Beschreibung
Thom Holterman (Hg.)
Anarchistisches Recht
Quellen, Autonomie, Pluralismus, Föderalismus, Gerechtigkeit
128 Seiten | 14,90 Euro | ISBN 978-3-939045-60-1
Der Anarchismus bietet eine hervorragende Grundlage für eine prinzipielle Rechtskritik. Dies schließt jedoch nicht aus, dass auch eine andere Art des Denkens über Recht möglich ist. Die „positive Anarchie“ beinhaltet ein Gesellschaftsbild ohne unterdrückende Macht und stützt sich auf Ordnung, Dynamik, Rationalität sowie Mutualismus und Föderalismus. Dieses Konzept lässt sich mithilfe des Rechts näher ausarbeiten. Der Gedanke findet sich bereits bei Proudhon, Kropotkin und Bakunin, vor allem aber bei der niederländischen libertären Juristin Clara Meijer-Wichmann, die vor über einem Jahrhundert ihre Sichtweise zum Strafrecht entwickelte.
Der Herausgeber
Thom Holterman (geb. 1942) war Mitbegründer der Rotterdamer Provo-Gruppe „Nieuw Generatie“. Er arbeitete jahrelang als Karosseriebauer, bevor er Jura studierte und die Idee der Verbindung von Anarchismus und Recht entwickelte. Er promovierte mit der juristisch-anarchistischen Arbeit „Recht und politische Organisation“ (1986). Ein Vierteljahrhundert lang war er Dozent für Staats- und Verwaltungsrecht an der Erasmus-Universität Rotterdam; jahrelang war er Mitglied der Redaktion der anarchistischen Zeitschrift „de AS“ und ist bis heute Herausgeber des Internetmagazins für Kultur, Politik und Anarchismus „Libertaire orde“.
Rezensionen
Aus: Contraste, Juli/August 2026, Nr. 502/503
Anarchistisches Recht
Knapp 40 Jahre nach seiner Dissertation „Recht und politische Organisation“, in der er eine Konvergenztheorie für Anarchismus und Recht entwickelte, hat der ehemalige niederländische Provo-Aktivist und Herausgeber des Internetmagazins „Libertaire ordre“, Thom Holterman, einen Sammelband mit sieben Beiträgen aus mehreren Jahrzehnten Diskussion zum „Anarchistischen Recht“ zusammengestellt.
Es sind allesamt bereits veröffentlichte Beiträge, die für diesen Sammelband übersetzt und teilweise neu kontextualisiert wurden. Im deutschsprachigen Raum ist die Debatte um anarchistisches Recht bislang nur vereinzelt geführt worden bzw. häufig nur auf Basis einer sehr oberflächlichen Ablehnung von Recht, das dieses als reines Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument versteht.
Dieser verkürzte Blick auf das Recht ist, wie mehrere der Beiträge zeigen, nicht zielführend und sogar kontraproduktiv. Holterman zeigt wiederholt, dass es sinnvoll sein kann, die Konzepte des klassischen Anarchismus – von Proudhon über Bakunin bis Kropotkin – mit einem emanzipatorischen Konzept von Recht weiterzuentwickeln und sich auch mit der Frage von Recht und Rechtsprechung in einer anarchistischen Gesellschaft zu beschäftigen.
Zu jenem zentralen Stichwort schreibt der 1942 geborene und emeritierte Jura-Professor und Herausgeber im Vorwort: „Was ich hier als ,anarchistisches Recht‘ bezeichne, ist als Sammelbegriff zu verstehen. (…) ,Anarchistisch‘ bezieht sich sowohl ideologisch auf ,antikapitalistisch‘ als auch soziologisch/politisch auf ,ohne Zwang‘. Damit setzt dieses Adjektiv den Begriff ,Recht‘ in eine zukunftsorientierte ,Richtung‘, nämlich eine libertäre Gesellschaft.“ (S. 10).
Mehr als die Hälfte der Beiträge stammen von Holterman bzw. sind Gemeinschaftsbeiträge, an denen er als Koautor beteiligt war. Die anderen beiden Beiträge stammen von Pierre Bance und Alexander Atebekyan.
In den unterschiedlichen Beiträgen werden Fragen rund um das Verhältnis zwischen Herrschaft und Recht, das Recht im anarchistischen Kontext oder das Verhältnis von Recht und Staat sowie Ansätze einzelner Theoretiker, etwa des französischen Soziologen George Gurvitch, behandelt.
Der Band ist gut lesbar verfasst und kommt ohne Fachchinesisch und weitestgehend ohne Juradeutsch aus. Inhaltlich sind die Beiträge inspirierend, weil sie auf den ersten Blick ungewöhnliche Zugänge offenbaren. Sie zeigen aber auch, wie relevant für eine Weiterentwicklung (nicht nur) anarchistischer Theorie die ausdifferenzierte Auseinandersetzung mit dem Recht sein kann. Es ist damit ein wichtiger Beitrag zur anarchistischen Theoriebildung – mit vielen weiterführenden Referenzen und Anregungen für aktuelle Debatten und zukünftige theoretische Auseinandersetzungen.
Maurice Schuhmann