Freischaffender Aktivist,
Erwachsenenbildner
und Netzwerker
1976 gründeten er und seine Frau Maria – die beiden hatten 1969 geheiratet – das „Begegnungszentrum für Aktive Gewaltlosigkeit“ (1) in Bad Ischl, das die beiden bis zu Matthias‘ Tod gemeinsam betrieben und das jetzt von Maria und ihrer Tochter Martina weitergeführt wird.
Seit der Geburt ihrer Kinder Matthias Michael und Martina und der Enkeltochter Mona beschäftigten sich die Reichls mit gewaltfreier Kindererziehung.
Im Begegnungszentrum fanden Seminare und Friedensveranstaltungen statt; bis heute betreibt es Öffentlichkeitsarbeit und beteiligt sich an verschiedenen Kampagnen. Im Jahr 1980 kündigte Matthias seinen Erwerbsjob in der Salzburger Verwaltung und widmete sich ab dann ganz dem Frieden und der Umwelt. Seine besonderen Schwerpunkte waren Bildungsarbeit und der gewaltfreie Widerstand gegen Atomkraft. 1982 war er Mitbegründer der Alternativen Liste Österreichs, 1986 gründete er die Grüne Bildungswerkstatt mit.
Das Begegnungszentrum vernetzte sich schnell europaweit. Sein Rundbrief ging nicht nur in Österreich an zahlreiche Adressen, sondern gehörte u.a. auch zur regelmäßigen Lektüre in der Graswurzelwerkstatt, dem Büro der Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA), das bis Mitte der 1990er Jahre bestand und von 1981 bis 1987 auch die Graswurzelrevolution herausgab. Mit der Redaktion der Graswurzelrevolution gibt es bis heute ein Austauschabo.
Enge Verbindungen hielten die beiden auch zur War Resisters‘ International (WRI). Österreichische und deutsche Gras-wurzler*innen trafen ihn bei verschiedenen Aktionen gegen AKWs, z.B. in Hainburg, in Zwentendorf und Wackersdorf, oder auch bei einem Pfingsttreffen von Aktion Sühnezeichen, wie sich Helga Weber-Zucht von der Graswurzelrevolution erinnert:
„Ich erinnere mich an die Pfingsttreffen von Aktion Sühnezeichen in Beienrode in der Nähe von Braunschweig – das riesige Zeltlager auf einem alten Gutsgelände an dem Flüsschen Schunter, – an hunderte, manchmal auch tausende von Zivis, die ihren Zivildienst über Aktion Sühnezeichen im Ausland gemacht hatten. Irgendwann in den 1970er/1980er Jahren. So lange ist es her. Das waren riesige Treffen, zum Teil mit 3.000 Menschen. Diesen weiten Weg von Bad Ischl in Österreich nach dem kleinen Ort Beienrode in der Nähe von Braunschweig (kurz vor der „Zonengrenze“) haben Matthias und Maria damals auf sich genommen.
Was Maria und Matthias dort angeboten haben, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an die Begegnung mit ihnen schon. Es müssen nette Gespräche gewesen sein, denn ich erinnere mich an ihre lachenden Gesichter. Vielleicht hatten wir unsere Info-Tische sogar nebeneinander? Wahrscheinlich sprachen sie von ihrer Arbeit in Bad Ischl und in Österreich überhaupt und wir erzählten von dem, was die Gewaltfreien Aktionsgruppen in Deutschland so ‚anzettelten‘. Auch der Austausch von Rundbriefen aus Bad Ischl mit dem in der Graswurzelwerkstatt monatlich erscheinenden „INFOrmationsdienst für gewaltfreie Organisatoren“ wurde vereinbart und ist viele Jahre aktiv betrieben worden. Mit großer Hochachtung haben wir oft an die beiden gedacht, wenn wir über ihre Arbeit im Begegnungszentrum Bad Ischl gelesen haben.“
Seit 2003 war ein Schwerpunkt der Reichls die Erstellung von Radiosendungen für das Freie Radio Salzkammergut, für die sie zahlreiche Menschen für die „Begegnungswege“ interviewten. Themen waren u.a. Globalisierung, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Friedens- und Umweltpolitik. Ich habe die beiden seit meiner Zeit in der Graswurzelwerkstatt Anfang der 1990er Jahre gekannt und zuletzt 2023 in Bad Ischl getroffen. Da war Matthias zwar schon recht krank, aber noch voll aktiv und an allem Neuen interessiert. Ich wurde dann auch direkt für ein Interview zu Sozialer Verteidigung und der Kampagne „Wehrhaft ohne Waffen“ an ihrem Wohnzimmertisch „gekapert“.
Kampagne Österreich
ohne Armee
Im Freien Radio Salzkammergut wurde bei einem Gedenken für Matthias auch auf eine neue Kampagne der Arbeitsgemeinschaft für Gewaltfreiheit und Wehrdienstverweigerung (ARGE WDV) hingewiesen. Sie startete am 20.1.2026 eine Kampagne „Österreich ohne Armee“, die sicher auch von Matthias unterstützt worden wäre, in der sie fordern:
• Reduktion des Bundesheeres auf Katastrophen- und Grenzschutz
• Unser Geld für Gesundheits-, Pflege- und Bildungswesen – statt Geld für teure Waffenkäufe
• Statt „militärischer Landesverteidigung“ – „Soziale Verteidigung“: gewaltfreier Widerstand gegen jede Art von Unterdrückung
• Aktive Friedens- und Neu-tralitätspolitik
• Keine Waffenexporte an kriegführende Staaten bzw. Staaten die die Menschenrechte verletzen – weder direkt noch über Zwischenhändler
• Asyl für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
• Wir wollen FRIEDENSTÜCHTIG sein – nicht „kriegstauglich“ werden (2)
Am 5. Januar 2026 ist Matthias Reichl gestorben. Mit seinem Tod „verliert Österreich eine Persönlichkeit der Friedens-, Umwelt- und Bildungsbewegung der Zweiten Republik“ (3), schreibt das Paulo Freire Zentrum in einem bewegenden Nachruf.
(1) Kontakt: Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit, https://www.begegnungszentrum.at/
(2) www.verweigert.at
(3) https://www.pfz.at/themen/paulo-freire/zwischen-zwentendorf-und-paulo-freire-in-erinnerung-an-matthias-reichl-1942-2026/
Dr. Christine Schweitzer, Hamburg. Sie war von 1987 bis 1991 Mitarbeiterin in der Graswurzelwerkstatt in Köln. Nach beruflichen Stationen u.a. bei Nonviolent Peaceforce und dem Bund für Soziale Verteidigung ist sie heute in Rente, aber weiter Mitarbeiterin im Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung und Redakteurin der Zeitschrift „FriedensForum“.