„Dem System eine Ohrfeige zu verpassen, ist unbezahlbar.“

Wie geht es weiter mit Ex-GKN For Future? Die Genossenschaft bei Florenz braucht Unterstützung

| Elisabeth Voss

In der Graswurzelrevolution Nr. 491 vom September 2024 berichteten Tobi Rosswog und Eva Brunnemann unter dem Titel „Eine Vision vom Guten Leben im Gepäck“ von der Konversionstour für die kämpfenden Arbeiter*innen des Fabrikkollektivs der ehemaligen GKN-Fabrik in Campi Bisenzio bei Florenz. Die Arbeiter*innen stellten früher Achswellen für Autos her. Seit ihnen am 9. Juli 2021 über Nacht gekündigt wurde, halten sie die Fabrik mit einer ständigen Betriebsversammlung besetzt. Mit ihrer Genossenschaft Ex-GKN For Future (GFF) wollen sie – statt für die zerstörerische Automobilindustrie zu arbeiten – ökologisch sinnvolle Produkte in Selbstverwaltung herstellen.

Mit Fachleuten hat die Genossenschaft einen Geschäftsplan zur Herstellung von Lastenfahrrädern und Solaranlagen ausgearbeitet, womit zunächst um die 100 Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Da die Fabrik im Moment noch nicht für die Produktion genutzt werden kann, haben die Arbeiter*innen einige Prototypen des Lastenfahrrads in einer befreundeten Werkstatt gebaut. Ein Fahrrad wurde auf der Konversionstour vorgeführt.
Seitdem hat sich einiges getan, aber es sind noch Hürden zu überwinden.

Institutionelle Untätigkeit
und Geldmangel

Das Fabrikkollektiv hat sich für ein Gesetz zur Reindustrialisierung eingesetzt, das Ende 2024 vom toskanischen Regionalparlament verabschiedet wurde. Im Sommer 2025 wurde ein öffentliches Industriekonsortium gebildet, um stillgelegte Fabriken in die Hand von Kooperativen der Arbeiter*innen zu überführen, jedoch gab es bisher keinerlei weitere Aktivitäten.
Auch die italienischen Genossenschaftsverbände unterstützen GFF nicht. Darum kommen die Kolleg*innen nicht in den Genuss des Marcora-Gesetzes, das ihnen Rechte an den Produktionsanlagen, finanzielle Zuschüsse und die Umwandlung ihres Arbeitslosengeldes in Investitionsmittel ermöglichen würde.
Um entweder in Teilen der Produktionsanlagen von Ex-GKN, oder in anderen Räumen mit ihrer Tätigkeit zu beginnen, braucht GFF jedoch erhebliche Gelder. Es gibt bereits schriftliche Zusagen über Genossenschaftsanteile in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Der Beitritt gestaltet sich allerdings schwierig, denn aufgrund der Vorschriften zur Verhinderung von Geldwäsche ist ein kompliziertes Online-Registrierungsverfahren mit persönlicher Identifikation erforderlich, erst danach können die Genossenschaftsanteile eingezahlt werden.
Die Banca Ethica ist vom Konzept überzeugt und hat 2,5 Millionen Euro zugesagt. Soziale Investoren wollten mit zwei Millionen einsteigen, haben sich nun jedoch zurückgezogen. Um das auszugleichen, verfolgt die Genossenschaft – die ihre Solidarität mit den Palästinenser*innen in Gaza bekundet hat – nun eine „Flottillenmethode“, ermutigt durch die Sumud-Flottille nach Gaza: „Diese neue Kampagne (wird) mit großen oder mit kleinen Schiffen, mit einem Teil des Projekts oder mit dem gesamten Projekt in See stechen.“

Gemeinsam kämpfen,
gemeinsam finanzieren

Konkret bedeutet das, dass die Genossenschaft neben den Anteilen nun auch Spenden sammelt, um die fehlenden zwei Millionen Euro auszugleichen. Ihren Spendenaufruf haben die Kollektivist*innen überschrieben mit: „Dem System eine Ohrfeige zu verpassen, ist unbezahlbar.“ Damit spricht die Genossenschaft vor allem diejenigen an, die Kleinbeträge unter dem Genossenschafts-Mindestbetrag von 500 Euro geben möchten.
Die Spenden sammelt Arci, ein Zusammenschluss von Vereinen in der Tradition antifaschistischer Partisanen, die ein Netzwerk soziokultureller Zentren betreiben. Mit den gesammelten Spenden sollen Genossenschaftsanteile erworben werden. In Italien ist Arci gemeinnützig, kann aber für Spenden aus Deutschland keine Spendenbescheinigungen ausstellen. Sollte das Vorhaben von GFF nicht zustande kommen, ist angedacht, nach Rücksprache mit der Spender*innenversammlung – der alle angehören, die mindestens 100 Euro gegeben haben – das Geld in einen dauerhaften Fonds zur Unterstützung von Arbeitskämpfen und Projekten der Reindustrialisierungen von unten einzuzahlen.
Um die Fabrik besetzt zu halten, müssen die verbliebenen Arbeiter*innen rund um die Uhr vor Ort sein. Nach 15 Monaten ohne Gehalt bekommen sie nun – nachdem ihre Kündigung rechtswirksam wurde – seit März 2025 Arbeitslosengeld. Die viereinhalb Jahre Kampf fordern unermüdlichen Einsatz. Aktuell bereitet die Genossenschaft zum vierten Mal ein „Working Class Literature Festival“ vor, das vom 10. bis 12. April 2026 in Florenz stattfinden soll.
Auch wenn es breite Unterstützung für ihren Kampf gibt, ist der Hilferuf unüberhörbar: „Wir sind wie Verwundete, die versuchen, die Blutung mit ihren eigenen Händen zu stoppen.“
Das Fabrikkollektiv stellt sich selbstbewusst ins Zentrum der großen Fragen unserer Zeit und versteht sein Vorhaben als Alternative zu einer Wirtschaftsweise, die systematisch Mensch und Natur zerstört: „Die Katastrophe steht vor der Tür – sei es Krieg, Völkermord, Ökozid, Klimawandel – und wir können uns nicht darauf beschränken, sie mit Worten zu bekämpfen. Wir brauchen ein Beispiel, das greifbar, erklärbar und verallgemeinerbar ist.“
Ein Scheitern dieses modellhaften sozial-ökologischen Konversionsprojekts wäre fatal.

Mehr Infos:
Zu GKN: https://insorgiamo.org/germany (insorgiamo = lasst uns aufstehen)
und https://t.me/s/GKN4FutureDeutschland
Genossenschaftsmitglied werden:
https://www.ener2crowd.com/it/registrati?promoCode=GFF
Spendenaufruf:
https://www.labournet.tv/de/aktuelles/spendenaufruf_GKN
Unter dem Spendenaufruf ist eins von mehreren labournet.tv-Videos zu Ex-GKN verlinkt.
Spenden: https://www.produzionidalbasso.com/project/unazione-per-salvare-gff-dare-uno-schiaffo-in-faccia-al-sistema-non-ha-prezzo/
Kontakt für alle, die mehr wissen, oder in der GFF-Unterstützungsgruppe mitarbeiten möchten:
exGKN-support@proton.me