selbst wenn letztere mitunter verloren gingen. Die Diskussionen, die seit den 1990er Jahren toben, wo anarchistische Klassiker*innen verteufelt wurden, sollten wir hinter uns lassen. Immerhin haben die Klassiker*innen die Grundsteine für die anarchistische Theorie gelegt. Ihre Schriften sollten wir mit Toleranz und dem heutigen Wissen um den historischen Kontext lesen. Geschichten aus den Anfängen des Neoanarchismus können und sollen unsere Diskussionen beflügeln und uns zu neuen Zielen tragen.
Mögen die Texte zum Neoanarchismus von Rolf Raasch den Auftakt bilden zu einer ganzen Reihe von Texten und Erfahrungsberichten aus den letzten 50 Jahren.