Das Ende der autonomen Selbstverwaltung in Rojava?

„Wir bereiten uns auf alle Szenarien vor“

| Robert Krieg

Die Demokratische Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien (Daanes) steht am Abgrund. Überraschend war, wie schnell es den militärischen Kräften des neuen islamistischen Gewaltregimes in Damaskus gelang, große Teile von Rojava (kurd.: Westkurdistan), dem autonomen Gebiet im Nordosten Syriens, zu besetzen.

Die Schlüsselrolle hatten dabei arabische Stämme übernommen, die bis dahin mit der Daanes und deren Selbstverteidigungseinheiten, bekannt unter dem Namen „Syrian Democratic Forces“ (SDF), verbündet waren. Über Nacht wechselten sie die Seiten. Was im Fall des Shammar-Stammes – der größten arabischen Stammesgruppe in der Provinz Hasaka – besonders schwerwiegend ist, denn die kooperativen Beziehungen zwischen den syrischen Kurd:innen und dem Shammar Stamm reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Deren Al Sanadid Miliz war explizit prokurdisch orientiert. Sie wurde Teil der SDF und half, den IS zu vertreiben. Am 18. November 2025 traf sich Manaa Hamidi al-Jarba, der Anführer des Shammar-Stammes mit Ahmad al-Sharaa, Syriens neuem Staatschef. Diesem Treffen war eine heftige Konfrontation zwischen Shammar und kurdischen SDF-Einheiten vorausgegangen, bei der ein Shammar-Notabler getötet wurde. „Um die unterschiedlichen Sichtweisen der überwiegend kurdischen Führung der SDF und arabischer Stammeseliten wie Shammar zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass arabische Stämme über langjährige soziale und familiäre Netzwerke verfügen, die tief in den ‚Kern’ Syriens hineinreichen. Al-Jarbas eigene Bewegungen unterstreichen dies: Bevor er in Damaskus ankam, war er in Homs, wo er sich mit Stammesführern traf und von Abdullah al-Muhaysini, einem engen Verbündeten von al-Sharaa und saudischen Staatsangehörigen, empfangen wurde. Dies spricht für zwei sehr unterschiedliche historische Erfahrungen – und zwei unterschiedliche Visionen davon, wie man sich in den syrischen Staat integrieren kann.“ (1)

In Deir ez Zor berichteten arabische Überläufer der französischen Journalistin Helene Salon, dass die arabischen Kämpfer innerhalb der SDF nicht gleichberechtigt behandelt worden waren. (2)

Im Rückblick war es meines Erachtens ein Fehler, dem Drängen der USA nachzugeben und die vom IS befreiten, überwiegend arabisch besiedelten Gebiete unter der Kontrolle der SDF zu behalten und sie damit in die sich damals entwickelnde Struktur der Daanes zu integrieren, auch wenn sicherheitspolitische Gründe dafür gesprochen haben mögen. Das gilt besonders für die beiden syrischen Gouvernorate Raqqa und Deir ez Zor. Die arabische Bevölkerung war zum großen Teil nicht bereit für das basisdemokratische Projekt, deren Kernpunkt die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen ist. Sie hatte an der Entwicklung dieser weitreichenden, gesellschaftlichen Emanzipation nicht aktiv mitgearbeitet und musste es als ein Diktat empfinden, das den traditionellen patriarchalischen Strukturen widerspricht.
Bei unseren Dreharbeiten zu TEVÎ HER TIŞTÎ / TROTZ ALLEDEM in Raqqa, im Oktober 2023, war das Misstrauen spürbar. Die arabischen Frauen, mit denen wir dort drehten, rieten uns, bestimmte Stadtteile zu meiden.

In Deir ez Zor befinden sich der größte Teil der Erdölfelder Syriens, mit deren Einnahmen die Daanes ca. 70 Prozent ihres Haushalts finanziert hatten. Es ist nicht verwunderlich, dass die Besetzung dieser Erdölfelder ein zentrales strategisches Ziel der selbsternannten Regierung in Damaskus war. In den Diskussionen über die wirtschaftliche Erholung Syriens spielte die Vertreibung der SDF aus den Erdölfeldern eine zentrale Rolle:
„Der Gouverneur der Zentralbank von Syrien, Abdelkader Husrieh, erklärte, dass die Wiederherstellung der staatlichen Aufsicht über alle natürlichen Ressourcen es der Zentralbank ermöglichen würde, ihre Rolle als alleiniger Finanzagent der Regierung wieder aufzunehmen und Kredite, Importe und Finanzierungen über offizielle Kanäle zu überwachen.“ (3)
„Bei der Wiederherstellung der Ölfelder im Osten geht es nicht nur um die Wiedergewinnung von Produktionsstätten“, erklärte Ahmed Suleiman, Direktor für internationale Zusammenarbeit im Energieministerium, gegenüber „The New Arab“: „Es handelt sich um einen strategischen, souveränen Schritt, der die Fähigkeit des Staates widerspiegelt, die Kontrolle über seine lebenswichtigen Ressourcen zurückzugewinnen.“
Am 2. Dezember 2025 traf sich Ahmad al-Sharaa mit dem US-Unternehmen Chevron. An dem Treffen nahm auch die Syrian Petroleum Company (SPC) teil, die im November 2025 ein Memorandum mit dem US-Unternehmen ConocoPhillips unterzeichnet hatte. Die Einnahmen aus den Energiequellen auf syrischem Boden müssen allen Bewohner:innen des syrischen Staatsgebiets zugute kommen. Das darf nicht davon abhängen, wer diese Energiequellen gerade besetzt hält. Über ihre Verfügbarkeit darf nur eine demokratisch autorisierte Regierung entscheiden und nicht das Gewaltregime in Damaskus, das inzwischen vom Westen als Ansprechpartner akzeptiert ist.

Ein Regime anzuerkennen, dessen neue Armee überwiegend aus früheren IS-Mitgliedern, dschihadistischen Söldnern und islamistischen Kriegsverbrechern besteht, ist absurd. „Würden wir einem Bundeskanzler Friedrich Merz Vertrauen schenken, wenn wir wüssten, er ist verantwortlich für Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Würden wir keinen Anspruch daran haben, dass er in einem Prozess dafür zur Rechenschaft gezogen wird? Warum haben wir diesen Anspruch hier aber woanders nicht und schauen weg?“, fragt die auf Menschenrechte spezialisierte Juristin und Politologin Raze Baziani. (4)
Bei dem Versuch, die demokratische Selbstverwaltung zu zerschlagen, geht es entscheidend um den Sieg über die Frauen, die es gewagt haben, dem Patriarchat und dem Islamismus, die den Nahen Osten beherrschen, erfolgreich die Stirn zu bieten. Daher wird der pragmatische Versuch, die erkämpften Frauenrechte mit den Abgesandten aus Damaskus zu verhandeln, im Ergebnis auf Null hinauslaufen. Ein ernüchterndes Beispiel dafür erzählte Ciwana Aras, die Sprecherin des „Foreign Relations Bureau of Rojava University“. Sie verhandelte mit dem neuen syrischen Bildungsministerium die Integration der kurdischen Universitäten und deren Lehrinhalte in das zukünftige syrische Bildungssystem: „Sie haben das Papier zum Jineologie Studium („Wissenschaft der Frauen“, die an den kurdischen Universitäten gelehrt wird, R.K.) genommen und in kleine Stücke gerissen. Das ist das, was davon übrigbleiben wird, – war ihr Kommentar dazu.“ Trotzdem geht Ciwana Aras selbstbewusst den eingeschlagenen Weg weiter: „Wir bereiten uns auf alle Szenarien vor“, sagt sie. (5)

Mittlerweile, wo es fast zu spät ist, werden die zivilen Strukturen der Selbstverwaltung und ihre Erfolge zumindest von progressiven Medien gewürdigt. Viel zu lange war die öffentliche Wahrnehmung des zukunftsweisenden Projekts Rojava reduziert auf die Selbstverteidigungskräfte SDF und ihren Kommandanten Mazloum Abdi. Um so mehr muss es jetzt darum gehen, die zivilgesellschaftlichen Errungenschaften hervorzuheben, und hier besonders die Gleichberechtigung der Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, ihre Freiheit im Beruf und in der Familie, ihr Schutz gegen Gewalt und erzwungene Abhängigkeit.

(1) https://thenationalcontext.com/shammar-chief-meets-al-sharaa-in-most-significant-sdf-linked-tribal-outreach-2/
(2) Le Monde, 30. 01.2026, S. 5
(3) The New Arab, 20.01.2026
(4) https://www.youtube.com/watch?v=71vl1mhtAgQ
(5) Zoom-Gespräch am 11.02.2026 „Teach in on Rojava Universities“

Robert Krieg ist promovierter Soziologe und Filmemacher. Seit 2025 ist sein neuer Rojava-Dokumentarfilm „TEVÎ HER TIŞTÎ / TROTZ ALLEDEM“ in den Programmkinos zu sehen. Im Februar erschien in der GWR 506 sein Interview mit der kurdischen Filmemacherin Sevînaz Evdikê über die Situation von Frauen in Rojava und das islamistische Regime in Damaskus unter dem Titel „Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“.