Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

einige von Euch haben in der Redaktion angerufen und gefragt, wo denn die GWR bleibt.

Nun, wir hatten beim letzten GWR-HerausgeberInnentreffen in Freiburg beschlossen, den GWR 380-Drucktermin auf den 10. Juni zu verschieben, damit wir in ihr noch über die Blockupy-Aktionen berichten können (s. Seite 5f.).

In der GWR 379 hatte ich im Editorial angekündigt, dass wir überlegen, zur Bundestagswahl wieder ein vierseitiges, parlamentarismuskritisches GWR-Extrablatt herauszubringen. Die Vorbestellungen dafür hielten sich aber in Grenzen. Auch bei der gelungenen, gut besuchten Libertären Buchmesse im April in Mannheim war die Nachfrage nach einem angekündigten Wahlkritik-Extrablatt eher verhalten. Deshalb hat der GWR-HerausgeberInnenkreis beschlossen, stattdessen in der GWR 380 und der Ende August erscheinenden GWR 381 Schwerpunkte zum Thema Parlamentarismuskritik zu bringen und Euch zur Vertiefung ins Thema die 1994 erschienene, aber immer noch aktuelle 100seitige GWR-Sondernummer „Wer wählt, hat die eigene Stimme bereits abgegeben“ zu empfehlen (s. Seite 9).

Die GWR 380 bietet Gegenöffentlichkeit und Bewegungsberichte aus der Türkei, aus Russland, Griechenland, Zypern, Venezuela, Österreich und Deutschland. Trotz Mehrkosten haben wir den Umfang erneut auf 24 Seiten ausgedehnt, auch um Euch für die lange Sommerpause Buchempfehlungen an die Hand zu geben.

Tabu

Themen, die auch in anarchistischen Kreisen gerne verdrängt werden, sind Tod und Trauer.

Dabei kommen auch im Freundeskreis der GWR die „Einschläge“ in immer kürzeren Abständen. Vor wenigen Wochen sind Sigrid Brodrecht vom GWR-Vertrieb und Dieter Poschen, Redakteur der befreundeten Contraste, gestorben. (1)

Im Mai ist Lutz Schulenburg gestorben, mit dem ich seit über 20 Jahren befreundet war (siehe Nachruf auf Seite 17). Das macht mich traurig.

Am 18. Mai ist mit Ernst Klee (* 15. März 1942) ein weiterer Freund der Graswurzelrevolution gestorben. Die GWR und der Freundeskreis Paul Wulf hatten diesen bedeutenden antifaschistischen Autor und Forscher im November 1999 zur Gedächtnisveranstaltung für den von den Nazis 1938 zwangssterilisierten Anarchisten Paul Wulf (1921 – 1999) in das Münsteraner Café Die Weltbühne eingeladen.

Seitdem habe ich Ernst Klee leider nicht mehr persönlich getroffen. Seinen Text für das 2007 vom Freundeskreis Paul Wulf im Verlag Graswurzelrevolution herausgegebene Buch „Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand“ konnten wir leider nicht ins Buch nehmen, weil er das Manuskript der von uns transkribierten Rede nicht abgesegnet hat und wir nach mehreren Jahren nicht noch länger auf seine Änderungsvorschläge warten wollten. Über Klees bewegenden Vortrag bei der Paul-Wulf-Gedächtnisveranstaltung schrieb Norbert Eilinghoff im Januar 2000 in der GWR 245 treffend: „Er hat sich wie nur wenige mit der Geschichte der deutschen Psychiatrie vor und während der Nazi-Zeit beschäftigt und die ‚Euthanasie‘-Verbrechen erforscht. Er stellt fest, dass die deutsche Psychiatrie nicht von den Nazis missbraucht wurde: ‚die deutsche Psychiatrie brauchte die Nazis.‘ Mit den Nazis wurde es ihr möglich, das umzusetzen, was sie schon seit Jahrzehnten gefordert hatte. Mit den Nazis waren jene an die Macht gekommen, die gewillt waren, ‚Rassenhygiene‘ und ‚Erbpflege‘ zu verwirklichen. Gesellschaftliche Gruppen wie z. B. die Kirchen und die Gewerkschaften hatten ihre MärtyrerInnen, hinter denen sie später ihre Schuld verstecken konnten; die deutsche Psychiatrie hatte keine MärtyrerInnen.

Es ist sehr still, während Klee das System der ‚Euthanasie‘-Verbrechen und ihrer wissenschaftlichen Legitimierung erklärt. Und diese endeten 1945 nicht; noch bis 1947/48 ging das Morden in den Anstalten weiter. Das Personal setzte in der BRD seine Karrieren fort. Klee beantwortet die Frage, was das für eine Stadt gewesen sei, in der Paul Wulf nach dem Kriege lebte, mit welchen Menschen er hier u. a. umgeben war. Es folgt eine nicht enden wollende Liste von Leuten, die bei den Nazis als Rasseforscher und -hygieniker, als Selektierer und ‚Euthanasie‘-Verbrecher tätig waren und dann in Münster bei Behörden oder an der Uni unterkamen.

Viele Opfer der Nazis sahen sich später mit denselben Gutachtern konfrontiert und mussten sich ein zweites Mal demütigen lassen.“

Wolfgang Haug erinnert auf Seite 19 der GWR 380 an Ernst Klee.

Ich wünsche Euch und uns einen heißen Sommer der Anarchie,

(1) Siehe Nachrufe in GWR 378

PS: In der alljährlichen GWR-Sommerpause im Juli und August ist die Redaktion nicht rund um die Uhr besetzt. GWR 381-Redaktionsschluss: 10.08.