Hermann Theisen (Hg.)

Kriegsuntüchtigkeit als Chance

Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung

28,00 

In dieser Anthologie kommen Autor*innen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen und Lebenswelten zu Wort. Sie gehen in ihren Essays der Frage nach, warum wir explizit kriegsuntüchtiges Denken und Handeln brauchen, um die Krisen unserer Zeit zu bewältigen.

Beschreibung

Hermann Theisen (Hg.)

Kriegsuntüchtigkeit als Chance

Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung

Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Hartmut Rosa

Titelbild: The Disasters of War 47 von Gottfried Helnwein

272 Seiten | 28,00 Euro | ISBN 978-3-939045-61-8

Krieg und Kriegsgefahr bestimmen unsere Zeit, während die klimapolitischen Hiobsbotschaften kaum nachhaltige Folgen haben. In dieser Anthologie kommen Autor*innen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen und Lebenswelten zu Wort. Sie gehen in ihren Essays der Frage nach, warum wir explizit kriegsuntüchtiges Denken und Handeln brauchen, um die Krisen unserer Zeit zu bewältigen. Was alle Autor*innen verbindet, ist die tiefe Überzeugung, dass Kriege nicht zu rechtfertigen sind und die globalen Probleme unserer Zeit nur auf zivile Weise verstanden und gelöst werden können, denn Louis Lecoins Kritik am Krieg gilt bis heute: „Selbst wenn man mir beweisen würde, dass mein Ideal durch einen Krieg verwirklicht werden könnte, würde ich immer noch ,Nein‘ zum Krieg sagen. Denn man baut keine menschliche Gesellschaft auf Leichenbergen auf.“

„In einer Zeit, in der Gewalt wieder als vermeintlich legitimes Mittel erscheint, erinnert dieses Buch daran, dass eine friedliche und kooperative Weltordnung keine Illusion ist. Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass Sicherheits- und Friedenspolitik mehr ist als Aufrüstung und dass Diplomatie und zivile Formen der Konfliktlösung wieder ins Zentrum politischen Denkens gehören. Ein notwendiger Gegenentwurf zu den gefährlichen Trends unserer Gegenwart.“
Dr. Rolf Mützenich

Mit Beiträgen von

Helmut Adolf, Dr. Martin Arnold, PD Dr. Georgiana Banita, Christine Bidell, Roland Blach, Dr. Arno Brandt, Dr. Davide Brocchi, Stephan Brües, Prof. Dr. Ulrich Duchrow, Bernd Fischer, Ulrich Frey, Prof. Dr. Hans-Joachim Gießmann, Dr. Harald Ginzky, Dr. Gregor Gysi, Karen Hinrichs, Robert Hülsbusch, Andrea Kolling, Dr. Edith Lutz, Lou Marin, Alexander Mauz, Prof. Dr. Thomas Nauerth, Prof. Dr. Gottfried Orth, Karsten Packeiser, Max Prosa, Dr. Britta Rabe / Michèle Winkler, Horst-Peter Rauguth, Prof. Dr. Fritz Reheis, Prof. Dr. Hartmut Rosa, Julian Rossmann, Dr. Annette Schlemm, Rainer Schmid, Stefan Schwarzer, PD Dr. Stefan Silber, Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé, Otmar Steinbicker, Hermann Theisen, Ilija Trojanow, Klaus Waiditschka, Prof. Dr. Jutta Weber, Dr. Klaus Welzel, Prof. Dr. Elmar Wiesendahl, Dr. Theodor Ziegler

Der Herausgeber

Hermann Theisen (Jg. 1964) ist Master of Social Work, Systemischer Berater und Fachkraft für Friedensarbeit. Er engagiert sich seit den 1980er-Jahren in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und hat an zahlreichen Aktionen zivilen Ungehorsams teilgenommen und solche organisiert, wofür er dreimal in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Mainz inhaftiert wurde. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit den Auswirkungen von kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Klimawandel.

Rezensionen

Wir müssen Kriegsuntüchtigkeit lernen

Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung
von Peter Nowak, in: Sozialistische Zeitung, Webseite sozonline, 1. Juli 2026

https://www.sozonline.de/2026/07/wir-muessen-kriegsuntuechtigkeit-lernen/

Kriegsuntüchtigkeit als Chance. Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung Hrsg. H.Theisen. Heidelberg: Verlag Graswurzelrevolution, 2026. 272 S., 28 Euro

In Zeiten, in denen die neue Kriegstüchtigkeit beschworen wird, braucht es Stimmen, die sich dem entgegenstellen. In dem kürzlich erschienen Band sind gleich 42 dieser Einsprüche gegen den gar nicht so neuen Militarismus versammelt. Herausgeber ist Hermann Theisen, der wegen seines antimilitaristischen Engagements schon drei Gefängnisstrafen hinter sich hat. Dabei ist strikte Gewaltfreiheit für ihn ein unabdingbarer Grundsatz.

Alle Beiträge im Buch stellen sich die Frage, die Hartmut Rosa in seinem Vorwort anspricht: »Wie sieht eine Gesellschaft aus, die kriegsuntüchtig sein will?« Die Antworten darauf fallen denkbar unterschiedlich aus. Schließlich sind in dem Band Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Hintergründen versammelt: neben Aktivist:innen aus der Friedensbewegung auch Sozialdemokrat:innen und mit Elmar Wiesendal sogar ein ehemaliger Politikprofessor an der Hochschule der Bundeswehr.

Wendehälse
Der Friedensaktivist Bernd Fischer schreibt von den Schwierigkeiten, in Zeiten der Kriegstüchtigkeit antimilitaristischen Protest zu artikulieren. Fischer gehört zu einer kleinen Gruppe, die jeden Donnerstag in der Bremer Innenstadt eine Friedensmahnwache organisiert. »Weil wir uns mit Blick auf die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg weigern, den Präsidenten der Russischen Föderation als Inkarnation des Bösen zu dämonisieren und nicht darauf verzichten, die Verantwortung der USA und der NATO an der ukrainischen Katastrophe zu benennen, werden wir in der Bremer Presse als Steigbügelhalter der russischen Kriegsmaschinerie oder als Putins Büttel denunziert«, beschreibt Fischer das politische Klima im eher linksliberalen Bremen.
Fischer weist auch darauf, hin, dass die Friedensmahnwache auch von Leuten denunziert werde, die dem Bremer Friedensforum einmal eng verbunden waren. Hier beschreibt Fischer treffend das Milieu der Ex-Pazifist:innen, die sich zu Bellizist:innen gemausert haben und sogar ihre frühere Kriegsdienstverweigerung bereuen.
Wie immer in Zeiten des Militarismus drängen sich auch Menschen zur Fahne, die mal klüger gewesen sind. Dieses Phänomen war schon in den Anfangstagen des Ersten Weltkriegs zu beobachten, als in allen Ländern Sozialdemokrat:innen und vor allem in Frankreich auch ehemalige Anarchist:innen zu eifrigen Protagonist:innen des Kriegs an der Seite ihrer jeweilige Bourgeoisie wurden.

Wo bleibt der Antimilitarismus?
Es ist erfreulich, dass in dem Buch Einsprüche gegen die jüngste Militarisierung versammelt sind. Nur zwei Kritikpunkte sollen nicht verschwiegen werden. Es fällt auf, dass kaum jüngere Menschen zu Wort kommen. Der Songwriter Max Prosa gehört mit 37 Jahren zu den jüngsten Autoren in dem Buch. Er hat ein Friedenslied beigesteuert, das er mit der Liedermacherin Dota Kehr produziert hat.
Damit zusammen hängt, dass auch das Spektrum der Antimilitarist:innen in dem Buch begrenzt ist. Mit dem Redakteur der Zeitung
Graswurzelrevolution, Lou Marin, kommt erfreulicherweise auch ein gewaltfreier Anarchist zu Wort, der deutliche Worte findet: »Nein, Krieg kann sowohl kurz- als auch langfristig nicht durch Diplomatie, sondern nur durch eine Antikriegsbewegung von unten beendet werden, die durch massenhafte Verweigerung und gewaltfreien Widerstand geprägt ist.«
Aus dieser staats- und kapitalismuskritischen Richtung hätte man sich noch mehr Stimmen gewünscht, beispielsweise vom Bündnis Rheinmetall-Entwaffnen. Dann hätte man nicht nur mehr jüngere Stimmen gefunden, sondern auch die kapitalismuskritische Komponente gestärkt. Die kommt in dem Buch tatsächlich zu kurz.
Dabei gehören Kriege zum Kapitalismus wie das Gewitter zur Wolke. Auch die jüngere Militarisierung hat ihre Ursache im globalen Kampf der unterschiedlichen kapitalistischen Mächte und Machtblöcke um Bodenschätze und Absatzmärkte. Dazu gehören Russland und seine Verbündeten ebenso wie China, die USA und die EU. Wenn man diese Zusammenhänge nicht benennt, macht man sich Illusionen über die Friedensfähigkeit des Kapitalismus.
Natürlich wird es immer wieder Waffenstillstände geben, aber die werden oft nur dazu benutzt, noch mehr aufzurüsten, um dann den Krieg fortzusetzen. Da hat Lou Marin sehr recht mit seiner Kritik an einer Friedensbewegung, die die Herrschenden aller Länder immer wieder dazu aufruft, doch friedlich zu sein und sich zu vertragen. Bei einer solchen Sichtweise werden die Ursachen von Militarismus und Krieg ausgeblendet.
Trotz dieser kritischen Punkte ist das Buch eine erfreulich klare Ablehnung von jeder Form von Militarismus und Krieg.

 

Aus: Contraste, Juli/August 2026, Nr. 502/503

Kriegsuntüchtigkeit als Chance

Die einseitig vom Zaun gebrochenen Kriege in Westasien und das politische Großprojekt „Kriegstüchtigkeit“ dominieren die Spalten der auflagestarken Medien und die Sendezeiten der Fernsehkanäle in Deutschland. Dabei rutschten klimapolitische Hiobsbotschaften zunehmend in den Hintergrund. Wer stattdessen auf hoffnungsvolle Friedensnachrichten wartet, muss oft lange suchen. Und bei Friedensdemonstrationen haben viele (noch) das Gefühl, sich vorwiegend unter wenigen Gleichgesinnten zu befinden. Da wirkt ein neues Buch des Graswurzelrevolution-Verlags mit dem Titel „Kriegsuntüchtigkeit als Chance“ etwas irritierend, macht jedoch auch neugierig. Wie soll man „un“-tüchtig für einen Krieg sein und dies optimistisch als Chance begreifen? Laut dem Herausgeber Hermann Theisen, der sich als langjährige Fachkraft für Friedensarbeit bezeichnet, seien sich die insgesamt 44 Autor:innen in ihrer Überzeugung einig, dass Kriege nicht zu rechtfertigen sind und die globalen Probleme nur auf zivile Weise verstanden und gelöst werden können.

Manche Beiträge zeichnen sich durch eine prägnant formulierte Analyse aus, wie etwa beim bekannten Schriftsteller Ilija Trojanow. Er kritisiert einen „perfiden Mentalitätswandel“, der die gesellschaftliche Debatte vergifte. Was stattdessen fehle, seien offene Diskussionen sowie „kritisches Nachdenken über die wahre Natur von Sicherheit im 21. Jahrhundert“.

Die Kulturwissenschaftlerin Georgiana Banita vertieft diesen Gedanken und demaskiert die verstärkten polizeilichen Maßnahmen in unserem Alltag: Denn die „verlogene Fürsorge einer öffentlichen Sicherheit“ sei in Wahrheit „die Übermilitarisierung von Ordnungspolitik“.

Obwohl mehr als die Hälfte der Autor:innen sich teilweise deutlich in ihrer zweiten Lebenshälfte befinden, ist in den meisten Beiträgen ihr Engagement und Optimismus spürbar. So verstehen Britta Rabe und Michèle Winkler die kreativen Aktionen des antimilitaristischen Bündnisses „Rheinmetall entwaffnen“ als kleines Körnchen gegen Krieg und Aufrüstung. Und es gelte, „dieses Pflänzchen der Untüchtigkeit zu pflegen, damit es viele Wurzeln bildet und als riesiger Baum bald unzählige Früchte trägt!“

Mehrere Autor:innen fordern, das Freund-Feind-Denken aufzulösen und stattdessen Brücken zu bauen. Zudem sind friedenspolitische Erfolge, Kriegsdienstverweigerung und Schüler:innenstreiks sowie das Konzept der Sozialen Verteidigung Thema in mehreren Beiträgen. Auch wenn die Autor:innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Lebenswelten kommen, haben sie mehr geschaffen als die vielstimmige Forderung nach zivilen Formen der Konfliktlösung – es ist ein lesenswerter Gegenentwurf für eine menschliche Gesellschaft!

Peter Streiff

 

Aus: Proprium – Sinn schaffen, Horizonte öffnen

„Kriegstüchtigkeit“ bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung

Der Herausgeber ist systemischer Berater, Jg. 1964. Unter den Autorinnen und Autoren, die zu seiner Sammlung von Kurzessays beigetragen haben, sind weit überwiegend Männer und er gehört gleichsam zur „jüngeren Generation“ der Beitragenden. Er selbst hat, beruflich bedingt, Kriege und den Klimawandel im Blick. Als systemischer Berater setzt er große Hoffnungen in einen „Perspektivwechsel“. Also hat er eine Leitfrage formuliert und an potentielle Autor:innen in seinem Bekanntenkreis gesandt. Die lautete:

Wie können wir darauf hinwirken, uns von den sicherheitspolitischen und klimapolitischen Verhängnissen unserer Zeit zu befreien, und wie wertvoll könnte dafür explizit kriegsuntüchtiges Denken und Handeln sein?

Inhalt solcherart Frage ist ein Ziel. Dasjenige, welches nach den Erfahrungen des II. Weltkrieges und der Einführung der nuklearen Waffen prototypisch in den „Heidelberger Thesen“ (These III) im Jahre 1959 formuliert wurde,

Nicht die Ausschaltung der Atomwaffen aus dem Krieg, sondern die Ausschaltung des Krieges selbst muß unser Ziel sein.

war explizit nicht das in der Theisenschen Frage implizierte Ziel.

1959 wurde diese weitreichende Konsequenz, die Zielsetzung „Abschaffung des Krieges als politische Option“, aufgrund der Existenz atomarer Waffen und der präzedenzlosen Dimension ihrer Zerstörungskraft formuliert. Hintergrund war eine generellere Einsicht gewesen:

die Steigerung der technischen Mittel, die uns von der Angst vor so vielen Naturkräften befreit hat, hat die Angst vor dem Mitmenschen mit gutem Grund erhöht. Gerade unser vom Verstand erhelltes Zeitalter leidet an dumpfer Angst vor seiner eigenen Unberechenbarkeit.

Helmut Rosa nimmt diesen Gedanken in seinem einführenden Geleitwort immerhin in nuce auf. Er verweist mit Bezug auf Bernhard Waldenfels und Olaf Müller darauf:

Pazifismus oder Kriegsuntüchtigkeit … bedeuten nicht …, keine Lust darauf zu haben, sich und andere zu verteidigen. … Kriegstüchtigkeit bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung. Sie ist fundiert in der Wahrnehmung: Die Welt ist feindlich und gefährlich …

Es fehlt bei Rosa nur die Einschränkung, dass nicht (mehr) die Welt sondern lediglich ein Teil, die Menschen in der Welt, gefährlich ist – und dass dies neu ist, dass diese ihre Selbstwahrnehmung seit der Neuzeit entstanden ist, als Folge des Prozesses zunehmender technischer Beherrschung derjenigen Gefahren, die vom anderen Teil der Welt, der Natur, einstmals ausgegangen und nun verschwunden sind. Seit der Mensch Weltherrscher geworden ist, so die Meinung in den 1950er Jahren, ist ihm nur noch er selbst zum Fürchten geblieben. Mit der Entdeckung des menschgemachten Klimawandels hat sich das geändert.

Herausbringen konnte Theisen eine Sammlung von 40 Essays. Das ist viel und divers. Da kann man nur eine Art „Leseschneise“ durch das Buch anbieten. Hier die meine.

  1. Einen Bezug zu den Heidelberger Thesen mit ihrer radikalen Konsequenz, der Forderung nach Ausschaltung des Kriegs als staatlicher Institution, auf den sich (fast) alle Staaten vorbereiten, nimmt heute niemand mehr auf. Die Zeiten sind weit weniger radikal geworden. Lediglich die „Humanisierung“ des Krieges und das Verbot einer speziellen Kriegsform, des Angriffskriegs, sind im Fokus.
  2. Die Verklammerung von zwei „Verhängnissen“ in der Leitfrage, von klima- und sicherheitspolitischen Dilemmata, mit einem Widerspruch gegen die Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ zusammen zu bringen, diesem Anspruch des Herausgebers wird kaum zu entsprechen versucht.
  3. Dominant ist die isoliert sicherheitliche Thematisierung, ausgehend von der Pistoriusschen Provokation, eine neue „Kriegstüchtigkeit“ in und für Deutschland zu fordern. Immerhin gibt es einen Beitrag, der der naheliegenden Frage nachgeht, ob die Pistoriussche Begriffswahl neu sei oder vielmehr Vorgänger gehabt habe. Die Antwort lautet: Ja, Göbbels ist der beziehungsweise ein Ahnherr dieser Formel. Es ist frappierend, dass der einstmals generell verbreitete Reflex gegen die heutige Verwendung von politischen Begriffen, die in der Nazi-Zeit entweder erfunden worden oder en vogue waren und sich damit im „Wörterbuch des Unmenschen“ finden sollten, im Falle von „Kriegstüchtigkeit“ nicht greift. Unwissenheit kann schwerlich der Grund sein. Der Grund muss vielmehr sein: „Nein, diese Frage nach der Herkunft stell‘ ich nicht!“.
  4. Berührend an dem Buch ist die Fülle von Beispielen und Erfahrungen mit konkreter Friedensarbeit, meist weit entfernt vom epochalen zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Russland und dem Westen.
  5. Am provokantesten empfand ich in seiner argumentativen Transparenz und ‚Ungeschütztheit‘ den Beitrag von Ulrich Duchrow. Der steht unter dem Titel mit einer klaren Frage „Wer hat die Gewalt gesteigert, die angeblich Aufrüstung nötig macht?
    Die Antwort für den Fall des russischen Angriffs auf die Ukraine lautet grundlegend: „Der kapitalistische Markt hat … Voraussetzungen“, und zu denen gehöre „staatliches Militär zur Eroberung des Zugangs zu Rohstoffen und Märkten mit der Folge von Kriegen und Rüstungswahnsinn.“ Darauf wird Bezug genommen in den Passagen, in denen das US-seitige Motiv mit „Wer die Ukraine kontrolliert, kontrolliert den euro-asiatischen Markt.“ formuliert ist. Ziel müsse der gerechte Frieden sein. Den könnten die Schüler:innen erkämpfen, durch die Organisation von Schulstreiks gegen die neue Wehrpflicht. „Wenn sie sich mit den Friedenskräften in den Gewerkschaften verbünden würden … und schließlich unsere Kirchen noch … lernen würden, den … imperialen Kapitalismus mit einer Wirtschaft im Dienste des Lebens zu überwinden, dann würden die Grundlagen eines gerechten Friedens umsetzbar sein.
  6. Höchst verstörend und anrührend ist das Titelbild. Es zeigt von Gottfried Helnwein dessen Bild „Desaster of War 47“. Das ist ein Bild eines ‚wissenden‘ Kindes, in Portrait-Form, in Uniform, mit Schulterklappen. Das sagt eigentlich alles über den Krieg.

Gerne erinnere ich aus diesem Anlass an eine der letzten Stellungnahmen aus der Feder von Jürgen Habermas. Sie lautet:

In dieser Abschaffung der Wehrpflicht spiegelt sich ein weltgeschichtlicher Lernprozess, nämlich die auf den Schlachtfeldern und in den Kellern des Zweiten Weltkrieges gewachsene Einsicht, dass diese mörderische Form der Gewaltausübung menschenunwürdig ist.

Hans-Jochen Luhmann

 

Aus: Rhein-Neckar-Zeitung, 8. April 2026

Eine Einladung zum Perspektivwechsel

Hermann Theisen hat sein drittes Buch herausgegeben: Prominente Autoren befassen sich darin mit „Kriegsuntüchtigkeit als Chance“

Von Annette Steininger

Seit über 40 Jahren kämpft Hermann Theisen aus Leutershausen unermüdlich für den Frieden. Für seine Überzeugung ist er sogar schon drei Mal in den Knast gegangen. Dem 63-Jährigen ist es auch eine Herzensangelegenheit, sich mit den Auswirkungen von kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Klimawandel zu beschäftigen.

Vor einem Jahr stieß er auf ein kleines Büchlein mit einem spannenden Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Albert Einstein. Eine Friedensorganisation hatte 1932 Albert Einstein gebeten, mit einer Person seiner Wahl einen Dialog über die Frage „Gibt es einen Weg, die Menschen vom Verhängnis des Krieges zu befreien?“ zu führen. Und so war besagter Briefwechsel entstanden. Theisen brachte er zum Nachdenken: „Sie haben damals keine ultimative Lösung gefunden – und fast 100 Jahre weiter geht es uns genauso.“

Die Idee für ein weiteres Buch war geboren. Es ist bereits das dritte, das der Leutershausener herausgibt. Diesmal lautet der Titel „Kriegsuntüchtigkeit als Chance – Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung“, ganz bewusst in Anlehnung beziehungsweise als Kontrapunkt zum militärischen Begriff der „Kriegstüchtigkeit“, den Verteidigungsminister Boris Pistorius immer wieder in den Mund genommen hat. Für einen Pazifisten wie Theisen ein Unwort, impliziert es doch die aktive Kriegsführung und eben nicht nur die Verteidigung.

Um es vorwegzunehmen: Auch in den Essays findet sich nicht die ultimative Lösung, wie der Herausgeber selbst sagt. Sehr wohl aber liest man hier kluge Gedankenanstöße. Das Buch sei eine Einladung zum Perspektivwechsel, sagt Theisen. So soll es dazu anregen, wie er in seiner Hinführung zum Thema schreibt, festgefahrene militärpolitische Denkmuster zu verlassen, „um sich konsequent nichtmilitärischen Zukunftsvisionen zuzuwenden“.

Sein Buch könnte zeitlich nicht passender erscheinen, in einer Phase, in der über die Wehrpflicht diskutiert wird, und der Iran-Krieg die Welt beschäftigt. Was Theisen in den Diskussionen dazu vermisst, ist die Beschäftigung mit den strukturellen Hintergründen von Kriegen wie etwa die Endlichkeit von Ressourcen wie Wasser und seltenen Erden. Die Problematik einer ungerechten Ressourcenverteilung schafft laut Theisen nicht nur immer wieder neue Kriegsursachen, sondern auch die bis 2050 auf zehn Milliarden anwachsende Bevölkerung. „Wer hat eigentlich dann Anspruch auf unsere gemeinsamen Ressourcen?“, sieht der Herausgeber eine „zentrale Gerechtigkeitsfrage“ auf die Menschheit zukommen.

Für seine Anthologie angesprochen hat er Menschen, die sich in irgendeiner Form schon einmal öffentlich zur Kriegsthematik geäußert haben. Herausgekommen sind 40 vielseitige Essays, geschrieben von Politikern, Physikern oder auch Theologen. So stellt beispielsweise der bekannte Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi „Die hoffentlich richtigen Fragen“. Kritisch hinterfragt er in seinem Beitrag besagten Begriff der „Kriegstüchtigkeit“. Er empfiehlt ein Aufbrechen des aktuellen Diskurses, um den Ukraine-Krieg möglichst schnell zu beenden. Auch RNZ-Chefredakteur Klaus Welzel nimmt das Wort in seinem Essay kritisch unter die Lupe (siehe auch RNZ-Magazin v. 28./29.3.) und fordert klar und deutlich: „Vor der ,Kriegsuntüchtigkeit‘, nach der ja der Herausgeber verlangt, muss der Kampf gegen die ,Kriegstüchtigkeit‘ stehen.“

Theisen ist schon ein wenig stolz darauf, welch kluge Köpfe er in dem Buch vereint hat. So konnte er für ein Geleitwort Professor Hartmut Rosa gewinnen, einen der bedeutendsten und vielfach prämierten Sozialwissenschaftler der heutigen Zeit. „Das ist schon etwas ganz Besonderes“, ist Theisen begeistert. Rosa sieht eine klare Botschaft aus dem Buch hervorgehen: „Es ist an der Zeit, einen anderen Weg zu wählen, auch wenn es dem aktuellen – insbesondere dem europäischen und hier wiederum vor allem dem deutschen – Zeitgeist widerspricht.“

Sehr freut sich der Herausgeber auch über die lobenden Worte des bekannten SPD-Politikers Rolf Mützenich, der das Buch als „notwendigen Gegenentwurf zu den gefährlichen Trends unserer Gegenwart“ sieht. Vielleicht motiviert dies den Leutershausener Friedensaktivisten ja, ein viertes Buch herauszugeben? „Ideen habe ich auf jeden Fall“, meint er schmunzelnd.