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Ja, ich will

„Wenn hier jemand Skrupel haben müsste, dann dieser blöde Staat.“

| Hanna Poddig

Pia Klemp: Schutzehen. Binationale Eheschließungen zwischen Bürokratie, Rassismus und Solidarität. Heiraten für den Aufenthaltstitel, Unrast, Münster 2025, 112 Seiten, 9,80 Euro,ISBN 978-3-89771-160-0

 

Die Serie, in der das kleine Buch erscheint, heißt „Linker Alltag“. Darüber freue ich mich, denn es wäre wirklich schön, wenn es alltäglich wäre, Menschen durch eine Hochzeit den Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Und genau darum geht es im neuen Buch von Pia Klemp.

Ein historischer Teil widmet sich Schutzehen in der Vergangenheit. Nicht immer war ihr Zweck ein Aufenthaltstitel, so ermöglichten Ehen in den 1930ern britischen schwulen Männern durch den Schein der Heterosexualität einer Strafverfolgung zu entgehen.
Heinz Rühmann hingegen kommt schlecht weg: Er ließ sich zugunsten seiner Karriere von seiner jüdischen Frau scheiden, die zum Glück durch eine Schutzehe mit einem Schweden emigrieren konnte. Auch Rosa Luxemburg taucht auf in diesem Teil des Buches. Ihren Namen würden wir heute vermutlich nicht kennen, wenn es ihr nicht durch eine Schutzehe gelungen wäre, ihren sicheren Aufenthalt in Deutschland, und damit die Möglichkeit politischer Arbeit, sicher zu stellen.

Bei genauerer Betrachtung ist vollkommen klar, dass in zahlreichen Ehen Liebe keine Rolle spielt. Es geht um finanzielle Sicherheiten und Vorteile, Erben und Namen, um Kinder und Immobilienkäufe. Die wenigsten dieser Ehen stehen unter dem Verdacht eine Scheinehe zu sein, im Gegenteil ist es weithin akzeptiert, aus pragmatischen Gründen zu heiraten. Der Aufenthaltstitel eines Partners oder einer Partnerin jedoch stellt die „Echtheit“ der Ehe sofort in Frage.
Pia Klemp verdeutlicht in ihrem Text, wie schockiert deutsch-deutsche Paare wären, würden sie sich monate- oder jahrelang erklären müssen, bevor sie die Ehe schließen dürften. Für binationale Paare ist das hingegen Alltag, ganz egal, wie „echt“ die Ehe ist.

Die Definition dessen, was als „eheliche Lebensgemeinschaft“ gilt, liegt in der Willkür der Standesämter und Ausländerbehörden. „Die Betroffenen können theoretisch gar nichts an sich Richtiges oder Falsches sagen, sondern sind vom Weltbild der Prüfenden abhängig“ schreibt Klemp. „In der Folge werden nun etwa Romantik, Langlebigkeit der Beziehung und Homogamie* plötzlich als Parameter aus dem Hut gezaubert. […] Das vermengt mit rassistischen, sexistischen, queerfeindlichen und klassistischen Vorurteilen ergibt einen kafkaesken Verwaltungsapparat.“
Der Generalverdacht gegen binationale Ehen wird immer wieder auch mit dem Vorgehen gegen Zwangsehen begründet. Dass die derzeit gängige Praxis das nun genau nicht leistet, legt Pia Klemp ebenfalls überzeugend dar. Im Gegenteil sei es gerade „die restriktive Einwanderungspolitik, die dazu führt, dass Migrierende in Zwangsehen landen“.

Einen weiteren Teil des Büchleins bilden schließlich zahlreiche konkrete FAQ zum Thema Schutzehe. Es geht um Support-Netzwerke, anwaltliche Hilfe und um mögliche Anhörungsfragen. Und wer nun zurecht anmerkt, dass es all diese Infos dringend auch auf Englisch, Französisch, Arabisch, Kurdisch, Spanisch und Farsi bräuchte, sei zum Schluss noch auf schutzehe.org verwiesen, wo sich all dies findet.