Martin Baxmeyer

Amparo Poch y Gascón

Biographie und Erzählungen aus der spanischen Revolution

13,90

Leben und Werk der aus Zaragoza stammenden Amparo Poch y Gascón (1902-1968) sind ein eindrückliches Beispiel dafür, wie spannungsreich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der anarchistischen Bewegung Spaniens war.

Beschreibung

Martin Baxmeyer
Amparo Poch y Gascón
Biographie und Erzählungen aus der spanischen Revolution

152 Seiten, 13,90 Euro
ISBN: 978-3-939045-33-5

Leben und Werk der aus Zaragoza stammenden Amparo Poch y Gascón (1902-1968) sind ein eindrückliches Beispiel dafür, wie spannungsreich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der anarchistischen Bewegung Spaniens war. Pro-feministische und anti-feministische Strömungen standen sich im 19. Jahrhundert und noch bis in die Dreißigerjahre unvermittelt und konfliktgeladen gegenüber.

Amparo Poch war eine der drei Gründerinnen der anarchistischen Frauenorganisation Mujeres Libres während der spanischen Revolution und mit prägend für deren Politik. Sie kämpfte für die freie Liebe und gleichen Zugang für Frauen zum Arbeitsprozess. Als Ärztin leitete sie ein Feldlazarett vor Madrid, weigerte sich aber gleichzeitig, Gewalt in einer extrem gewalttätigen Situation zu legitimieren. Als Mitarbeiterin von Federica Montseny im Gesundheitsministerium organisierte sie die massenhafte Evakuierung von Kindern ins Ausland.

Die anarchistische Literatur vollzog in der spanischen Revolution einen „nationalistischen Schwenk“, den Amparo Poch nicht mitmachte. Sie schrieb weiterhin in ihrem herrschafts- und patriarchatskritischen sowie lebensbejahrenden Stil. Davon zeugen ihre ironisch-satirischen Erzählungen, die unter dem Titel Sanatorium des Optimismus in der anarchafeministischen Zeitschrift Mujeres Libres erschienen und im Anhang dieser Biographie erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Amparo Poch y Gascón. Politische Biographie

Kindheit, Jugend, Weg in den Anarchismus
„Geh‘ deine Teller spülen!“ Anti-feministische Strömungen innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens von 1868 bis 1939
Die vollständige Revolution. Pro-feministische Strömungen innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens von 1868 bis 1939
Die Gründung der anarchafeministischen Frauenorganisation Mujeres Libres [Freie Frauen]
Das politische Selbstverständnis der Mujeres Libres
Warten vor verschlossenen Türen: Die Mujeres Libres und das Movimiento Libertario Español (MLE) [Libertäre Bewegung Spaniens]
Ein Sturm im Blätterwald: Amparo Poch y Gascón und die Zeitschrift Mujeres Libres
Amparo Poch y Gascóns Aktivitäten während des spanischen Bürgerkriegs (1936-1939)
Kriegsende, Exil und letzte Lebensjahre
Was bleibt…

Anhang:
Erzählungen aus der spanischen Revolution

Sanatorium des Optimismus

Originalgeleitwort von 1938
Eröffnung und Triumphzug
Ein Patient: Der Eifersüchtige
Fürchterlicher Fehlschlag
Überwacht und staatlich geprüft
Überfromme kleine Festlichkeiten
Skizze für den Bau einer Fabrik für Serienhochzeiten
Oooooh! Genf
Ministeriale Miasmen
Das tapfere Geschlecht der „Genehmigung“

Bibliographie

Rezensionen

Arbeit – Bewegung – Geschichte
neues deutschland
Jungle World
Der Standard
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Amparo Poch y Gascón

In Spanien ist die Anarchistin, Ärztin, Literatin und Aktivistin Amparo Poch y Gascón (1902–1968) durch die intensive Forschung der letzten 15 Jahre einem interessierten Publikum bekannt geworden. Als „Mittler zwischen den Kulturen“ (S. 10) möchte Martin Baxmeyer dieses Wissen mit seinem Buch in den deutschsprachigen Raum tragen.

Baxmeyer, Literaturwissenschaftler und Hispanist, ist bereits in seiner Doktorarbeit „Das ewige Spanien der Anarchie: Die anarchistische Literatur des Bürgerkriegs (1936– 1939) und ihr Spanienbild“ (2012) auf die literarische Seite der Spanischen Revolution eingegangen. Im Unterschied dazu handelt es sich bei der nun vorliegenden Biografie nicht um eine neue Forschungsarbeit, sondern um eine Zusammenfassung der bereits auf Spanisch und Englisch erschienenen Studien, vor allem von Mary Nash, Martha Ackelsberg und Antonina Rodrigo, ergänzt um Baxmeyers Erstübersetzungen von Poch y Gascóns Erzählungen ins Deutsche.

Poch y Gascón war eine der drei Gründerinnen der anarchosyndikalistischen Frauengruppe „Mujeres Libres“ (Freie Frauen). Zusammen mit Lucía Sánchez Saornil und Mercedes Comaposada rief sie im April 1936 in Madrid die Gruppe ins Leben und publizierte die gleichnamige Zeitschrift. Damit wandten sie sich gegen die „ungebrochen männerdominierte […] Kultur innerhalb der anarchistischen Bewegung“ (S. 71), ohne sich jedoch selbst als Feministinnen zu bezeichnen – diese Fremdzuschreibung erfolgte erst in den 1970er-Jahren durch Historiker*innen und Aktivist*innen der Frauenbewegung. In Barcelona hatte sich bereits 1934 eine Frauengruppe innerhalb der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft „Confederación Nacional del Trabajo“ (CNT, Nationale Konföderation der Arbeit) gegründet, der „Grupo Cultural Femenino“ (Kulturelle Frauengruppe), in der vor allem jüngere Anarchistinnen wie Soledad Estorach Esterri (1915–1993) und Concha Liaño Gil (1916–2014) aktiv waren. Im Sommer 1936 erfuhren die Gruppen voneinander und schlossen sich unter dem Namen Mujeres Libres zusammen. Sie wollten die Frauen aus ihrer dreifachen Sklaverei befreien: als Arbeiterinnen von der kapitalistischen Ausbeutung, als Ehefrauen aus der Abhängigkeit von ihren Männern und durch vielfältige Bildungs- und Ausbildungsangebote aus der Sklaverei der Unwissenheit. Die Mujeres Libres teilten die anarchosyndikalistischen Überzeugungen der CNT, ergänzt um die Ansicht, dass die soziale Revolution nur mit dieser dreifachen Befreiung der Frauen vollendet werden könne. Sie forderten daher die Unterstützung der Männer bei ihrem Befreiungskampf ein.

Im Unterschied zu den meisten Mitgliedern der Mujeres Libres kam Poch y Gascón nicht aus der Arbeiterklasse, sondern aus einer konservativen Familie der Provinzmittelschicht Zaragozas, die ihr emanzipatorisches Engagement missbilligte. Bereits als Teenager hatte sie anarchistische Treffen besucht, anarchistische Zeitungen und Zeitschriften gelesen. Während ihres Medizinstudiums in Zaragoza – als eine von zwei Frauen ihres Jahrgangs unter 435 Männern – schrieb sie Gedichte und veröffentlichte regelmäßig Artikel in lokalen und regionalen Zeitschriften. Als Kinder- und Frauenärztin publizierte sie mehrere Aufklärungsbroschüren, um die Gesundheit der Arbeiterfamilien zu verbessern. Deren medizinisches Unwissen nannte sie die „Grundlage ungerechtfertigter Herrschaft“, eine „Machtressource“ (S. 28), was Baxmeyer als „bahnbrechend[e]“ Definition beurteilt (S. 113). Daneben betonte Poch y Gascón in allegorischen Erzählungen die „gesundheitsfördernde Wirkung der guten Laune“ (S. 23) – in der Zeitschrift „Mujeres Libres“ gab sie sich den Namen „Doktor Fröhliche Gesundheit“, die als Mitarbeiterin von „Doktor Gute Laune“ im „Sanatorium des Optimismus“ arbeitete. Poch y Gascón hatte ein „moderne[s], ganzheitliche[s] Verständnis von Krankheit, Therapie und Heilung“ (S. 93). Laut Baxmeyer sollten ihre Erzählungen dementsprechend wie Medizin wirken: „Die Phantasie, die gute Laune und vor allem das befreiende, wärmende Lachen werden in ihnen zu einem sehr realen Heilungsmittel“ (S. 92).

Anders als viele Genoss*innen blieb Poch y Gascón auch während des Spanischen Bürgerkriegs und der sozialen Revolution gewaltfreie Antimilitaristin und Kriegsgegnerin. Sie war seit Februar 1936 Präsidentin der „Spanischen Liga der Kriegsgegner“, der spanischen Sektion der „War Resisters International“ (WRI, Internationale der Kriegsgegner). Dennoch leitete sie während des Bürgerkriegs neben ihrer publizistischen Tätigkeit ein Feldlazarett in der Nähe von Madrid und schuf für das Gesundheitssyndikat der CNT Krankenstationen in Kriegsgebieten. Als die Anarchistin Federica Montseny Gesundheitsministerin wurde, berief sie Poch y Gascón zur Unterstaatssekretärin für Sozialfürsorge. In dieser Funktion war sie u. a. für die Evakuierung von Kindern ins Ausland zuständig. Außerdem leitete sie sogenannte Farm-Schulen in Barcelona, Flüchtlingsheime für Kinder mit einem progressiven pädagogischen Anspruch. Ab Dezember 1937 stand Poch y Gascón außerdem dem Schulungszentrum „Casal de la Dona Treballadora“ (Haus der Arbeiterin) der Mujeres Libres in Barcelona vor, dessen Angebote sich an erwachsenen Schüler*innen richteten, die sie genauso respektvoll und herzlich behandelte wie vorher die Kinder.

Über die Beziehung zwischen Poch y Gascón und ihrem eigenen Sohn hingegen schreibt Martin Baxmeyer nichts, er erwähnt ihn nur, ohne seinen Namen zu nennen. Da Poch y Gascón Ehe und Monogamie nicht nur theoretisch kritisierte, sondern auch praktisch freie Liebe lebte, ist nicht bekannt, ob ihr Ehemann Gil Comín-Gargallo der Vater des Sohnes war.

Martin Baxmeyer versteht es, die komplexen Zusammenhänge des Spanischen Bürgerkriegs, die rechtlich-politische Situation der spanischen Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts und die anarchistische Bewegung gut lesbar darzustellen. Seine Sprünge zwischen den Themen sind unterhaltsam, machen die Lektüre für Leser*innen, die sich noch nicht mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandergesetzt haben, aber durchaus anspruchsvoll. Doch auch sie können durch den spannenden Stil animiert werden, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Expert*innen des Spanischen Bürgerkriegs liefert der schmale Band eine zugespitzte Zusammenfassung der soziopolitischen Bedingungen, unter denen sich die anarchafeministische Gruppe Mujeres Libres gründete. Kenner*innen der Mujeres Libres finden eine zweite deutschsprachige Monografie zu den Mujeres Libres nach „Feministinnen in der Revolution“ von 2003 (1), die die Forschungserkenntnisse der letzten 15 Jahre vor allem zur Biografie Poch y Gascóns synthetisiert. Besonders hervorzuheben ist dabei Baxmeyers Intention, die „lebende[n] Menschen“ hinter der Organisation Mujeres Libres darzustellen (S. 12). Dies gelingt ihm sehr gut, lediglich die Beziehung Poch y Gascóns zu ihrem Sohn und die Frage, wo er war, während seine Mutter von morgens bis abends politisch aktiv war, bleibt offen – vielleicht aufgrund der schwierigen Quellenlage. Auch Baxmeyers Übersetzungen der Erzählungen im Anhang sind sehr gut lesbar und ein großes Verdienst. Nun können die feinsinnigen Texte der vielfach engagierten anarchafeministischen Aktivistin auch im deutschsprachigen Raum rezipiert werden.

(1) Siehe Vera Bianchi: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg, Münster 2003.

Vera Bianchi
erschienen in: Arbeit – Bewegung – Geschichte, Ausgabe 2019/I (Januar 2019)

Die Kümmerin

Martin Baxmeyer porträtierte die Anarchistin und Pazifistin Amparo Poch

Ihr Tod – sie war gerade mal 66 Jahre alt – fiel in jenes Jahr des Aufbruchs, in das Jahr 1968, in dem es aussah, als ob erneut einige der Ideale im Mittelpunkt des Aufbegehrens standen, für die sie so leidenschaftlich in der Zeit der 2. Spanischen Republik gekämpft hatte. Sie wäre gebraucht worden, sicher, und sie hätte ihr Stimme erhoben, hätte sich eingemischt. So wie eine andere bekannte Frau, die Argentinierin Mika Etchebéhère, ebenfalls Jahrgang 1902, die im Spanischen Bürgerkrieg eine Milizeinheit kommandierte und 1968 in Paris half, Barrikaden zu errichten. Das hätte Amparo Poch y Gascón als entschiedene Pazifistin vielleicht nicht getan, aber wie im Krieg wäre sie als Ärztin, Sozialreformerin, Pädagogin und Frauenrechtlerin tätig gewesen. Nun aber war sie durch die Schwierigkeiten der Emigration und durch einen unheilbaren Hirntumor geschwächt; ihr furchtbares Ende entsprach so gar nicht der Lust, mit der sie gelebt hatte.

Amparo Poch y Gascón, 1902 in Zaragoza als Tochter einer begüterten, stockkonservativen Familie geboren, trat schon früh in die Confederación Nacional de Trabajo (CNT), die große anarchosyndikalistische Gewerkschaft, ein und war außerdem Mitglied des Partido Sindicalista, 1938 wurde sie Nationalsekretärin der Solidaridad Internacional Antifascista, einem anarchistischen Pendant zum Internationalen Roten Kreuz. Aber am bedeutsamsten bei all ihrem sozialen, kulturellen, medizinischen und pädagogischen Engagement war wohl, dass sie im Frühjahr 1936 mit Mercedes Comaposada und Lucía Sánches Saornil die berühmte anarchofeministische Organisation »Mujeres Libres« gründete, die 1938 auf dem Höhepunkt ihres Wirkens 20 000 Mitglieder zählte und nach den der KP Spaniens nahestehenden Agrupaciones de Mujeres Antifascistas die größte Vereinigung von Frauen in dieser Zeit in Spanien war. Für die Notwenigkeit der »Mujeres Libres« gab es viele Gründe, die aus dem historischen Ringen um die Emanzipation der Frauen im auf diesem Gebiet elementar zurückgebliebenen Spanien resultierten, aber auch ein Reflex auf den anarchistischen Machismo, also die maskuline Dominanz in der anarchistischen Bewegung war. Es darf nicht vergessen werden, dass, anders als in den übrigen europäischen Ländern, der iberische Anarchismus eine Massenbewegung und die CNT die zweitgrößte Gewerkschaft Spaniens war. Der traditionelle Machismo in der anarchistischen Bewegung wurde noch verstärkt durch die anhaltende Rezeption der frauenfeindlichen Ideen Pierre-Joseph Proudhons, dessen »Pornokratie« jede weibliche Emanzipation als verwerflich und sittenwidrig denunzierte. Die Mujeres Libres lehnten wie schon ihre Vorläuferinnen den tradierten Feminismus als eine bürgerliche Bewegung ab, weil er sich nur auf die gehobenen Schichten orientiere, die Unterschiede der Geschlechter betone und auf eine lediglich formale Emanzipation ausgerichtet sei. Tatsächlich aber gehe es um die Gleichstellung der Geschlechter, um die gleiche Stellung in der Produktion und beim Zugang zu Bildung und Wissen. Martin Baxmeyer schreibt, dass das wichtigste Ziel der Mujeres Libres die Befreiung der Frau aus ihrer »dreifachen Versklavung« gewesen sei: Aus der Versklavung durch den kapitalistischen Arbeitsmarkt und die Lohnabhängigkeit, durch die Familien und Beziehungen, in denen die Männer bestimmen, und schließlich durch ihre Unwissenheit. Die erste Form könne, so die Überzeugung, durch die soziale Revolution gelöst werden, die anderen beiden durch die Frauenorganisation und durch die politische Arbeit.

Amparo war Pazifistin, Präsidentin der Liga der Kriegsgegner und lehnte Waffen und deren Gebrauch ab. Die Waffen, mit denen eine Revolution gemacht würde, könnten die gleichen sein, die genutzt werden, um die Errungenschaften der Revolution wieder zu beseitigen. Aber trotz des Pazifismus leitete sie ein Feldlazarett bei der Schlacht um Madrid. Sie kümmerte sich aber auch um Kinder, vor allem um Waisen als Opfer des Krieges. Für sie entwickelte sie die Farm-Schulen mit einem an der Natur orientierten Unterricht, in dem Ausbildung und Bildung in einem idealen Verhältnis zueinander standen.

Werner Abel
aus: neues deutschland, 9.10.2018

Frauen im Anarchismus

Geht es um den spanische Anarchismus, fällt stets der Name Buenaventura Durruti. Doch wer kennt Amparo Poch y Gascón? Martin Baxmeyer hat nun eine lesenwerte Biographie der 1968 in Frankreich verstorbenen Mitbegründerin der libertären Frauenorganisation Mujeres Libres verfasst, die auch deutlich macht, warum die Medizinerin und anarchistische Publizistin heute wenig bekannt ist. Baxmeyer schildert den Kampf, den selbstbewusste Frauen auszufechten hatten, um sich innerhalb der männerdominierten anarchistischen Bewegung zu behaupten, und beschreibt den Einfluss des militanten Antifeminismus des französischen Soziologen Pierre-Joseph Proudhon auf die Bewegung. Doch auch nach dem Zurückdrängen dieser Strömung mussten die Mujeres Libres um Anerkennung kämpfen. Die libertären Frauen lehnten den Feminismus als Bewegung wohlhabender Frauen aus dem Bürgertum ab.

Daher kritisiert Baxmeyer den Begriff Anarchofeminismus, mit dem die Mujeres Libres in den siebziger Jahren etikettiert wurden. »Keine der Aktivistinnen der dreißiger Jahre bezeichnete sich so«, betont der Autor. Kritisch geht er auch mit dem anarchistischen Mythos der bewaffnet kämpfenden Frau um. Auf den während der Spanischen Revolution verbreiteten Fotos seien Fotomodelle in Uniform abgebildet gewesen. Mit der Realität auch innerhalb der libertären Kolonnen, die gegen die Faschisten kämpften, habe das nur wenig zu tun gehabt.

Zu solchen Behauptungen hätte man sich mehr Belege gewünscht. Insgesamt aber gelingt Baxmeyer eine kritische Auseinandersetzung mit Mythos und Realität der libertären Bewegung. Poch y Gascón selbst sparte nicht mit Kritik. Davon zeugen einige im Buch dokumentierten Artikel der Publizistin. Dort spottete sie über die Bürokratie der Bewegung und die Gepflogenheit ihrer Genossen, Konflikte in ein eigens gegründetes Komitee abzuschieben.

Peter Nowak
erschienen in: Jungle World 39/2018, 27.9.2018

Der Standard

Aus Revolutionen lernen?

Inwiefern man von vergangenen Revolutionen etwas lernen kann? Ein drittes Buch in dem Kontext: Eine kleine Biografie sowie Texte von Amparo Poch y Gascon, einer spanischen Ärztin, die eine von drei Gründerinnen der Mujeres Libres war, einer autonomen anarchistischen Frauenorganisation im spanischen Bürgerkrieg. Aber auch hier gelang es mir nicht wirklich, außer einer generellen Inspiration und Bewunderung für weiblichen Mut und Entschlossenheit etwas „ins Heute“ zu holen. Lesenswert ist das Buch natürlich, denn das Projekt, unsere Imagination der Vergangenheit, mit der Erinnerung an Frauen und Aktivistinnen zu füllen, ist ja noch lange nicht abgeschlossen. Einer der dokumentierten Texte ist auch ein fieser Rant gegen den (bürgerlichen) Feminismus.

Antje Schrupp
erschienen auf: http://derstandard.at/2000077898401/Erfolgreiche-Revolutionen-sind-selten

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Mujeres Libres

Am Ende verzweifelt der Protagonist in Amparo Poch y Gascóns Erzählung. Er „faltete sich dreifach zusammen wie ein amtliches Schreiben und fiel bewußtlos zu Boden.“ Um ein Paar Socken in den Farben der Spanischen Republik zu kaufen, hatte der Doktor einen Prozess unzähliger Genehmigungsverfahren durchlaufen. Doch als er endlich am Ziel zu sein scheint, ist die begehrte Fußbekleidung bereits von Motten zerfressen.

Poch y Gascóns allegorische Erzählung erschien im Mai 1938, das Ende der Republik war vermutlich schon absehbar. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) hatten sich die republikanischen Kräfte neben den AnarchistInnen dem Putsch der Generäle um Francisco Franco entgegengestellt. In vielen Teilen Spaniens hatten die anarchistisch organisierten ArbeiterInnen dem Angriff der klerikalen und faschistischen Rechten sogar mit dem Beginn einer sozialen Revolution geantwortet. Teil der einflussreichen anarchistischen Bewegung war auch die Ärztin und Aktivistin Poch y Gascón (1902-1968), aus deren literarischem Schaffen nun erstmals Erzählungen auf Deutsch vorliegen.

Der Romanist Martin Baxmeyer hat die Geschichten von Poch y Gascón nicht nur übersetzt, sondern auch mit einer ausführlichen Biografie versehen. Sie nimmt den weitaus größeren Teil des Buches ein. Baxmeyer kontextualisiert darin nicht bloß die Literatur. Er erzählt die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau und schreibt dabei zugleich politische Ereignis- und Ideengeschichte. Anders als viele ihrer GenossInnen stammte Amparo Poch y Gascón aus bürgerlichen, nicht aus proletarischen Verhältnissen. Die Entscheidung, zu studieren, musste sie als Frau dennoch gegen die Familie und das ganze Milieu durchsetzen. Sie schließt sich der anarchistischen Bewegung an und wird 1937 zu einer der drei Mitbegründerinnen der Mujeres Libres (Freie Frauen), die Baxmeyer fast noch tiefstapelnd eine der „berühmtesten und einflussreichsten anarchafeministischen Organisationen der jüngeren Geschichte“ nennt.

Bereits die Anfeindungen, die sie als studierende Frau erfährt, sensibilisieren sie für das, was die Mujeres Libres später die „dreifache Versklavung“ der Frauen nennen: Die dreifache Unterdrückung bestand demnach erstens in der Ausbeutung als Arbeiterinnen, zweitens in der Unterwerfung unter patriarchale Normen in der Familie und drittens im Mangel an Bildung, der eine selbstbestimmte Entwicklung weithin unmöglich machte. Baxmeyer zeichnet das Bild einer Frau, die zuweilen sehr pragmatisch an der Abschaffung aller drei Missstände arbeitet. Der Pragmatismus bestand beispielsweise darin, dass die Vermittlung medizinischen Grundwissens etwa über Fragen der Verhütung als integraler Bestandteil politischer Bildung betrachtet und praktiziert wurde. Baxmeyer versteht es immer wieder, ohne dabei groß herum zu soziologisieren, auf die strukturellen Bedingungen zu verweisen, die das Besondere an der Arbeit von Poch y Gascón erst verständlich machen: Vor allem die alltäglich spürbare Macht der Katholischen Kirche, die Abtreibung, Studium und Kurzhaarschnitte für Frauen in den 1930er Jahren gleichermaßen undenkbar erscheinen ließen.

Aber nicht bloß die rechte Gegenwelt steht im Fokus der Soziobiografie. Es wird an vielen Stellen auch deutlich, wie schwer es Frauen wie Poch y Gascón und die Mujeres Libres innerhalb der eigenen Bewegung hatten. Baxmeyer zeichnet die pro- und die antifeministischen Strömungen innerhalb des zeitgenössischen Anarchismus bis ins 19. Jahrhundert zurück nach, auch in ihrer je eigenen Widersprüchlichkeit. Der anarchistische Antifeminismus stützte sich einerseits auf pseudobiologische Plumpheiten, die nur durch ihre vermeintliche Wissenschaftlichkeit in das rationalistische und ansonsten egalitäre Weltbild passten. Historisch lehnte sich diese Strömung an einen der „Gründerväter“ der Anarchie an, Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), dessen expliziten Frauenhass Baxmeyer zur Recht hervorhebt. Die profeministischen GenossInnen fanden ihren Ahnherren hingegen in Anselmo Lorenzo (1841-1914), den seinerzeit nicht weniger einflussreichen „Großvater des Spanischen Anarchismus“. Lorenzo hatte immer wieder betont, die Revolution könne nur vollständig sein, wenn sie auch die Befreiung der Frauen einschließe.

Wenn die Mujeres Libres sich auch als spezifische Frauenorganisation innerhalb der anarchistischen Bewegung formierten, verstanden sie sich doch nicht als Feministinnen. Auch der Begriff „Anarchafeminismus“ wurde erst im Zuge der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1970er Jahren geprägt. Im Spanien der 1930er Jahre galten Feministinnen als bürgerlich und viel zu sehr auf die bestehenden Verhältnisse ausgerichtet, als dass sie für eine weitgehend proletarische und vor allem libertäre Bewegung eine Bezugsgröße hätten sein können. Auch das erklärt Baxmeyer ausführlich. Und Poch y Gascón spottet in einer der Erzählungen über ein Treffen von Feministinnen mit seinem „ausgemachten Geschmack von Rückständigkeit und Engstirnigkeit“.

Nichtsdestotrotz betrieben die Mujeres Libres eine Politik, die letztlich auch feministische Bildungsarbeit war: Bildung als Werbung für die eigene Bewegung (captación) und Bildung als Ermächtigung für die Frauen selbst (capacitación). Poch y Gascón war dabei als Ärztin und Rednerin aktiv, schrieb für die Zeitschrift der Organisation und nebenher auch Literatur. Wie das alles zusammen ging – man kann nur staunen. Als die AnarchistInnen im November 1936 mit großem Murren an der Basis in die Regierung eintraten, wirkte Poch y Gascón als Staatssekretärin im Gesundheitsministerium der Anarchistin Federica Montseny (1905-1994) mit.

Und als ob das nicht genug an Spannung durch scheinbare oder echte Unvereinbarkeiten gewesen wäre, blieb Poch y Gascón auch inmitten des Bürgerkrieges ihrer gewaltfreien Grundhaltung treu. Sie war, wenn man so will, eine Anarchapazifistin. Poch y Gascón starb 1968 im Exil in Frankreich. Dass ihr Leben und Wirken nun auch für eine deutschsprachige LeserInnenschaft zugänglich ist, kann nur als Gewinn betrachtet werden.

Jens Kastner
erschienen in: iz3w, Ausgabe 367, Juli/August 2018