graswurzelrevolution
226 februar 1998
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
antirassismus
>> 226 februar 1998

Kein Mensch ist illegal

Nach langer Diskussion werden für den Sommer Aktionen geplant, um Illegalität zu thematisieren

Seit der dokumenta X schwirrt die Kampagne "Kein Mensch ist illegal" durch die antirassistische Öffentlichkeit und ist im Herbst auch offiziell gestartet. Dennoch wird die breitere Öffentlichkeit davon bisher wenig mitbekommen haben. Das soll sich jetzt ändern. (Red.)

Seit über einem halben Jahr wurde szeneintern viel diskutiert über Vor- und Nachteile einer Kampagne für illegalisierte Flüchtlinge. Kritisiert wurde vor allem die Fixierung auf die Öffentlichkeit und das Fehlen klarer Forderungen. Dennoch wurde die Kampagne nach einigem Hin und Her im letzten Herbst mit einer Zeitungsanzeige gestartet, zahlreiche Gruppen unterstützen den Aufruf unter dem Titel "Kein Mensch ist illegal" (vgl. GWR 221).

Aktionscamps und Karawane

Im Sommer sollen nun zwei Aktionscamps an der deutsch-polnischen Grenze stattfinden, um auf die Situation von Flüchtlingen und die Abschottungspolitik der BRD und der EU aufmerksam zu machen. Geplant ist außerdem eine Karawane, die ab August quer durch die Bundesrepublik ziehen soll und in verschiedenen Städten über Aktionen und Veranstaltungen auf die Situation von MigrantInnen und Illegalisierten aufmerksam machen soll. Enden wird die Karawane schließlich bei den Aktionscamps an der Grenze.

Die Idee der Karawane stammt vom Internationalen Menschenrechtsverein in Bremen, der sich auch bereit erklärt hat, vorläufig die Koordination zu übernehmen. Bisher ist die Karawane auch unabhängig von "Kein Mensch ist illegal" entstanden, eine Verknüpfung wird aber angestrebt.

Legalisierung Illegalisierter

Im Rahmen der Kampagne wird zwar die Situation Illegalisierter thematisiert und zu ihrer Unterstützung aufgerufen, die Forderung einer Legalisierung wird bisher aber nicht explizit erhoben. Einer der Gründe liegt wohl darin, daß Diskussionen über eine Legalisierungskampagne in der Vergangenheit im Grundsatzstreit endeten und schließlich im Sande verliefen. Dennoch wird die Forderung nach Legalisierung, z.B. von der Antirassistischen Initiative Berlin (ARI) wieder in die Diskussion gebracht: letztlich würde nur eine Legalisierung den Status der MigrantInnen verbessern und über eine Position des "Wir helfen Euch" hinausführen.

Problem Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit ist einer der zentralen Punkte von "Kein Mensch ist illegal", was von antirassistischen Gruppen zum Teil heftigst kritisiert wurde. Ihnen fehlte z.T. die konkrete Unterstützung illegalisierter Flüchtlinge im Rahmen der Kampagne.

Diese Kritik geht jedoch an den Intentionen der Kampagne vorbei, der es gerade nicht um den Aufbau einer neuen großen Struktur ging, sondern um die Vernetzung und Zusammenfassung schon bestehender Ansätze antirassistischer Arbeit. Konkrete Unterstützung läuft meist vor Ort in halblegalen Strukturen. Was jedoch häufig fehlt oder zu kurz kommt ist eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit über den Einzelfall hinaus. Genau diese Lücke soll die Kampagne schließen.

Zu Recht wird jedoch z.B. von der ARI kritisiert, daß Öffentlichkeitsarbeit allein als gemeinsame politische Praxis einer Kampagne nicht ausreicht.

Andererseits kann gerade über Öffentlichkeitsarbeit für FlüchtlingsunterstützerInnengruppen auch deren Arbeit fördern. Die Kritik, mehr Öffentlichkeitsarbeit würde die halb- bis illegale Arbeit der Unterstützungsgruppen gefährden, greift dabei zu kurz. Eine organisatorische Trennung in Öffentlichkeitsarbeit durch einen lokalen TrägerInnenkreis der Kampagne und praktische Arbeit weiterhin durch UnterstützerInnengruppen kann hier leicht zu einer Minimierung von Risiken beitragen. Auf der anderen Seite stellt gerade Öffentlichkeit auch einen Schutz vor Repression dar, und gibt der Unterstützungsarbeit jenseits der direkten humanitären Hilfe politisches Gewicht.

Konkrete Unterstützung organisieren!

Dennoch ist klar, daß auch die konkrete Unterstützungsarbeit bisher vielfach zu kurz kommt. Es fehlt an Menschen, die Flüchtlinge verstecken bzw. Wohnungen und Arbeit für Illegalisierte anbieten. Es fehlt an ÄrztInnen, die Illegalisierte kostenlos behandeln (was für ÄrztInnen risikolos ist, nicht aber für die Illegalisierten), da sie sonst keine Chance auf irgendeine Art medizinischer Hilfe haben. Es fehlt an Medikamenten für Illegalisierte, an Schulen, die Kinder Illegalisierter heimlich mit unterrichten, an Kindergärten, an ... - die Liste ließe sich endlos verlängern.

Dennoch: so notwendig konkrete Unterstützung ist, erst durch eine klare Forderung zur Veränderung des Status Illegalisierter entfaltet sie politische Brisanz.

Andreas Speck
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

"Großes Abschiebungspotenzial"

Aachen und Paderborn treiben Jugendliche in die Illegalität

"Freiwillige Ausreise"
318 april 2007

200 Gefangene gesucht
315 januar 2007

Die Würde des Menschen
314 dezember 2006

Deutschland blüht auf
309 mai 2006

Keine Gnade für Geduldete
305 januar 2006

Outsourcing des Flüchtlingsschutzes
303 november 2005

Gewaltfreie Inspektion am Abschiebelager Bramsche-Hesepe
news & infos 31.8.2005

Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen (1993 bis 2004)
298 april 2005

Ausreisezentren, Arbeitsverbot, Aushungern
297 märz 2005

Ganz unten
292 oktober 2004

Im Frühling schiebt sich's leichter ab
288 april 2004

Grundrechtswidriger Umgang mit dem Internationalen Grenzcamp
news & infos 17.8.2003

Keine Festung Europa - No fortress Europe - Pas de fortresse europe
news & infos 20.6.2003

Out of control
news & infos 7.6.2003

Der feste Griff des staatlichen Rassismus
279 mai 2003

Kampagne "Roma bleiben hier"
275 januar 2003

Eine Geschichte aus Deutschland
273 november 2002

Rassismus als staatliche Gewalt
260 sommer 2001

Papiere für Alle - Illegalisierte legalisieren
259 mai 2001

Überall ist Dover
251 september 2000

Antirassistische Aktion gegen die Lufthansa

Go-In und Kundgebung bei LH-Ausbildungszentrum

Keine weiteren Abschiebungen mit Lufthansa!
249 mai 2000

"Die Jahrhundertreform"
238 april 1999

Ein Jahr Wanderkirchenasyl
236 februar 1999

Migration und transnationale Solidarität
232 oktober 1998

Alltäglicher institutioneller Rassismus
230 sommer 1998

Aufbegehren gegen ein Kontinuum der Rechtlosigkeit
228 april 1998

Zwangsarbeit und Internierungslager für Flüchtlinge

Passauer Aktion Zivilcourage

Gegen jeden rechten Konsens!
227 märz 1998

Rassismus auf dem Vormarsch

Kein Mensch ist illegal
226 februar 1998

Von den "Sans-Papiers" lernen!
223 november 1997

Gerhard Schröders Kriminalitäts-Rassismus
221 september 1997

Aktionstage gegen staatlichen Rassismus
210 sommer 1996





Kontakt

Antirassistische Initiative Berlin
Yorckstraße 59
10965 Berlin
Tel.: 030/7857281
Fax: 030/7869984

Kein Mensch ist illegal
c/o FFM
Gneisenaustraße 2a
10961 Berlin
Tel.: 0172/8910825
Fax: 0561/713458
grenze@ibu.de

Internationaler Menschenrechtsverein Bremen e.V.
Kornstraße 51
28201 Bremen
Tel.: 0421/5577093
Fax: 0421/4987276


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net