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Minneapolis – Wo radikale Nachbarschaftshilfe den Leviathan entmachtet

| Jochen Schmück

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Protestierende gegen ICE in Minneapolis, Minnesota, am 20. Januar 2026. Foto: Fibonacci Blue – CC BY 4.0 – Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/fibonacciblue/55053757804

In der Graswurzelrevolution Nr. 506 vom Februar 2026 hat Wolfgang Haug auf den Seiten 9 und 10 die Rolle der US-Einwanderungsbehörde ICE beim Weg der USA in die autokratische Gesellschaft skizziert. In dieser GWR beleuchten wir mit zwei Artikeln, wie sich die Stadtgesellschaften von Minneapolis und St. Paul erfolgreich mit gewaltfreiem Widerstand gegen den Staatsterror der ICE-Bundesbeamten des Trump-Regimes zur Wehr setzen. (GWR-Red.)

Am 7. Januar 2026 wurde Renée Nicole Good, eine dreifache Mutter, Autorin und Mitglied des Rapid Response Networks in Minneapolis (USA), von einem Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE in ihrem Auto erschossen. Ihr Mörder hatte in ihrem Wohnviertel mit anderen Bundesbeamten Jagd auf „illegale Migranten“ gemacht und Good hatte sich ihnen mit ihrem Wagen in den Weg gestellt. Zwei Wochen später, am 24. Januar, wurde Alex Pretti, Intensivkrankenpfleger und ebenfalls Mitglied des Rapid Response Networks, aus nächster Nähe von ICE-Agenten erschossen, als er einer zu Boden gestoßenen Frau zu Hilfe eilen wollte. Die Ermordung der beiden Aktivist:innen markiert den dramatischen Höhepunkt der „Operation Metro Surge“, die Minneapolis und die Nachbarstadt St. Paul in ein kriegsähnliches Besatzungsgebiet verwandelt hat.

Möglich wurde diese Eskalation der staatlichen Repression durch eine massive politische und finanzielle Aufrüstung der US-Einwanderungsbehörden. Am 4. Juli 2025 hatte Präsident Trump ein von ihm als „Big Beautiful Bill“ bezeichnetes Gesetz unterzeichnet, das beispiellose 170 Milliarden US-Dollar in Grenzschutz, ICE und den Aufbau von Haft- und Internierungsanstalten pumpte. Bereits am 20. Januar 2025, unmittelbar nach ihrem Amtsantritt, veranlasste die Trump-Regierung die Abschaffung zuvor geschützter Zonen (Protected Areas) wie Kirchen, Schulen und Krankenhäuser, was das gesamte Stadtgebiet der beiden Zwillingsstädte zu einem Einsatzraum für die Schergen des Trump-Regimes machte. Mit rund 3.000 Einsatzkräften überstieg die Präsenz von ICE und der ihr zugeordneten Einheiten des Grenzschutzes (Border Patrol) und des Ministeriums für Innere Sicherheit (Department of Homeland Security) die der regulären Polizei von Minneapolis und St. Paul um das Dreifache.
Während die bundesstaatlichen Einsatzkräfte mit Gewalt und Terror operierten, reagierte die nachbarschaftliche Gemeinschaft mit ausgesprochen intelligent organisierten gewaltfreien Widerstandsaktionen. Was sich in Minneapolis, St. Paul und andernorts in den USA formierte, war kein klassischer Protest, sondern die Entstehung einer hochgradig vernetzten und basisdemokratisch organisierten Selbstverteidigungsstruktur.

In den Twin Cities koordinieren Gruppen wie Defend 612 und ICE Watch den Widerstand gegen die ICE-Razzien, mit Fokus auf Nachbarschaftspatrouillen und Schulüberwachung. Laut dem Immigrant Defense Network wurden in 77 von 87 Countys in Minnesota fast 30.000 Personen als Beobachter:innen (Constitutional Observers) geschult. (1)
Diese beobachten und dokumentieren die Aktivitäten von Behörden wie ICE und achten auf Rechtsverletzungen. Weitere 6.000 registrierte Freiwillige leisten Unterstützung wie Lebensmitteltransporte, Fahr- oder Übersetzungsdienste. Zudem sind über hundert Non-Profit-Organisationen und Gewerkschaften in das Netzwerk des nachbarschaftlichen Widerstandes eingebunden.

Netzwerke vs. Hierarchien: Eine Bewegung mit vielen Anführer:innen

In Minneapolis prallen zwei grundsätzlich unterschiedliche Organisationsformen aufeinander: die Hierarchie der staatlichen Macht und der basisdemokratisch organisierte Widerstand der Nachbarschaften. Während die Einwanderungsbehörde ICE auf starre Befehlsketten setzt, agiert die lokale Gemeinschaft der Nachbarschaften als ein dezentrales und äußerst flexibles Geflecht der gegenseitigen Hilfe. Das dafür gegründete Rapid Response Network dient ihnen als Alarm- und Handlungsnetzwerk, das bei ICE-Razzien binnen Minuten mobilisiert werden kann. Seine Hauptfunktionen sind die frühzeitige Beobachtung, schnelle Informationsweitergabe, Koordination der Reaktionen vor Ort sowie die gegenseitige Unterstützung Betroffener. Seine horizontale Struktur und der Verzicht auf eine zentrale Führung machen den nachbarschaftlichen Widerstand für die ICE-Behörde schwer zu identifizieren und dadurch nahezu unzerstörbar.

Obschon die Aktivist:innen dieser nachbarschaftlichen Widerstandsbewegung ihren Widerstand mit erkennbar libertären Methoden organisieren, treffen sich in ihr unterschiedliche weltanschauliche Strömungen: Zum einen religiös geprägte Akteure aus dem Sanctuary Movement, die aus christlicher Nächstenliebe handeln, zum anderen liberale Demokrat:innen, die die ICE-Razzien als menschenrechtswidrig und verfassungsfeindlich ablehnen, sowie abolitionistische Gruppen, die unter dem Motto „Abolish ICE“ an radikale Traditionen des schwarzen Widerstands anknüpfen. Natürlich lassen sich in der Bewegung auch Anarchist:in-nen und andere Linke finden, aber sie sind einfach Teil der Bewegung, ohne besonders großen Einfluss. Wenn überhaupt, dann zeigt sich in der Widerstandsbewegung der Twin Cities ein extramuraler Anarchismus (2), unter dem der spanische Sozialpsychologe und Anarchismus-Theoretiker Tomás Ibáñez eine moderne Erscheinungsform des Anarchismus versteht, die außerhalb der institutionellen und ideologischen Grenzen des klassischen Anarchismus wirksam wird, insbesondere im alltäglichen Gebrauch anarchistischer Prinzipien und Methoden in zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen.
Die libertär-demokratischen Prinzipien dieses nachbarschaftlichen Widerstands beschreibt die anarchistische Autorin Margaret Killjoy wie folgt:

Dass das Trump-Regime sich genötigt sah, die „Operation Metro Surge“ offiziell für beendet zu erklären und den Abzug der bundesstaatlichen Einsatzkräfte aus den Twin Cities anzuordnen, macht deutlich, wie wirkungsvoll der libertär organisierte Widerstand der Nachbarschaften war und ist

„Diese Bewegung ist nicht führungslos, sondern sie hat viele Anführer:innen. Es reicht nicht aus, einige wenige bestimmte Leute zu verhaften, um sie zu stoppen. Da sie aus so vielen verbundenen Netzwerken besteht, würde es selbst dann nichts bringen, wenn es einem böswilligen Akteur gelänge, einen einzelnen Teil des Netzwerks zu stören (…). Da das Netzwerk demokratisch ist – wenn auch nicht im Sinne von Abstimmungen, sondern im Sinne der Leitung durch die Menschen, die Teil davon sind, und nicht durch eine Avantgarde von Anführer:innen – werden Ideen auch nur dann umgesetzt, wenn sie allgemein Anklang finden.“ (3)
Entscheidungen werden dort getroffen, wo sie benötigt werden: in Häuserblöcken, an Bushaltestellen oder in Hinterhöfen. Es sind die Betroffenen selbst, die Verwandten, Nachbar:innen, Freund:innen und Kolleg:innen, die den Widerstand organisieren. Dabei geht es nicht um symbolische Regelbrüche, sondern darum, eine rote Linie gegenüber dem Terror staatlicher Behörden zu ziehen und die verfassungsmäßigen Rechte gegen ihre zunehmende Aushöhlung zu verteidigen. Gerade seine horizontale Struktur macht den nachbarschaftlichen Widerstand schwer angreifbar. Es gibt keine Zentrale, die man zerschlagen könnte, und keine Führung, die man „enthaupten“ kann.

Die Organisierung des nachbarschaftlichen Widerstands

In den Jahren 2025 und 2026 hat sich in den Twin Cities mit dem Rapid Response Network ein äußerst robustes soziales Verteidigungssystem herausgebildet. Das operative Rückgrat der nachbarschaftlichen Selbstverteidigung basiert auf systematischer Gegenüberwachung (Counter-Surveillance). Freiwillige führen Fuß- und Fahrzeugpatrouillen durch, um ICE-Aktivitäten in Echtzeit zu erfassen und vor ihnen zu warnen.
Im Zentrum der Gegenüberwachung der ICE-Aktivitäten steht die „Whipple Watch“ am Whipple Federal Building in Fort Snelling, dem regionalen ICE-Hauptquartier. Da das Gelände nur über zwei Ausfahrten verfügt, werden sämtliche Fahrzeugbewegungen rund um die Uhr beobachtet. Die Kennzeichen der Fahrzeuge, die das Gelände verlassen, werden live mit einer Datenbank abgeglichen, die zwischen ICE-Fahrzeugen, Verdachtsfällen und verifizierten Nicht-ICE-Fahrzeugen unterscheidet. Verlässt ein ICE-Konvoi das Areal, wird seine Route über ein Relais-System sektorübergreifend durch das Stadtgebiet weiterverfolgt.
Ursprünglich nutzten die lokalen Widerstandsgruppen für ihre Kommunikation sowie zur Warnung vor ICE-Razzien offene Apps wie ICEBlock oder Notificia. Da jedoch diese Apps zunehmend als Sicherheitsrisiko galten, weil sie sensible Standortdaten preisgaben und staatlicher Überwachung ausgesetzt waren, benutzen die lokalen Widerstandsgruppen inzwischen für ihre Echtzeit-Kommunikation überwiegend die Messenger-App Signal, die aufgrund ihrer Verschlüsselung für staatliche Überwachung schwer zu durchdringen ist.

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Foto: Fibonacci Blue – CC BY 4.0 –
Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/fibonacciblue/55053680013

Das Stadtgebiet der Twin-Cities ist, insbesondere in den von den ICE-Razzien am härtesten betroffenen Stadtteilen, in kleine Sektoren gegliedert, sodass die Warnungen der ICE-Beobachter:innen all jene erreichen, die nah genug sind, um binnen weniger Minuten zu reagieren. Rotierende Schichten von Dispatchern verwalten die eintreffenden Signal-Anrufe und leiten Informationen zwischen verschiedenen Nachbarschaftszonen weiter, sodass Patrouillen die Verfolgung von ICE-Fahrzeugen an die angrenzenden Nachbarschaften „weitergeben” können. Sprachrelais übersetzen ICE-Alarme aus Dispatcher-Anrufen ins Spanische, um sicherzustellen, dass auch die spanischsprachigen Communities gewarnt werden. Durch täglich neu angelegte und wieder gelöschte Signal-Gruppen bleibt das Netzwerk beweglich und widerstandsfähig gegen Überwachung und Infiltration. So entsteht eine Form der „organisierten Unberechenbarkeit“, bei der viele Einzelne autonom handeln können, ohne auf Befehle einer zentralen Leitung angewiesen zu sein.
Wird von den Beobachter:innen auf der Straße ein ICE-Einsatz erkannt, so beschleunigen die schrillen Warnsignale von Hochfrequenzpfeifen die Mobilisierung der Nachbarschaft. Die Herstellung der Pfeifen geschieht zumeist im Do-it-yourself-Verfahren, indem Anwohner:innen ihren privaten 3D-Drucker benutzen, um dutzende dieser Alarm-Pfeifen kostengünstig herzustellen, die dann an die Beobachter:innen in der Nachbarschaft kostenlos verteilt werden.
Die Wirkung dieser gewaltfreien Taktiken, mit denen die Bevölkerung der beiden Zwillingsstädte auf die staatliche Gewalt reagiert, ist beachtlich. Kaum haben die ICE-Agenten ihre Einsatzfahrzeuge verlassen, sehen sie sich binnen weniger Minuten von herbeigeeilten Anwohner:innen umringt. Privatfahrzeuge bilden Blockaden, Wagen mit inhaftierten Nachbar:innen werden am Weiterfahren gehindert.

Soziale Deeskalation durch Öffentlichkeit

Der Widerstand der Nachbarschaften nutzt die soziologische Erkenntnis, dass Gewalt ihre Wirkung nur dort entfaltet, wo sie als legitim oder als unsichtbar gilt. Das laute Pfeifen, die wütenden Sprechchöre von Nachbar:innen, die in ihren Pyjamas und Crocs auf die Straße eilen, die demonstrative öffentliche Missbilligung der ICE-Aktivitäten wirken entwaffnend. Die ICE-Agenten wissen, dass sie mit ihren Razzien keine soziale Legitimität besitzen, weshalb sie ihre Einsätze häufig abbrechen, sobald sie erkennen, dass sie zahlenmäßig unterlegen sind. Gleichzeitig erzeugen sichtbare, zahlenmäßig überlegene Gemeinschaften eine Situation öffentlicher Kontrolle, in der Eskalation für die Akteure riskanter wird als der Rückzug. Hinzu kommt, dass der durch den Widerstand der Nachbarschaft erforderlich werdende erhöhte Personaleinsatz die staatlichen Operationen verlangsamt und ineffizient macht. Insgesamt provoziert der nachbarschaftliche Widerstand keine Gewalt, sondern sie wird durch soziale Deeskalation und gemeinschaftliche Präsenz effektiv reduziert. In Minneapolis haben sich besonders die „Lärm-Demos“ (Noise Demonstrations) zu einer wirksamen Taktik des zivilen Ungehorsams entwickelt. Sobald eine Unterkunft von ICE-Agenten erkannt wird, versammeln sich die Anwohner:innen zu einer Demo, um mit Drucklufthupen, Trommeln und Kochtöpfen den ICE-Agenten ihren Schlaf zu rauben und eine Atmosphäre der permanenten Beobachtung zu schaffen. Da diese Proteste oft direkt vor den Hotels stattfinden, in denen die Agenten einquartiert werden, sieht sich das Hotel-Management häufig genötigt, die Verträge mit den Bundesbehörden zu kündigen, um den Frieden und die Nachtruhe für andere Gäste zu wahren. Der psychologische Druck, der durch die Lärm-Demos auf die ICE-Agenten ausgeübt wird, wird häufig noch durch Lichtprojektionen an Hausfassaden verstärkt.

Der Widerstand gegen ICE und den Trump-Faschismus ist überall in den Twin Cities sichtbar. Geschäfte bringen an ihren Eingangstüren Schilder an, die ICE-Agenten den Zutritt untersagen. Vor Schulen beobachten Helfer:innen in Warnwesten vorbeifahrende Fahrzeuge, um den Eltern ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Ein Sexshop dient als Verteilstelle für Hilfsgüter, die Sportbar „A Bar of Their Own“ verteilt kostenlose Alarm-Pfeifen und Infomaterial des Rapid Response Networks, Restaurants wie das „Picnic Linden Hills“ oder die „Wrecktangle Pizzeria“ organisieren Mahlzeiten für bedürftige Familien.

Wirtschaftlicher Widerstand und Gegenökonomie

Neben der direkten Intervention zur Behinderung der ICE-Razzien setzt die Bevölkerung von Minneapolis und St. Paul auf konsequente ökonomische Verweigerung. Der Widerstand gegen den staatlichen Terror der ICE wird in den Twin Cities von einem breiten Bündnis lokaler Gewerkschaften getragen, die Beschäftigte aus zentralen Bereichen des städtischen Lebens vertreten, darunter Gebäudereiniger, Gas-tronomie- und Hotelangestellte, Lehrkräfte, Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr, in der Kommunikation, Studierende und Universitätsangestellte. Diese Gewerkschaften ermutigen ihre Mitglieder aktiv zur Teilnahme an Arbeitsniederlegungen, Demonstrationen und Solidaritätsaktionen, um den wirtschaftlichen Alltag der Stadt gezielt unter Druck zu setzen.

Am 23. Januar 2026 beteiligten sich zehntausende Demons-trant:innen am „ICE Out of MN“-Marsch, während über 700 Geschäfte in Minnesota aus Solidarität geschlossen blieben. Wo Angestellte in Restaurants und Geschäften von Einwanderern aus Angst vor Festnahmen zu Hause bleiben, springen Gäste und Nachbar:innen ein, um den Betrieb notdürftig aufrechtzuerhalten und sie als Schutzräume zu sichern. Parallel zu den Protesten auf der Straße entstand eine dezentrale Gegenökonomie, die unterhalb des staatlichen Radars operiert. So haben sich in Stadtteilen wie Little Africa in St. Paul oder dem Powderhorn Park in Minneapolis autonome Versorgungsringe gebildet. Restaurants, die offiziell „wegen Streik geschlossen“ haben, nutzen ihre Küchen nachts, um Tausende von Mahlzeiten für das Rapid Response Network vorzubereiten. Die Verteilung der Mahlzeiten erfolgt über dezentrale Lastenrad-Kollektive, die sich unbemerkt von den schwerfälligen ICE-Konvois durch die Seitengassen der Stadt bewegen. Lehrkräfte haben Schulkeller in Lebensmittellager umgewandelt und organisieren Begleitgruppen für den Schulbesuch der Kinder, damit ihre von den ICE-Razzien bedrohten Eltern ihre Wohnungen nicht verlassen müssen.
Seit der Abkehr von der Politik der „Protected Areas“ durch die Trump-Regierung am 20. Januar 2025 gelten Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und soziale Einrichtungen nicht mehr als sichere Zonen. Deshalb meiden Schutzbedürftige aus Angst vor Verhaftung inzwischen den öffentlichen Raum und leben faktisch im Lockdown. Wichtige gesellschaftliche Funktionen haben sich aus dem öffentlichen Raum in den Untergrund verlagert, wo sie von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen übernommen werden, die den Alltag der Betroffenen am Laufen halten. So bieten beispielsweise Ärzt:innen oder Friseur:innen ihre Behandlung in privaten Räumen an; und Fahrzeuge, die für die Flucht oder die Teilnahme am Widerstand (z. B. als ICE-Beobachter:in) wichtig sind, werden in privaten Garagen und auf Hinterhöfen repariert. Andere Freiwillige organisieren Fahrdienste, Tierarztbesuche sowie die allgemeine soziale Betreuung der von den ICE-Razzien bedrohten Bevölkerungsgruppen, die früher durch öffentliche Institutionen stattfand.

Der zivilgesellschaftliche Widerstand wächst landesweit

Der zivilgesellschaftliche Widerstand gegen den faschistischen Terror des Trump-Regimes, wie er sich eindrucksvoll in Minneapolis und St. Paul zeigt, lässt sich inzwischen landesweit in den USA beobachten. So haben sich in weiteren Großstädten wie Seattle, Portland, Chicago, Boston, New York City, San Bernardino, Los Angeles, Atlanta und Miami ebenfalls nachbarschaftliche Widerstandsgruppen gebildet, die mit denen von Minneapolis und St. Paul vergleichbar sind.
Der zivilgesellschaftliche Widerstand, wie er sich in der Bewegung der Rapid Response Networks in den USA zeigt, markiert den Übergang vom symbolischen Protest zur gelebten Antithese staatlicher Herrschaft. In ihrer Praxis der gegenseitigen Hilfe und der freiwilligen Assoziation spiegelt diese Bewegung die Kernprinzipien des klassischen Anarchismus wider, der zufolge sich soziale Ordnung nicht durch Zwang, sondern durch Solidarität definiert. Anstatt auf starre Befehlsketten zu setzen, operiert diese Bewegung als ein spontan sich entfaltendes horizontales Geflecht miteinander vernetzter Widerstandsgruppen, das wegen seiner Dezentralität und autonomen Entscheidungsprozesse für den Staatsapparat faktisch unfassbar bleibt.

Die Etablierung einer selbstorganisierten Gegenökonomie – von der Do-it-yourself-Produktion der Alarm-Pfeifen mittels 3D-Druckern bis hin zur medizinischen Versorgung im Untergrund – entzieht dem Staat die Kontrolle über die lebensnotwendige Infrastruktur. Freiheit erscheint in diesem widerständigen Ambiente nicht länger als ein bürgerlich-demokratisches Recht, das vom Staat garantiert oder entzogen werden kann, sondern als etwas, das durch direkte Aktion und kollektive Selbstverteidigung im Hier und Jetzt praktisch hergestellt und verteidigt wird.

Dass das Trump-Regime sich am 12. Februar 2026 genötigt sah, die „Operation Metro Surge“ offiziell für beendet zu erklären und den Abzug die bundesstaatlichen Einsatzkräfte aus den Twin Cities anzuordnen, macht deutlich, wie wirkungsvoll der libertär organisierte Widerstand der Nachbarschaften in Minneapolis und St. Paul war und ist. Und er beweist, dass Gemeinschaften fähig sind, ihr Leben jenseits der staatlichen Strukturen und in Opposition zu ihnen in eigener Regie zu organisieren. In dieser Bewegung zeigen sich die Umrisse eines gesellschaftlichen Entwurfes, in der die kollektive Sorge füreinander zur radikalen politischen Waffe gegen die autoritäre Formierung der Gesellschaft wird – oder wie es der Ruf der Anti-ICE-Aktivist:innen von Minneapolis auf den Punkt bringt: „Who keeps us safe? We keep us safe!“

(1) Vgl. Nearly 30,000 Minnesotans trained as constitutional observers, in: MPRnews: Stay Curious. Stay Connected, February 2nd, 2026, https://www.mprnews.org/story/2026/02/02/immigrant-defense-network-training-constitutional-observers.
(2) Vgl. Tomás Ibáñez: Das Wunder der Einheit in der Vielfalt. Ein kurzer Überblick über den Anarchismus vor, während und nach Venedig ’84, in: espero (N.F.), Nr. 11 (Juli 2025), S. 11-20 [ bes. S. 18 ff.], https://www.edition-espero.de/archiv/espero_NF_011_2025-07.pdf.
(3) Margaret Killjoy: Our Neighbors in Minneapolis or: What I Saw While I Was There, in: Birds Before the Storm, Jan. 26, 2026, https://margaretkilljoy.substack.com/p/our-neighbors-in-minneapolis (Übers. aus d. Engl. v. Verf.).

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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