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Praktische Solidarität

Solidaritätskonferenz in Montreuil zum „Budapest-Komplex“, juristische Sicht und künstlerische Interventionen

| Interview: Silke

Budapest Komplex

Am 7. März 2026 fand in Montreuil bei Paris eine internationale Solidaritätsveranstaltung statt, die sich dem „Budapest-Komplex“ widmete – der seit Jahrzehnten größten grenzübergreifenden staatlichen Verfolgungsjagd auf Antifaschist*innen. Eingeladen hatte das Comité Solidarité Budapest, das verschiedene Herangehensweisen zusammenbrachte und damit neue Perspektiven eröffnete.

Den im Budapest-Komplex Beschuldigten wird vorgeworfen, sich im Februar 2023 an körperlichen Auseinandersetzungen mit Nazis in der ungarischen Hauptstadt beteiligt zu haben. Die Vorfälle sollen sich am Rand der antifaschistischen Proteste gegen das Nazi-Großevent „Tag der Ehre“, den europaweit größten NS-verherrlichenden Aufmarsch, ereignet haben. Seither verfolgen vor allem der ungarische und der deutsche Staat eine große Zahl von Antifaschist*innen, denen in Ungarn bis zu 24 Jahre Haft unter menschenverachtenden Bedingungen drohen. Die non-binäre Person Maja aus Jena wurde von den deutschen Behörden offen rechtswidrig nach Budapest ausgeliefert (die GWR berichtete).
Parallel sitzen viele Beschuldigte in deutschen Gefängnissen und stehen vor Gericht, obwohl es keine Beweise gibt. Dabei konstruieren die Ermittler*innen eine „kriminelle Vereinigung“ und unterstellen ihnen sogar „versuchten Mord“.

Welches Strafmaß ihnen hierzulande droht, zeigt das Urteil gegen die Nürnbergerin Hanna, die im September 2025 zu fünf Jahren verurteilt wurde – obwohl der Prozess kaum Indizien erbrachte, dass sie in diesen Tagen auch nur in Budapest war.

Andere Staaten weigern sich, den Verfolgungsaufforderungen Ungarns nachzukommen: Sowohl italienische als auch französische Gerichte haben die Auslieferung von Beschuldigten abgelehnt und leiten auch keine eigenen Verfahren ein. In beiden Ländern haben sich Solidaritätsstrukturen zum Thema gebildet, um die betroffenen Antifaschist*innen zu unterstützen.

Gino, der in Italien aufgewachsen ist, und Zaid aus Nürnberg sind nach Paris geflüchtet, sehen sich aber dort aktuell neuen juristischen Verfahren gegenüber, weil die deutschen und ungarischen Behörden die Auslieferung fordern.

Andere Staaten weigern sich, den Verfolgungsaufforderungen Ungarns nachzukommen: Sowohl italienische als auch französische Gerichte haben die Auslieferung von Beschuldigten abgelehnt. In beiden Ländern haben sich Solidaritätsstrukturen gebildet, um die betroffenen Antifaschist*innen zu unterstützen.

Die Begleitung der Gerichtsverhandlungen von Zaid und Gino prägt die Arbeit des Pariser Comité Solidarité Budapest und befreundeter Unterstützungsgruppen. Zugleich können diese Fälle nicht isoliert betrachtet werden und dürfen auch nicht in einer kleinen linken Öffentlichkeit verbleiben, weshalb die Konferenz im Kulturzentrum „La Parole Errante“ am 7. März das Thema größer dachte. Ausführliche Diskussionen brachten die Perspektiven von Solidaritätsstrukturen aus verschiedenen Ländern zusammen, zeigten die Bedeutung künstlerischer Interventionen auf und boten juristischen Fachleuten die Möglichkeit, über die Lage zu informieren. Die Diskussion mit Zerocalcare, der die Graphic Novels „Unten im Loch“ und „Im Nest der Schlangen“ über den Budapest-Komplex geschaffen hat, zog ein großes Publikum an. Der Austausch an den zahlreichen Infoständen und ein abschließendes Konzert rundeten die Veranstaltung ab.
Im Nachgang war François vom Comité Solidarité Budapest zu einem Interview bereit.

GWR: Kannst du das Comité Solidarité Budapest und eure Arbeit kurz vorstellen?

François: Unser Komitee wurde im Dezember 2024 nach der Verhaftung von Gino gegründet. Ziel war es, politische Unterstützung für seinen Fall zu erreichen und sich gegen seine Auslieferung an Ungarn zu wehren. Im Januar 2025 stellten sich sieben weitere im Budapest-Komplex Beschuldigte in Deutschland der Polizei. Daraufhin haben wir unseren Fokus geändert und betrachten den gesamten Komplex aus einer größeren Perspektive. Nach dem ersten juristischen Sieg von Gino im April 2025, als das Pariser Gericht seine Auslieferung an Ungarn ablehnte, haben wir die Notwendigkeit erkannt, uns weltweit für die Bekämpfung von Repression und für Solidarität einzusetzen. Damit wollen wir umfassendere Themen wie die Kriminalisierung des Antifaschismus und die Techniken der staatlichen Repression angehen.

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Derzeit arbeiten wir zum neuen Prozess gegen Gino, dem die Auslieferung an Deutschland droht, und zum Prozess gegen Zaid, der gegen die Auslieferung an Ungarn kämpft. Wir unterstützen sie, indem wir Kundgebungen an den Verhandlungsterminen organisieren, für Medienberichterstattung sorgen, uns aber auch an einem wachsenden Netzwerk internationaler Solidarität beteiligen. In Deutschland und Italien wurden Solidaritätskollektive für die im Budapest-Komplex betroffenen Antifaschist*innen gegründet. Das half uns, Teil einer internationalen Solidaritätsbewegung zu werden, die Antifaschist*innen in ganz Europa unterstützt.

Ihr habt am 7. März in Montreuil eine Solidaritätskonferenz mit Kulturprogramm organisiert. Was waren die Themen der Diskussionsveranstaltungen?

Wir hatten drei Podiumsdiskussionen: eine über internationale Solidarität, eine über die Rolle der Kultur in der Politik und eine über juristische Mechanismen.
Am ersten Panel nahmen das Budapest Antifascist Solidarity Committee und die Rote Hilfe e. V. aus Deutschland, das Solidaritätskomitee Graz aus Österreich sowie das Comitato Antirepressione Milano und die Assemblea Dax aus Italien teil. Alle sprachen über die jeweiligen Repressionsfälle, über die Möglichkeiten internationaler Solidarität, wie die Unterstützung von Gefangenen, und über gemeinsame politische Kämpfe.
Das zweite Podium mit dem Comic-Autor Zerocalcare und Mattia Tombolini bot Gelegenheit, über die Rolle der Kultur in politischen Kämpfen zu diskutieren – sowohl im Hinblick auf die Sichtbarkeit als auch auf die Setzung von politischen Schwerpunkten.
Bei der letzten Diskussionsrunde sprachen Laurent Pasquet-Marinacce und Matteo Zamboni, die Anwälte von Ilaria, Gino und Zaid, sowie die Verfassungsrechtlerin Eugenie Mérieau und eine Vertreterin der Datenschutzorganisation La Quadrature du Net. Ihre Beiträge befassten sich mit Repressionstechnologien, aber auch mit juristischer und administrativer Repression.

Eines eurer Ziele war es, viele Menschen und auch die Medien zu informieren. War das erfolgreich?

In Frankreich war die Berichterstattung zum Budapest-Komplex in den Medien einfacher und positiver als in anderen Ländern. Wir hatten nicht mit derselben negativen Presse zu kämpfen wie in Deutschland.
Aus diesem Grund konnten wir mehrere Pressekonferenzen organisieren, immer Journalist*in-nen zu den Verhandlungsterminen und auch zu unserer Veranstaltung am vergangenen Wochenende einladen. Die Bewegung für die Freilassung von Maja, aber auch der Comic von Zerocalcare waren besonders erfolgreich darin, die Menschen über den Budapest-Komplex zu informieren.
Am 7. März besuchten Hunderte unsere Veranstaltung. Einige Journalist*innen waren ebenfalls anwesend, um über die Podien zu berichten und eine Dokumentation über den Budapest-Komplex zu drehen.

Aktuell laufen die Gerichtsverhandlungen in Paris weiter: Bei der letzten Anhörung am 15. April forderte das Berufungsgericht in Bezug auf Zaid von Ungarn nähere Angaben zu den Haftbedingungen, den Garantien für ein faires Verfahren und der Unabhängigkeit der Justiz und setzte eine Frist von zwei Wochen. Die nächste Anhörung ist am 13. Mai. Im Fall von Gino wurde die Prüfung des deutschen Haftbefehls auf den 17. Juni vertagt. Was sind die nächsten Schritte?

Die kommenden Gerichtstermine sind sehr wichtig, und wir mobilisieren dorthin, um Solidarität zu zeigen. Wir werden weiter kämpfen, bis alle Antifaschist*innen des Budapest-Komplexes frei sind. Wir wollen unsere internationalen Verbindungen stärken und uns aktiver für inhaftierte Antifas auf der ganzen Welt einsetzen.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

Wir freuen uns auch über Spenden auf unser Spendenkonto.