Beschreibung
Hermann Theisen (Hg.)
Kriegsuntüchtigkeit als Chance
Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Hartmut Rosa
Titelbild: The Disasters of War 47 von Gottfried Helnwein
Soeben erschienen!
272 Seiten | 28,00 Euro | ISBN 978-3-939045-61-8
Krieg und Kriegsgefahr bestimmen unsere Zeit, während die klimapolitischen Hiobsbotschaften kaum nachhaltige Folgen haben. In dieser Anthologie kommen Autor*innen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen und Lebenswelten zu Wort. Sie gehen in ihren Essays der Frage nach, warum wir explizit kriegsuntüchtiges Denken und Handeln brauchen, um die Krisen unserer Zeit zu bewältigen. Was alle Autor*innen verbindet, ist die tiefe Überzeugung, dass Kriege nicht zu rechtfertigen sind und die globalen Probleme unserer Zeit nur auf zivile Weise verstanden und gelöst werden können, denn Louis Lecoins Kritik am Krieg gilt bis heute: „Selbst wenn man mir beweisen würde, dass mein Ideal durch einen Krieg verwirklicht werden könnte, würde ich immer noch ,Nein‘ zum Krieg sagen. Denn man baut keine menschliche Gesellschaft auf Leichenbergen auf.“
„In einer Zeit, in der Gewalt wieder als vermeintlich legitimes Mittel erscheint, erinnert dieses Buch daran, dass eine friedliche und kooperative Weltordnung keine Illusion ist. Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass Sicherheits- und Friedenspolitik mehr ist als Aufrüstung und dass Diplomatie und zivile Formen der Konfliktlösung wieder ins Zentrum politischen Denkens gehören. Ein notwendiger Gegenentwurf zu den gefährlichen Trends unserer Gegenwart.“
Dr. Rolf Mützenich
Mit Beiträgen von
Helmut Adolf, Dr. Martin Arnold, PD Dr. Georgiana Banita, Christine Bidell, Roland Blach, Dr. Arno Brandt, Dr. Davide Brocchi, Stephan Brües, Prof. Dr. Ulrich Duchrow, Bernd Fischer, Ulrich Frey, Prof. Dr. Hans-Joachim Gießmann, Dr. Harald Ginzky, Dr. Gregor Gysi, Karen Hinrichs, Robert Hülsbusch, Andrea Kolling, Dr. Edith Lutz, Lou Marin, Alexander Mauz, Prof. Dr. Thomas Nauerth, Prof. Dr. Gottfried Orth, Karsten Packeiser, Max Prosa, Dr. Britta Rabe / Michèle Winkler, Horst-Peter Rauguth, Prof. Dr. Fritz Reheis, Prof. Dr. Hartmut Rosa, Julian Rossmann, Dr. Annette Schlemm, Rainer Schmid, Stefan Schwarzer, PD Dr. Stefan Silber, Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé, Otmar Steinbicker, Hermann Theisen, Ilija Trojanow, Klaus Waiditschka, Prof. Dr. Jutta Weber, Dr. Klaus Welzel, Prof. Dr. Elmar Wiesendahl, Dr. Theodor Ziegler
Der Herausgeber
Hermann Theisen (Jg. 1964) ist Master of Social Work, Systemischer Berater und Fachkraft für Friedensarbeit. Er engagiert sich seit den 1980er-Jahren in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und hat an zahlreichen Aktionen zivilen Ungehorsams teilgenommen und solche organisiert, wofür er dreimal in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Mainz inhaftiert wurde. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit den Auswirkungen von kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Klimawandel.
Rezension
Aus: Rhein-Neckar-Zeitung, 8. April 2026
Eine Einladung zum Perspektivwechsel
Hermann Theisen hat sein drittes Buch herausgegeben: Prominente Autoren befassen sich darin mit „Kriegsuntüchtigkeit als Chance“
Von Annette Steininger
Seit über 40 Jahren kämpft Hermann Theisen aus Leutershausen unermüdlich für den Frieden. Für seine Überzeugung ist er sogar schon drei Mal in den Knast gegangen. Dem 63-Jährigen ist es auch eine Herzensangelegenheit, sich mit den Auswirkungen von kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Klimawandel zu beschäftigen.
Vor einem Jahr stieß er auf ein kleines Büchlein mit einem spannenden Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Albert Einstein. Eine Friedensorganisation hatte 1932 Albert Einstein gebeten, mit einer Person seiner Wahl einen Dialog über die Frage „Gibt es einen Weg, die Menschen vom Verhängnis des Krieges zu befreien?“ zu führen. Und so war besagter Briefwechsel entstanden. Theisen brachte er zum Nachdenken: „Sie haben damals keine ultimative Lösung gefunden – und fast 100 Jahre weiter geht es uns genauso.“
Die Idee für ein weiteres Buch war geboren. Es ist bereits das dritte, das der Leutershausener herausgibt. Diesmal lautet der Titel „Kriegsuntüchtigkeit als Chance – Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung“, ganz bewusst in Anlehnung beziehungsweise als Kontrapunkt zum militärischen Begriff der „Kriegstüchtigkeit“, den Verteidigungsminister Boris Pistorius immer wieder in den Mund genommen hat. Für einen Pazifisten wie Theisen ein Unwort, impliziert es doch die aktive Kriegsführung und eben nicht nur die Verteidigung.
Um es vorwegzunehmen: Auch in den Essays findet sich nicht die ultimative Lösung, wie der Herausgeber selbst sagt. Sehr wohl aber liest man hier kluge Gedankenanstöße. Das Buch sei eine Einladung zum Perspektivwechsel, sagt Theisen. So soll es dazu anregen, wie er in seiner Hinführung zum Thema schreibt, festgefahrene militärpolitische Denkmuster zu verlassen, „um sich konsequent nichtmilitärischen Zukunftsvisionen zuzuwenden“.
Sein Buch könnte zeitlich nicht passender erscheinen, in einer Phase, in der über die Wehrpflicht diskutiert wird, und der Iran-Krieg die Welt beschäftigt. Was Theisen in den Diskussionen dazu vermisst, ist die Beschäftigung mit den strukturellen Hintergründen von Kriegen wie etwa die Endlichkeit von Ressourcen wie Wasser und seltenen Erden. Die Problematik einer ungerechten Ressourcenverteilung schafft laut Theisen nicht nur immer wieder neue Kriegsursachen, sondern auch die bis 2050 auf zehn Milliarden anwachsende Bevölkerung. „Wer hat eigentlich dann Anspruch auf unsere gemeinsamen Ressourcen?“, sieht der Herausgeber eine „zentrale Gerechtigkeitsfrage“ auf die Menschheit zukommen.
Für seine Anthologie angesprochen hat er Menschen, die sich in irgendeiner Form schon einmal öffentlich zur Kriegsthematik geäußert haben. Herausgekommen sind 40 vielseitige Essays, geschrieben von Politikern, Physikern oder auch Theologen. So stellt beispielsweise der bekannte Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi „Die hoffentlich richtigen Fragen“. Kritisch hinterfragt er in seinem Beitrag besagten Begriff der „Kriegstüchtigkeit“. Er empfiehlt ein Aufbrechen des aktuellen Diskurses, um den Ukraine-Krieg möglichst schnell zu beenden. Auch RNZ-Chefredakteur Klaus Welzel nimmt das Wort in seinem Essay kritisch unter die Lupe (siehe auch RNZ-Magazin v. 28./29.3.) und fordert klar und deutlich: „Vor der ,Kriegsuntüchtigkeit‘, nach der ja der Herausgeber verlangt, muss der Kampf gegen die ,Kriegstüchtigkeit‘ stehen.“
Theisen ist schon ein wenig stolz darauf, welch kluge Köpfe er in dem Buch vereint hat. So konnte er für ein Geleitwort Professor Hartmut Rosa gewinnen, einen der bedeutendsten und vielfach prämierten Sozialwissenschaftler der heutigen Zeit. „Das ist schon etwas ganz Besonderes“, ist Theisen begeistert. Rosa sieht eine klare Botschaft aus dem Buch hervorgehen: „Es ist an der Zeit, einen anderen Weg zu wählen, auch wenn es dem aktuellen – insbesondere dem europäischen und hier wiederum vor allem dem deutschen – Zeitgeist widerspricht.“
Sehr freut sich der Herausgeber auch über die lobenden Worte des bekannten SPD-Politikers Rolf Mützenich, der das Buch als „notwendigen Gegenentwurf zu den gefährlichen Trends unserer Gegenwart“ sieht. Vielleicht motiviert dies den Leutershausener Friedensaktivisten ja, ein viertes Buch herauszugeben? „Ideen habe ich auf jeden Fall“, meint er schmunzelnd.