Lou Marin/Barbara Pfeifer (Hg.)

Menschen retten!

Wie ziviler Widerstand jüdische NS-Verfolgte vor der Deportation bewahrte

12,90 

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Die hier zusammengetragenen Beispiele aus den Jahren 1942 bis 1944 zeigen, wie es mutigen, gut organisierten Menschen in Nazideutschland, im kollaborierenden Bulgarien sowie in den nationalsozialistisch besetzten Ländern Dänemark und Frankreich gelang, jüdische Verfolgte vor der Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten zu retten. Kann ziviler Widerstand gegen eine brutal vorgehende Besatzungsmacht das Leben der angegriffenen Bevölkerungsgruppe oder Gemeinschaft sichern? Welche Bedingungen und Mechanismen müssen hier zusammenfinden und gemeinsam wirken?

Beschreibung

Lou Marin/Barbara Pfeifer (Hg.)

Menschen retten!

Wie ziviler Widerstand jüdische NS-Verfolgte vor der Deportation bewahrte

87 S. | 12,90 Euro | ISBN 978-3-939045-53-3

 

Was kann ziviler Widerstand gegen den enthemmten Vernichtungswillen und die militärische Übermacht einer faschistischen Diktatur ausrichten? Die hier zusammengetragenen Beispiele aus den Jahren 1942 bis 1944 zeigen, wie es mutigen, gut organisierten Menschen in Nazideutschland, im kollaborierenden Bulgarien sowie in den nationalsozialistisch besetzten Ländern Dänemark und Frankreich gelang, jüdische Verfolgte vor der Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten zu retten.

Mit Blick auf die brutale Repression aktueller Regime und ihre neuen Kriege stellt diese Untersuchung die Frage: Kann ziviler Widerstand gegen eine brutal vorgehende Besatzungsmacht das Leben der angegriffenen Bevölkerungsgruppe oder Gemeinschaft sichern? Welche Bedingungen und Mechanismen müssen hier zusammenfinden und gemeinsam wirken?

Inhalt

Einleitung von Lou Marin/Barbara Pfeifer

I. Fallbeispiel Bulgarien 1943 von Lou Marin
Erfolgreicher ziviler Widerstand gegen die national-sozialistische Übermacht und für das Überleben bulgarischer Juden und Jüdinnen

II. Singen statt sterben von Barbara Pfeifer
Oder: Warum 1943 die meisten dänischen Jüd*innen gerettet wurden

III. Um die Erinnerung kämpfen von William Wright
Der Widerstand der Frauen in der Rosenstraße 1943

IV. Camus und die Gewaltlosigkeit von Lou Marin
Die Pest“ und die Rettung der Juden in Chambon-sur-Lignon während der Nazi-Besatzung – entscheidende Weggabelung für Camus Konzeption der gewaltfreien Revolte

Aus der Einleitung

Der zivile Widerstand in den von Nazis besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs 1939–1945 ist vor dem Hintergrund der bedrohlichen, kriegerischen und reaktionären Tendenzen der aktuellen Weltlage seit dem Angriffskrieg der russischen Armee vom 24. Februar 2022 auf die Ukraine für die weltweite anarchistische und antimilitaristische Bewegung von neuem, besonderen Interesse. Dieses Buch stellt vier, inzwischen durch die Historiker*innen und Philosph*innen zum Thema ziviler Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Europa relativ weitgehend erforschte und gut dokumentierte Beispiele erfolgreicher „Judenrettung“ dar und untersucht ihre Wirkungsmechanismen. Intention dieser Sammlung ist es, durch den Blick auf historische Beispiele den Mut zu entfachen, nicht aufzugeben und trotz brutaler Repression und aktueller Kriege die Möglichkeit offenzuhalten, mittels zivilem Widerstand wenn nicht die Besatzungsmacht zu besiegen, so doch das Überleben der angegriffen Bevölkerungsgruppe oder Gemeinschaft überhaupt erst wieder zu sichern und zu ermöglichen. Außerdem soll diese Studie den Aktivist*innen zu neuer gesellschaftlicher Legitimation verhelfen, die hier und heute etwa mit Rettungsschiffen im Mittelmeer Menschen aus Kriegsgebieten und Zonen der Klimazerstörung im globalen Süden helfen. Geflüchteten, die ihr Leben durch Flucht aufs Spiel setzen, um zu versuchen, in den nördlichen Industriegesellschaften wie den USA oder Europa Fuß zu fassen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Dieses Buch soll jenen Mut machen, die Hilfe oder Aufnahme für diese Geflüchteten, ebenso wie jene aus der Ukraine oder aus dem Krieg im Nahen Osten, organisieren und dabei mit den neuen rassistischen Gesetzen der EU oder der USA gegen ihre Aufnahme sowie mit einer Politik systematischer Abschiebungen konfrontiert sind.

[…]

In seiner bedeutenden Studie zum zivilen Widerstand in Europa gegen die nationalsozialistische Besatzung hat der französische, aus der dortigen gewaltfrei/antimilitaristischen Bewegung kommende Historiker Jacques Semelin „Fälle solchen Widerstandes (…) in Frankreich, Belgien, Luxemburg, in den Niederlanden, Dänemark, Norwegen, aber auch in Polen, der Tschechoslowakei und in Bulgarien“ untersucht. Dabei ging es nicht nur um die „Judenrettung“, sondern um den Widerstand unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, der Ärzt*innen in den Niederlanden etwa, oder der Lehrer*innen in Norwegen. Bei den genannten Beispielen in Dänemark und Bulgarien meint Semelin jedoch auch die „Judenrettung“, für Frankreich befasst er sich mit den umfangreicheren Aktionen durch die französische Résistance, wie etwa der Verweigerung des Zwangsarbeitsdienstes für die deutsche Kriegsindustrie. Der Widerstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße findet hier deswegen Aufnahme, weil einer der bedeutendsten historischen Forscher*innen zu dem Thema, Dr. Gernot Jochheim, direkt aus dem publizistischen und theoretischen Umfeld der gewaltfrei-anarchistischen Bewegung stammt und damit ein Publizist der direkten gewaltfreien Aktion Pionierforschung zum Widerstand der Rosenstraße-Frauen geleistet hat.

[…]

Die Logiken des zivilen Widerstands führten in den hier vorgestellten vier Beispielen zum Erfolg des Überlebens bzw. der Rettung eines beträchtlichen bzw. im Falle Bulgariens oder Dänemarks sogar des größten Teils der jüdischen Gemeinschaft, wenngleich den Betroffenen weitere Verfolgungsmaßnahmen wie Enteignung oder Zwangsarbeit nicht überall erspart blieben.

Die Grundlagen und Muster des Erfolgs waren in diesen vier Beispielen jedoch unterschiedlich: In Bulgarien, wo mit den ca. 50.000 geretteten Verfolgten zahlenmäßig fast die gesamte jüdische Gemeinschaft – zumindest in Alt-Bulgarien – gerettet werden konnte, gelang es dem zivilen Widerstand, die Eliten zu spalten, ausgelöst durch den Gewissensakt Einzelner bisher im institutionellen System Verankerter. Sie gehörten der nationalen Elite an und brachen nun aus dem herrschenden Konsens aus, wodurch dann das aufgestaute Protestpotenzial einer weitgehend nicht antisemitisch eingestellten Gesellschaft außerhalb des institutionellen Systems mobilisiert werden konnte. Eine entscheidende Rolle spielte weiterhin die orthodoxe Kirche in Bulgarien, die sich nicht nur für eine andere Glaubensgemeinschaft – die jüdische – einsetzte, sondern deren wichtigste Kirchenvertreter (die Metropoliten) direkt ihr Leben mit aufs Spiel setzten.

Im Falle Dänemarks, so beschreibt es Autorin und Mitherausgeberin Barbara Pfeifer, lag das Geheimnis des Erfolgs in der dänischen Art des sozialen Zusammenhalts und Gemeinschaftsgefühls.

[…]

Im Falle der Berliner Rosenstraße waren es wiederum die Entscheidungen über den Privilegienverlust und den Abstieg in der rassistischen Hierarchie des Nationalsozialismus, welche die Frauen der Rosenstraße trafen. Die emotionale Bindung, ja Liebe zu ihren jüdischen Ehemännern war noch größer als die angebliche Liebe zur deutschen Nation oder zur angeblich überlegenen „arischen Rasse“, der die Frauen der Rosenstraße angehörten. Hier war es also der Ausbruch aus einer sozial und rassistisch privilegierten Stellung in der vorherrschenden Gesellschaft, die zum Erfolg des zivilen Widerstands führte. Und diese emotionale Bindung an die Familie wurde dann auch durch männliche Familienmitglieder, die als Soldaten auf Fronturlaub waren und sich an den Demonstrationen in der Rosenstraße beteiligten, nachvollzogen, die durch diese sozial-emotionale Bindung ebenfalls bereit waren, ihre Karriere und ihre Existenz aufs Spiel zu setzen.

Im Falle der französischen „Judenrettung“ in Chambon-sur-Lignon hatte der Erfolg mit den Möglichkeiten des Versteckens zu tun, die Semelin oben als schwere Zugänglichkeit und Abgeschiedenheit der Gemeinschaft, die Juden/Jüdinnen versteckte, beschrieben hatte. Hinzu kam die politische Sozialisation des organisierenden Pastorenpaars André und Magda Trocmé, die in den 1920er-Jahren mit der gandhianischen Bewegung Indiens in Kontakt gestanden hatten. Sie selbst wussten bereits von der Wirksamkeit einer gewaltfreien Massenbewegung im antikolonialen Kampf und stützten sich nun bei ihrem Vorgehen auf diesen Erfahrungshintergrund.

[…]

Aber ist das nicht insgesamt utopisch? Wischt nicht die Tatsache, dass die alliierten Armeen den Zweiten Weltkrieg gegen die nationalsozialistische Ambition der Weltherrschaft gewonnen haben, den Wert der Rettungsaktionen beiseite? Oder andersherum: Wurde nicht erst durch den bewaffneten Widerstand und durch den Krieg der alliierten Armeen die vollständige Vernichtung des Judentums in Europa verhindert und damit eine immense, unvorstellbare Anzahl weiterer Millionen von Toten verhindert? Das kann sein. Doch die militärische Antwort der Alliierten war nicht auf unmittelbare Rettung aus und verhinderte damit die real ermordeten 6 Millionen Juden/Jüdinnen nicht – und zwar deshalb, weil die alliierte Kriegsführung, bedingt durch ihre militärische Logik des Kampfes, die nur den endgültigen militärischen Sieg im Blick hatte, trotz sehr vieler Warnungen über die nationalsozialistische Vernichtungsindustrie nicht unmittelbar eingriff, etwa durch die Bombardierung von Auschwitz und weiterer Vernichtungslager der Nazis.

[…]

Albert Camus zweiter Artikel der Serie „Weder Opfer noch Henker“ trug den programmatischen Titel: „Menschen retten!“ – in der Gegenwart! –, anstatt sie in der Gegenwart um einer besseren, aber fernen Zukunft willen zu opfern.

„Meine Überzeugung ist es, dass wir vernünftigerweise nicht hoffen können, alles zu retten, dass wir uns aber vornehmen können, zumindest Menschen zu retten, damit eine Zukunft noch möglich ist.“