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Ausgrenzungs-Prozesse
Ein abschreckendes Lehrstück über die (Un-)Tiefen
politischer Auseinandersetzungen
Bisher haben wir unseren LeserInnen die Auseinandersetzungen
innerhalb von Teilen der Anti-AKW-Bewegung nach dem Castor-Transport
im März erspart. Das Niveau der Diskussion war und ist nicht
gerade hoch, die Vorwürfe insbesondere gegen "X-tausendmal
quer", aber auch gegen Gewaltfreie im Allgemeinen sind teilweise
so absurd, daß es sich kaum lohnte, darauf einzugehen. Doch
die Vorwürfe werden - trotz zahlreicher Entgegnungen nicht
nur von unserer Seite - munter weiter verbreitet, und so wollen
wir dem endlich etwas entgegensetzen. (Red.)
Auch wenn es bei der Art und Weise,
wie die Vorwürfe gegen GraswurzelrevolutionärInnen und
"X- tausendmal quer" vorgebracht wurden und werden schwer ist,
darauf kühl und sachlich einzugehen, so will ich genau das
in diesem Artikel versuchen. Im wesentlichen lassen sich die Vorwürfe
in drei Gruppen einteilen:
- Vorwürfe, die das Verhalten gegenüber Autonomen
während der Aktionstage im Wendland betreffen;
- Vorwürfe gegen den Aktionsort von "X-tausendmal quer"
am Verladekran;
- Vorwürfe gegen den Aktionsrahmen von "X-tausendmal quer"
als solchen.
Bezeichnend für den Umgang mit diesen Vorwürfen in
bestimmten Kreisen der autonomen Szene ist jedoch, daß Erwiderungen
(die es zahlreich gegeben hat) nicht zur Kenntnis genommen werden
und auch nicht der Versuch unternommen wird, zentrale Inhalte
gewaltfreier Aktionskonzeptionen überhaupt auch nur nachzuvollziehen,
um die darauf beruhende Argumentation wenigstens zu verstehen.
Gewaltfreie gegen Autonome?
In einem Artikel unter der Überschrift "Hilfspolizei"
in der Bewegungszeitschrift anti atom aktuell, kurz "aaa", (1)
werden "Übergriffe" von "sog. gewaltfreien Personen auf DemonstrantInnen,
die sich nicht dem Spaltungskonzept von X-tausendmal quer anschließen
wollten" 'dokumentiert'(vgl. dazu auch nebenstehenden Artikel 'Vorsicht:
Dokumentationen'). Dabei wird "Personen aus dem Spektrum von X-tausendmal
quer" vorgeworfen, sie hätten "auch Aufgaben der Polizei" übernommen.
Im Detail:
- "Einige DemonstrantInnen wurden aufgefordert ihre Mützen,
Tücher und Sonnenbrillen abzunehmen. Einige Personen versuchten
dies auch aktiv durchzusetzen.
- Bei mindestens drei Menschen wurde der Rucksack durchsucht.
Die Hilfspolizei 'X-tausendmal quer' war auf der Suche nach
Waffen.
- Menschen wurden aufgefordert, ihre Jacken zu öffnen
und sich kontrollieren zu lassen.
- Immer wieder wurden Menschen aufgefordert, sich von der Sitzblockade
zu entfernen, weil sie der Kleiderordnung von X-tausendmal quer
nicht entsprechen. Schwarze Jakken waren verboten.
- Immer wieder wurde Menschen angedroht, sie der richtigen
Polizei auszuliefern, wenn sie sich nicht an das Spaltungskonzept
von X-tausendmal quer halten würden. Obwohl niemand vorhatte,
das Spaltungskonzept dort zu gefährden."(2)
Belegt werden diese Vorwürfe alle nicht. Und durch die
Formulierung "immer wieder" wird suggeriert, daß es sich
dabei um Methode gehandelt hätte, das diese "Vorkommnisse"
die logische Erfüllung des "Spaltungskonzeptes" von X-tausendmal
quer gewesen wären.
Es kann hier nicht darum gehen, zu leugnen,
daß es in Einzelfällen Vorkommnisse dieser Art gegeben
hat. Wenn dem so war, so kann ich mich dem "Pfui Deibel" des "Rat
für überregionale Angelegenheiten der Republik Freies
Wendland" (3) nur anschließen. Doch
solche Methoden sind weder gewaltfrei, noch gehörten sie
zum Konzept von X-tausendmal quer. Und Aufgabe der sogenannten
"MittlerInnen" bei X-tausendmal quer war es, genau solches zu
vermeiden. Sie "hatten in erster Linie zur
Aufgabe, Menschen, die zur Blockade hinzustoßen, zu integrieren,
d.h. sie über die Übereinkunft der Aktion zu informieren
und die Wichtigkeit der Einhaltung der Übereinkunft zu betonen."
Es wurde versucht, "neuen Menschen offener entgegenzutreten, und
damit der Tendenz zu begegnen, daß viele Menschen sich erst
spontan entschließen, an einer Aktion teilzunehmen."(4)
Im Rahmen des Streckenkonzeptes war es daher Aufgabe der MittlerInnen,
neu eintreffenden Menschen die Ziele der Aktion zu verdeutlichen
und - wenn deutlich wurde, daß der Aktionsrahmen nicht mitgetragen
wurde - darauf hinzuweisen, daß es entlang der Strecke genug
Möglichkeiten für andere Aktionsformen gibt. Weder gab
es eine "Kleiderordnung" (ich habe durchaus Menschen mit schwarzen
Jacken in der Blockade gesehen), noch gehörte es zur Aufgabe
der MittlerInnen, Taschen zu durchsuchen oder sonstwie "handgreiflich"
zu werden. Und die Drohung, jemanden an die "richtige Polizei"
auszuliefern, wäre wohl keiner/m MittlerIn eingefallen.
Weitere Vorwürfe gegen X-tausendmal quer und gewaltfreie
Gruppen sind:
- "An der Transportstrecke, wo unterschiedliche Gruppen aktiv
waren, haben sich 'gewaltfreie' Personen zwischen Polizei und
DemonstrantInnen gestellt.
- DemonstrantInnen wurden festgehalten, die an die Transportstrecke
wollten.
- DemonstrantInnen die Vermummung vom Gesicht gerissen.
- Immer wieder wurde gedroht, einige DemonstrantInnen der Polizei
auszuliefern.
- Bei Laase/Grippel wurden sogar DemonstrantInnen festgehalten,
die von der Polizei verfolgt wurden. ..." (5)
Zunächst einmal fällt in dem Text auf, daß alle
diese Ereignisse, die entlang der Transportstrecke geschehen sein
sollen, pauschal X-tausendmal quer angelastet werden. X-tausendmal
quer war jedoch nur eine der gewaltfreien Aktionen
während der Castor-Tage und beschränkte sich auf den
Aktionsort am Verladekran in Dannenberg. Mit Ereignisse entlang
der Strecke hatte X-tausendmal quer aber auch garnichts zu tun.
Und für alle diese Vorwürfe (außer dem ersten)
gilt, daß sie mit Gewaltfreiheit nichts zu tun haben. Und
so lange nicht bekannt ist, um welche Gruppen oder Personen es
sich handelt, gehe ich davon aus, daß diese nicht aus dem
Spektrum der Gewaltfreien Aktionsgruppen stammten, sondern daß
es bürgerliche DemonstrantInnen (oder gar Zivis) waren.
Für eine Bewertung des "Vorwurfs", "gewaltfreie" Personen
hätten sich zwischen Polizei und DemonstrantInnen gestellt,
fehlen mir Informationen, aus denen die näheren Umstände
hervorgehen. So pauschal, wie er in der 'Dokumentation' der Antifaschistischen
Arbeitsgruppe Uelzen vorgebracht wird, läßt sich darauf
kaum differenziert eingehen. Ich könnte mir aber Situationen
vorstellen, in denen trotz aller Problematik solcher Aktionen
die Motive der Leute, die in eine militante Auseinandersetzung
nicht hineingezogen werden wollen und keine Möglichkeit sehen,
den unmittelbaren Verlauf der Auseinandersetzung zu beeinflussen,
zumindest nachvollziehbar werden. Ob diese Umstände hier
gegeben waren, läßt sich jedoch nicht beurteilen.
Ein letztes Wort zur Polizei: Es ist klar, daß unser Verständnis
von Gewaltfreiheit eine Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols
- und damit auch der Polizei - beinhaltet. Schon vor diesem Hintergrund
ist es absurd, X-tausendmal quer zu unterstellen, die Drohung,
Personen der Polizei auszuliefern, hätte zum Konzept gehört.
Die Sätze in der Übereinkunft - "Wir werden keinen Menschen
verletzen oder beschimpfen. Wir versuchen, allen Menschen mit
Aufrichtigkeit und Gesprächsbereitschaft zu begegnen." -
galten nicht nur gegenüber der Polizei, sondern selbstverständlich
gegenüber allen - also auch Autonomen.
Der "Putsch" von X-1000mal quer
Der Vorwurf, X-tausendmal quer hätte sich an den Verladekran
"geputscht", weist auf die problematisch Strukturen der Anti-AKW-Bewegung.
Doch leider werden diese nicht thematisiert, im Gegenteil: mit dem
Putsch-Vorwurf werden diese Probleme unter den Teppich gekehrt.
Bereits in aaa 78 heißt es:
"Obwohl Ratschlag und Delegiertentreffen am 8. September
1996 einmütig dagegen votierten, daß diese Aktion vor
dem Verladekran stattfindet, schert er (Jochen Stay, AS) sich
um dieses Votum einen Deubel. Stattdessen versucht er als Organisator
dieser Aktion alles, um diese an besagtem Ort durchzuführen.
... Unter Umgehung von Ratschlag und Delegiertentreffen wird noch
am 16. Februar versucht, mit der BI zu kungeln und ein quasi geschütztes
Areal zu gewinnen.
Als diese dankend ablehnt, wird flugs per Zeitungsanzeige
in der EJZ (das ist die örtliche Elbe-Jeetzel-Zeitung,
AS) das Gebiet vor dem Verladekran okupiert."(6)
Auch in der ÖkoLinX wird X-tausendmal
quer gleich ein "Bruch der Bündnisabsprachen" vorgeworfen. (7)
Mitglieder der Vorbereitungsgruppe von X-tausendmal quer schreiben
dazu: "Zugegeben, die Entscheidung um den
Blockadeort von X-tausendmal quer zog sich unglücklich in
die Länge. Das haben wir zu verantworten, können wir
aber mit unserem Versuch, basisdemokratisch zu entscheiden, rechtfertigen.
Die Entscheidung des Delegiertentreffens war unseres Wissens nach
keine Entscheidung, sondern die klare Äußerung eines
Wunsches, der auch seine Gründe hatte. (...) Dadurch, daß
die Entscheidung des Delegiertentreffens wie oben schon gesagt,
unseres Wissens keine war, ist der Vorwurf, X-tausendmal quer
habe sich über jene hinweggesetzt, zumindest teilweise außer
Kraft gesetzt."(8) Anschließend thematisieren
sie die strukturellen Probleme: "Kann es
sein, daß jene, die zu fünft als Gruppe kommen, alle
Delegierte dieser Gruppe sind und damit mehr Entscheidungsgewalt
haben als jene, die zu viert kommen, aber eine tausendmal so große
Gruppe vertreten? Kann es sein, daß Entscheidungen im Wesentlichen
durch die im Raum vorhandene, meist aggressive Stimmung bestimmt
werden, in der nur einige wenige Mutige ihre Argumente gegen die
dominierende Meinung einbringen können? Genau diese Phänomene
sind bei vielen Delegiertentreffen zu beobachten."(9)
Dieses Problem der Legitimation der "Gremien" bzw. "Strukturen"
(soweit dabei überhaupt von Strukturen gesprochen werden
kann) der Anti-AKW-Bewegung ist meines Wissens nirgendwo aufgegriffen
worden. An basisdemokratische Strukturen wäre zumindest der
Anspruch der Durchschaubarkeit zu stellen, aber auch der Anspruch
an einen Diskussionsstil, der es auch nicht so mutigen Menschen
ermöglicht, abweichende Meinungen zu äußern. Die
"Strukturen" des Wendland-Widerstandes erfüllen diese Kriterien
mit Sicherheit nicht, und es bedarf eines gehörigen Maßes
an Durchsetzungsvermögen und Frusttoleranz, um diese Treffen
zu überstehen.
Ein Fehler von X-tausendmal quer war vielleicht, diese mangelnde
Legitimation der "Gremien" des Widerstandes nicht vorher zu thematisieren.
Die Teilnahme von VertreterInnen von X-tausendmal quer legitimierte
also zunächst die Delegiertentreffen, obwohl genau diese
Legitimation von X-tausendmal quer durchaus hinterfragt wurde
und wird. In Zukunft sollten daher vorab Anforderungen an Entscheidungsfindung
und Arbeitsweise legitimer Gremien des Widerstandes gestellt werden.
Und dazu gehört auch eine Diskussionskultur, die diesen Namen
verdient.
War X-tausendmal quer ungefährlich?
Die letzte Gruppe der "Vorwürfe" beschäftigt sich
mit der Aktionsform von X-tausendmal quer selbst. Hier ginge es
eigentlich um eine politische Auseinandersetzung, doch findet sich
davon in den Papieren leider wenig.
"Nirgends war die Straße vor Schäden
so sicher wie dort, wo sich dogmatische Gewaltfreie gegen jeden
anderen Widerstandsversuch als ihren lautstark beschwerten"(10),
- so richtig wie gleichzeitig ohne Verständnis für das
Aktionskonzept (und das Streckenkonzept, möchte mensch hinzufügen)
beginnen häufig Vorwürfe dieser Art gegen X-tausendmal
quer. X-tausendmal quer hat immer deutlich gemacht, daß
gegen Tunnelarbeiten auf der gesamten Strecke nichts einzuwenden
ist, doch daß es eben zum Aktionsrahmen von X- tausendmal
quer gehört, daß im Rahmen dieser Aktion nur das Blockieren
mit dem eigenen Körper durch das Sitzenbleiben auf der Straße
stattfindet. Weitergehende Aktionen - sowohl an der Schienen-
als auch an der Straßenstrecke - wurden von X-tausendmal
quer nicht abgelehnt, sondern begrüßt, wie auch das
Jubeln bei entsprechenden Durchsagen zeigte.
Um jedoch den vielen Menschen, die bisher keine eigene Widerstandserfahrung
gesammelt haben, den ersten Schritt zur bewußten Übertretung
von Gesetzen zu ermöglichen und diese Menschen mit ihren
Hoffnungen und Ängsten auch ernst zu nehmen, war der Aktionsrahmen
an diesem Ort bewußt auf Sitzen begrenzt. Das mag einigen
gegen den Strich gegangen sein, doch kehrt sich der Vorwurf, so
wie er vorgebracht wird, gegen diejenigen um, die sich nicht einmal
die Mühe machen, Aktionskonzepte von ihrer inneren Logik
her zu reflektieren (und dazu gehörte bei X-tausendmal quer
die Beschränkung der Aktionsform auf 'Sitzen') und dann vielleicht
zu kritisieren. Unverständnis führt in der Diskussion
nicht weiter.
Der nächste Vorwurf zielt auf die
OrganisatorInnen: sie hätten bewußt oder im naiven
Glauben die TeilnehmerInnen von X-tausendmal quer in dem Glauben
gelassen, wenn von ihnen keine Gewalt ausginge, würde ihnen
auch von Seiten der Polizei nichts passieren.(11)
Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, daß
einige TeilnehmerInnen in diesem Glauben angereist sind, so wurde
das aber von X-tausendmal quer mit Sicherheit nicht gefördert.
Bereits in dem Aufruf-Flugblatt heißt es:
"Wenn wir dem Castor mit entschlossener, klarer gewaltfreier Haltung
begegnen, werden wir zu einem politischen Hindernis für diesen
und etwaige andere Transporte. Deshalb müssen wir damit rechnen,
daß 'X-tausendmal quer' mit polizeilicher Gewalt begegnet
wird. Uns wird das weder überraschen, noch aus der Fassung
bringen."(12)
Während der Castor-Tage selbst wurde sowohl bei der Bezugsgruppenbildung
auf mögliche Polizeigewalt hingewiesen, als auch mittels
eines gewaltfreien Trainings der Umgang mit Polizeigewalt geübt.
Und die meisten Bezugsgruppen werden wohl gerade darüber
ausführlich diskutiert haben. Und am Abend vor der Räumung
wurde auch der SprecherInnenrat erneut über die Aussagen
der Einsatzleitung der Polizei informiert, daß sie alle
notwendigen Mittel "unterhalb des finalen Rettungsschusses" einsetzen
werde.
Weder wurde somit bei X-tausendmal quer
jemand verheizt, noch war das alles ein abgesprochenes Spiel,
bei dem "die Bullen ... zusammen mit Demonstranten Goodwill demonstrieren"(13)
konnten. Die Einschätzung, "gäbe
es X-Quer nicht, die Bullen hätten sie erfinden müssen"
(14) ist daher nichts weiter als eine rethorisch
geschickte Diffamierung, hat aber mit der Wirklichkeit gar nichts
zu tun.
Ebenso völlig an der Realität
vorbei geht eine Einschätzung, wenn "X-tausendmal quer" zu
einem "Synonym für Entpolitisierung und grüne WählerInnenschaft"
gemacht und in Widerspruch zu Gewaltfreien, "deren gewaltfreier
Widerstand weiterhin phantasievoll, unberechenbar und effektiv
sein soll" (15) gestellt wird. Das gipfelt
dann in folgenden Äußerungen: "'X-1000mal quer' war
für die Atomindustrie so 'gefährlich', wie die niedersächsische
Landesregierung. Die Bullen und die Atomlobby hatten keinen Grund,
sich zu ängstigen. Alles war abgesprochen. Wir sitzen hier
'ne Weile für die Presse und ihr räumt uns dann friedlich
ab. Dafür sorgen wir, daß es keine häßlichen
Bilder am Verladekran gibt und distanzieren uns von GewalttäterInnen.
Etwas besseres hätte den Bullen nicht passieren können.
... Wenn aber das, was X-1000mal Quer praktiziert
hat, Graswurzellinie ist, dann hat sich diese Bewegung vom Widerstand
verabschiedet und bewegt sich zum Helfer der Inszenierung eines
konservativen Gewaltmonopolbegriffs." (16).
Das bei "X-tausendmal" zum Ausdruck gekommene Konzept "war ein
mögliches von vielen, vielfältigen und unterschiedlichen
Ansätzen, Konzepten und Formen gewaltfreier Aktion." so die
Stellungnahme der Redaktion der GWR dazu:
"Wir sehen als GraswurzelrevolutionärInnen auch
nach den Aktionen beim letzten Transport überhaupt keinen
Anlaß, uns davon zu distanzieren. Und wir wissen, daß
sich die InitiatorInnen für "X-tausenmal quer" eingesetzt
haben, nicht etwa weil sie andere direkte Aktionen wie Sabotage,
Straßenunterhöhlungen, Barrikaden usw. ablehnen, sondern
weil nach politischer Einschätzung der Gesamtsituation für
die vielen Neuen und Unorganisierten ein solches Konzept einer
Massenblockade das Sinnvollste erschien und sich zudem mit anderen
Aktionsformen im Streckenkonzept ergänzen konnte. Daß
"X-tausendmal quer" durchaus gefährlich (allerdings nicht
im Sinne einer physischen Gefährdung) war für die Polizei
und die Atomindustrie zeigte der Ablauf selbst. Allein die Masse
der 9 000 BlockiererInnen zeigten der Polizei die Unmöglichkeit,
hier "verhältnismäßig" vorgehen zu können.
Daß die Versuche "friedlich abzuräumen" schnell scheiterten,
und dann eben doch Wasserwerfer und Gummiknüppel eingesetzt
wurden, dürfte hinlänglich bekannt sein. Daß dabei
immer noch nicht so brutal vorgegangen werden konnte, wie dies
sicherlich gegenüber militanten Aktionen häufig geschieht,
ist eine der Stärken gewaltfreier Aktion. Abgesprochen war
bei dem ganzen gar nichts, auch wenn die Polizei das gerne gehabt
hätte und am Tag vor der Räumung den Kontakt zu "X-tausendmal
quer" gesucht hat. Auch das ein Zeichen unserer Stärke. Ebenso
absurd ist der Vorwurf der Distanzierungen:
"Deshalb ist es so wichtig, daß die Kampagne in öffentlichen
Äußerungen immer wieder klarmacht, daß es genauso
gewaltfrei ist, wenn die Bäuerliche Notgemeinschaft mit ihren
Treckern auf die Strecke geht, die Gorlebenfrauen Schmierseife
auskippen, Leute damit anfangen, öffentlich die Straße
abzubauen oder irgendwo spontane Sitzblockaden ohne vorherige
Selbstverpflichtung und Übereinkunft stattfinden." (Interview
mit Jochen in GWR 216)"(17)
"Denunziationen"
Eine vierte Gruppe von Vorwürfen fehlt in der bisherigen
Auseinandersetzung, und hier ist eine sachliche Würdigung auch
nicht mehr angebracht. Dennoch will ich mich zu guter letzt in die
(Un-)Tiefen der Diskussionskultur einiger Autonomer begeben und
das daher auch den LeserInnen nicht ersparen.
In dem bereits erwähnten interim-Artikel
"X-tausendmal Gewaltbereit" heißt es zu X-tausendmal quer:
"Mit Sprüchen wie 'Das deutsche Volk ist wehrhaft' wurde
aus dem Lauti Schützenhilfe für die Malträtierten
geliefert, die sich das auch noch gefallen ließen. Wo waren
überhaupt noch linke politische Inhalte?"(18)
Ungeprüft fand dieser Vorwurf des Nationalismus seinen Weg
durch zahlreiche andere Veröffentlichungen, und eine Widerlegung
von Seiten der GWR bzw. der Leute aus dem Lautsprecherwagen wurde
bisher nicht veröffentlicht. Es ist schlicht und einfach
absurd, eine solche Äußerung zu unterstellen, die es
mit Sicherheit aus dem Lautsprecherwagen nicht gegeben hat. Folgerichtig
wurde unsere Anfrage bei den Leuten aus dem Lautsprecherwagen
von diesen schon als Beleidigung empfunden - und das durchaus
zu recht!
In der sogenannten 'Dokumentation' des
Rats der Gnome wird dann X-tausendmal quer autoritäres Verhalten
vorgeworfen und einen Absatz weiter heißt es: "Spätestens
seit dem nicht ausgetragenen Konflikt um die Franz Alt-Veranstaltung
der BI steht eh eine Diskussion um den Umgang mit autoritären,
'heimattreuen', faschistoiden und anti-emanzipatorischen Strömungen
innerhalb der Anti-Castor-Bewegung an."(19)
- Geht es noch perfider? Soll hier X-tausendmal quer allen Ernstes
eine Nähe zu autoritären, 'heimattreuen' ("Das deutsche
Volk ist wehrhaft") und faschistoiden Strömungen unterstellt
werden? Ein Kommentar erübrigt sich.
Und was jetzt?
Die Auseinandersetzungen der letzten Monate haben das Klima
nachhaltig vergiftet. Eine konstruktive Auseinandersetzung, die
auf ein solidarisches Nebeneinander (mensch wird bescheiden) ausgerichtet
ist, scheint derzeit kaum möglich. Gleichzeitig ist mit einer
Spaltung der Bewegung niemanden gedient, was aber wiederum nicht
heißen darf, daß Aktionsformen nicht kritisiert werden
dürfen.
Diese Auseinandersetzung sollte jedoch vom Willen zum gegenseitigen
Verständnis getragen sein. Die Methode und auch die Sprache,
mit der von Seiten einiger Autonomer in diesem Streit agiert wird,
zeichnen sich aber gerade dadurch aus, daß es nicht um Verständnis
geht, sondern nur um die Ausgrenzung von gewaltfreien Zusammenhängen
und das Plattmachen jeder Kritik an autonomen Aktionsformen.
Dabei sollte trotz aller inhaltlichen und politischen Differenzen
doch eigentlich das gemeinsame Ziel im Vordergrund stehen: die
Abschaltung aller Atomanlagen. Und dieses Ziel kann nur erreicht
werden, wenn sich alle Strömungen des Widerstandes mit all
ihren Eigenheiten respektieren und vielleicht nicht gerade zusammen,
aber auch nicht gegeneinander arbeiten. Doch auch dafür gilt:
Es reicht! Nur wenn die entsprechenden Teile der Autonomen zu
einer solidarischen Form der Auseinandersetzung zurückkehren,
ist auch in Zukunft eine Zusammenarbeit möglich!
Andreas Speck
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