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Unsichtbar war gestern: Feministische Impulse in der Systemik

Ein fesselndes feministisches Fachbuch

| Katharina Köhnke

Tanja Kuhnert, Nikola Siller (Hg.): Systemik, die. Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis. Mit einem Vorwort von Renate Jegodtka, Vandenhoeck & Ruprecht, Wien/Köln 2025, 532 Seiten, 58 Euro, ISBN: 978-3-525-40830-8

 

„Welche Frauen benennst du, wenn du in der Weiterbildung über die systemische Historie erzählst?“ – gleich zu Beginn dieses Buches wird eine zentrale Frage gestellt. Eine Frage, die in der Systemik oft schnell mit großen und zurecht bekannten Namen wie Virginia Satir, Insoo Kim Berg oder Mara Selvini Palazzoli beantwortet ist. Doch „Systemik, die“ zeigt uns eindrucksvoll, wie viel mehr die Geschichte der systemischen Theorie und Praxis bereithält: zahlreiche Frauen, deren Wirken bisher zu oft im Schatten ihrer männlichen Kollegen stand. Systemik betrachtet Probleme, Phänomene oder Menschen nicht isoliert, sondern als Teil eines dynamischen Netzwerks aus Beziehungen, Wechselwirkungen und Kontexten. Das Buch von Tanja Kuhnert und Nikola Siller wirft einen frischen und längst überfälligen feministischen Blick auf die Systemik.
Auf fast 500 Seiten entfalten die insgesamt 33 Autor:innen eine Landkarte der systemischen Geschichte und Gegenwart und nehmen uns so mit auf eine spannende Reise vom Ursprung der Systemik bis in die heutige Praxis. Sie beleuchten, warum so viele weibliche Beiträge aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind – und machen sie endlich sichtbar. Sie benennen beispielhaft die Familientherapie, die lange Zeit als ausschließlich weibliches Arbeitsfeld galt und doch bis heute häufig männlichen „Erfindern“ zugesprochen wird. Sie bieten vielfältige Sichtweisen, lassen durch ihre Beiträge Ambivalenzen und Spannungsfelder entstehen und geben somit Raum für Entwicklung.
Im Laufe der Lektüre begegnen wir beeindruckenden Persönlichkeiten, deren Namen in der systemischen Szene viel mehr Beachtung verdient hätten – von Margarete Hecker über Brigitte Pfefferkorn und Satuila Stierlin bis zu Gisal Wnuk-Gette, Lynn Hoffman, Carmel Flaskas und vielen mehr. Es werden Forschungsansätze, Theorien und bahnbrechende Erkenntnisse vorgestellt, die inspirieren und Mut machen. Die ergänzende Liste „Say her name“ macht deutlich, wie umfangreich und vielfältig die Geschichte weiblicher Beiträge in der Systemik eigentlich ist.
Der große Mehrwert dieses Werkes? Es regt nicht nur zum Nach- und Weiterdenken an, sondern inspiriert dazu, bestehende Narrative der Systemik kritisch zu hinterfragen. Die Art der Beiträge ist mit theoretischen Abhandlungen, Interviews und persönlichen Berichten bewusst sehr vielfältig gehalten. Die Lesenden werden auf diese Weise eingeladen, selbst nachzudenken, zu hinterfragen und ihren Blick auf die Rolle von Frauen in der Systemik zu schärfen. Und ganz nebenbei werden sie auch empowert und ermutigt, selbst laut(er) über Machtstrukturen und die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen zu sprechen. Denn das Paradoxon, dass die Systemik vieles dekonstruiert, das Patriarchat jedoch oft unangetastet lässt, lädt zu kontroversen Diskussionen ein. Konsequent bricht das Buch sowohl im Titel als auch im Inhalt mit alten Begriffen der Systemtheorie und ersetzt sie durch die Systemik.
Was das Buch auszeichnet, ist sein selbstkritischer und intersektionaler Ansatz. Die Mitwirkenden reflektieren offen ihre eigenen Erfahrungen als weiblich gelesene Personen und nehmen binäre Denkmuster unter die Lupe. Dabei scheuen sie keine Komplexität, ermöglichen es den Lesenden aber durch zahlreiche Erklärungen und zusätzliche Download-Materialien, sich diese Komplexität zu erschließen.
Am Ende steht fest: Das Buch ist bei weitem keines, was man wie einen guten Roman im Urlaub am Stück verschlingt. Es ist ein bisweilen brutal ehrliches Fachbuch, welches die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Systemik schlägt und ihre transformative Kraft erlebbar macht. Eines, das das feministische Herz und den Kopf gleichermaßen anspricht und den Wunsch weckt, die Werke der vorgestellten Frauen selbst zu entdecken. „Systemik, die“ sollten all diejenigen lesen, die neugierig geblieben sind: Lehrende und Lernende aus der systemischen Theorie und Praxis, feministisch Interessierte, Pädagog:innen und alle drum herum. Es hält, was der Untertitel verspricht – es vermittelt feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis, die Lust machen auf Anwendung und Vertiefung. Ein fast schon revolutionäres Werk, was in jede gut ausgestattete Fachbibliothek, in systemische Weiterbildungsinstitute und Universitäten gehört.