Etta Federn (1883-1951) und die Mujeres Libres
Ein Portrait anläßlich der Wiederveröffentlichung
ihrer Broschüre "Mujeres de las revoluciones"
Marianne Kröger (Hrsg.): Etta Federn:
Revolutionär auf ihre Art. Zwölf Skizzen unkonventioneller
Frauen. Psychosozial Verlag, Gießen 1997, 134 S., 28 DM.
Dieses
Buch ist die deutsche Erstveröffentlichung der Broschüre
"Mujeres de las revoluciones", die 1938 während des spanischen
Bürgerkrieges im Verlag der "Mujeres Libres" in Barcelona
herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Broschüre, die Anarchistin
Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der
1936 gegründeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation
"Mujeres Libres".
"Mujeres de las revoluciones" enthält eine Sammlung von
Portraits exponierter Frauen aus aller Welt. Die LeserIn erhält
Einblick in ein breites Spektrum nicht-konformer Lebensentwürfe.
Sowohl radikal-bürgerliche Frauenrechtlerinnen wie Emmeline
Pankhurst, Lili Braun u.a. werden hier vorgestellt, als auch kommunistische
Sozialrevolutionärinnen wie Angelika Balabanoff, Vera Figner
u.a. Erwähnenswert sind außerdem die Portraits der
schwedischen Reformpädagogin Ellen Key sowie der Tänzerin
Isadora Duncan.
Was aber ist das spezifisch "Revolutionäre" an diesen Lebensentwürfen?
Im Mittelpunkt steht dabei nicht eine Teilnahme am aktiven militärischen
Kampf, sondern der folgende Aspekt:
Bereits Emma Goldman hatte, als sie sich auf Rundreise durch das
republikanische Spanien befand, in der Zeitschrift "Mujeres Libres"
einige historische Frauen präsentiert, um durch die Darstellung
der "erstaunlichen Taten der Frauen in der Vergangenheit die Legende
von ihrer Minderwertigkeit" (S.94) zu widerlegen. Es war grundlegender
Bestandteil der feministischen Erwachsenenbildung, das Selbstbewußtsein
der Spanierinnen zu stärken und gezielt das "Wissen um eine
Frauengeschichte" (S.94) mit ihnen zusammen zu entfalten. Dafür
war es methodisch sinnvoll, u.a. historische Frauenportraits als
Medium einzusetzen, insbesondere um "mögliche Orientierungsvorbilder"
(S.94) zu geben.
Der Dachverband "Agrupación Mujeres Libres" war explizit
aus der Erkenntnis und Erfahrung heraus entstanden, daß
die aktiven, zumeist jungen Anarchistinnen ihre spezifischen Anliegen
und Probleme innerhalb der bestehenden libertären Ortsgruppen
nicht einbringen und äußern konnten (der Begriff "libertär"
umfaßt hier sowohl anarchistische als auch anarchosyndikalistische
Ansätze). Obwohl es für die libertären Frauengruppen
zumeist äußerst schwierig war, sich innerhalb der fest
verankerten patriarchalischen Strukturen autonom zu behaupten,
entwickelte sich die spanische anarchafeministische Basisbewegung
zu einer erfolgreichen, eigenständigen und dynamischen Kraft.
Eine ihrer ersten politischen Forderungen war die "Gleichbehandlung
von Männern und Frauen in der Bewegung und innerhalb der
Familie." (S.87)
"Capacitatión" lautete das Schlagwort der Schulungs-
und Bildungsprogramme für Frauen. Im wesentlichen bedeutete
dies, "daß jede Einzelne lernen müsse, die gesellschaftlichen
Mechanismen zu durchschauen, sich der eigenen Position innerhalb
der Gesellschaft bewußt zu werden und sich individuell weiterzubilden,
um innerhalb des revolutionären Prozesses ein kompetentes,
selbstbewußtes und schöpferisches Individuum zu werden."
(S.88) Die Organisation "Mujeres Libres" bot für diese Zielsetzung
zum Beispiel Kurse für Analphabetinnen an, aber auch weiterführende
berufsbildende Lehrgänge.
Die libertäre Pädagogin und Schriftstellerin Etta
Federn
Im Kulturzentrum der anarchosyndikalistischen Frauenbewegung
von Barcelona unterrichtete Etta Federn Literatur, Sprache und Pädagogik.
Nach dem Modell der "Escuela Moderna" des libertären Pädagogen
Francisco Ferrer (1859-1909) entwickelte sie eigene libertär-pädagogische
Konzepte. Später gründete sie - ebenso im Zusammenhang
mit den "Mujeres Libres" - ein libertäres Schulzentrum im katalonischen
Ort Blanes, dessen Leiterin sie auch war und wo sie nicht nur Kinder,
sondern auch zukünftige Lehrerinnen ausbildete. Dieses anarchistische
Schulmodell war nicht nur atheistisch und koedukativ ausgerichtet,
sondern vor allem antimilitaristisch und pazifistisch. Eine "angstfreie,
kindgerechte, anregende und fürsorgliche Atmosphäre" war
dabei maßgebend, "und zwar möglichst unbelastet von den
politisch-sozialen Kämpfen der Epoche." (S.90)
Von vielen ZeitgenossInnen und FreundInnen wurde sie als eine
bemerkenswerte Persönlichkeit mit großer Ausstrahlungskraft
beschrieben. "Der Kampf für individuelle und gesellschaftliche
Emanzipation prägte ihr gesamtes Denken und Leben." (S.90)
Ihre Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit und ihre
Wertschätzung für Literatur und Bildung sind u.a. auf
ihre eigene Sozialisation zurückzuführen, nicht zuletzt
auf ihre Mutter, die selbst eine engagierte Frauenrechtlerin war.
Etta Federn wurde 1883 in Wien als jüngste Tochter einer
assimilierten österreichisch-jüdischen Familie geboren.
Was Ausbildung und Erziehung anbetraf, war sie ihren Brüdern
vollkommen gleichgestellt. Nach der Matura begann sie mit dem
Studium der Germanistik und Philosophie. Darüber hinaus erhielt
sie eine breit angelegte Ausbildung in Fremdsprachen. Trotz der
gut gestellten Startbedingungen ins Leben kam es zum Bruch mit
der Familie. Sie siedelte nach Berlin über, wo sie ihr Studium
zu Ende führte.
In Berlin verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zunächst
durch Unterrichten und Übersetzen aus den Sprachen Englisch,
Französisch, Dänisch, Russisch und Jiddisch. Sie übersetzte
u.a. Alexandra Kollontai, Shakespeare und Hans Christian Andersen.
Beim Berliner Tageblatt arbeitete sie als Literaturkritikerin.
Gleichzeitig begann sie zu schreiben: Essays, Biographien, Autobiographisches,
Erzählungen, ein Theaterstück und Gedichte. Vor allem
mit ihrer 1927 erschienenen Erstbiographie über Walther Rathenau
hatte sie sich im Berlin der Weimarer Republik einen Namen gemacht.
Aufgrund ihrer vehementen Verteidigung dieses liberalen Politikers
und überhaupt wegen ihrer freiheitlich-geistigen Gesinnung
(sowie natürlich auch wegen ihrer assimilierten jüdischen
Herkunft) erhielt sie Morddrohungen von Nazis. Schließlich
wurde der Verfolgungsdruck so stark, daß sie bereits 1932
Deutschland den Rücken kehren mußte. Fast 50- jährig
ging sie zusammen mit ihren beiden Söhnen nach Spanien ins
Exil (1932-1938).
Berlin, Barcelona, Paris: Stationen eines Lebens im anarchistischen
Milieu
Bis 1932 hatte sie nach zwei gescheiterten Ehen und als
Alleinernährerin ihrer Familie Zuflucht innerhalb der anarchosyndikalistischen
Bewegung Berlins gefunden. Die Mitwirkung in der FAUD ("Freie Arbeiter-Union
Deutschlands") - für deren Zeitschriften sie außerdem
regelmäßig Beiträge schrieb - entfaltete sich bald
zu einem dichten, tragenden sozialen Beziehungsnetz. Insbesondere
die innige Freundschaft mit Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker
hielt lebenslang.
Ihre Eingebundenheit in die anarchistische
Bewegung Groß-Berlins, in der sich damals viele "selbständige
jüdische Frauen engagierten, deren Themen wie soziale Revolution,
Freie Pädagogik, die Bedeutung von kultureller Arbeit und
Frauenemanzipation sowie der hohe Stellenwert solidarischen, verantwortungsbewußten
Verhaltens boten ihr geistigen, emotionalen und politischen Rückhalt."
(2)
Auch für ihre Anfangszeit in Barcelona im Exil war ihr
der syndikalistische FreundInnenkreis aus Berlin eine solidarische
Stütze. Bereits von Berlin aus konnten ihre FreundInnen Etta
Federn Anlaufadressen und Mitarbeitsmöglichkeiten in Barcelona
verschaffen. Ihre Integration als Exilantin erfolgte außergewöhnlich
schnell. Innerhalb weniger Wochen war sie imstande, journalistische
Artikel auf Spanisch zu veröffentlichen, gleichzeitig lernte
sie katalanisch.
Trotzdem litt sie anfänglich unter dem Verlust, ihre poetisch-literarische
Ausdrucksfähigkeit im Exilland vorerst nicht verwirklichen
zu können. Hinzu kamen finanzielle Belastungen. Aufgrund
ihrer Notsituation halfen ihr nahestehende Verwandte in den USA
mit regelmäßigen, allerdings geringen Überweisungen.
Im faschistischen Deutschland von 1933 wurden inzwischen alle
ihre bisherigen Veröffentlichungen bei der Bücherverbrennung
den Flammen übergeben und ihr Name auf die "schwarze Liste"
gesetzt. Trotz Verschärfung der spanischen Ausländergesetze
und zunehmender Bespitzelung durch die NSDAP/Auslandsorganisation
in Barcelona gelang es ihr, zahlreiche deutsche Flüchtlinge
in ihrer Wohnung zu beherbergen.
Im Jahre 1938, kurz vor dem Einmarsch Francos, verließ
sie aufgrund der massiven Bombardierungen Barcelonas ihr Exilland.
In Paris fand sie schließlich für sich und ihre beiden
Söhne Unterkunft. Bis zu ihrem Lebensende (1951) blieb diese
Stadt ihre Wahlheimat. Obwohl Etta Federn zum Zeitpunkt der Übersiedlung
physisch völlig erschöpft war, ja teilweise sogar ernsthaft
erkrankt, beteiligte sie sich aktiv an der Résistance durch
Übersetzungen, Propagandaarbeit und Organisierung. Schmerzlich
war dann nochmal der Verlust ihres ältesten Sohnes, der als
Kämpfer der Résistance 1945 in einem Gefecht umgekommen
war. Paradoxerweise erhielt sie gerade wegen diesem Vorfall die
französische Staatsangehörigkeit und eine kleine monatliche
Entschädigungsrente.
Die von Marianne Kröger vorgelegte Publikation "Mujeres
de las revoluciones" bietet zugleich einen spannend und interessant
geschriebenen Einblick in das Lebenswerk Etta Federns. Wesentliche
Orte und längst verlorengegangene Spuren dieser uns heute
zumeist unbekannten Schriftstellerin und libertären Sozialreformerin
sind aufgedeckt und wiedergefunden. Besonders der psycho-soziale
Aspekt, nämlich auf welche Weise die Persönlichkeit
Etta Federns selbst mit den libertären sozialen Bewegungen
ihrer Zeit verbunden war, ist meines Erachtens gut herausgearbeitet.
Martina Pawlowski
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