Dennis de Lange

Die Revolution bist Du!

Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden

16,90

Die niederländischen TolstojanerInnen, die sich selbst „Christen-Anarchisten“ nannten, bildeten ein ausgedehntes Netzwerk, dessen Mitglieder sich auf verschiedenen Gebieten betätigten. Sie kämpften gewaltfrei gegen Militarismus und Ausbeutung, aber auch gegen Alkohol, Rauchen und Tierversuche und traten für den Vegetarismus und die freie Ehe, aber gegen ungezügelten sexuellen Genuss ein.

Beschreibung

Dennis de Lange
Die Revolution bist Du!
Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden
Herausgegeben, kommentiert und aus dem Niederländischen übersetzt von Renate Brucker

177 Seiten, 24 Abb., 16,90 Euro
ISBN 978-3-939045-27-4

Die niederländischen TolstojanerInnen, die sich selbst „Christen-Anarchisten“ nannten, bildeten ein ausgedehntes Netzwerk, dessen Mitglieder sich auf verschiedenen Gebieten betätigten. Sie kämpften gewaltfrei gegen Militarismus und Ausbeutung, aber auch gegen Alkohol, Rauchen und Tierversuche und traten für den Vegetarismus und die freie Ehe, aber gegen ungezügelten sexuellen Genuss ein. Sie lehnten Staat und Kapitalismus ab, widersetzten sich aber gleichzeitig dem Parteisozialismus. Praktisch umgesetzt haben sie ihre Ideen in Vorformen sozial-kultureller Stadtteilarbeit in Amsterdam und in Siedlungen wie der Kolonie der Internationalen Bruderschaft sowie in der Humanitären Schule in Blaricum. Dies alles waren Aspekte des Strebens nach einem besseren Menschen und einer besseren Welt. Der anarchistische Aspekt wird u. a. in der auf die individuelle Veränderung ausgerichteten Strategie deutlich, die nicht auf gesetzliche Regelungen oder „Lobbyarbeit“ abzielte, aber auch in direkten Handlungen der Verweigerung.

Dennis de Langes Studie ist die erste, welche die TolstojanerInnen als soziale Bewegung in den Niederlanden beschreibt. Sie stellt die wichtigsten Protagonisten vor, diskutiert deren Visionen und Kämpfe und behandelt umfassend all die unterschiedlichen Aspekte, Phasen und Projekte dieser Bewegung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur deutschen Ausgabe
1. Einleitung
2. Der Modernismus und die soziale Frage
3. Die TolstojanerInnen in den Niederlanden
4. Die Entstehung der „Vrede“-Bewegung
5. Die Internationale Bruderschaft und die Kolonie in Blaricum
6. Die TolstojanerInnen und die humanitäre Bewegung
7. Der Tolstojanismus nach Blaricum
8. Analyse und Schlussfolgerungen
9. Anhang: Das Kriegsdienstverweigerungsmanifest (1915)
10. Übersicht über das ausgewertete Material

Vorwort

Vorwort zur deutschen Ausgabe

„Es gibt wohl viele Tolstoianer, im Grunde ist ein jeder Mensch ein wenig Tolstoianer. Aber es gibt keine Tolstoi-Religion, er hat keine Gemeinde um sich versammelt, wie es hundert kleine Prediger oder Schriftsteller oder Nervenärzte zu tun verstehen. Dafür war er viel zu aufrichtig, viel zu wenig um Erfolg bekümmert.“ (1)

Leo Tolstoj (1828-1910) war im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert – also in der Periode der Entstehung der „klassischen“ anarchistischen Bewegung – der Begründer einer spezifischen Strömung im Spektrum des christlichen Anarchismus. Mit seinen Ideen und dem Einfluss, den sie auf politisch und sozial Engagierte und Aktive in den Niederlanden hatten, befasst sich Dennis de Lange in der vorliegenden Studie. In seinen späteren Lebensjahren, etwa ab 1877, als er durch seine Romane bereits einen hohen, auch internationalen, Bekanntheitsgrad erlangt hatte, wandte sich Leo Tolstoj verstärkt religionsphilosophischen, theologischen und gesellschaftspolitischen Fragen zu und veröffentlichte eine große Zahl von Publikationen zu diesen Themen. Das bekannteste und einflussreichste unter diesen Werken ist das 1894 zum ersten Mal erschienene Buch Das Reich Gottes ist in Euch. Durch seine Interpretation des Christentums war er zu anarchistischen Vorstellungen gelangt, die nicht nur in den Niederlanden, sondern weltweit viele Menschen inspirierten. Tolstoj stellte die Bergpredigt in den Mittelpunkt seiner Idee des Christentums, welches demnach radikal gewaltfrei, solidarisch, egalitär und auch antiklerikal war. Er wandte sich gegen die „Versklavung“ durch die ausbeuterischen ökonomischen Verhältnisse, gegen die mit den weltlichen Herrschern kollaborierende und ein in seinen Augen verfälschtes Christentum lehrende Kirche, gegen Militär, Krieg, Patriotismus und folglich gegen den modernen Staat selbst, der alle diese Missstände hervorgebracht und aufrecht erhalten hätte. Den Schlüssel zu einem radikalen Umbruch dieser Verhältnisse sah er in der persönlichen Veränderung – in absoluter Gewaltfreiheit im persönlichen Handeln, darum auch in einer vegetarischen Lebensweise, Alkoholabstinenz, in libertärer Pädagogik, in einem einfachen, gemeinschaftlichen und autarken Leben auf dem Lande und in einer Haltung der Nicht-Kooperation und Verweigerung gegenüber unterdrückerischen Institutionen. Denn die bestehenden gewaltsamen und repressiven Verhältnisse – Staat, Patriotismus, Krieg, Militär, Kirche, Kapitalismus – waren für Tolstoj zutiefst unchristlich. Die Nennung dieser Stichwörter lässt bereits erkennen, dass die Ideenlehre Tolstojs mit der des Anarchismus eine recht große Schnittmenge aufweist. Somit verwundert es nicht, dass auch viele nicht-religiöse AnarchistInnen begannen, sich positiv auf Tolstoj zu beziehen. Viele von Tolstojs Ideen inspirierte Menschen versuchten, die Ideale, die Tolstoj (und wie teilweise folgerichtig argumentiert wurde, bereits Jesus) formuliert hatte, so gut wie möglich zu leben, ohne dabei jedoch, wie wir am Beispiel der niederländischen TolstojanerInnen sehen werden, einfach blind einem neuen Glaubensdogma zu folgen. Bald wurden diese AktivistInnen „Tolstojaner“ genannt, ihre Bewegung und ihre Ideen „Tolstojanismus“ – und dieser Tolstojanismus sollte zu einer der bemerkenswertesten und vitalsten (Unter-)Strömungen in der facettenreichen Welt des Anarchismus werden. Die Ideen Tolstojs fielen in den Niederlanden auf einen besonders fruchtbaren Boden. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte dieses Land für die Rezeption der Gedanken Leo Tolstojs und für die Herausbildung eines eigenständigen, europäischen (nicht von Gandhi beeinflussten) Verständnisses von gewaltfreier Aktion und libertär-gewaltfreier Revolution eine bedeutende Rolle, die heute weitgehend unbekannt ist. Die radikale Arbeiterbewegung der Niederlande hatte im Anarchisten Ferdinand Domela Nieuwenhuis einen frühen Propagandisten des radikalen Antimilitarismus, der immer wieder Verbindungen zu lebensreformerischen und christlichen Strömungen der Gewalt- und Kriegsgegnerschaft seiner Zeit suchte, wie Gernot Jochheim in einer älteren Untersuchung dargelegt hat, die, da in ihr schwerpunktmäßig andere Personengruppen der antimilitaristischen Bewegung, zum Beispiel Bart de Ligt, Clara Wichmann und Henriëtte Roland Holst behandelt werden, eine Ergänzung zu der Studie De Langes bietet. (2) Die christlich-anarchistische Interpretation und Rezeption Tolstojs inspirierten eine Gruppe von AnhängerInnen, zumeist sozial engagierte Theologen, darunter viele Pfarrer, zu dem Experiment einer Siedlungsgründung und zu vielfältigen publizistischen, sozialen, pazifistischen, antimilitaristischen und lebensreformerischen Aktivitäten. Diese Gruppe sowie ihre komplexen Beziehungen untereinander und zu ihrer Umgebung bis hin zu der Ebene der staatlichen Instanzen und deren Reaktionen hat De Lange intensiv untersucht. Dabei ordnet er die Bestrebungen dieser einerseits sehr individuellen, andererseits doch von ähnlichen Erfahrungen und charakteristischen Zügen geprägten Persönlichkeiten in die sozialen und kultur- und geistesgeschichtlichen Entwicklungen der Niederlande im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein und zeigt ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart. De Lange versteht die TolstojanerInnen als eine soziale Bewegung. Er begründet dies mit Hilfe von im deutschen Sprachraum weniger häufig verwandten Ansätzen der Bewegungsforschung und analysiert die auf der sozialen Makro- und Mikroebene entscheidenden Bedingungen und Faktoren für die Entstehung und den weiteren Verlauf dieser sozialen Bewegung und auch den Erklärungswert der von ihm verwandten Ansätze. Insofern kann seine Studie auch der Bewegungsforschung interessante Ansätze vermitteln.

Die Tolstoj-Kommunen in den Niederlanden, die einen thematischen Schwerpunkt De Langes darstellen, bildeten ein libertär-gewaltfreies Milieu, einen lebensreformerischen, alternativen und modernisierungskritischen Hintergrund, vor dem erst die gewaltfreien, individuellen Widerstandsformen wie sie etwa im Militärdienstverweigerungsmanifest von 1915 sich dokumentieren, entstehen konnten. Im Bereich der sozialen Arbeit gingen von diesen AnhängerInnen des „Propheten des Unmodernen“ (Edith Hanke) ausgeprägt moderne Impulse wie Stadtteilarbeit, Frauen- und Mädchenbildung, Reformpädagogik und Vegetarismus aus oder wurden von ihnen gefördert und verbreitet. So haben sie beigetragen, die Zivilgesellschaft in den Niederlanden zu entwickeln und das Land in der spezifischen Weise zu prägen, die jahrzehntelang als besonderes Kennzeichen der Niederlande galt. In dieser Bewegung sah man – angesichts der Krise, in die die sozialistische Politik in West- und Mitteleuropa um 1900 geraten war – neue Wege der Verwirklichung des Sozialismus jenseits der Alternativen parlamentarische Einbindung oder direkten Aktionen und verbalem Radikalismus. In den Worten des Christen-Anarchisten Felix Ortt boten sie neben „Wortklang- und Wahlurnen-Sozialismus die wesentliche Lernschule für den tatwirklichen Sozialismus“, die Möglichkeit, „sich vom Zwange des Staats und der Kirche“ loszureißen und mit den Experimenten zunächst kleiner Gruppen überzeugter „Aussteiger“ eine weltweite Föderation ausbeutungsfrei wirtschaftender Gemeinschaften anzustoßen. (3) Hier sollte die „Praxis der Liebe“ umgesetzt werden: „Es gibt viel im gesellschaftlichen Leben der Gegenwart, was damit unvereinbar ist. Ich nenne nur: Militarismus, Ausübung von Staatszwang, Rechtspflege und Polizei, Kapitalismus, Luxus und Übermaß in der Lebenshaltung, Roheit und Mißbrauch der Macht gegen die Tiere […].“ (4)

Diese Szene strahlte auch auf gleichzeitig auftretende lebensreformerische und libertär-christliche Experimente in weiteren Regionen Europas aus, über deren Erkenntnisse und Erfahrungen Informationen verbreitet und ausgetauscht wurden. Sie flossen ein in vergleichbare Projekte wie die Obstbaukolonie Eden in Oranienburg bei Berlin, die anarchistische Lebensgemeinschaft Monte Vérita im schweizerischen Ascona oder auch das radikal-tolstojanische „Milieu libre“ um die IndividualanarchistInnen Marie Kugel und E. Armand in Frankreich, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen. Zu den Inhalten, die in jener Zeit ebenfalls durch die Tolstoj-Rezeption weit in Europa verbreitet wurden und auch in der niederländischen lebensreformerischen Bewegung eine Rolle spielten, gehörten die Schulkritik und die libertäre Pädagogik Tolstojs. Diese wurden in den niederländischen Tolstoj-Kommunen, wie zum Beispiel in der „Humanitären Schule“ in Laren der Internationalen Bruderschaft zu Blaricum, praktisch umgesetzt und verbanden sich dort mit den christlichen und gewaltfreien Ansätzen sowie mit der radikal begründeten Kritik Tolstojs an der Gewalt gegen Tiere und der Propagierung des Vegetarismus. (5) So ließen sich viele Verbindungen der niederländischen Christen-AnarchistInnen ins deutsche Sprachgebiet und in den internationalen sozialen Bewegungen zeigen: So war etwa Frederik van Eeden, dessen Aktivitäten unter anderem für die Gründung der tolstojanischen Kolonie in Blaricum und den „Verein für gemeinschaftlichen Grundbesitz“ sowie für die oben genannte „Humanitäre Schule“ in Laren De Lange vorstellt, mit Gustav Landauer und Franz Oppenheimer bekannt, und beteiligte sich mit Martin Buber und anderen an der ersten Tagung des sogenannten Forte-Kreises 1914 in Potsdam. Dieser Kreis hatte die Vision der Überwindung von Krieg und Nationalismus. Er scheiterte am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, aber einige Mitglieder, unter anderem Van Eeden, begründeten während des Ersten Weltkrieges die „Internationale Schule für Philosophie“ in Amersfoort, an der unter anderem die niederländischen AntimilitaristInnen und AnarchistInnen Bart de Ligt und Clara Wichman Lesungen hielten und die heute noch existiert. Felix Ortt wiederum, ein anderer aktiver Christen-Anarchist, übersetzte die Texte des deutschen Pazifisten und Vegetariers Magnus Schwantje ins Niederländische, während dieser der auf diesem Gebiet politisch aktiven Schwester Ortts Informationen zu Fragen der Kinder- und Jugendschutzbestrebungen in Deutschland lieferte. Ein anderes Beispiel für die internationalen Wirkungen der Christen-AnarchistInnen wäre der langjährige Vorsitzende der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft, Edo Fimmen, dessen spätere Aktivitäten im Kampf gegen den Nationalsozialismus, gegen Franco und andere faschistische Bewegungen in Europa und seine Unterstützung von Widerstandsbewegungen, wie zum Beispiel des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, außerhalb des von De Lange behandelten Zeitabschnitts liegen. Die Arbeit De Langes zeigt sehr deutlich, wie unberechtigt die abwertenden Urteile mancher – zum Teil sehr hochgeschätzter – Historiker in den Niederlanden und in Deutschland sind, die soziale Bewegungen mit lebensreformerischen Bezügen als „irrational“ oder „unpolitisch“ verkennen. Das Buch von Dennis de Lange schließt somit nicht nur eine Lücke in der Geschichtsschreibung der Niederlande und beschreibt auch einen wichtigen – und in Deutschland weitgehend unbekannten – Teil der Geschichte des Anarchismus, es trägt auch zur Revision einig er auf Missverständnissen beruhenden historischen Urteilen bei und kann auch dazu beitragen, die Unterschiede in den politischen Kulturen der Niederlande und Deutschlands und ihre historischen Wurzeln besser zu verstehen.

Renate Brucker und Sebastian Kalicha

Ein Dank geht an Johann Bauer und Lou Marin für die zahlreichen wertvollen Hinweise.

Anmerkungen

(1) Van Eeden 1910, 187.
(2) Jochheim 1977.
(3) Ortt 1911, 8.
(4) Ortt 1911, 6.
(5) Vgl. die Beiträge zu Tolstoj in: Tolstoi u. a 2010, 35-75.

Literatur

  • Jochheim, Gernot (1977): Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und Soziale Verteidigung. Zur Entwicklung der Gewaltfreiheitstheorie in der europäischen antimilitaristischen und sozialistischen Bewegung 1890-1940, unter besonderer Berücksichtigung der Niederlande. Frankfurt: Haag und Herchen.
  • Ortt, Felix (1911): Der Einfluß Tolstois auf das geistige und gesellschaftliche Leben in den Niederlanden. In: Der Sozialist, 3. 1911, Nr. 1, S. 5-8.
  • Tolstoi, Leo u. a. (2010): Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen. Heidelberg: Verlag Graswurzelrevolution.
  • Van Eeden, Frederik (1910): Einer der wenigen. In: Der Sozialist, 2. 1910, Nr. 23/24, S. 186-187.

Rezensionen

sopos – Sozialistische Positionen
neues deutschland
hpd – humanistischer pressedienst
Spinnrad, Zeitschrift des Internationalen Versöhnungsbundes – Österreichischer Zweig

„Ein guter Christ ist Pazifist und ein guter Pazifist ist Anarchist“ – Tolstojaner in den Niederlanden

Der kleine Verlag Graswurzelrevolution, der im libertär-gewaltfreien Milieu zu verorten ist, hat sich bleibende Verdienste damit erworben, dass er wie kein anderer wichtige und kritische Arbeiten über den Spanischen Bürgerkrieg bzw. Revolution herausgebracht hat, in denen mancher Mythos auch über die ehemals so starke anarchistische Bewegung auf der iberischen Halbinsel hinterfragt worden ist. Mit Büchern zu Simone Weil, Albert Camus und den christlichen Anarchismus liegt ein weiterer Schwerpunkt seiner Editionsarbeit darauf, Verbindungen zwischen religiösem, philosophischem und kritischem Denken aufzuzeigen.

Mit dem vorliegenden Band betritt der Verlag insofern Neuland als es um Herkunft, Geschichte und Wirksamkeit einer von den christlich-anarchistischem Ideen des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi (1828-1910) inspirierten Bewegung in den Niederlanden geht. Hier handelt es sich eine Strömung, die nicht in unmittelbarem Kontext zur Gewalt in Kriegen und Bürgerkriegen stand, sondern sich in einer Sondersituation entwickelte. Diese war durch eine massive kapitalistische Modernisierungs- und Transformationsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts in den zuvor eher agrarisch und handelsbürgerlich geprägten Niederlanden gekennzeichnet. Geert Maak gibt in der Biographie seines Vaters „Das Jahrhundert meines Vaters“ davon ein ebenso detailreiches wie literarisch lesenswertes Bild – einem Land, in dem bis kurz vor 1900 mehrere Zeitzonen galten und Reisende aufs Pferdefuhrwerk angewiesen waren. In der stark religiös geprägten Gesellschaft der Niederlande entwickelte sich eine Strömung, die mit der Jahrhunderte geltenden rigiden christlichen (calvinistischen) Gehorsamskultur brach und den Menschen frei machte für wissenschaftliche Erkenntnis, Rationalismus und moralische und weltanschauliche Prinzipien außerhalb der christlichen Kirchen und Gemeinden. Diese als Modernismus bezeichnete Periode geriet Ende der achtzehnhundertsiebziger Jahre unter Druck. „Der Empirismus hatte den Verstand des Menschen von seinem Herzen und Gewissen getrennt.“(S. 31). Der sich nun entwickelnde „ethische Modernismus“ fragte nicht mehr nach der Historizität Jesus Christus, sondern was er gesagt hatte. Dieses Denken entwickelte „eine ausgeprägte mystische und asketische Gesinnung“ (S. 33). Diese Variante des Protestantismus wurde zudem mit der sich seit den achtzehnhundertsechziger Jahren beschleunigenden Industrialisierung und dem damit einhergehenden Massenelend konfrontiert. Während die protestantische Kirche sich auf Almosenverteilung beschränkte, entwickelte sich aus dem ethischen Modernismus eine aktive Bewegung, die auf die „soziale Frage“ mit Volksbildungs-,Stadtteilarbeit und Forderungen nach Bodennationalisierung reagierte und begann, über die aufkommende sozialistische Arbeiterbewegung zu diskutieren.

In dieser Situation wurde nun die Wendung Leo Tolstojs zu einem radikalen Christentum rezipiert. Der Kern der christlichen Lehre lag danach in der Bergpredigt Jesu. „Militarismus und Patriotismus waren daher auch nicht mit einem reinen Christentum in Einklang zu bringen. Heere, Rechtsprechung und der Eid waren unchristlich. Der Staat und die gesamte Gesellschaft waren unchristlich. Ein guter Christ war Pazifist und ein guter Pazifist war Anarchist und darum war Tolstoj einer.“ (S. 36) Ganz wesentlich war für Tolstoj aber, dass der Ausgangspunkt für die Errichtung des „Reiches Gottes auf Erden“ der einzelne Mensch war und nicht eine „abstrakte“ Gesellschaft. „Verändere dein eigenes Leben, übe dich in Entsagung, gib ein ermutigendes Beispiel, und sei es noch so klein. Widerstehe nicht dem Bösen. Ferner lasse niemanden für dich arbeiten, sondern arbeite selbst: erwirb dein tägliches Brot mit deiner eigenen Hände Arbeit, am besten auf dem Lande.“(S. 36).

Diese radikale Version des Christentums zeigt deutliche Schnittmengen mit sozialistischem und anarchistischem Denken. Allerdings erwarteten die sich zunächst in der Universitätsstadt Leiden bildenden Zirkel nichts von einem parlamentarischen Weg zum Sozialismus und dem Aufschieben aller Gesellschaftsänderung auf einen „revolutionären Kladderadatsch“ wie die überwiegende Mehrheit der Sozialdemokraten jener Tage. Die Änderung hatte bei den Individuen selbst zu beginnen. So unterschiedlich die Entwicklung der von de Lange porträtierten Träger der niederländischen tolstojanischen Bewegung auch war, sie alle waren „Männer mit ernster Lebenshaltung“(S. 42), die mit den ersten praktischen Schritten für die Veränderung ihres und des gesellschaftlichen Lebens beginnen wollten. Die Herausgabe eines eigenen Organs, des „Vrede“ ab 1897 war daher nur das Spiegelbild einer Vielzahl von konkreten Aktivitäten, die „Erziehung des Erziehers“ (Marx) vom papiernen Wort zur lebensverändernden Tat zu fördern. So wurde nach dem Vorbild von Kolonien in den Vereinigten Staaten, der Duchoborzen, einer pazifistischen Sekte in Russland und einer anderen Gründung in den Niederlanden eine landwirtschaftliche Kommune in Blaricum , einem kleinen Ort in Nordholland, errichtet, die zwischen 1899 und 1911 existierte, aber an der Feindseligkeit der Umwelt und internen Querelen zugrunde ging.

Wichtiger waren die tolstojanischen Impulse in den Organisationen, die auf eine Veränderung individueller Verhaltensweisen abzielten, wie dem Niederländischen Vegetarierbund, dem Bund gegen Vivisektionen, also Eingriffen an lebendigen Organismen, der Antialkoholbewegung, einer asketisch ausgerichteten „Rein-Leben“-Bewegung, aber auch der Stadtteilarbeit in sozialen Brennpunkten in den größeren Städten. 1903 wurde eine „Humanitäre Schule“ gegründet, die sich durch die Förderung von Kreativität und der Verbindung von Lernen und praktischem Arbeiten von den Staatsschulen absetzte. Die in Laren gegründete Schule besteht als Montessorischule bis heute. Eine ebenfalls 1903 gegründete Stiftung arbeitete bis 1966 als Verlag für die Verbreitung christlich-anarchistischer-lebensreformerischer Vorstellungen (S. 108ff.). Große Verdienste für die Entwicklung einer Bewegung von und für Kriegsdienstverweigerern in den Niederlanden gingen ebenfalls auf die Arbeit der Christen-Anarchisten zurück, deren Einfluss im Übrigen aber wegen des Erstarkens einer militanteren Arbeiterbewegung zurückging. So wurde 1915 ein Dienstverweigerermanifest initiiert, das von Vertretern verschiedener pazifistischer Richtungen unterzeichnet wurde und dazu führte, das 460 Männer sich weigerten, den Militärdienst anzutreten (S. 138). Für die weitere Entwicklung gilt, was de Lange so beschreibt: „Tolstoj schwebte hier wohl noch im Hintergrund, aber der Krieg und die Revolution hatten mit den Menschen auch die Parolen verändert, sodass deren Schärfe alles innige, frohe und Liebenswerte des christlichen Anarchismus übertönte.“(S. 139) Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass die besonderen Persönlichkeiten, die die tolstojanischen Bewegungen prägten, einem soziokulturellen Milieu entstammten, das sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auflöste: „hart arbeitend und durchsetzungsfähig mit einem extremen Gerechtigkeitsempfinden, eigenwillig und immer bereit, ihre Meinung zu vertreten oder Aktivitäten anzuleiten, von denen sie überzeugt waren.“(S. 153) Dieses „Streben nach kognitiver Konsistenz“ wurde nicht in den Hauptströmungen der Arbeiterbewegung und schon gar nicht den reaktionären Massenorganisationen gefördert.

Aber sind die Tolstojaner gescheitert? De Lange zieht für sie folgendes Resumée: „Militarismus und Kapitalismus galten den TolstojanerInnen als die größten gesellschaftlichen Übel. Sie glaubten aber weder an die Revolution noch an den Klassenkampf. Es hatte für sie keinen Sinn, die Institutionen zu verändern, wenn sich nicht zuerst die Mentalität der Menschen veränderte. Selbstverständlich erwartete man auch kein Heil vom Staat. Durch ein reines Leben und die Wirkung von Vorbildern in Bezug auf gewaltlosen Widerstand, Alkoholverzicht, Vegetarismus und Vivisektion sollte der Mensch zu einem besseren Wesen werden und im Stande sein, ein wahres Leben im Geiste Jesu zu führen.“(S. 159f.) Wenn man in Betracht zieht, dass die Hauptströmungen der Arbeiterbewegung mit ihrem Ziel, die „Emanzipation der Arbeit“ zu erreichen, nicht nur gescheitert sind, sondern durch ihr Versagen in historischer Stunde oder ihre Transformation in totalitäre Formationen tausende von Toten zu verantworten haben, dass keine der Befreiungsbewegungen friedvolle oder auch nur demokratische Zustände zustande gebracht hat – wer ist dann gescheitert? In veränderter Form leben die Ideen der Tolstojaner in der Friedensbewegung, Umweltbewegung, den Freien Schulen, dem veränderten Verhältnis der Geschlechter zueinander und zu den Kindern weiter – erfolgreich und nachhaltig, auch in den Niederlanden. Das verstärkt ins Bewusstsein zu bringen, ist ein Verdienst der Arbeit von de Lange und dem kleinen Verlag Graswurzelrevolution.

Hannes Denck
sopos – Sozialistische Positionen 2/2017

Radikal und gewaltfrei

Dennis de Lange stellt die Tolstojaner der Niederlande vor

»Im Grunde ist ein jeder Mensch ein wenig Tolstojaner«, heißt es im Vorwort. Naja, ob das stimmt? Lew Tolstoi war schließlich ein Geistesriese, schuf Werke der Weltliteratur. Sein »Krieg und Frieden« ergreift heutige Leser ebenso wie zu seiner Zeit. Weil die Zeiten sich nicht sehr verändert haben. Am Lebensabend ist der Russe tief gläubig gewesen, wurde von der Kirche exkommuniziert, inspirierte aber Gandhi. Trotz des stutzig machenden Eingangssatzes liest man begierig weiter. Denn hier wird eine Gemeinschaft vorgestellt, von der man nie etwas hörte. Es war einmal … Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den Niederlanden begeisterte Tolstojaner und Tolstojanerinnen, die sich. »Christen-Anarchisten« nannten. Sie waren gut vernetzt und kämpften – gemäß dem Motto ihres Idols – gewaltfrei gegen Militarismus und kapitalistische Ausbeutung, stritten nicht weniger vehement gegen Alkohol, Nikotin und Tierversuche. Sie waren Vegetarier und praktizierten die freie Ehe, ohne es sexuell zu übertreiben. Trotz oder wegen ihrer radikalen Ansichten waren sie dem Parteisozialismus suspekt. Ihre Vision einer besseren und gerechten Gesellschaft versuchten sie per Aktion bereits in der Gegenwart zu realisieren. So leisteten sie sozialkulturelle Stadtteilarbeit in Amsterdam und in ihren Siedlungen wie der Kolonie der Internationalen Bruderschaft. Mittels libertärer Pädagogik, die sie z. B. in der Humanitären Schule in Blaricum praktizierten, wollten auch sie quasi den »Neuen Menschen« erschaffen, der sich freilich gänzlich von dem im Sowjetkommunismus propagierten unterschied. Dennis de Lange stellt Protagonisten und Projekte vor, darunter Van Eeden und seine »Internationale Schule für Philbsophie« in Amersfoort. Lesern dieser Zeitung eher bekannt dürfte der Vorsitzende der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft, Edo Fimmen, sein, der gegen Franco und Hitler und mit Willi Münzenberg in der Roten Hilfe kämpfte und 1942 im mexikanischen Exil starb. Ein interessantes Buch.

Adele Jung
neues deutschland, Beilage zur Leipziger Buchmesse, 23.3.2017

Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden

Der Journalist und Lehrer Dennis de Lange beschreibt und analysiert in „Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden“ das im Untertitel genannte Phänomen. Dabei nutzt der Autor sowohl die Bewegungsforschung wie die Geschichtswissenschaft als Methode und kommt zu interessanten Ergebnissen zu einem eher exotischen Thema.

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi wurde durch seine Romane „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ weltberühmt. Weniger bekannt ist indessen, dass er Anhänger eines christlichen Anarchismus war und für grundlegende gesellschaftliche Veränderungen eintrat. Diese sollten nicht durch den Gewaltakt einer Revolution, sondern durch die Entwicklung des Einzelnen erfolgen. Um die damit einhergehenden Auffassungen entstand die Frühform einer sozialen Bewegung, die für Alkoholabstinenz und Vegetariertum und gegen Militarismus und Staat votierte. Deren Kolonien und Siedlungen verstanden sich zwischen 1890 und 1930 als eine Gegen-Gesellschaft zum etablierten Miteinander.

Derartige Tolstojaner gab es auch in den Niederlanden. Darüber berichtet der Historiker und Lehrer Dennis de Lange, Redakteur der anarchistischen Zeitschrift „Buiten de Orde“ (Jenseits der Ordnung), in seiner Studie „Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden“, die aus einer Masterarbeit an der Freien Universität Amsterdam hervorgegangen ist.

Dem Autor geht es darin um eine Kombination zweier Perspektiven, die der Bewegungsforschung wie der Geschichtswissenschaft. Demnach will er einerseits die Entwicklung des Tolstojanismus aufarbeiten, aber auch nach seinem Bewegungscharakter fragen. Dazu nutzt Lange im englischsprachigen Raum bekanntere Ansätze (McAdam/McCarthy/Zald), die ihm als Analyseraster für die Frage nach den Gründen für das Aufkommen wie den Niedergang dienen. Am Beginn stehen indessen Ausführungen zum gesellschaftlichen Kontext, wobei es um den Modernismus und die soziale Frage in den Niederlanden geht. Danach folgt eine Darstellung des dortigen Tolstojanismus: Sie beschreibt die einzelnen Hauptakteure und das organisatorisch-publizistische Umfeld. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei die alternativen Praktiken, die im Alltag ohne Alkohol- und Fleischkonsum in gemeinschaftlicher Arbeit und mit neuen Erziehungsmethoden einhergingen. Auch die Auflösung des Siedlungsprojekts wird gesondert erörtert.

Auf die Auseinandersetzung mit dem Bewegungscharakter muss man indessen länger warten, denn der Autor kommt zu dieser Problemstellung erst in einem ausführlicheren Schlusswort. Dort nimmt er eine systematische Analyse vor, welche sowohl für die Entstehung wie den Niedergang nach Erklärungsfaktoren auf der Makro- wie der Mikroebene fragt. Bilanzierend heißt es: „Gerade die Kombination aus Christentum, Anarchismus, Antimilitarismus, Gemeinschaftlichem Grundbesitz und Reinem Leben, die den Tolstojanismus so einzigartig machte, war die Ursache dafür, dass es unmöglich war, die Bewegung zu vergrößern. Der Tolstojanismus blieb eine elitäre Angelegenheit und es gelang ihm niemals, eine Brücke zur Welt der ArbeiterInnen zu schlagen. Den Wert des Tolstojanismus müssen wir darum vor allem in der Verbreitung der einzelnen Aspekte des Tolstonajnismus sehen und in der Rolle, die die einzelnen AnhängerInnen bei der Gründung verschiedener humanitärer Organisationen … gespielt haben und in dem Stempel, den sie diesen Organisationen aufdrückten“ (S. 162).

Langes Studie konzentriert sich demnach auf eine frühe Bewegung, die indessen nur sehr eingeschränkt gesellschaftliche und politische Relevanz aufwies. Man hat es damit aber auch mit einer Arbeit über Alternativmodelle sozialen Miteinanders zu tun, welche in den 1970er Jahren in den westlichen Ländern eine Renaissance erfuhren, letztendlich aber auch bezogen auf Eigenständigkeit und Wirkung gescheitert sind. Insofern lassen sich aus dieser Fallstudie einige Erkenntnisse ableiten, welche für die Analyse solcher Bewegungen von inhaltlicher Relevanz sind. Bezogen auf Alternativschulen hatte etwa der britische Philosoph Bertrand Russell nur wenige Jahre nach Tolstoi ähnliche Projekte gegründet. In beiden Fällen kam externen Faktoren eine bedeutende Rolle für das letztendliche Scheitern zu. Aber auch aus Bewegungsforschungssicht ist das Buch von Lange interessant, macht er doch gegen Ende für die Analyse auf die Grenzen der Reichweite entsprechender Theorien aufmerksam. So exotisch demnach das Thema ist, so lehrreich kann das Werk sein.

Armin Pfahl-Traughber
erschienen auf: humanistischer pressedienst, 18. Okt 2016

Die Revolution bist du!

In diesem Buch – das auch einen nochmals anderen Blick auf das Thema dieses Spinnrads eröffnet – geht der Autor einer Bewegung nach, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unter Rezeption der (Spät-)Schriften Leo Tolstojs in mehreren Ländern Europas aktiv war und gemeinhin als „Tolstojanismus“ bezeichnet wird. V.a. in den Niederlanden fielen die Gedanken Tolstojs auf fruchtbaren Boden, sodass sich dort eine christlich-anarchistische Gesellschaftsströmung entwickeln konnte, die auf Grundlage des Individuums eine Veränderung der Gesellschaft in Bereichen wie Antimilitarismus, Reformpädagogik, Vegetarianismus, Vivisektion oder gemeinschaftliche Lebensformen anstrebte. Die wichtigsten Aktivitäten der TolstojanerInnen bestanden im Aufbau einer Zeitschrift („Vrede“Bewegung, ab 1897), eines gemeinschaftlichen Siedlungsprojekts (die Kolonie der Internationalen Bruderschaft in Blaricum, 1900 bis zur Zerstörung durch die Dorfbewohner_innen 1903) sowie einer Humanitären Schule in Laren (ab 1903), daneben waren sie in vielen weiteren Organisationen und Initiativen tätig. Durch ihren (anarchistischen) „Sozialismus der Tat“ leisteten sie einerseits Widerstand gegen die herrschenden Machtund Gewaltideologien (Staat, Kapitalismus, Militarismus, Kirche), strebten aber selbst nicht nach politischem Einfluss, sondern wollten die herrschaftsfreie Gesellschaft von den Individuen her auf gewaltfreie Weise aufbauen. Ein interessanter, heute großteils vergessener Ansatz gelebter Demokratie aus christlich-anarchistischen Wurzeln!

erschienen in: Spinnrad, Zeitschrift des Internationalen Versöhnungsbundes – Österreichischer Zweig, Nr. 1/2017 (April 2017)