Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

„Der Krieg warf seine Schatten voraus. Ich bin ein Kind dieses Krieges“, schreibt Ekkehart Krippendorff in seiner im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Autobiografie „Lebensfäden“ über den Zweiten Weltkrieg. Am 22. März konnte der Berliner Friedensforscher seinen 80sten Geburtstag feiern. Wir gratulieren ihm ganz herzlich, wünschen ihm noch viele Jahre und dass er noch viel (auch für die GWR) schreiben wird. Ebenso hoffen wir, dass er nie wieder einen Krieg erleiden muss und sich die derzeitige Krim-Krise nicht zu einem „heißen“ Krieg entwickeln wird.

„Kleinkrieg im Hinterhof“

Unter diesem Titel analysieren unsere KollegInnen von analyse & kritik in ihrer Ausgabe vom 18. März 2014 treffend: „Mit der Eskalation der geopolitischen Auseinandersetzung um die Ukraine, die zur schwersten internationalen Krise seit dem Ende des Kalten Krieges ausartet, scheint das kapitalistische Weltsystem in seine finstere Vergangenheit katapultiert worden zu sein: in das Zeitalter des Imperialismus.“

In der Tat. Wer behauptet, dass das imperialistische Zeitalter 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs Geschichte sei, der wird durch die derzeitige Politik eines Besseren belehrt. Die NATO- und EU-Staaten versuchen seit Monaten unter anderem durch ein Assoziierungsabkommen den ehemals „sowjetischen, slawischen Bruderstaat“ Ukraine aus der traditionell engen Verbindung mit Russland zu lösen. Dabei schrecken sie nicht davor zurück, einen Putsch gegen die missliebige, aber immerhin „demokratisch gewählte“ Janukowytsch-Regierung mit zu organisieren, um dann mit der nicht legitimierten „Übergangsregierung“ – unter Beteiligung von Faschisten! – das zuvor von der Regierung abgelehnte Assoziierungsabkommen doch noch durchzusetzen.

Für das nicht weniger imperialistisch orientierte Russland hat die NATO 1999 mit ihrem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien gezeigt, wie man nach dem „Ende der Geschichte“ einen multiethnischen Staat in diverse Einzelteile zerlegen kann.

Die Annexion der Krim durch Russland ist ähnlich verbrecherisch und völkerrechtswidrig wie der Krieg der NATO gegen Jugoslawien (und Afghanistan). Allerdings ist die eilig angesetzte Volksabstimmung und anschließende Einverleibung der Krim durch die Russische Föderation bisher nicht so blutig verlaufen wie der NATO-Krieg auf dem Balkan 1999, die Kriege im Irak, in Afghanistan oder die Drohnenkriege des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama in Pakistan und anderswo. Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit, immer und überall!

Der Aufschrei der Empörung über die russische Annexion der Krim bei den geopolitischen Konkurrenten Putins u.a. in Berlin, Brüssel und Berlin ist ein heuchlerisches Schmierentheater. Und die in der Regel einseitige Berichterstattung der meisten Medien aller am Konflikt beteiligten Länder ist haarsträubend und konfliktverschärfend.

Wir hoffen, dass wir dieser massiven Verdummungspolitik und Kriegspropaganda mit dieser GWR ein Stück Gegenöffentlichkeit und Aufklärung von unten entgegensetzen können. Das Thema wird von uns aus antimilitaristischer und libertärer Bewegungsperspektive beleuchtet, wobei wir eine Reisereporterin aus der Ukraine und AktivistInnen aus Russland und Deutschland zu Wort kommen lassen.

In dieser GWR werfen wir auch Blicke u.a. Richtung Türkei, Frankreich, Argentinien, Venezuela und Deutschland. Den uns vorliegenden, zeitlosen, in der GWR 387 schon angekündigten Diskussionsteil zum Thema „Computerspiele und Gewalt“ müssen wir aufgrund von Platzmangel wieder ebenso verschieben wie u.a. ein schon geführtes Interview mit Andreas Kemper. (1)

Antimilitaristische und li(e)bertäre Grüße,