2024 erinnerte der Oranienburger Vorbereitungskreis „Erich Mühsam Gedenken“ mit einem umfangreichem Veranstaltungsprogramm an den 90. Todestag des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam (1), der in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 von SS-Männern im Konzentrationslager Oranienburg ermordet wurde. Inzwischen steht die Neugestaltung des Gedenkortes „KZ Oranienburg“ kurz vor der Realisierung. Die Eröffnung der neugestalteten Fläche ist für den Spätsommer bzw. Herbst 2026 geplant. Grundlage dieses Artikels ist ein Gespräch des Oranienburger Vorbereitungskreises „Erich Mühsam Gedenken“ mit dem Historiker Ralph Gabriel (2), der mit der inhaltlichen Ausarbeitung beauftragt wurde, um über den aktuellen Stand zu informieren. (GWR-Red.)
Die künftigen Informationsstelen werden zentrale Themen des Ortes aufgreifen: Die Entstehung eines der ersten Konzentrationslager, die Rolle der Stadt, das Schicksal der Häftlinge, die Haftbedingungen, den Übergang zum KZ Sachsenhausen, Erich Mühsam sowie die wechselvolle Erinnerungsgeschichte seit 1945. Wir laden Euch zu einem Rundgang entlang der 14 Stelen durch den Gedenkort ein.
Die Geschichte eines der ersten Konzentrationslager
Am 21. März 1933 richtete die SA in einer leerstehenden Brauerei im Zentrum Oranienburgs das erste Konzentrationslager Preußens ein. Es war eine der vielen frühen Haftstätten, die unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Deutschen Reich entstanden. Bis zur Auflösung im Juli 1934 verschleppte das Regime rund 3.000 politische Gegner*innen nach Oranienburg. Sie waren dem Terror und der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt, wurden misshandelt, gedemütigt und zur Zwangsarbeit genötigt. Mindestens sechs Menschen starben, darunter der Schriftsteller Erich Mühsam. Das Lager diente der propagandistischen Festigung der NS-Herrschaft und der Einschüchterung der Bevölkerung. Im Juli 1934 übernahm die Schutzstaffel (SS) das Lager und ließ die Häftlinge in das Konzentrationslager Lichtenburg überstellen. 1939 zog die Oranienburger Polizei in die Gebäude ein, die 1945 durch einen Bombenangriff völlig zerstört wurden. Nach 1945 geriet die Geschichte des KZ Oranienburg in den Hintergrund, überlagert von der Erinnerung an das spätere KZ Sachsenhausen.
„Oranienburg – welch ein Wort! Einst bloß der Name einer Stadt vor den Toren Berlins, einer Stadt mit schönem Schloss und Park, mit gut gehenden Fabriken […] – heute der Name eines Ortes, der immer, immer wieder nur mit einem verzweifelten Fluch auf den Lippen genannt wird, dessen Mauern tausendfältige Qual umschließen […]. Oranienburg!“ (3)
Das Lager und die Stadt
Die Stadt Oranienburg unterstützte die Einrichtung des Konzentrationslagers und profitierte davon. Für die Finanzierung des Auf- und Ausbaus sicherte sie ein städtisches Darlehen bei der Stadtsparkasse Oranienburg ab. Um Rückzahlungen zu ermöglichen, wurde ein „Arbeitsbeschaffungsprogramm“ entwickelt, das Häftlinge zu kommunalen Arbeiten zwang. Oranienburger Geschäftsleute erhofften sich Aufträge und Lieferungen an das Lager. Doch mit der Einrichtung eigener Lagerwerkstätten und wegen unbezahlter Rechnungen verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Stadt und Lager.
Das Konzentrationslager Oranienburg war von außen einsehbar. Passantinnen und Passanten konnten Appelle und Zwangssport auf dem vorderen oder hinteren Hof ohne Weiteres beobachten. Um den Gerüchten in der Stadt und im Ausland entgegenzuwirken, entstanden Mitte April 1933 Aufnahmen, die kurz darauf in über 5.000 Kinos, auch in Oranienburg, zu sehen waren.
Die Häftlinge
Die Häftlinge des Konzentrationslagers waren vor allem politische Gegner des Nationalsozialismus, insbesondere aus KPD, SPD, SAP und Gewerkschaften. Anfangs handelte es sich um regionale Funktionäre und einfache Mitglieder, ab dem Frühsommer 1933 kamen sie aus ganz Preußen und Berlin, darunter auch einige bekannte Persönlichkeiten. Trotz Spannungen zwischen den politischen Lagern prägte das gemeinsame Schicksal der politischen Verfolgung die Hafterfahrung.
Anfang August 1933 setzte das NS-Regime mit der Inhaftierung hochrangiger SPD-Politiker seine angekündigte „Abrechnung“ mit dem demokratischen System fort. Parallel dazu inhaftierte die Gestapo hochrangige Mitarbeiter des Rundfunks als Teil einer Kampagne gegen den „Systemrundfunk“, den sie als korrupt diffamierte und dessen Gleichschaltung sie – wie die aller anderen Medien – forcierte.
Unter den Häftlingen bildeten Juden eine kleine, aber besonders brutal misshandelte Gruppe. In der sogenannten „Judenkompanie“ – spöttisch „Desinfektionskolonne“ genannt – mussten sie die Reinigung der Latrinen oft mit bloßen Händen verrichten.
Zu den Häftlingen gehörten auch regimekritische Schriftsteller und Pazifisten, Angehörige bürgerlicher Parteien sowie Vertreter von Justiz und Verwaltung.
Die Haftbedingungen
Schikanen, Strafen und Quälereien durch die SA waren Alltag im Häftlingsleben. Dazu gehörten „Strafsport“ auf einer eigens errichteten Hindernisstrecke, endloses Marschieren und sinnlose Arbeiten. Gefangene wurden in Dunkelzellen oder enge Stehbunker gesperrt, in denen sie weder sitzen noch liegen konnten. Besonders grausam waren die Misshandlungen bei Festnahmen und Verhören im berüchtigten „Zimmer 16“ unter den SA-Männern Hans Krüger und Hans Stahlkopf.
Der Häftlingsalltag war streng geregelt. Er begann mit Wecken, Waschen, Frühsport und Appell. Anschließend herrschte Arbeitszwang in den Innen- oder Außenkommandos. Die Gefangenen mussten in feuchten, schlecht belüfteten Kühlkellern der ehemaligen Brauerei schlafen. Die Verpflegung war knapp, die hygienischen Bedingungen mangelhaft. Jede Form von „Freizeit“ war durch Übergriffe der SA-Wachen bedroht.
Oranienburg – welch ein Wort! Einst bloß der Name einer Stadt vor den Toren Berlins, einer Stadt mit schönem Schloss und Park, mit gut gehenden Fabriken – heute der Name eines Ortes, der immer, immer wieder nur mit einem verzweifelten Fluch auf den Lippen genannt wird, dessen Mauern tausendfältige Qual umschließen. Oranienburg!
Im Konzentrationslager Oranienburg war die physische Vernichtung der Insassen nicht prinzipiell intendiert. Wer aber den besonderen Hass der SA auf sich zog, konnte ihren Prügelexzessen zum Opfer fallen. Die Bewacher ermordeten mindestens sechs Häftlinge, die Lagerleitung versuchte jeweils, die Todesursache zu verschleiern. Zudem gibt es Hinweise auf neun weitere Todesopfer. In keinem Fall kam es zu einer Verurteilung gegen das Personal des Lagers.
Vom KZ Oranienburg zum KZ Sachsenhausen
Im Zuge der „Röhm-Krise“ übernahm eine rund 150 Mann starke SS-Einheit am 4. Juli 1934 das Lager. Nach der Ermordung des Schriftstellers Erich Mühsam ließ sie am 13. Juli die letzten Häftlinge in das KZ Lichtenburg verlegen. Verantwortlich war Theodor Eicke, der von SS-Reichsführer Heinrich Himmler zum Inspekteur der Konzentrationslager ernannt worden war. In seiner neuen Funktion löste er kleinere Lager auf und organisierte die übrigen neu. Mit dem Bau des KZ Sachsenhausen – dem ersten durchgeplanten Lagerkomplex mit Häftlingslager und SS-Ausbildungsstätte – begann die systematische Entwicklung des nationalsozialistischen Konzentrationslagersystems.
Erich Mühsam (1878–1934)
Einer der bekanntesten Häftlinge des KZ Oranienburg war Erich Mühsam. Er bekannte sich schon in jungen Jahren zum Anarchismus und trat als Antimilitarist und scharfer Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft auf. Er gründete als Redakteur die anarchistischen Zeitschriften „Kain“ und „Fanal“, war Autor u. a. der „Weltbühne“ und ein wortgewaltiger Redner. Viele seiner Gedichte wurden populär und vertont. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Mühsam Hoffnungen in eine soziale Revolte des Subproletariats und engagierte sich in München in der „Räterepublik Baiern“. In der „Roten Hilfe Deutschland“ kämpfte er für die Freilassung aller politischen Gefangenen. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wurde Mühsam am 28. Februar 1933 verhaftet. Nach 16 Monaten in verschiedenen Haftstätten unter unmenschlichen Bedingungen ermordeten ihn SS-Männer in der Nacht zum 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg.
Erinnern und Gedenken nach 1945
Zur Erinnerung an das KZ Oranienburg errichtete die Stadt Oranienburg im September 1948 eine Gedenktafel und einen Gedenkstein für Erich Mühsam. Nach der Schuttabräumung 1949 stand dieser Gedenkstein zwei Jahrzehnte lang im Zentrum eines großen Gedenkhains. Mit dem Bau des Volkspolizeikreisamts Anfang der 1970er-Jahre und im Schatten der Erinnerung an das KZ Sachsenhausen geriet die Geschichte des frühen Lagers zunehmend in Vergessenheit. Bis heute wird es oft mit dem 1936 errichteten KZ Sachsenhausen verwechselt. Als 2022 Planungen für ein Wohnheim der Hochschule der Polizei Brandenburg bekannt wurden, regte zeitgleich eine Bürgerinitiative, unterstützt von der Oranienburger SPD und Linken, den „Erinnerungsort Konzentrationslager Oranienburg“ an.
Seit 1948 finden in Oranienburg Gedenkveranstaltungen für Erich Mühsam statt, darunter in den 1980er-Jahren auch inoffizielle Gedenkaktionen der jungen Berliner Untergrundmusik- und -literaturszene, die von der Staatssicherheit der DDR observiert wurde. Seit den 2000er-Jahren richten sich Gedenkdemonstrationen gegen den aufkeimenden Rechtsextremismus.
Ort für politische Bildung
Zukünftig wird die museums-pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen den neu angelegten Gedenkort in ihre Bildungsarbeit einbinden. Die Inhalte der Informationsstelen werden auf einer eigenen Homepage zu finden sein. Dort sollen auch die Ergebnisse von Schul-Projekten eingestellt werden.
Auf der Webseite wird auch der bereits vorliegende Audiowalk „Und gegenüber spielt die Blaskapelle“ (4) implementiert, den Menschen, die sich für die Neugestaltung des Erinnerungsortes einsetzten, initiierten. Mit der Neugestaltung dieses Gedenkortes wird eine substantielle Verbesserung für das zukünftige Gedenken an Erich Mühsam und die antifaschistische Aufklärungsarbeit kommender Generationen geschaffen.
(1) Siehe Andreas W. Hohmann (Hg.), „Sich fügen heißt lügen.“ Erich Mühsam in Oranienburg. Tagungsband, Edition AV, Bodenburg 2024 ; Rezension dazu von Rolf Cantzen, in: GWR 497, März 2025, https://www.graswurzel.net/gwr/2025/03/erich-muehsam-in-oranienburg/
(2) Ralph Gabriel studierte Architektur an der Technischen Universität Wien bei Erich Raith. Danach widmete er sich dem Bau- und Verlagswesen. Seit 2000 arbeitet er an Ausstellungsprojekten in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg mit. Von 2005 bis 2006 war er Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin zu gegenwärtigen Formen des Rechtsextremismus.
(3) Aus: Gerhart Seger: Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten. Karlsbad 1934, S. 13
(4) Abrufbar unter:
https://www.sachsenhausen-sbg.de/geschichte/1933-1934-konzentrationslager-oranienburg/audiowalk/
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.