Charles Jacquier (Hg.)

Lebenserfahrung und Geistesarbeit

Simone Weil und der Anarchismus

24,80

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Beschreibung

Charles Jacquier (Hg.)
Lebenserfahrung und Geistesarbeit
Simone Weil und der Anarchismus

Mit Texten von Domenico Canciani, Robert Chenavier, Charles Jacquier, Géraldi Leroy, Adriano Marchetti, Louis Mercier-Vega, Anne Roche, Patrice Rolland, Boris Souvarine, Simone Weil.

Aus dem Französischen von Lou Marin, Beate Seeger und Silke Makowski

380 Seiten
ISBN 3-939045-04-7

Simone Weil (1909-1943) wurde in Frankreich von dissidenten Vertretern der sozialistischen Bewegung mit Rosa Luxemburg verglichen. Im Gegensatz zur Mehrzahl der französischen Intellektuellen machte sie sich keine Illusionen über den Charakter der UdSSR, den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland oder die Parteien der französischen Volksfront. Simone Weil gehörte einer minoritären politischen Kultur an, die das stalinistische Verständnis des Sozialismus sowie die Identifikation der Arbeiterbewegung mit der »Arbeiterpartei« nicht teilte. Nach 1934 gehörte sie zu den wenigen klarsichtigen AktivistInnen, die sich ohne falsche Hoffnungen mit den Niederlagen der weltweiten Arbeiterbewegung befassten und anfingen, deren Ursachen methodisch zu untersuchen. Die Erfahrung ihrer Teilnahme an Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1936 führte sie zu neuerlicher Kritik an revolutionärer Gewaltanwendung, die im französischen anarchistischen Milieu noch lange nach ihrem Tod und bis heute diskutiert wird. Mit einer Mischung aus wissenschaftlichen und zeitgenössisch-politischen Texten erinnert dieses Buch an die anarchistische Lebens- und Schaffensphase Simone Weils, jener praxisnahen Philosophin, die lange Zeit nur als Christin rezipiert und gewürdigt wurde. Sie stellte sich den schlimmsten Tragödien des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Bürgerkrieg in Spanien) als gewaltkritische Anarchistin in einzigartiger Weise und entwickelte aus ihren Lebenserfahrungen einen heute noch aktuellen, utopischen Entwurf dessen, was Freiheit im politisch-gesellschaftlichen Bereich sowie in der Arbeitswelt bedeutet.

Der Herausgeber

Charles Jacquier leitet die Reihe Mémoires sociales im Verlag Editions Agone (Marseille) und die Rubrik Histoire radicale bei der Zeitschrift Agone; Koautor des Buches Boris Souvarine et »La Critique sociale«, Editions la Découverte, 1990, sowie von Présence de Louis Mercier, Atelier de création libertaire, 1999; forscht zur Geschichte der politischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts; publizierte bereits zu Jean Bernier, Maurice Dommanget, Georg K. Glaser, Marcel Martinet, Louis Mercier Vega, Jacques Perdu, Boris Souvarine; Beiträge für die Zeitschrift für Sozialgeschichte Gavroche und für das biographische Lexikon der französischen Arbeiterbewegung, genannt: Maitron.

Inhalt

Lou Marin
Einleitung

Charles Jacquier
Vorwort

Teil 1: Lebenserfahrung

Charles Jacquier
Simone Weils Briefe an Boris Souvarine. Präsentation

Simone Weil (1936-1942)
Briefe von Simone Weil an Boris Souvarine

Boris Souvarine (1945)
Anmerkung zu Simone Weil

Patrice Rolland
Simone Weil und der revolutionäre Syndikalismus

Simone Weil (1936)
Unwillkommene Betrachtungen

Simone Weil (1938)
Brief an Georges Bernanos

Domenico Canciani
Diskussionen und Konflikte um eine kurze Erfahrung.
Oder: Die spanischen Bürgerkriege der Simone Weil

Louis Mercier-Vega (1975)
Simone Weil über die Aragon-Front

Charles Jacquier
Berichte der GenossInnen

Louis Mercier (1955)
Für eine bessere Kenntnis von Simone Weil

Teil 2: Geistesarbeit

Anne Roche
Simone Weil und die Anthropologie der dreißiger Jahre: ein „gescheitertes Aufeinandertreffen“?

Géraldi Leroy
Simone Weil und das Phänomen des Stalinismus

Patrice Rolland
Die Frage des Engagements bei Simone Weil

Adriano Marchetti
Betrachtungen über die Polis

Robert Chenavier
Simone Weil wieder lesen

Anhang

Über die wissenschaftlichen AutorInnen

Verzeichnis der Siglen

Anmerkungen

Organisationsregister

Personenregister

Rezensionen

Frankfurter Rundschau
Lebenshaus Schwäbische Alb

Anarchie als soziale Idee

Die assimilierte Jüdin Simone Weil (1909-1943) ist in Deutschland fast nur durch ihre während des Kriegs entstandenen religiösen Schriften, in denen sie eine von Gott gestiftete Gesellschaftsordnung skizzierte, bekannt. Der von Charles Jacquiers herausgegebene Sammelband enthält ein gutes Dutzend Beiträge sowie Briefe und Dokumente von und über Simone Weil, die deren weithin unbekanntes politisches Leben und Werk zwischen 1925 und 1938 beleuchten.

Sie war in ihrer Jugend stark geprägt von ihrem Lehrer, dem Pazifisten und Philosophen Alain (eigentlich Émile Chartier, 1868-1951). Nach ihrem Abschluss an der Elitehochschule École Nationale Supérieure wurde Simone Weil Philosophielehrerin in Le Puy. Sie schloss sich anarcho-syndikalistischen Gruppen an, blieb jedoch vorerst Pazifistin. 1932 besuchte sie Deutschland und beschrieb in eindringlichen Texten die Gefahr des Nationalsozialismus, kritisierte jedoch auch SPD und KPD. Über die SPD schrieb sie: „Was will sie? Ihre Büros behalten. Die Organisation behalten, ohne nach ihrem Zweck zu fragen.“ Noch schärfer verurteilte sie den zeitweise nationalistischen Kurs der KPD, der der Kampf gegen die „Ketten von Versailles“ wichtiger war als eine kohärente antikapitalistische und antifaschistische Strategie.

1936 zog sie in den spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Anarchisten. Der gewaltförmige Anarchismus Duruttis wurde ihr ebenso suspekt wie der Pazifismus angesichts von Faschismus und Nationalsozialismus. Einzig angemessen erschienen ihr diesen Gefahren gegenüber militärischer und gewaltfreier Widerstand. Für beide suchte sie religiöse Begründungen. 1942 floh sie zuerst in die USA, dann nach England, wo sie mit 34 Jahren starb.

[…]

Rudolf Walther
erschienen in: Frankfurter Rundschau, 09.05.2007

Simone Weil und der Anarchismus

Simone Weil (1909-1943), französische Philosophin, Lehrerin, Fabrikarbeiterin und Kämpferin im Spanischen Bürgerkrieg, wurde hierzulande in erster Linie als religiöse Denkerin wahrgenommen, als Gottessucherin, als christliche Mystikerin. Dieses Bild von ihr wurde vor allem durch Schriften des letzten Lebensabschnitts der 1943 im Alter von erst 34 Jahren Verstorbenen genährt. Dass sie eine radikale Gesellschaftskritikerin war, fand hierzulande bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein kaum Berücksichtigung.

Dabei war die erste Phase des Erwachsenenlebens von Simone Weil ab Ende der zwanziger bis gegen Ende der dreißiger Jahre vom Anarchismus bestimmt. Sie wandelte sich dann zwar mehr und mehr von einer Anarchistin zur christlichen Mystikerin, aber es gab keinen völligen Bruch in ihrem Leben. Keine ihrer verschiedenen Lebensperioden lässt sich von der anderen völlig isolieren. Noch eine ihrer letzten Notizen enthält das alte Leitmotiv, das Ideal einer egalitären Gesellschaft, dem sie bis zum Schluss verbunden blieb. Sie schrieb: “Man muss das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, dass diejenigen, die höchstes Ansehen oder sogar Macht besitzen, gering entlohnt werden. Die menschlichen Beziehungen müssen der Kategorie nichtmessbarer Dinge zugeordnet werden. Öffentlich soll anerkannt sein, dass ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.” (1)

Zu einer Veränderung des Bildes der französischen Philosophin könnte nun das Buch “Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus” beitragen, das vom Verlag Graswurzelrevolution herausgegeben wurde. Darin wird Weil in ihrer anarchistischen Lebens- und Schaffensphase in den Mittelpunkt gestellt. Indem Zeitdokumente – Briefe und Artikel von ihr und über sie – sowie wissenschaftliche Texte kombiniert werden, ist ein interessanter Sammelband entstanden.

Es wird das Leben einer Philosophin sichtbar, die sich nicht in einen wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurückzog. Vielmehr sammelte sie praktische Lebenserfahrung u.a. als Fabrikarbeiterin und durch ihre Teilnahme an der spanischen Revolution 1936. Durch diese Lebenserfahrung wurde sie zu einer eigenständigen Geistesarbeit getrieben, deren Kern angesichts existentieller Herausforderungen durch faschistische Bedrohungen die Suche nach wirksamen gewaltlosen Lösungen bildete. Dass sie sich dabei die Lösung ihrer Aufgabe alles andere als leicht gemacht hat, unterstreicht besonders Lou Martin in seiner bemerkenswerten Einleitung zu diesem Buch. Er verdeutlicht, dass Simone Weils Leben und Denken eine Gratwanderung zwischen Gewaltbefürwortung und Gewaltkritik gewesen ist. Als sie während und nach ihrer Spanienerfahrung den Eindruck bekommen habe, dass die Suche nach wirksamer Gewaltlosigkeit innerhalb der anarchistischen Reihen aussichtslos sei, habe sie das anarchistische Milieu verlassen, so Marin.

Im Gegensatz zu vielen anderen französischen Intellektuellen machte sich Simone Weil keine Illusionen über die Wesensart der Sowjetunion, den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland oder die Parteien der französischen Volksfront. Sie gehörte von Anfang an einer politischen Kultur an, der es ein Anliegen war, sich für einen von der stalinistischen Version deutlich unterschiedenen und von der Kommunistischen Partei in der UdSSR unabhängigen Sozialismus oder Kommunismus einzusetzen.

Das durch dieses Buch entstehende Bild von Simone Weil lässt leicht verstehen, warum ihre Arbeiten in Frankreich nach ihrem allzu frühen Tod von Albert Camus herausgegeben und auch bei Linken diskutiert wurden. Simone Weil hat sich als gewaltkritische Anarchistin in einer außerordentlichen Weise furchtbarsten Tragödien des vergangenen Jahrhunderts gestellt: Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Bürgerkrieg in Spanien. Wenn wir uns im 21. Jahrhundert den zukünftigen Herausforderungen angemessen stellen wollen, dann macht es Sinn, Lehren aus den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts zu ziehen, aus den Schrecken zweier Weltkriege und aus verschiedenen Totalitarismen. Bei dieser Auseinandersetzung können die zeitgeschichtlichen Arbeiten von Simone Weil durchaus fruchtbar sein. Wer sich hier anregen lassen möchte, dem sei dieser lesenswerte Sammelband empfohlen.

(1) Simone Weil, Ecrits de Londres et dernieres lettres, Paris 1957, S. 179, zitiert nach Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften, Rogner & Bernhard, München 1975/1987, S. 7.

Michael Schmid
erschienen in: Lebenshaus Schwäbische Alb, Online Magazin, 05.02.2007

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Der Übersetzer Lou Marin im Gespräch mit Literadio zur Frankfurter Buchmesse 2006