Chomsky sind (bislang) keine Verwicklungen in sexuelle Straftaten nachgesagt oder gar nachgewiesen worden. Er und seine Frau Valeria haben seit 2015 mit Epstein Kontakt gehabt, sich mehrmals getroffen, freundschaftliche Mails ausgetauscht und sich in Finanzdingen beraten lassen. Auch Chomsky hat sich beratend an Epstein gewandt. Ein Zeichen dafür, wie Richard Pinner im „Freitag“ herausgestellt hat, wie elitäre Zirkel funktionieren, in denen die Mächtigen aus Finanzwelt, Politik und Kultur miteinander verkehren. (1)
Es gibt Netzwerke, in denen bestimmte Dynamiken entstehen, die den Tipp hier und die Einladung dort zu selbstverständlichen Gegenseitigkeiten machen, die von den Einzelnen kaum hinterfragt werden. Netzwerke sind Tauschgemeinschaften, in denen viele auf unterschiedlichen Ebenen profitieren. Aber diese strukturelle Sichtweise, so wichtig sie ist, abstrahiert auch von Inhalten. Mit der rein funktionalistischen Erklärung lässt sich nicht fassen, warum Chomsky auf Bildern neben Epstein in dessen Privatflugzeug sitzt und in den Files auftaucht, andere Star-Intellektuelle aber nicht. Erscheinen beispielsweise Siri Hustvedt oder Judith Butler in den Files? Soweit bislang bekannt, nein. Und dies nicht, weil sie Frauen sind, das ist die norwegische Prinzessin Mette-Marit auch, sondern weil sie feministische Haltungen vertreten.
Es geht also um Inhalte. Es verbindet die einen (Chomsky & Epstein) inhaltlich etwas, was sie von den anderen trennt. Was hat Chomsky Epstein geraten? Epstein hatte Chomsky 2019 gefragt, ob er auf erneute Vorwürfe hinsichtlich seiner sexuellen Gewalttaten sich eher verteidigen oder sie eher ignorieren sollte. Chomsky rät zu letzterem, nicht ohne über die „furchtbare Art und Weise“ zu klagen, in der Epstein behandelt würde und schließlich die „Hysterie“ anzuprangern, die sich angesichts des Missbrauchs von Frauen entwickelt habe: „hysteria that has developed about abuse of women“ (2).
Chomsky, mittlerweile 97 Jahre alt und seit einem Schlaganfall 2023 nicht mehr fähig zu sprechen, kann zu all dem nicht mehr Stellung beziehen. Seine Frau Valeria hat die Haltung ihres Mannes in einem öffentlichen Statement Anfang 2026 heruntergespielt und als Effekt von Epsteins kluger Manipulation dargestellt. Noam Chomsky habe letztlich nicht gewusst, was Epstein wirklich getan habe.
Bereits 2008 war Epstein wegen Prostitution einer Minderjährigen verurteilt worden, was ihn vor der Verurteilung wegen sexueller Gewalt bewahrt hatte. Im Zuge des Verfahrens, das einer Anzeige gegen ihn diesbezüglich 2005 gefolgt war, meldeten sich fünfzig weitere mutmaßliche Opfer. Dass Chomsky von all dem nichts mitbekommen haben soll, ist ziemlich ausgeschlossen. Schließlich bemitleidet Chomsky den verurteilten Sexualstraftäter ja, der mutmaßlich Hunderte von Minderjährigen vergewaltigt hat, „furchtbar“ behandelt worden zu sein. Es ist kaum zu fassen, wie der Linke und selbst erklärte Anarchist die Vergewaltigung („abuse of women“) dermaßen herunterspielt und ganz im Stil des rechten Kampfes gegen Woke und #metoo eine Täter-Opfer-Umkehr betreibt. Er beklagt nicht nur die Skandalisierung („Hysterie“) dieser sexistischen Gewalt an sich, sondern darüber hinaus auch noch, dass bereits die Infragestellung von Anschuldigungen inzwischen als „Verbrechen schlimmer als Mord“ gewertet würden („that even questioning a charge is a crime worse than murder“). Wie kann das alles sein? Wieso betreibt Chomsky, der große Aufdecker von Machtstrukturen, die Bagatellisierung von sexueller Gewalt und Menschenhandel? Offenbar, weil sie ihm weder als Frage der Macht noch als politisch relevant erscheinen.
Die Verfügbarkeit weiblicher, insbesondere junger weiblicher Körper, erscheint als völlig normal. Nicht nur so normal, dass auch all die liberalen Freundinnen und Freunde Epsteins offenbar keinen Anstoß daran nahmen, dass sie in seinem Flugzeug (übrigens auch schon um 2008 verharmlosend als „Lolita Express“ bezeichnet) oder auf seiner Insel zum Gebrauch angeboten wurden. (Die menschenverachtende Sprache in den „Epstein Files“ hat die Journalistin Beate Hausbichler in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ analysiert). (3)
Die Verfügbarkeit erscheint so normal, dass sie sogar zu einem der Grundprinzipien der westlichen Popkultur wurde. Die Musikjournalistin Sonja Eismann hat kürzlich in ihrem Buch „Candy Girls. Sexismus in der Musikindustrie“ (Hamburg 2025) aufgezeigt, dass und inwiefern die Ausbeutung von Mädchen und jungen Frauen zum Pop dazugehört wie Drugs und Rock`n`Roll. Candy Girls sind junge Mädchen, besungen nicht nur von Iggy Pop im gleichnamigen Song, sondern als reale Menschen sexualisiert und zum Objekt patriarchaler Obsessionen gemacht. Von Scorpions bis John Peel geht das durch alle Genres hindurch und, das muss auch „Jacobin“ entgegengehalten werden, es ist – sonst wäre es nicht Pop – nicht allein den Herrschenden eigen: „Sexualisierte Gewalt“, schreibt Eismann, „kennt kein Milieu oder keine Klasse“.
Minderjährige sexy zu finden oder Gewaltorgien und Menschenhandel zu betreiben, sind verschiedene Dinge, und dennoch hängen sie zusammen. Die Popgeschichte sei auch deshalb hier angeführt, weil in ihr wie kaum sonst Systematik und Alltäglichkeit dieses Zusammenhangs gelebt wird. Im Pop ist weibliche Jugendlichkeit eine zentrale Ressource, die von den Frauen geliefert werden muss (um Erfolg zu haben bzw. um überhaupt bestehen zu können) und die Männer ausbeuten, um ihre sexuellen und/oder emotionalen Bedürfnisse zu stillen. Das wird von Feministinnen seit Jahrzehnten zum Politikum gemacht: der männliche Blick, die Ausübung von Macht durch die Sexualisierung Minderjähriger, die patriarchale Gewalt. Und nicht nur die moralische Verdorbenheit der Herrschenden. Das sollte uns, insbesondere wenn wir als Männer sozialisiert wurden, dazu animieren, unsere Positionen in Netzwerken ebenso zu hinterfragen wie die eigenen Blicke und unsere Plattensammlungen.
Aber dass die Vergewaltigung von Mädchen und der Menschenhandel selbst bei vielen Linken und Liberalen nicht den politischen Stellenwert haben, der den Finanzmarkt- und Medienanalysen oder der Außenpolitik der USA zukommt, daran lässt auch Chomsky selbst keinen Zweifel. Nicht nur implizit. Das macht seine antifeministische Haltung so besonders empörend. Man stelle sich vor, ein Linker hätte einem Industriellen geraten, die Vorwürfe wegen der Ausbeutung von Arbeiter*innen zu ignorieren und dann, von der Presse nach seiner eigenen Haltung zu dem Industriellen befragt, geantwortet: „Das geht Sie nichts an.“ Das „Wall Street Journal“ hatte Chomsky noch vor seinem Schlaganfall 2023 nach seiner Beziehung zu Epstein gefragt, woraufhin dieser genau das erwidert hat: „is none of your business“. Als sei es seine Privatsache, wie er seine Freunde berät.
Aber damit lag Chomsky fundamental falsch. Es geht uns etwas an. Denn wer als Intellektueller und Anarchist für die Abschaffung von Herrschaft eintritt und gleichzeitig die Vergewaltigung von Mädchen und Menschenhandel bagatellisiert, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Die in den letzten Jahren anhand einer ganzen Reihe von Künstlern wie Woody Allen, Michael Jackson und Otto Mühl diskutierte Frage, ob Person und Werk nicht zu trennen wären, ist auch im Fall Chomsky mit Nein zu beantworten. Sicherlich, das linguistische Konzept der „generativen Grammatik“, für das Chomsky so berühmt wurde, mag noch als relativ eigenständige Wissensform durchgehen, die von den Haltungen zu Geschlechterfragen wenig tangiert wird. Für Analyse und Kritik der US-Außenpolitik gilt das schon weniger, Chomskys Anarchismus schließlich lässt sich überhaupt nicht unabhängig lesen. Denn auch Geschlechterverhältnisse sind Herrschaftsverhältnisse.
Aber selbst die Texte zu sprachwissenschaftlichen oder geopolitischen Fragen bleiben letztlich in ihrer Rezeption nicht unberührt von dem, was ihr Autor an Freundschaften gepflegt und an sonstigen Haltungen geäußert hat. Wie soll man je wieder ein Lied von P. Diddy (Sean Combs) hören oder ein Bild von Otto Mühl angucken, ohne an die Ausbeutung von Mädchen zu denken? Das ist unmöglich. Auch wenn Chomsky, anders als Combs und Mühl, keine Sexualstraftaten begangen, sondern sie nur verharmlost hat, ist er als Kämpfer für Herrschaftsfreiheit künftig kaum mehr ernst zu nehmen. Insofern ist es gut, dass der Unrast Verlag seine Bücher von Chomsky aus dem Programm nimmt. Auch der Verlag Graswurzelrevolution verzichtet auf die dritte Auflage von Chomskys Buch „Über Anarchismus“ und führt es fortan nicht mehr. Über Anarchismus lesen wir künftig lieber von anderen.
(1) https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wie-funktioniert-elite-der-chomsky-epstein-kontakt-ist-das-perfekte-beispiel
(2)
https://www.bbc.com/news/articles/ce9ykjlyv50o
(3) https://www.derstandard.at/story/3000000307850/epstein-files-loyalitaet-zwischen-reichen-maennern-radikaler-hass-auf-frauen