Gernot Jochheim

Antimilitarismus und Gewaltfreiheit

Die niederländische Diskussion in der internationalen anarchistischen und sozialistischen Bewegung 1890–1940

26,80

Erscheint im Mai 2021: Es ist das Verdienst von Gernot Jochheims historischem Standardwerk, die europäische Geschichte des gewaltfreien Antimilitarismus dem Vergessen zu entreißen. Es wird deutlich, welche maßgebliche Rolle dabei die anarchosyndikalistische, rätekommunistische und linkssozialistische Arbeiterbewegung zwischen 1890 und 1940 in den Niederlanden sowie tolstojanisch geprägte Formen individueller Verweigerung gespielt haben. Es wird der Frage nachgegangen, wie Clara Wichmann, Bart de Ligt, Henriette Roland Holst und ihre Zusammenhänge diese Aktionskonzepte im Kontext des Ersten Weltkriegs sowie der Bürgerkriege in Russland und Spanien weiterentwickelt haben.

Beschreibung

Gernot Jochheim

Antimilitarismus und Gewaltfreiheit
Die niederländische Diskussion in der internationalen anarchistischen und sozialistischen Bewegung 1890–1940

Herausgegeben von Wolfram Beyer

360 S.
ISBN 978-3-939045-44-1

26,80 Euro

Wurden sozialrevolutionäre Kampfmittel wie Massenstreiks, direkte gewaltfreie Aktion und ziviler Ungehorsam in Europa nur im Rahmen der Gandhi-Rezeption diskutiert? Es ist das Verdienst von Gernot Jochheims historischem Standardwerk, die europäische Geschichte des gewaltfreien Antimilitarismus dem Vergessen zu entreißen.

Welche Rolle spielten dabei die anarchosyndikalistische, rätekommunistische und linkssozialistische Arbeiterbewegung von 1890 bis 1940 in den Niederlanden sowie tolstojanisch geprägte Formen individueller Verweigerung? Wie haben Clara Wichmann, Bart de Ligt, Henriette Roland Holst und ihre Zusammenhänge diese Aktionskonzepte im Kontext des Ersten Weltkriegs sowie der Bürgerkriege in Russland und Spanien weiterentwickelt?

Die grundlegenden Diskussionen über gewaltfreie Revolution sowie sozialrevolutionäre Verteidigung  arbeitete Gernot Jochheim in seiner 1977 veröffentlichten, inzwischen vergriffenen Dissertation „Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und Soziale Verteidigung“ auf. Für die vorliegende populärwissenschaftliche Neufassung hat Herausgeber Wolfram Beyer die Studie umfassend überarbeitet, vereinfacht und im Anhang gekürzt.

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Einleitung
– Theorie und Geschichte der Gewaltfreiheit. Die gewaltfreie Fraktion im Antimilitarismus
– Gewaltfreiheit reduziert als Aktionstechnik
– Untersuchungsergebnisse – Zusammenfassung

Antimilitaristische und sozialistische Bewegung in den Niederlanden bis 1914, Beginn des Ersten Weltkriegs
– Wehrlosigkeit und Dienstverweigerung religiöser Sekten
– Politik und Anti-Kriegs-Propaganda in der sozialistischen Bewegung und der Arbeiterbewegung in den Niederlanden
– Ferdinand Domela Nieuwenhuis
– Theoretische Grundlagen antimilitaristischer Aktionen
– Frieden als staatliche Aufgabe im bürgerlichen Pazifismus

Antimilitarismus und Gewalt in der anarchistischen und sozialistischen Bewegung um 1900
– Wehrlosigkeit und Dienstverweigerung bei christlichen Anarchisten*innen – Tolstoi-Rezeption
– Vrede-Gruppe, Wehrlosigkeitsverständnis und sozialistischer Anspruch
– Kommune-Experiment der christlichen Anarchist*innen
– Die Kriegsdienstverweigerung

Direkte Aktionen und anarcho-syndikalistischer Antimilitarismus
– Anarchismus und Gewalt
– Antimilitarismus und Direkte Aktion
– Der niederländische anarchistische Antimilitarismus
– Die Kontroverse zwischen Karl Liebknecht und F. Domela Nieuwenhuis

Antimilitarismus und Klassenkampf im sozialdemokratischen Verständnis
– Henriette Roland Holst
– Frühe Tolstoi-Interpretationen
– Sozialistischer Antimilitarismus und proletarische Wehrhaftigkeit
– Gewaltkritik, Gewaltvorbehalt
– Joseph Dietzgen, sozialistischer Philosoph
– Die Spaltung der sozialdemokratischen Partei

Begründung der Gewaltlosigkeit während des Ersten Weltkriegs
– Die pazifistisch-antimilitaristische Bewegung der Niederlande
– Krieg und Verteidigung
– Bedeutung der „neuen“ Wehrhaftigkeit
– Henriette Roland Holst, Korrekturen im sozialdemokratischen Wehrprogramm
– Die christlichen Sozialist*innen
– Manifest der Kriegsdienstverweigerung (1915)
– „Geistige Streitbarkeit“ und aktive Gewaltlosigkeit
– Bart de Ligt und „Geistige Streitbarkeit“
– Die proletarische Revolution (1917) – Gewalt und Gewaltlosigkeit
– Gewaltkritik – Clara Wichmann
– Kritik der Gewalt im Klassenkampf – Henriette Roland Holst
– Bart de Ligt, Antwort auf H. Roland Holst
– Weltkrieg, Revolution und die Aufgabe der Intellektuellen
– Bund der Revolutionär-Sozialistischen Intellektuellen
– Clara Wichmann – Gewaltkritik und Gewaltlosigkeit

Antimilitarismus und Gewaltfreie Aktion Ende der 1920er-Jahre und die pazifistisch-antimilitaristische Bewegung in den Niederlanden
– Bürgerliche Organisationen der Friedenssicherung
– Anarcho-Syndikalistischer Antimilitarismus
– War Resisters’ International – 1921
– Bund religiöser Anarcho-Kommunist*innen
– Die Bewegung der Kriegsdienstverweigerung
– Der Jongeren-Antimilitarismus
– Kerk en Vrede die religiöse Friedensbewegung
– Zur politischen Situation
– Antimilitarismus der Tat
– Anarchistischer Antimilitarismus und antikolonialer Kampf
– Gewaltlosigkeit konkret
– Soziale Revolution – Pierre Ramus
– Gewaltlosigkeit – Bart de Ligt
– Manifest zum Ruhrkampf 1923
– Klassenkampf und Gewaltlosigkeit

Antimilitaristische Aktionstheorie – konkrete Entwicklungen
– Verantwortliches Produzieren
– Kriegsdienste verweigern: militärische, industrielle, soziale Verweigerung
– Aktive Anpassung als revolutionärer Faktor
– Kampfplan gegen Krieg und Kriegsvorbereitung – Bart de Ligt
– Gewaltlosigkeit und revolutionärer Antimilitarismus in der anarcho-syndikalistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation, IAA
– Die Kontroverse in der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit
– Die Kontroverse zwischen Bart de Ligt und Mahatma Gandhi
– Sozialismus und Gewaltlosigkeit – Henriette Roland Holst
– Kommunistische Moral
– Was ist Sozialismus?
– Neue Bewertung der Lehre von Leo Tolstoi
– Die Rolle der Gewaltlosigkeit in der sozialistischen Praxis

Die Friedensbewegung in den Niederlanden in den 1930er-Jahren
– Probleme der nationalen Abrüstung
– Krise der Friedensbewegung
– Aufstände der Arbeiter*innen in Wien und Amsterdam 1934
– Die „Freunde Indiens“
– Gewaltfreiheit im Neuen Pazifismus

Spanische Revolution 1936-1939. Krieg, Antimilitarismus und die Verteidigung der Revolution
– Kontroverse Bart de Ligt und Albert de Jong
– Anarchistische Begründung der gewaltfreien Position
– Die Spaltung der anarcho-syndikalististischen Bewegung

Pazifistische Volksverteidigung
– Antimilitaristisches Selbstverständnis
– Jongeren Vredes Actie – Gewaltfreie Aktionspraxis und Aktionsverständnis
– Die Idee der Pazifistischen Volksverteidigung

Gewaltloser Sozialismus
– Verantwortliche Volksverteidigung bei der Fundament-Gruppe
– Neue Formen des Kampfes
– Die Idee der „verantwortlichen Volksverteidigung“
– Fundament-Gruppe zur Verteidigung der Sowjetunion

Das Konzept der Pazifistischen Volksverteidigung im kritischen Diskurs

Krieg und Widerstand – 1939
– Der Funke – De Vonk-Gruppe

Literatur
Eine Auswahl
Autor und Herausgeber

Vorwort

Dieses Buch gehört zu den Standardwerken der Theorie-Geschichte der Gewaltfreiheit und des Antimilitarismus. Der Autor Gernot Jochheim verfasste den Text als Dissertation an der Freien Universität Berlin mit dem Titel: Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und Soziale Verteidigung. Zur Entwicklung der Gewaltfreiheitstheorie in der europäischen antimilitaristischen und sozialistischen Bewegung 1890–1940, unter besonderer Berücksichtigung der Niederlande. Zuerst wurde diese wissenschaftliche Arbeit publiziert im Verlag Haag+Herchen Frankfurt / Main 1977.

Aktuell ist diese historische Studie:

  • für Sozialist*innen, die Kriege verhindern wollen
  • für gewaltfreie Pazifist*innen und Antimilitarist*innen
  • für gewaltfreie Christ*innen und religiöse Pazifist*innen
  • für alle Anarchist*innen und Anarcho-Syndikalist*innen

zur Kenntnis ihrer eigenen Geschichte

Die Arbeiter*innen-Bewegung in Europa, insbesondere der Niederlande in der Zeit vor und nach dem Erster Weltkrieg steht im Mittelpunkt des Buches.

Antimilitarismus wird häufig mit der Person Karl Liebknecht (1871-1919) und mit seiner Kernaussage in Verbindung gebracht, nämlich: „Der sozialdemokratische Antimilitarismus führt den Kampf gegen den Militarismus als Kampf gegen eine Funktion des Kapitalismus, in Erkenntnis und unter Anwendung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsgesetze.“ (Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band 1 Berlin 1983, S. 432/S. 443 f.)

Liebknecht befürwortete ausdrücklich militärische Formen des Klassenkampfes und kritisierte ablehnend die Kriegsdienstverweigerung. Militär und Krieg sind – damals wie heute – bei Sozialdemokrat*innen und Sozialist*innen eine politische Option. In der Realpolitik entwickelte diese Politikorientierung selbst auch Formen von Militarismus. Der Nationalismus in vielen Ländern Europas vor dem Ersten Weltkrieg führte zum „Brudermord“ der Arbeiter als Soldaten im nationalen Kriegsdienst ihrer jeweiligen Staaten.

Daneben gab es vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) eine bedeutende Debatte in der internationalen Arbeiterbewegung, die in ihren grundsätzlichen Aspekten auch heute Aktualität hat. Militär und Krieg kann niemals die Sache der arbeitenden Bevölkerung sein und ist keine Grundlage für einen Sozialismus.

Allerdings dominierten in der Geschichtsschreibung, in der Theoriegeschichte zum Antimilitarismus die Personen und Theorien, die sich auf K. Liebknecht und W. I. Lenin (1870-1924) beziehen. Für sozialdemokratische und sozialistische Historiker*innen waren Personen, Gruppen und Organisationen in der Arbeiterbewegung suspekt, die einen gewaltlosen, revolutionären, nicht-parlamentarischen Klassenkampf propagierten. Damit wurde in der Geschichtsschreibung die Gewaltlosigkeit als Spezifikum des Klassenkampfes nicht reflektiert.

Gernot Jochheim resümiert erstmals und das macht die Bedeutung seiner Arbeit aus, dass schon bei einer rein quantitativen Betrachtungsweise der geringe Anteil der gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Geschichte der Arbeiterbewegung auffällt. In der Arbeiterbewegung, bei den Gewerkschaften, waren gewaltlose Aktionsformen die Regel. Zu den Formen des politischen Kampfes bemerkte der holländische libertäre Sozialist und spätere Anarchist Domela Nieuwenhuis (1846-1919), dass die Sozialdemokratie keine radikale Position im Antimilitarismus einnehmen könne, da sie die Macht im Staat anstrebe und daher auf das Militär als staatliches Machtmittel zur Herrschaftssicherung angewiesen bleibe.

Dagegen positionierte sich D. Nieuwenhuis 1915 als Mitunterzeichner eines Aufrufs zur Kriegsdienstverweigerung: „Wir erklären öffentlich, dass wir uns mit ganzer Seele gegen alles kehren, was zum Militarismus gehört, auch gegen ein sogenanntes Volksheer. Sofern man uns je als zu einer bewaffneten Landesverteidigung verpflichtet ansehen sollte, hoffen wir die Kraft zu besitzen, um jede unmittelbare persönliche Teilnahme zu verweigern, die Kraft, uns lieber der Gefängnisstrafe zu unterziehen, ja selbst erschießen zu lassen, als an unserem Gewissen, unserer Überzeugung oder an dem, was wir als das höchste Gesetz allgemeiner Menschlichkeit anerkannt haben, Verrat zu üben. (…) Die persönliche Dienstverweigerung hat großen sittlichen Wert und trägt dazu bei, dass wir zu einer Dienstverweigerung der Massen gelangen.“ (Kobler 1928, S. 208)

Nach dem Scheitern des „realen Sozialismus“ 1989 (u.a. Sowjetunion, DDR), ist Jochheims historische Analyse eine Grundlage für heutige sozialistische, gegen den Kapitalismus gerichtete Gesellschaftsmodelle, insbesondere die von Anarchist*innen formulierten antikapitalistischen Konzepte und gewaltfreien Handlungsvorschläge.

In heutigen Basisgewerkschaften, den syndikalistischen und den unionistischen Organisationen, der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) und der Industrial Workers of the World (IWW) finden wir historische Wurzeln der gewaltfreien direkten Aktion gegen Kapitalismus und Militarismus.

Daneben stehen ferner die religiösen Strömungen im Anarchismus und Sozialismus, jenseits von staatlicher Orientierung. Leo Tolstoi und Mahatma Gandhi sind hier Referenznamen für eine Gewaltfreie Revolution.

Heute sind zwei internationale pazifistisch-antimilitaristische Organisationen mit ihren Mitgliedsorganisationen in vielen Ländern aktiv. Die gemeinsamen historischen Wurzeln werden von Gernot Jochheim in diesem Buch beschrieben. Es sind der Internationale Versöhnungsbund, gegründet 1914 (International Fellowship of Reconciliation, IFOR), und die 1921 gegründete War Resisters’ International (WRI). Seit über 100 Jahren gibt es bis heute eine international aktive und organisatorische Kontinuität der gewaltfreien Aktion, des gewaltfreien Widerstandes, der Verweigerung von Kriegsdiensten und der Sozialen Revolution für eine gewaltfreie herrschaftslose Gesellschaft. In dieser historischen Tradition stehen auch der Verlag und die Zeitung Graswurzelrevolution.

Wolfram Beyer (Herausgeber)

Autor / Herausgeber

Gernot Jochheim, (*1942), hat in Köln und Berlin studiert: Germanistik, Geschichte, Politologie, Publizistik, Kunstgeschichte, Volkswirtschaftslehre, Pädagogik. Er hat seine Studien abgeschlossen mit dem Diplom in Politologie, dem Staatsexamen und der Promotion zum Dr. phil. mit der Thematik des vorliegenden Buches.

Die Theorie, Praxis und Sozialgeschichte der Gewaltfreiheit waren in verschiedenen thematischen Arbeitsphasen von Gernot Jochheim Gegenstände seines – anhaltenden – Engagements. Ab Oktober 1969 war er für drei Jahrzehnte Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift Gewaltfreie Aktion. Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit. Seit über vier Jahrzehnten ist er Mitglied im Versöhnungsbund (deutscher Zweig).

Mit seinen Forschungen und Publikationen zur Theorie und Praxis der gewaltfreien Konfliktaustragung hat er den Arbeitsbereich Friedensforschung an der FU Berlin mitgestaltet. Seine Publikationen zu den gewaltlosen Protesten gegen die Deportation von jüdischen Internierten in der Berliner Rosenstraße im Februar/März 1943 haben die Aufmerksamkeit auf ein durch die traditionelle historische Forschung unbeachtetes Widerstandsgeschehen gelenkt. Mit seinem Buch Länger leben als die Gewalt. Der Zivilismus als Idee und Aktion (1986) hat er den von Egbert Jahn 1970 in die Diskussion gebrachten Begriff zu vertiefen gesucht. Zudem schrieb er Jugendbücher zur Geschichte der gewaltfreien Konfliktaustragung.

Über drei Jahrzehnte war Jochheim als Lehrer an einer Haupt- und Realschule in der Berliner Gropiusstadt sowie einige Jahre am Pädagogischen Zentrum Berlin tätig. Dabei lagen Schwerpunkte seiner Arbeit auf der Unterstützung von Lernenden und Lehrenden bei der Praktizierung gewaltfreier Konfliktbearbeitung und Konfliktaustragung sowie bei der Entwicklung von Erinnerungskultur in der Schule.

Wolfram Beyer (*1954) studierte Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 1978 ist er aktives Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner*innen (IDK e. V.), Sektion der War Resisters’ International (WRI) und seitdem  auch mit der Zeitung Graswurzelrevolution verbunden.

Leseprobe

Die Rolle der Gewaltlosigkeit in der sozialistischen Praxis

Henriette Roland Holsts Referat von 1930

Am 10. Februar 1930 fand in Haarlem ein Studienwochenende der Jongeren Vredes Actie (JVA, Jugendliche Friedensaktion) statt. Das Thema lautete Gewalt und Gewaltlosigkeit im Kampf für den Sozialismus. Referenten waren der Sozialdemokrat Johan Valkhoff mit dem Thema Marxismus, Gewalt und Klassenkampf und Henriette Roland Holst. Sie referierte unter dem Thema Ist Gewalt im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft abzulehnen? Über die Beweggründe, die zu dieser Konferenz und den Einladungen führten, ist heute Konkretes nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Wie es scheint, entsprangen sie den Bedürfnissen einiger maßgeblicher Mitglieder der JVA. Für Henriette Roland Holst waren diese Kontakte mehr als zufällig. Ihre politische Ansprache richtete sich zunehmend an die Jugend, weil diejenigen den Sieg davontragen würden, die die Jugend für sich gewinnen würden.

Erfahrungen der Russischen Revolution

Dieses Datum ihres Kontaktes mit der JVA hat für den geistigen Weg von Henriette Roland Holst insofern Bedeutung, als dass zu dieser Zeit die Herausbildung eines neuen Verständnisses von Sozialismus als theoretisches Problem abgeschlossen war und nun eine Phase einsetzte, in der sie sich stärker mit Fragen der Umsetzung des neuen Sozialismus auseinandersetzte. Welche Handlungsmuster, welche Aktionsformen waren dem neuen Sozialismus adäquat? H. Roland Holst verfolgt bei der Antwort auf diese Fragen einen deutlichen lerntheoretischen Ansatz, den sie zunächst bei einer erneuten Kritik der Gewalt beim Aufbau des Sozialismus anlegt.

Die Wirkungen von Gewalt leitet sie dabei anhand der Erfahrungen der Russischen Revolution ab, wobei sie bewusst die Fragen außer Acht lassen will, ob diese Gewaltanwendungen notwendig waren oder nicht.

„Sie (die sozialistische Bewegung, d.V.) hat zum ersten Mal in der Geschichte die Erfahrung gemacht, wie Gewalt in den Händen einer siegreichen Arbeiterklasse, systematisch und über einen langen Zeitraum hin angewendet, wirkt, welche Wirkungen die Gewaltanwendung in den verschiedensten Hinsichten hat.“

H. Roland Holst unterscheidet drei Wirkungsebenen, die der Betroffenen, die der Anwendenden und die der breiten Massen. Im ersten Fall erscheinen ihr die Chancen, dass Menschen, denen man mit Gewalt begegnet, sich für neue Produktions- und Lebensformen gewinnen lassen, äußerst gering. Aus diesem Umstand erklärt sie die Verbitterung gegenüber und die Entfremdung von der Revolution. Bei denen, die Gewalt anwenden, sieht sie die

Gefahr des Zugzwangs, immer wieder von Neuem die Notwendigkeit von Gewaltanwendung herausstellen zu müssen und auch neue Situationen in diesem Sinne zu interpretieren. Allein die Annahme von Gewalt schränkt die Handlungsmöglichkeiten und das Offensein für Alternativen ein. Die Gewaltanwendung tötet schließlich nicht nur das körperliche Leben, sondern bei den Massen auch das geistige und seelische, die Voraussetzung einer jeden Revolution. Jede Anwendung von Gewalt wird zur Gewohnheit und schafft sich die Voraussetzungen ihrer Anwendung immer wieder selbst.

Weder „Hypnose der Legalität“ noch „Hypnose der Gewalt“

Als Beispiel für mangelndes alternatives Bewusstsein führt H. Roland Holst an anderer Stelle die Vernachlässigung der Massenstreikidee an. Es gibt in den 1920er-Jahren nur noch zwei Beispiele für Massenstreiks, den Streik gegen den Kapp-Putsch 1920 und den Bergarbeiterstreik 1926 in England. Zwar gesteht sie um 1930 herum zu, dass auch die ökonomische Krise die Möglichkeiten des Massenstreiks beeinträchtigt. Aber die Hauptursache dafür, dass der Streik, wie sie in Anlehnung an Rosa Luxemburg formuliert, nicht mehr als Bewegungsform der proletarischen Revolution begriffen wird, liegt ebenso in der Hypnose der Legalität auf Seiten der Sozialdemokratie begründet wie in der Hypnose der Gewalt bei den Bolschewist*innen.

„Solange von den zwei großen Flügeln der Bewegung der eine mehr oder weniger befangen ist durch die parlamentarischen, gesetzlichen Kampfformen und der andere durch gewaltsame, kann man seine Kraft nicht wirklich, geistig und organisatorisch, auf den Streik in seinen verschiedenen Formen konzentrieren.“

Henriette Roland Holst gesteht zu, dass im Befreiungskampf der Arbeiterklasse gewisse Formen von Gewalt unvermeidlich sein mögen, aber diese Einschätzung könne nicht ausschlaggebend für die Strategie sein: „Es ist viel besser anzunehmen, dass jegliche Gewalt vermieden werden kann, und darauf die Taktik einzustellen, als von vorneherein anzunehmen: In der folgenden Revolution wird in jedem Fall Gewalt gebraucht werden müssen. Denn wenn wir das annehmen, dann richten wir uns auch darauf ein, dann orientieren wir uns danach.“

Ihre Forderung begründet sie mit einem Argument aus dem Zusammenhang der Ziel-Mittel-Relation: „Was wir uns vergegenwärtigen müssen, ist dies, dass die Zukunft durch das Heute bestimmt wird. Wie die folgende Revolution sein wird, welche Formen sie annehmen wird, welche Ergebnisse sie haben wird, das wird jetzt bestimmt und das hängt von uns ab, von dem, was wir hier heute beschließen. Und von dem, was wir morgen tun werden.“

Aber was zukünftig getan wird, will sie nicht durch irgendwelche Umstände bestimmt sein lassen, denn:

„Die ‚Umstände‘ können uns nicht ein Mittel aufzwingen, wenn wir es nicht gebrauchen wollen.“ Allerdings steht der Vermeidung von Gewalt insbesondere der Umstand entgegen, dass deren Anwendung viel leichter ist als gewaltlose Aktivität. In deutlicher Analogie zum Begriff der gewaltlosen Aktivität formuliert Henriette Roland Holst als neue Kampfmethode den Terminus des „sozialistischen Aktivismus“, der jenseits vom Glauben an Putsche und Gewalt, aber auch jenseits der Überschätzung des Parlamentarismus, des Stimmzettels und des Völkerbundes angesiedelt ist.

Zwei Elemente des „Sozialistischen Aktivismus“

Der sozialistische Aktivismus hat zwei Elemente, das des äußeren Kampfes und das der gesellschaftlichen Umgestaltung im engeren Sinn. (…) In Zeiten stärkerer gesellschaftlicher Bewegungen, im Falle von Gefahren für die die Bevölkerung, wenn Rechte und Freiheiten eingeschränkt zu werden drohen, sind andere Aktionen anzuwenden: „Der Boykott, der Streik, das Errichten neuer Organe, die sich den alten entgegenstellen, wie Arbeiterräte.“

Ihre These, die Sache des Sozialismus könne nur gewinnen, wenn sie vom Glanz des Ziels durchzogen sei, fundiert sie dann mit der Einführung der Idee des formgebenden Sozialismus, was – in neuerem Vokabular – Rolleninnovation, das Entwickeln gesellschaftlicher Einrichtungen mit sozialistischem Zuschnitt, meint. H. Roland Holst umschreibt den Begriff als den Weg der sozialistischen Lebensbildung, als das Ausfüllen des Lebens im sozialistischen Sinn und nennt als beispielhafte Aktionen das Errichten von Konsumgenossenschaften, von Gemeinschaftseinrichtungen, von Bildungseinrichtungen und neuen Formen der Erziehung. Formgebender Sozialismus heißt Transformation des Lebensstils.

Mit der Idee des sozialistischen Aktivismus von H. Roland Holst treffen wir auf ein erstes Konzept einer gewaltlosen sozialistischen Gesellschaftsveränderung. Aufschlussreich erscheint schließlich noch die Bibliographie, die sie dem Vortrag anfügt. Neben ihren eigenen Schriften verweist sie auf Leo Tolstoi, auf Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ (1911), auf Leonhard Ragaz’ „Sozialismus und Gewalt“ (1916/17), auf J. Ramsay McDonalds „Parliament and Revolution“ (1919), auf Clara Meyer-Wichmanns „Mens en Maatschappij“ („Mensch und Gesellschaft“, 1922), auf das Buch „Die sittliche Idee des Klassenkampfes“ (1926) von Eduard Heimann, auf Hendrik de Mans „De Psychologie v.h. Socialisme“ (1927), auf den von Franz Kobler herausgegebenen Sammelband „Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch des aktiven Pazifismus“, im Auftrag der War Resisters’ International (WRI) (1928), auf Gandhis Autobiographie „My experiments with truth“ (1927/29), auf Paul Tillichs 1930 erschienenes Buch „Religiöse Verwirklichung“ und schließlich auf Arthur Teilers „Das Experiment des Bolschewismus“ aus dem Jahre 1930.

Zwei Missverständnissen im Zusammenhang mit der gewaltlosen Gesellschaftsveränderung tritt H. Roland Holst in der Folgezeit immer wieder entgegen. Zum einen der Auffassung, Gewaltlosigkeit sei eine passive Haltung, sowie der damit verbundenen Meinung, Gewaltlosigkeit sei eine Besonderheit des asiatischen Kulturkreises. Sie tut das in sehr differenzierender Weise, wie ihr Vorwort zu einem 1931 erschienenen Buch von Vira Raghu, „Uit de praktijk der geweldloosheid“ („Von der Praxis der Gewaltlosigkeit“) zeigt. Hier diskutiert sie die Frage nach der Bedeutung der Kampfesweise des zivilen Ungehorsams in Indien für den sozialistischen Kampf in Europa. Im zivilen Ungehorsam sieht sie einen möglichen Bestandteil des Kampfes für die neue sozialistische Gesellschaft, den sie hier noch einmal charakterisiert:

„Nötig ist ein allgemeiner Widerstand der arbeitenden Massen (Arbeitern, Bauern, neuer Mittelstand) gegen den imperialistischen Kapitalismus (Geld-, Kolonial-, Großindustrie-, Transportkapital). Ein scharfer unversöhnlicher Widerstand ist notwendig; eine angreifende, keine verteidigende Aktivität – so wie sie die Sozialdemokratie verkörpert. Eine nichtgewalttätige Aktivität – keine gewaltsame wie bei den Kommunisten. Auch eine aufbauende, nicht nur eine zerstörende wie der Generalstreik der Syndikalisten. Eine Aktivität, die sich ihrer Mittel aus der Sphäre des sozialistischen Endziels bedient.“

Das Verdienst des Syndikalismus

Den Syndikalist*innen billigt sie an anderer Stelle übrigens zu, dass sie mit der Idee des Generalstreiks, der westlichen Form des Non-Kooperations-Gedankens, zum ersten Mal die Perspektive des revolutionären Kampfes von der blutigen Gewalt gelöst hatten, wobei sie, was zulässig erscheint, den Einfluss von Georg Sorel recht niedrig ansetzt. Die Gleichsetzung von Gewaltlosem mit passivem Widerstand rührt nach Meinung von H. Roland Holst von der typisch westlichen Geisteshaltung her, Tatkraft mit Aggressivität zu identifizieren. (…) Durch den zivilen Ungehorsam in Indien sieht H. Roland Holst ihre Auffassung bestätigt, dass die wirksame gesellschaftliche Kraft die Idee ist, von der die Taktik als Folge abgeleitet wird.

Ihr Verständnis von gesellschaftlichen kausalen Mechanismen belegt sie an diesem Beispiel erneut. Kausalität ist nicht eine absolute, sondern eine „sich beziehende Kategorie“, insoweit nämlich „alle Teile eines sozialpsychologischen Ganzen in einem Verhältnis von wiederkehrenden funktionalen Abhängigkeiten stehen“. So wirkt auch die „Kampfesweise ebenso auf das Prinzip (…) wie das Prinzip auf die Kampfesweise“.

Den praktischen Ansatz für die neue Kampfesweise sieht sie in Europa in der Kriegsdienstverweigerung begründet, die theoretisch mittlerweile weiterentwickelt werde zur Arbeitsverweigerung.

„Sie könnte sich sowohl gegen die Ausbeutung in ihren verschiedenen Formen richten wie gegen die Unterdrückung der Gedanken, gegen Kolonialpolitik und Kriegsgefahr.“

Der umfassende Anspruch von H. Roland Holst zeigt sich hier durch die wirklichen Verhältnisse reduziert auf das Anknüpfen an die gegebenen antimilitaristischen Traditionen. Das erscheint nicht zufällig. Das antimilitaristische Lager wurde seit dem Beginn der 1930er-Jahre sinnfällig zu der alleinigen wirklichen oppositionellen Kraft gegen Imperialismus, Militarismus und Faschismus, die selbstverständlich vielfältig aufeinander bezogen waren. Für die holländische Sozialistin wurde es zum Ziel, den Kampf um die Umbildung der Gesellschaft im sozialistischen Sinn zu verbinden mit dem Kampf um den Frieden. All jene Aktionsformen, die Henriette Roland Holst 1930 in ihrem Konzept sozialistischer Gesellschaftstransformation aufzeigt, sind für sie wenige Jahre später die angemessenen Mittel im Kampf gegen den Faschismus. Insbesondere von einer sinnvollen Kombination von Streiks, Arbeitsverweigerung und Boykott verspricht sie sich eine erfolgreiche Abwehr faschistischer Tendenzen.

Aber nicht nur das. Diese Aktionsmittel seien auch geeignet in der Auseinandersetzung mit reaktionären Regierungen und fremden Mächten, die ein Land überwältigen.