Trauma und Privilegien-Scham in Gaza

Eine Kindertherapeutin engagiert sich im Kriegsgebiet

| Peter Oehler

Katrin Glatz Brubakk: Tagebuch aus Gaza, Westend Verlag, Neu-Isenburg 2025, 220 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-987-91313-6.

Das Nasser-Krankenhaus liegt in Khan Younis, im südlichen Teil des Gazastreifens, und ist eines seiner größten Hospitäler. Dort hat Katrin Glatz Brubakk als Kinder- und Traumatherapeutin für die NGO Ärzte ohne Grenzen im Sommer 2024 einen Monat lang gearbeitet. Untergebracht war sie mit weiteren HelferInnen im fünf Kilometer entfernt liegenden Ort Al-Mawasi in einem ehemaligen Chalet (Strandhaus). Während ihres Aufenthalts hat sie ein Tagebuch geschrieben, das sie veröffentlicht hat. Da Israel westlichen JournalistInnen den Zugang zu Gaza verwehrt, kommt es öfters vor, dass Freiwillige, die dort helfen, interviewt werden. Z. B. auch der deutsche Chirurg Jan Wynands, der ebenfalls für Ärzte ohne Grenzen im Nasser-Krankenhaus gearbeitet hat (1). Neben Fragen zur humanitären Lage im Gazastreifen, geht es dabei meistens auch um eine Einschätzung der politischen Lage zwischen Israel und den Palästinenser*innen. Im Gegensatz dazu äußert sich Glatz Brubakk in ihrem „Tagebuch aus Gaza“ nicht zur Problematik zwischen diesen beiden Ländern. Sie beschränkt sich auf ihre eigenen Eindrücke und beschreibt das Leid der dort lebenden Menschen. Dadurch werden ihre Aussagen nicht angreifbar, sie wirken um so authentischer und eindrücklicher. Es ist ein „unpolitisches Buch“, das dadurch äußerst politisch wird!

Glatz Brubakk ist seit zehn Jahren in Krisengebieten aktiv, bei insgesamt 21 Einsätzen. Aber ihr Einsatz in Gaza war der erste in einem aktiven Kriegsgebiet. Das hat ihr vor dieser Reise sehr zu denken gegeben. Denn sie musste damit rechnen, dass sie diesen Einsatz nicht überlebt. Während ihres Aufenthalts in Gaza entschließt sie sich, ihre täglichen Notizen zu dem, was sie sieht und denkt, als Buch herauszugeben. Vorsorglich schickt sie sie an ihre eigene Mailadresse und schreibt einer Freundin: „Würdest du ein Buch daraus machen, falls ich nicht nach Hause komme?“ (S. 73)
Sie vergleicht ihren Einsatz in Gaza mit früheren Einsätzen: „Aber vieles erinnert mich sofort an die Bedingungen, die ich im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos gesehen habe. 13-mal habe ich dort unter teilweise schrecklichen Bedingungen gearbeitet. Zwar müssen wir in Moria keine Bomben fürchten, aber das Elend war ähnlich. Auch dort lebten die Menschen in selbst gebauten Zelten mit Planen oder Decken als Dach, und sie schliefen auf Pappkartons, weil es an Matratzen fehlte.“ (S. 31)

Erschreckend sind die vielen Erzählungen von Menschen mit Amputationen, mit denen Glatz Brubakk zu tun hatte. „Noch nie zuvor in der Geschichte, an keinem Ort der Welt, mussten so viele Kinder Amputationen über sich ergehen lassen.“ (S. 94) Sie will sich davon nicht unterkriegen lassen. Denn: „Als ich die Entscheidung traf, nach Gaza zu gehen, hatte ich mir versprochen, nach Hoffnung Ausschau zu halten.“ (S. 90) Es sind gerade die Momente, wo Kinder im Krankenhaus mal lachen. „Das innere Bild der aufgeregten Kindergesichter soll die Hoffnung in mir lebendig halten.“ (S. 90) Lachen, Fröhlichkeit und Spiel haben für die Kindertherapeutin eine besondere Wichtigkeit: „Genauso wie wir das Spiel in der Therapie einsetzen, bringt auch der Clown Freude – und die große Bedeutung des Lachens soll man niemals im Leben unterschätzen. Im Krieg ist es unbezahlbar.“ (S. 92)
Auch das Weinen hat seinen Platz. Glatz Brubakk überkommt es häufig. Sie bekommt aber auch mit, dass ihre lokalen KollegInnen das nicht tun. Im Gespräch erfährt sie, warum: „Wir tragen das Trauma in jeder Zelle, aber wir können jetzt nicht weinen. Der Schmerz ist zu groß.“ (S. 193)
Viele dieser Menschen, auch die lokalen, die im Krankenhaus arbeiten, leben unter den dürftigsten Bedingungen. Auch Glatz Brubakks Lebensbedingungen in Gaza sind äußerst einfach. Aber sie hat immerhin ein eigenes Bett. Deshalb verspürt sie des öfteren eine „Privilegien-Scham“ (S. 192). Gerade auch, weil sie nach einer bestimmten Zeit einfach wieder abreisen wird, was ihre meisten KollegInnen nicht können. Einen gewissen Fatalismus bemerkt sie unter der lokalen Bevölkerung. Auch der muslimische Ausspruch „Inshallah“ wird hier nicht, wie üblich, als „Wenn Allah will“ verstanden, sondern als „Wenn wir noch leben“. (S. 142)

Mit diesem Buch hat Glatz Brubakk einen wichtigen Beitrag geleistet. Es ist ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit, auch eine Anklage an uns alle, dass wir es nämlich zulassen, dass „das humanitäre Völkerrecht täglich gebrochen wird“. (S. 203) Einen starken Rückhalt hat sie mit diesem Buch aber auch in Gaza: „Wieder und wieder betonten meine KollegInnen, wie wichtig es für sie ist zu wissen, dass es Menschen auf der anderen Seite der Welt gibt, die sich für ihr Schicksal interessieren.“ (S. 201) Über 1.400 HelferInnen wurden „während des [Gaza-]Krieges – Stand Juni 2025 – getötet“ (S. 216).
Katrin Glatz Brubakk verdient für ihr Engagement unser aller Respekt!

(1) Can Merey, „Viele öffnen sich und reflektieren“ – Chirurg Jan Wynands über Eindrücke und Begegnungen beim Einsatz für Ärzte ohne Grenzen während der Waffenruhe in Gaza, ein Interview, FR, 12.11.2025