Brigitte Rath: Frei denken, frei leben. Olga Misař. Aktivistin. Pazifistin. Feministin, Mandelbaum Verlag, Wien 2025, 422 Seiten, 29 Euro, ISBN 978399136-095-7
„Im Folgenden steht eine widerspenstige und widerständige österreichische Akteurin im Mittelpunkt, die sich in unterschiedlichen emanzipatorischen, reformatorischen und gewaltfreien Bewegungen engagierte“, so schreibt die Historikerin Brigitte Rath in der Einleitung zu ihrer biographischen Arbeit über Olga Misař, die im Winter 2025 im Mandelbaum Verlag erschienen ist. Es ist ein großer Verdienst der Autorin, eine der bedeutendsten österreichischen Aktivistinnen in der Frauen- und Friedensbewegung, sowie der anarchistischen Bewegung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein umtriebiges Leben führte, in Erinnerung zu rufen.
Leider geschieht dies immer noch zu selten, obwohl mehr dieser Geschichte(n) erzählt werden müssten.
Warum? Rath zeigt anhand der Biographie sowohl eine individuelle als auch eine kollektive Geschichte, indem sie den konkreten Auseinandersetzungen und Debatten, in die Olga Misař involviert war, nachspürt und diese nachvollziehbar macht: wie jene über das Einküchenhaus, das freie Wahlrecht, den Mutterschutz, den Schwangerschaftsabbruch oder freie Liebe. Sichtbar gemacht werden auch die Strukturen und Aktivitäten der verschiedenen Frauenvereine, in denen Misař aktiv war. Zu erwähnen sind die „Women’s International League for Peace and Freedom“ (WILPF), die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (IFFF), sowie der österreichische „Bund für Mutterschutz“. Misař war Funktionsträgerin der erwähnten Vereine, sie publizierte, hielt Vorträge und war eine beliebte Rednerin auf Demonstrationen und bei Diskussionsveranstaltungen. Historische Forschungen über politische Zusammenhänge konzentrieren sich gern auf die männlichen Köpfe der ersten Reihe, andere – vor allem Frauen – werden oft übersehen.
„Ohne organisatorische Beiträge von Frauen, die in der zweiten Reihe standen und sich nicht schriftlich äußerten, wäre wohl die Arbeit dieser Organisationen, wie so vieler anderer zivilgesellschaftlicher Zusammenschlüsse, nicht vorstellbar.“
Sichtbarkeit bedeutet in der historischen Forschung meist, schriftliche Spuren zu hinterlassen. Dies führt zu einer größeren „Sichtbarkeit von AktivistInnen mit bürgerlichen Hintergrund“. Das gilt auch für Misař. Sie kam aus einer bürgerlich jüdischen Familie, war gebildet und im Alter von 32 Jahren schloss sie sich 1908 der radikalen Frauenbewegung an. Zu diesem Zeitpunkt war sie verheiratet und hatte achtjährige Zwillingstöchter. 1919 veröffentlichte sie die sexualethische Schrift „Neuen Liebesidealen entgegen“, in der sie sich für das Recht auf Zivilehe und für Beziehungsformen außerhalb der Ehe aussprach. Zu dieser Zeit führte sie selbst eine außereheliche Liebesbeziehung, die sie später selbst wieder beendete. Ihre Broschüre erregte Aufsehen, sie wurde in verschiedensten Kreisen rezipiert und diskutiert, so auch in der anarchistischen Zeitschrift „Erkenntnis und Befreiung“, die der Anarchist Pierre Ramus herausgab. Beide verband in den 1920er Jahren ein wertschätzendes und kollegiales Verhältnis. 1923 wurde Olga Misař die zentrale Figur innerhalb des „Bundes der Kriegsdienstgegner“, der Mitglied der „War Restisters’ International“ (WRI) war und eine große Nähe zu Ramus und dem „Bund herrschaftsloser Sozialisten“ hatte. Beide Vereinigungen engagierten sich gegen die Wiedereinführung eines Heeres in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg und in Folge gegen die Militarisierung der Politik, propagierten antimilitaristische Ideen und unterstützten Kriegsdienstverweigerer. Trotz punktueller Bündnisse mit bürgerlichen und sozialdemokratischen Kreisen blieben diese Versuche marginalisiert.
Die 1920er Jahren waren geprägt von einer Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung, einer Zunahme der politischen Gewalt, der Präsenz verschiedenster paramilitärischer Verbände und vor allem dem Erstarken der faschistischen Kräfte. Dank der umfassenden und akribischen Recherche von Rath können die biographischen Aus- und Abschnitte von Misařs Leben im Kontext der sozialen sowie politischen Entwicklungen, der Ereignisse und Stimmungen der damaligen Zeit gelesen werden. So gab es bereits 1923 bei der Antikriegsdemonstration massive Störaktionen von „Hakenkreuzlern“. Ein anderes Beispiel: Fünf Jahre später, nach der 2. internationalen Konferenz der WRI, die in Österreich stattfand und die Olga Misař maßgeblich mitorganisierte, kam es bei einem Vortrag von Gandhis Mitarbeiter Rajendra Prasad zu einem gewaltsamen Übergriff von einer „Gruppe organisierter Reaktionärer“. Nach kurzem Widerstand etablierte sich 1933/34 in Österreich eine austrofaschistische Diktatur, zwei Jahre später, 1936, wurde der Bund der Kriegsdienstgegner behördlich aufgelöst.
Im April 1939 floh das Ehepaar Misař nach England. Auch im Exil blieb sie, trotz der sozial und ökonomisch prekären Situation, in der Antikriegsbewegung aktiv. 1950 verstarb sie mit 74 Jahren an einem Herzversagen. Brigitte Raths wichtige Biographie über Olga Misař möge die Erinnerung an diese außergewöhnliche Aktivistin wachrufen.