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Wie kam es zum Aufstand von Kronstadt 1921?

Russischer Anarchismus und die Revolution 1917, Teil 4

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Durch den libertär inspirierten Aufstand von Kronstadt 1921 wurde der Bolschewismus an der Macht praktisch, theoretisch und historisch entlegitimiert. (GWR-Red.)

Kronstadt ist eine Befestigung auf der Insel Kotlin zum Schutze Petrograds. 1921 hatte die Stadt ca. 50.000 EinwohnerInnen, von denen ein großer Teil in der Marine diente. Zusätzlich erfüllten auch die zivilen Produktionsstätten militärische Zwecke. Die Kronstadter Matrosen waren qualifizierte Arbeiter, die ihren Kontakt zum Land und zu ihren Familien nie verloren hatten. Durch Auslandsfahrten lernten sie westliche Ideen und Schriften kennen. Im Oktober 1905 erhoben sich die Kronstadter Matrosen zum ersten Mal.

Während des Krieges 1914-1917 agitierten linke Sozialrevolutionäre, Anarchokommunisten und Tolstojaner unter den Matrosen für Kriegsdienstverweigerung. In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1917 wurden als historisch blutigster Akt der Matrosen 200 höhere Offiziere erschossen. Im Juli 1917 demonstrierten die Kronstadter Matrosen erstmals für die Forderung: „Alle Macht den lokalen Sowjets“. Volkspropagandisten aus Kronstadt wurden ständig in alle Winkel des Landes auf Agitationsreisen geschickt, wodurch ein guter Überblick auf die Lage der Arbeitenden und Bauern/Bäuerinnen zustande kam. Nachdem der erste Kronstadter Sowjet kurze Zeit menschewistisch dominiert war, waren im zweiten neben den Bolschewiki hauptsächlich Anarchisten und Maximalisten vertreten. Die MaximalistInnen hatten sich 1904/05 von den SozialrevolutionärInnen abgespalten und organisierten sich föderalistisch, lehnten Partei und Staat ab und näherten sich libertären Positionen an.

In der Revolution von 1917 erkämpften die Kronstadter Matrosen alle wichtigen Siege der Bolschewiki: gegen den reaktionären Kornilow-Putsch im August 1917, beim Sturm auf das Winterpalais sowie beim Sturz des Parlaments (siehe auch GWR 423, S. 18f.). Trotz ihrer Instrumentalisierung durch die Bolschewiki verloren die Matrosen nicht ihre libertäre Unabhängigkeit, was die 1918 gegen die Bolschewiki durchgeführte Sozialisierung der Häuser und Wohnungen in Kronstadt aufzeigte. Bei der Reorganisierung der Flotte für die Rote Armee wurden die nach Meinung der Bolschewiki zu unabhängigen Matrosen in großen Teilen gegen andere Truppen ausgetauscht.

Streik in Leningrad und Aufstand in Kronstadt

Anfang 1921 spitzte sich die Versorgungssituation der Städte und die Ausbeutung der bäuerlichen Bevölkerung durch Zwangsrequirierungen zu und es kam zu Streiks in Petrograd. 60% der Fabriken Petrograds hatten keine Rohstoffe für die Produktion mehr und mussten geschlossen werden. Die EinwohnerInnenzahl der Stadt war von 1918 bis 1921 von 1,5 Mio. auf 400.000 geschrumpft. Angesichts des Zusammenbruchs der Versorgung blieb nur der offiziell verbotene Schwarzmarkt.

Teilweise wurde während der Streiks auch die Wiedereinführung der Konstituierenden Versammlung (Parlament) gefordert. Kronstadter Matrosen gingen nach Petrograd und agitierten für freie Sowjets.

Die Streiks weiteten sich aus. Am 25. Februar 1921 verhängte der Vorsitzende des neu eingerichteten Verteidigungsrates und KP-ZK-Mitglied Sinowjew den Ausnahmezustand über Petrograd, vergab an Streikende keine Lebensmittel mehr, ließ Massenverhaftungen durchführen und konnte die Streiks bis zum 28. Februar mit Waffengewalt brechen.

Daraufhin verfasste die Besatzung des vor Kronstadt liegenden Schiffes „Petropawlowsk“ eine Resolution, die in Kronstadt am 1. März 1921 vor 16.000 EinwohnerInnen verlesen und angenommen wurde – unter Protest der anwesenden hochrangigen Kommunisten Kuzmin (Politkommissar der Baltischen Flotte) und Kalinin (Präsident des allrussischen Exekutivrates der Sowjets). In der Resolution wurde u.a. erklärt, dass die gegenwärtigen Sowjets nicht mehr den Willen der Arbeitenden und Bauern/Bäuerinnen zum Ausdruck brächten und neue, geheime Wahlen zum Sowjet anzusetzen seien. Für die Arbeitenden, Bauern/Bäuerinnen, AnarchistInnen und linke SozialrevolutionärInnen müsse dabei Rede- und Pressefreiheit gewährt werden. Alle politischen Abteilungen, Kontrollabteilungen auf den städtischen Zufahrtswegen (wegen „Schwarzmarkt“ usw.) sowie die kommunistischen Kommissare in Armee und Betrieben sollten abgeschafft werden. Die Resolution verurteilte also die kommunistische Dominanz der Sowjets, die Zwangsbeschlagnahmungen unter Bauern/Bäuerinnen und die Militarisierung der Betriebe, in denen durch demobilisierte Militäreinheiten der Arbeitszwang eingeführt worden war – ein Konzept Trotzkis, dem sich Lenin angeschlossen hatte.

Am 2. März 1921 fand in Kronstadt eine Delegiertenversammlung statt, die zum größten Teil aus Parteilosen bestand und ein provisorisches Revolutionskomitee wählte, welches die Neuwahlen zum Sowjet vorbereiten sollte. Gerüchte um einen bewaffneten Gegenschlag der örtlichen KommunistInnen sprengten die Versammlung, waren jedoch grundlos, da von den rund 2.000 Kronstadter Kommunisten sich bereits die meisten der Aufstandsbewegung angeschlossen hatten. Kalinin wurde freigelassen, nur wenige Kommunisten wurden überhaupt verhaftet. Niemand wurde gefoltert oder getötet, während die Bolschewiki ihrerseits Geiseln in Petrograd nahmen.

Am 4. März 1921 trat die Delegiertenversammlung erneut zusammen, um das Revolutionskomitee zu erweitern und die Verteidigung der Festung vorzubereiten; am 8. und 11. März 1921, um freie Gewerkschaften zu initiieren. Die bolschewistischen Vorwürfe, der Aufstand würde von zaristischen Generälen geleitet, wurde durch die Veröffentlichung der Namen des Revolutionkomitees widerlegt – in der Roten Armee waren dagegen viele ehemalige zaristische Generäle durch Trotzki wieder in Dienst gestellt worden. Im Übrigen hielten sich die Kronstadter Matrosen nicht an den Rat des einzigen in Kronstadt als Berater tätigen ehemaligen Generals Koslowskij, der für eine militärische Offensive eintrat.

Der Angriff Trotzkis begründete unter Libertären seinen Ruf als Konterrevolutionär

Am 5. März 1921 traf Kriegskommissar Trotzki in Petrograd ein, übernahm das Kommando und stellte den Aufständischen das Ultimatum, sich zu ergeben. Dennoch hofften die Kronstadter auf einen Kompromiss mit den Bolschewiki, der ihre Forderungen jedoch berücksichtigen sollte. Kurz darauf schrieben Emma Goldman und Alexander Berkman, die zu dieser Zeit in Petrograd waren, an Sinowjew und appellierten an ihn, ein Blutbad zu vermeiden sowie eine unabhängige Verhandlungskommission zu bilden. Dass die Bolschewiki zu dieser Zeit noch verunsichert waren, zeigt ihr Angebot vom 6. März, eine Delegation von ParteikommunistInnen und Parteilosen nach Kronstadt zu schicken. Die Kronstadter forderten daraufhin, dass die Parteilosen dieser Delegation unter Anwesenheit einiger ihrer Matrosen in den Leningrader Betrieben frei gewählt werden sollten. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass sich die Bolschewiki auf Verhandlungen eingelassen hätten, selbst wenn die Matrosen diese revolutionäre Forderung nicht gestellt hätten.

Am 7. März 1921 eröffneten die Tscheka (Geheimdienst der Bolschewiki) und die Rote Armee unter Ex-Zaren-General Tuchatschewski das Feuer. Obwohl die Versorgungslage Kronstadts kritisch wurde und sich nur auf die kollektiv erwirtschafteten Gemüsegartenprodukte der Insel stützen konnte, nahmen die Kronstadter keine militärische Hilfe von ausländischen Konterrevolutionären an. Ein Solidaritätsfunkspruch des rechten Sozialrevolutionärs Tschernow erfuhr eine freundliche Ablehnung. Das liberale „Nationale Zentrum“ der russischen Exilgemeinde versuchte, verdeckt über das russische Rote Kreuz Kontakt zu den KronstadterInnen aufzunehmen. Die aber wollten lediglich Nahrungsmittel und Medizin vom Roten Kreuz annehmen – wozu es allerdings nicht mehr kam. Um die zaristische Vergangenheit des Rot-Kreuz-Abgesanten Vilken haben sie gewusst. Der von den Bolschewiki erhobene Vorwurf, dass die Matrosen „objektiv“ der Konterrevolution in die Hände arbeiteten, ist auch deshalb absurd, weil die Interventionsgruppen zu dieser Zeit alle geschlagen waren und die kapitalistischen Staaten zu keiner neuen Intervention mehr bereit waren (USA) oder bereits Handelsabkommen mit den Bolschewiki abgeschlossen hatten (GB).

Die militärische Niederschlagung des Aufstandes bereitete den Bolschewiki erhebliche Schwierigkeiten und zog sich bis zum 17. März 1921 hin. Lenin fürchtete die potentielle Gefahr des Kronstadter Aufstandes, weil dieser im Gegensatz zu den konterrevolutionären Angriffen der Weißen im Namen der Sowjets und der legitimen Versprechen der Oktoberrevolution geführt wurde. Die Brutalität des von Trotzki geleiteten Angriffs begründete in der anarchistischen Bewegung bis heute dessen Ruf als autoritärem Konterrevolutionär.

Massenverweigerungen in der Roten Armee und Lenins Zwang zur Parteieinheit

Nach den ersten Schüssen wurde denn auch von Seiten der KronstadterInnen die dritte Revolution offen gefordert. Die Moral der angreifenden Roten Armee war zersetzt. Der erste Angriff über das Eis am 8. März 1921 war von Massenverweigerungen und Überläufen gekennzeichnet, ganze Divisionen verweigerten schon vor den Angriffen den Dienst und mussten entwaffnet werden. Tschekatruppen, ukrainische, chinesische, tatarische Truppen wurden herangeschafft. Vom 8. bis 15. März 1921 – also quasi gleichzeitig – fand in Moskau der 10. Parteitag der KP statt. Am 8. März beschrieb Ouglaow, ein Politkommissar, die Truppenmoral der Roten Armee:

„Es ist unmöglich, die Armee einen zweiten Angriff auf die Bastion ausführen zu lassen. Ich habe bereits die Genossen Laschewitsch, Awrow und Trotzki von der Moral der Kadetten unterrichtet. Ich musste ihnen diese Tendenzen mitteilen: Sie, die Kadetten, wollen die Absicht der Kronstadter kennenlernen und beabsichtigen, Delegierte in die Stadt zu schicken. Die Anzahl der Politkommissare auf diesem Abschnitt ist vollkommen unzureichend!“ (1)

Am 10. März 1921 erstattete Trotzki Bericht an den Parteitag. Lenin verurteilte den Aufstand in Kronstadt, der weder bolschewistisch noch konterrevolutionär sein wolle, dies aber nicht sein könne. Geschickt nahm er den Aufstand zum Anlass, Parteieinheit durchzusetzen und die innerparteiische Opposition (sog. „Arbeiteropposition“ und demokratische ZentralistInnen, die sich für unabhängige Gewerkschaften einsetzten) zu unterdrücken. Er spielte diese gegen Kronstadt aus, indem er sie als Anarchosyndikalisten denunzierte und sie in die ideologische Nähe der Aufständischen rückte. Die AnführerInnen der Arbeiteropposition, A.G. Schljapnikow und Alexandra Kollontaj, distanzierten sich darauf vom Kronstadter Aufstand. Kollontai erklärte, dass die Arbeiteropposition unter den Ersten sein müsse, die sich freiwillig vom Parteitag als Politkommissare zur Hebung der Truppenmoral vor Kronstadt meldeten. Insgesamt meldeten sich unmittelbar 300 Delegierte der KP zum sofortigen Einsatz, ein Viertel des gesamten Parteitags.

Obwohl also Kollontaj als Volkskommissarin für soziale Fürsorge eine hervorragende Frauenpolitik machte, zeitweilig eine unabhängige Frauenorganisation und die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durchsetzte, unterstützte sie nicht nur im Frühjahr 1919 an der Bürgerkriegsfront in der Ukraine die Repressionspolitik ihres Ehemanns Dybenko, zu einer Zeit also, als die Rote Armee die freien Rayon-Kongresse der Machno-Bewegung unterdrückte, sondern rief 1921 auch noch zur Unterdrückung des Kronstadter Aufstands auf. Ihre spätere Akzeptanz des Stalinismus hat hier ihre Vorzeichen. (2)

Nach der Reorganisierung der Roten Armee wurde die Festung Kronstadt vom 16. bis 18. März 1921 unter blutigem Gemetzel gestürmt. 8.000 Kronstadter Matrosen gelang die Flucht nach Finnland. Kronstadt wurde die blutigste Episode des Bürgerkriegs: über 700 Tote, bis zu 10.000 Verwundete auf Seiten der Bolschewiki; 6.000 Tote, über 1.000 Verwundete und 2.500 Gefangene bei den KronstadterInnen – und das innerhalb von nur zehn Tagen. Die meisten Gefangenen wurden umgebracht oder verschleppt. Die Kronstadter verteidigten ihre revolutionären Inhalte in einem aussichtslosen Kampf mit Waffengewalt, um ein Fanal für die Welt zu setzen. Der von ihnen immer noch erhoffte Streik und Aufstand auf dem Festland blieb aus.

Die Diffamierungen Lenins und die NEP-Politik als Konsequenz

Kurze Zeit später wurde die Neue Ökonomische Politik (NEP) eingeführt, die lokale Märkte zuließ und die Zwangsbeschlagnahmungen von Getreide aufhob – Forderungen, die die Kronstadter bereits erhoben hatten und dafür als konterrevolutionär gebrandmarkt worden waren.

Welche willkürlich erfundenen Lügen Lenin noch nach der Niederschlagung des Aufstands im April 1921 in seiner die Neue Ökonomische Politik begründenden Schrift „Über die Naturalsteuer“ parat hat, ist verblüffend:

„Das Frühjahr 1921 brachte – hauptsächlich infolge der Missernte und des Viehsterbens (als wenn es nur Widrigkeiten der Natur gewesen wären, die zum Aufstand geführt hätten; d.A.) – eine extreme Verschärfung in der Lage der Bauernschaft, die infolge des Krieges und der Blockade ohnehin außerordentlich schwer war. Die Folge der Verschärfung waren politische Schwankungen, die, allgemein gesprochen, der innersten ‚Natur’ des Kleinproduzenten entsprechen. Der krasseste Ausdruck dieser Schwankungen war die Meuterei in Kronstadt. Am kennzeichnendsten an den Kronstadter Ereignissen sind gerade die Schwankungen des kleinbürgerlichen Elements. Etwas Festgeformtes, Klares, Bestimmtes gibt es kaum. Nebelhafte Losungen wie ‚Freiheit’, ‚freier Handel’, ‚Befreiung vom Joch’, ‚Sowjets ohne Bolschewiki’ oder Neuwahl der Sowjets oder Erlösung von der ‚Parteidiktatur’ usw. usf.“ (3)

Die liberale NEP hatte Lenin gerade selbst eingeführt, die sonstigen Forderungen waren alles andere als „nebelhaft“. Wir haben hier die Urform des orthodox-marxistischen Vorwurfs eines „schwankenden kleinbürgerlichen Elements“, mit dem MarxistInnen und LeninistInnen den Anarchismus in der weiteren Geschichte des 20. Jahrhunderts immer dann diffamierten, wenn er ihnen in die Quere kam oder anstelle der KP-Politik die Menschen begeisterte.

Tatsächlich gab es nach der Niederschlagung des Aufstands im Exil vereinzelt Kontakte und Bündnispläne vereinzelter Kronstadter mit Reaktionären, die alle scheiterten. So gab es z.B. im Sommer 1921 eine Koalition von Petrischenko (Ex-Vorsitzender des Revolutionskomitees), dem Liberalen Grimm und Exilgeneral Wrangel, einem Weißen. Paul Avrich sieht darin einen Versuch von Petrischenko, die Reaktionäre auszunutzen, um nach einer erhofften Niederschlagung der Bolschewiki der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich frei ihre Regierungsform zu wählen. Kontakte zu Konterrevolutionären bestanden also nur nach Niederschlagung des Aufstands. (4)

Der Aufstand selbst war jedoch weder bolschewistisch noch konterrevolutionär. Er war typisch für die russischen libertären Bewegungen. Als spontaner Massenaufstand begonnen, entwickelte er sich in eine libertäre Richtung, obwohl nur einige bewusste AnarchistInnen aktiv beteiligt waren, was im Nachhinein wiederum bedauert werden muss.

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(1): Ouglanow, zit. nach Mett, Ida: Die Kommune von Cronstadt, in: Agnoli/Brendel/Mett: Die revolutionären Aktionen der russischen Arbeiter und Bauern. Die Kommune von Kronstadt, Berlin 1981, 3. Aufl., S. 53.

(2): Raether, Gabriele: Kollontai, Hamburg/Hannover 1986, S. 50 und S. 108-113.

(3): Lenin, W.I.: Über die Naturalsteuer, in ders.: Ausgewählte Werke, Bd. III, Berlin (DDR) 1967, S. 696.

(4): Avrich, Paul: Kronstadt 1921, New York 1970, S. 127ff.

Der Artikel ist eine überarbeitete, leicht gekürzte Fassung aus Graswurzelrevolution Nr. 120, Oktober 1987, S. 24-26.

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