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Geschichte der Startbahnbewegung
Von der Massenbewegung bis zum 2.11.1987
Heute gibt es bereits 20 örtliche BürgerInneninitiativen
gegen die Flughafenerweiterung Frankfurt-Rhein-Main. Nur ca. 10
Ortsgruppen waren es zu Beginn der "Massenphase" der Bewegung
gegen die Startbahn-West. Sollte sich jetzt wieder eine soziale
Bewegung gegen den Flughafenausbau bilden, die auch bereit zur
direkten Aktion ist, kann auf eine Auswertung der Erfahrungen
aus der alten Startbahn-Bewegung (1979-87) nicht verzichtet werden.
Der Autor des folgenden Beitrags war von Ende 1981 bis zu den
Schüssen ‘87 und den folgenden Startbahnprozessen Beteiligter
der Startbahnbewegung. (Red.)
Die Geschichte der sozialen Bewegung
gegen die Startbahn-West läßt sich sehr grob in zwei
Phasen aufteilen: die Phase der Massenbewegung mit den Höhepunkten
in den Jahren 1981/82 und die Phase der militanten Sonntagsspaziergänge
von 1985 bis zu den Schüssen aus den Reihen der DemonstrantInnen,
die am 2.11.1987 zwei Polizisten töteten und zwei weitere
schwer verletzten, und in deren Gefolge die staatliche Repression
die Startbahn-Bewegung vollständig zerschlug.
I. Beginn der Massenbewegung & Konzept "gewaltfrei, aber
aktiv"
Die Anfänge des Protests gegen die Flughafenerweiterung
reichen bis in die 60er Jahre zurück, Pfarrer Oeser war Bindeglied
zur und Symbolfigur für die Anfangszeit zugleich. Doch erst
nach dem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts Berlin 1978 gründete
sich eine Aktionsgemeinschaft und daraus im Februar 1979 die "Bürgerinitiative
gegen die Flughafenerweiterung" (im folgenden kurz BI genannt, obowhl
sie aus vielen Gruppen bestand), dazu kam eine lokale Parteienaktionsgemeinschaft
gegen die geplante Startbahn West. Stück für Stück
erweiterte sich die Argumentation von der ökologischen Bedrohung
durch Lärm, durch massive Waldabholzung und Grundwasserabsenkung
auf eine ökonomische Kritik der Wachstums- und Industriegesellschaft
und eine antimilitaristische Kritik der potentiellen militärischen
Nutzung durch die NATO - wobei die ökologische Argumentation
lange im Vordergrund stand.
Organisatorisch dominierte die BI mit ihren ca. 10 Ortsgruppen
bis Dezember 1980 ein sogenanntes Leitungsteam ("Provinz-Elite"),
erfahrene und bereits lange protestierende BürgerInnen aus
der Region. Von der "Massenphase" wurde die BI in der Folge organisatorisch
überrollt und konnte mit Strukturänderungen der Entwicklung
nie Schritt halten. Nachdem die Ortsgruppen auf ca. 50 angewachsen
waren, folgte eine basisdemokratische Umstrukturierung, wonach
eine Delegiertenversammlung der Ortsgruppen einen achtköpfigen
Delegiertenrat wählte. Im Mai 1981 schließlich wurde
der Tatsache Rechnung getragen, daß viele Gruppen aus anderen
Regionen und der Stadt Frankfurt/M. beteiligt waren. Es wurde
ein Koordinationsausschuß (KO) gebildet, in dem nicht mehr
die Ortsgruppendelegierten, sondern VertreterInnen aus den politischen
Spektren der Startbahn-Bewegung saßen. Das trug den realen
Abläufen zwar Rechnung, der KO war jedoch gleichzeitig zentralistischer
als der Delegiertenrat und konnte trotzdem in der heißen
Phase ab Oktober 1981 auch nur die erste direkte Aktion gut vorbereiten,
danach überschlugen sich die Ereignisse.
Strategie der BI war zunächst die Ausschöpfung aller
legalen Mittel. Bis September 1980 scheiterte der juristische
Weg und der hessische Wirtschaftsminister Karry verkündete
den sofortigen Bauvollzug. Im März 1981 täuschte die
sozialliberale Landesregierung unter Börner und Karry zudem
die BürgerInnen mit einem inszenierten Landtagshearing, dessen
Ergebnis, die Bau-Befürwortung, schon vorher feststand. Eine
ProtestwählerInnenliste erreichte sofort 25 % bei den Kommunalwahlen
im gleichen Monat. Und im April 1981 wurde schließlich mit
knapper Mehrheit in der BI das hessenweite Volksbegehren für
einen Volksentscheid gestartet. In einer ersten Phase mußten
dazu 120 000 Unterschriften gesammelt werden, in einer zweiten
Phase mußten 20 % der Bevölkerung Hessens unterschreiben
(800 000). Bis zur Übergabe der Unterschriften für die
erste Phase am 14.11.81 waren 220 000 Unterschriften gesammelt
worden, bis zum gerichtlichen Verbot des in der Landesverfassung
gewährten Verfahrens im Februar 82 waren es 300 000 geworden.
Aber da war die Bewegung bereits in der Krise.
Das Volksbegehren war sehr umstritten, weil es nach den juristischen
Niederlagen die legalistische Schiene weiterverfolgte. Die BefürworterInnen
sahen in der landesweiten Ausdehnung die Möglichkeit, BürgerInnen
anzusprechen, für die der Schritt zur direkten Aktion noch
zu groß war und die Bewegung auf andere Projekte auszudehnen
(z.B. eine damals in Nordhessen geplante WAA). Die GegnerInnen
des Volksbegehrens kritisierten die Legitimierung der BetreiberInnen
im Falle einer Niederlage sowie die Verlagerung der Entscheidungskompetenz
weg von der betroffenen Region auf die Landesebene. Außerdem
wurde die Bindung von großen organisatorischen Energien
beklagt, die besser in die Vorbereitung der direkten Aktionen
gesteckt worden wären - eine Kritik, die zu Recht erhoben
wurde, weil das Volksbegehren parallel zur Phase der Zuspitzung
der direkten Aktionen lief.
Im Mai 1980 hatte nach langer Vorbereitung auch durch viele
Graswurzel- und gewaltfreie Aktionsgruppen die Republik Freies
Wendland in Gorleben stattgefunden. Das libertäre Hüttendorf
endete nach vier Wochen mit einer Räumung durch Wegtragen.
Erst mit historischem Abstand zeigt sich die Richtigkeit des Räumungskonzepts
bei der Begründung des Mythos von 1004 - doch unmittelbar
zur damaligen Zeit wurde das Räumungskonzept - durchaus vergleichbar
mit der Kritik an X-tausendmal quer 1997 - von seiten einiger
autonomer Gruppen als "Passivität" ausgelegt. In der Region
Mörfelden-Walldorf südlich von Frankfurt/M. gab es zu
Beginn der Startbahnbewegung keine gewaltfrei-libertäre Gruppenstruktur,
gewaltfreie Aktionsgruppen bildeten sich erst im Laufe der Auseinandersetzung.
So übernahm die BI die Kritik der sogenannten Passivität
bei der Räumung von Gorleben und nannte ihr Widerstandskonzept
"gewaltfrei, aber aktiv". Mit dieser Kompromißformel konnte
zwar anfangs für Aktionskonzepte bis weit in bürgerliche
Kreise hinein geworben werden, ihr haftete aber von vorneherein
ein falsches Verständnis gewaltfreier Aktion an: daß
nämlich gewaltfreie Aktion in Wirklichkeit passiv sei und
Aktivität ein Gegensatz zum Prinzip der Gewaltfreiheit sein
könne. Außerdem wurde in BI-Kreisen mit "gewaltfrei"
auch immer wieder die legalistischen Kampagnen wie das Volksbegehren
umschrieben und daher ein Verständnis gewaltfreier Aktion
erschwert, das den legalen Rahmen praktisch überschreitet
und ihn sogar theoretisch als Gewaltstruktur des Staates analysiert.
An diesem Widerspruch setzten dann später die militanten
Aktionskonzepte an.
II. Höhepunkt der "Massenphase" 81/82
Bereits im Mai 1980 war auf dem Waldgelände zunächst
eine BI-Hütte, dann ein Hüttendorf entstanden, das bis
zum Herbst 1981 trotz zahlreicher Probleme und von der Polizei eingeschleuster
"agents provocateurs" (ein militanter Hüttendorfbewohner wurde
als Polizeispitzel enttarnt) (1) bestehen blieb.
Im Oktober 1980 erfolgte die erste Rodung auf einem Bauabschnitt
außerhalb des Hüttendorfs. Bundesweit konnten 3 000 AktivistInnen
mobilisiert werden, deren Rest (72 Leute) anderntags von der Polizei
geräumt wurde, wonach es zu ersten Knüppeleinsätzen
kam. Dieses 7-Hektar-Rodungsgebiet wurde nach Karrys Vollzugsankündigung
am 6.10.1981 von 10 000 Aktiven besetzt. Die Menschen verschanzten
sich in Gruben, hinter Wällen und "verknoteten" ihre Leiber
und Gliedmaßen. Die Polizei rückte massenhaft an, mit
Bulldozer, Bagger und Wasserwerfer - und zog wieder ab. Es war der
erste und letzte Sieg auf ganzer Linie. Schon am 7.10.81 wurden
die restlichen 1 000 BesetzerInnen geräumt, es wurde eine Mauer
hochgezogen und am 11.10. bei einem Gottesdienst und einer Kundgebung
an der Mauer brutal in die Menge geknüppelt ("Blutsonntag").
Am 2.11.1981 wurde zudem ganz überraschend das Hüttendorf
geräumt. Am 7.11.81 rief die BI zur "Wiederbesetzung" auf:
40 000 Menschen kamen in den Wald, 60 DemonstrantInnen zogen ihre
Kleider aus und überstiegen die NATO- Stacheldrähte. Sie
kamen mit Zusagen von Politikern und der Einsatzleitung vor Ort
zurück, die Besetzung wurde abgeblasen - doch die Zusagen hatten
keine juristische Relevanz und wurden von der Landesregierung negiert.
Dieser "Nackten"-Sonntag hat innerhalb der Bewegung zu kontroversen
Einschätzungen geführt: viele KritikerInnen sahen die
"Nackten"-Aktion als eine typische gewaltfreie Aktion, die nichts
gebracht habe außer einem guten Presseecho.
In der GWR wurde damals innerhalb der Chronologie der Ereignisse
zum "Nackten"-Sonntag hinzugefügt: "Keine gewaltfreie Aktion"
(2) Warum? Weil damit 40 000 extra in den Wald
zur Besetzung gekommene Aktive zur Passivität und zur Hinnahme
eines Verhandlungsabschlusses gezwungen wurden, den eine StellvertreterInnengruppe
ausgehandelt hatte und den zu diskutieren sie keine Möglichkeit
hatten. Recht besehen war das aber kein Problem der gewaltfreien
Aktion, sondern ein Problem der mangelnden Basisdemokratie bei dieser
Aktion. Doch die militanten KritikerInnen identifizierten dieses
Vorgehen in der Folge mit Gewaltfreiheit, um sich populistisch davon
absetzen zu können. Immerhin hatte der "Nackten"-Sonntag durch
die positive Presse zu einem Anstieg der Mobilisierung geführt.
Doch den neu zur direkten Aktion bereiten Menschen konnten die Kontroversen
innerhalb der Bewegung nicht mehr vermittelt werden.
Es folgte wiederum nur eine Woche später, am 13.11. ein
öffentliches Ultimatum von BI-Sprecher Alexander Schubart
an die Landesregierung (wofür er später hart bestraft
wurde), am 14.11. eine Massendemo mit 150 000 Menschen in Wiesbaden
und am 15.11. schließlich die legendäre Flughafenblockade
mit Blockade des Autobahnzubringers von mehreren Zehntausend Aktiven.
Und hier drehte sich das medienpolitische Pendel, die Saat der
Medienbetreuung durch die Polizei, die in Bussen redaktionelle
Arbeitsplätze für JournalistInnen zur Verfügung
stellte, ging auf. Im damaligen Bericht in der GWR hieß
es zur Flughafenblockade:
"Nachdem sich viele Menschen friedlich vor dem Flughafen
versammelt hatten und noch keine Scheiben zu Bruch gegangen waren,
prügelte die Polizei die Leute weg. In dem entstehenden Chaos
warfen endlich einige Frustrierte die von der Polizei provozierten
Steine. Jetzt erst gingen am Terminal die Scheiben zu Bruch. Die
Berichterstattung der Polizei war am Flughafen-Sonntag hervorragend.
Wo sie in den Wochen vorher unkoordiniert und schlurig oft den
Informationen der Bürgerinitiativen hinterherhinkten und
ein schlechtes Image erhielten, war hier alles darauf ausgerichtet,
daß die Polizei ihre Berichte durchbrachte, um die Startbahn-GegnerInnen
zu diffamieren. Zu diesem Geschäft ließen sich unglaublicherweise
auch Journalisten hinreißen, die sich noch vor einigen Wochen
mit scheinbarem Wohlwollen gegenüber unserer Sache profilieren
wollten. Ihnen ist aber inzwischen ihr Redaktionssitz wichtiger
geworden als politische Moral. Der Staat konnte sich keine gewaltige
gewaltfreie Aktion leisten, die womöglich Schule macht. (...)
Darum wurden aus ein paar Militanten tausende gewalttätiger
Demonstranten. Und die Polizei schlug zu, um einzuschüchtern
und gewaltsame Reaktionen zu provozieren. Das Konzept ging auf.
(...) Die Spitze war ein Film in der ‘Report’-Sendung vom 17.11.,
der direkt aus der Polizei-Schule kam. Es war zu sehen, wie vermummte
Gestalten Steine in die (Polizei-)Kamera werfen. Für den
Zuschauer vor der Glotze entsteht der Eindruck, die werfen auf
uns. Psycho! Hier zeigt sich ein reibungsloses Zusammenspiel von
Polizei und Presse. Bilder von Hunderten, die friedlich auf der
Autobahn sitzblockierten, gab es dann erst in der taz." (3)
Obwohl die Militanz bei dieser gewaltfreien Massenaktion,
der ersten Autobahn- und Flughafenblockade in der BRD- Geschichte,
minimal war, bedeutete sie den Wendepunkt in der Massenmobilisierung
innerhalb der Startbahn-Bewegung. Das mag auch mit dem Ultimatum-Aufruf
zusammenhängen, wodurch die Flughafenblockade als Aktion den
Charakter einer Entscheidungs"schlacht" bekam, die zu "verlieren"
sich der Staat auf keinen Fall leisten konnte. An der gut organisierten
und ebenfalls nur von minimaler Militanz begleiteten symbolischen
Eintagesbesetzung des Bauloses II am 30.1.1982 beteiligten sich
dann "nur" noch 10 000 Menschen. Das Konzept "gewaltfrei, aber aktiv"
galt großen Teilen der Bewegung als gescheitert. In der GWR
wurde die Losung "Gewaltfreiheit mit Helm" kontrovers diskutiert,
also die passive Schutzkleidung gegen Polizeiknüppel und Tränengas.
Manch schnell entstandene gewaltfreie Aktionsgruppe löste sich
wieder auf. (4)
III. Militante Zaunkämpfe bis zum 2.11.87
1984 war die Startbahn gebaut und in Betrieb genommen. Das
Areal war durch eine Betonmauer zum Wald hin abgeriegelt. Nun schlug
die Stunde der Autonomen. Aus den bereits seit 1982 entstandenen
Sonntagsspaziergängen an der Mauer entsprangen immer wieder
spontane Aktionen, bei denen mit Baumpflöcken Betonstreben
aus der Mauer gebrochen wurden - für die Betreiber auf Dauer
ein kostspieliger Schaden. Besonders nach Fertigstellung der Startbahn,
etwa ab 1985, entstand aus diesen Aktionen eine militante Politik,
die das Strebenknacken mit flankierenden Angriffen auf anrückende
Polizei oder Wasserwerfer schützte. Benutzt wurden Steine,
Mollis, Zwillen oder Leuchtpistolen. Es kam zur fröhlichen
Sylvestermilitanz oder zu weniger fröhlichen Scharmützeln
im Wald mit klaffenden Platzwunden.
Die anfänglich weggebliebenen BürgerInnen kamen zwischenzeitlich
bis zu einem gewissen Grade wieder, die Frauen aus der "Küchenbrigade"
bekochten nun die meist männlichen militanten Kämpfer.
Zwar wurde das Niveau aus der "Massenphase" nie mehr erreicht,
doch einige Tausend kamen schon mal wieder in den Wald. Die verbitterten
BürgerInnen, die vormals den gewaltfreien Widerstand unterstützt
hatten, befürworteten nun die Militanz. Dabei beteiligten
sie sich jedoch kaum am Strebenknacken, sondern bildeten meist
die passiven und auch mal klatschenden ZuschauerInnen. Zwar war
das Strebenknacken lustig und wäre gut als gewaltfreie Aktion
denkbar gewesen, doch die flankierenden Steinhagel und Angriffe
machten sie zur eindeutig militanten Aktion, an der Gewaltfreie
kaum noch ohne Selbstwiderspruch teilnehmen konnten. Auch die
Graffitis an der Mauer deuteten auf den klar militanten, ja antigewaltfreien
Charakter der Aktionen, je länger sie dauerten (z.B. das
sprichwörtliche "Schwerter zum Flughafen"). Da die gewaltfreien
AktivistInnen keine Aktionsalternativen zu bieten hatten oder
sich einfach zurückzogen, kann bei dem, was nun kam, zumindest
eines nicht unterstellt werden: daß Gewaltfreie die militanten
MauerkämpferInnen in irgendeiner Weise gestört, gespalten
oder sonstwie an ihren Aktionen behindert hätten. Im Gegenteil:
die Schüsse vom 2.11.1987 können als beispielhaft für
das analysiert werden, wohin die militante Konzeption eine soziale
Bewegung führen kann, wenn sie sich ohne Widerspruch durchsetzt
und voll durchgezogen wird.
Besonders nach dem Abflauen der Tschernobyl-Bewegung und den
parallel in Wackersdorf stattfindenden Zaunkämpfen, die ohne
unmittelbar zählbare Erfolge geblieben waren, aber sich besonders
an der Startbahn eher zu immergleichen Ritualen entwickelt hatten,
regte sich eine erste Kritik innerhalb des autonomen Spektrums,
die von der Frankfurter "Lupus-Gruppe" noch auf den ersten Libertären
Tagen im April ‘87 in Frankfurt/M. vorgetragen wurde. Hier einige
Ausschnitte dieser relativ radikalen Selbstkritik:
"Es gibt gerade unter uns eine Hierarchie
der Wertigkeit, die zutiefst reaktionär ist, die die Widersprüchlichkeit
zwischen Angsthasen und Furchtlosen, Drückebergern und Frontkämpfern,
Wasserträgern und Fightern nicht aufhebt, sondern vertieft
und kultiviert." Das betraf das Verhältnis zu den militanzbefürwortenden
BürgerInnen, die sich zuvor noch bei den gewaltfreien Massenaktionen
gleichberechtigt an der Aktion beteiligt hatten und nun nur Kulisse
waren und blieben. Aktionen der Autonomen führten nach Lupus
zum "Effekt einer 3-fachen Demobilisierung: 1. diejenigen, die
unter dem Druck der Ereignisse keine Chance mehr sehen, dem etwas
entgegenzusetzen, ziehen sich zurück. 2. diejenigen, die
nicht direkt beteiligt sind, haben keine Lust (mehr), sich als
Kulisse hirnrissiger Aktionen verheizen zu lassen, weil das militante
Vorgehen für sie keinen kollektiven Schutz darstellt, sondern
nur das Risiko, die Konsequenzen militanten Vorgehens individuell
auszubaden. 3. schließlich jene, die unbedingt ihre Aktion
durchziehen müssen und damit genau jenem Bild Nahrung geben,
das Staat und Presse so gerne über uns verbreiten." Das führe
zu informellen Hierarchien innerhalb der nichtorganisierten autonomen
Bewegung: "Ohne jemanden sichtbar aus Entscheidungen auszuschließen,
werden allzuoft Entscheidungen von wenigen getroffen und durchgepowert,
von jenen, auf die es - unausgesprochen - ankommt." (5)
Interessant ist jetzt, daß diese Selbstkritik
auf den Libertären Tagen im April 1987 diskutiert wurde und
dort nach meiner Wahrnehmung auf große Zustimmung traf,
daß trotzdem schon während der Libertären Tage
ein Mauerspaziergang ganz nach dem alten Muster mit militanten
Schlachten stattfand, und dann nur ein halbes Jahr später,
am 2.11.87, zum 6. Jahrestag der Hüttendorfräumung,
die Schüsse auf die Polizisten fielen (nach vielen Untersuchungen
des Hergangs konnten die Schüsse zwar nicht den Festgenommenen
und später Verurteilten nachgewiesen werden, aber die Analysen
liefen darauf hinaus, daß sie tatsächlich aus den Reihen
der DemonstrantInnen auf die Polizei abgegeben wurden, die Militanz
bei den Zaunkämpfen hatte ein Niveau erreicht, bei dem das
zumindest möglich war und auch nicht sofort bemerkt oder
verhindert wurde). (6) Die
unmittelbaren Folgen waren desaströs und bildeten das Ende
der Startbahnbewegung: die Polizei konnte brutalste Repression
nun öffentlich legitimieren, mehrere Wellen von Festnahmen
führten zu einem Aussagekarussell der AktivistInnen mit peinlichen
und erschreckenden gegenseitigen Beschuldigungen (bis hin zur
Denunziation von TäterInnen bei Strommastsägeaktionen),
die nur mühsam gestoppt werden konnten. Die kommenden Jahre
hatten alle mit den Prozessen zu tun, die Bewegung war am Ende.
(7)
Die Reaktionen aus dem autonomen Spektrum zum 2.11. waren ungefähr
zweigeteilt: zunächst gab es eine Welle von erschreckten
Erklärungen aus eher diffus sich zur autonomen Szene zählenden
Gruppen und aus autonom-libertären Strömungen, in denen
plötzlich ein Konsens beschworen wurde, nach welchem Schußwaffen
bei der eigenen Bewaffnung tabu gewesen seien und jede/r das gewußt
habe, das mache den Unterschied zwischen militanter und militärischer
Politik aus. In einer zweiten Welle von Erklärungen meldeten
sich dann eher die straffer organisierten marxistisch-autoritären
und die antiimperialistisch orientierten Gruppen zu Wort und empörten
sich über die angeblich naiven Betroffenheiten aus dem autonomen
Spektrum. Ein süffisantes "Highlight" von "Einigen Autonomen
aus Göttingen" zur Kostprobe:
"Dem Staat keinen Millimeter..., sondern neun Millimeter"
(die Tatwaffe war eine 9mm-Waffe Typ Sig-Saur, d.A.) "Im Moment
irgendwelche Bullen abzuknallen kann nicht unsere Sache (sein).
Abgesehen von der persönlichen Befriedigung (sic!; d.A.)
ist an einer solchen Aktion nicht viel Positives nachvollziehbar.
(...) Anders ist es, wenn es sich darum handelt, bestimmte Repräsentanten
oder besondere Schweine umzuplätten. (...) Durch die Ereignisse
an der Startbahn kommt es in diversen Papieren und Diskussionen
erneut zu einer Nennung und Vermischung der Begriffe 'militant'
und 'militärisch', die wir haarsträubend finden. (...)
Der Gebrauch einer Knarre, ja selbst wenn es zwei oder drei gewesen
wären, macht für uns noch lange (ganz lange) keine militärische
Auseinandersetzung aus. Auch die Existenz von diversen Kleingruppen
und dieser oder jener Bombenanschlag sind für uns keine militärische
Auseinandersetzung. Für uns ist das alles militante Politik
mit militanten Mitteln. (...) Eine militärische Auseinandersetzung
setzt eine Organisierung und Ausrüstung voraus, die es hier
momentan nicht gibt und auch in absehbarer Zeit nicht geben wird.
Außerdem bedeutet sie eine Härte der Auseinandersetzung,
die diese 'Linke', die schon bei zwei toten Bullen fast einen
Kollaps kriegt, keine fünf Minuten durchhalten würde."
(8)
Daß der angebliche Konsens innerhalb der Autonomen nie einer
war und immer von einer anderen autonomen Gruppe aufgekündigt
werden konnte, verdeutlicht wie keine andere diese praktische Situation,
in welcher Militanz einen Grad erreicht hatte, in welcher der Schußwaffengebrauch
nur der nächste logische Schritt gewesen ist. Das Konzept der
Militanz wird nie diesen sowohl theoretischen wie praktischen Widerspruch,
der im Falle der Startbahnbewegung geradewegs in die Katastrophe
führte, auflösen können: daß der behauptete
festmachbare Unterschied zwischen militanter und militärischer
Politik in Wirklichkeit fließend ist und von der Bestimmung
her völlig willkürlich.
Noch ein Beispiel, um den Unterschied zu verdeutlichen:
die Stadtguerilla "Revolutionäre Zellen" (RZ) hat mitten
in der "Massenphase", am 11. Mai 1981, den hessischen Wirtschaftsminister
Karry, der immerhin nur ein Jahr vorher den Bauvollzug durchsetzte,
ermordet. Die bewaffneten DilletantInnen wollten Karry eigentlich
nur zur Warnung ins Knie schießen, zielten aber schlecht
und so starb er halt, was die RZ in einer Erklärung dann
tatsächlich als "Unfall" (9) bezeichneten.
Doch obwohl die RZ mit ihrer "Aktion" die Startbahnbewegung unterstützen
wollten, konnte die staatliche Repression - noch dazu in der "Massenphase",
als sie verzweifelt nach Vorwänden suchte - aus diesem dilettantischen
politischen Mord keinen Nutzen ziehen, um die Bewegung zu spalten,
weil sich diese so eindeutig auf das Konzept "gewaltfrei, aber
aktiv" bezog, daß sie damit nicht desavouiert werden konnte.
Mit Distanzierung hat das übrigens gar nichts zu tun, sehr
viel aber mit einer kritischen Solidarität, die ihren Namen
nur verdient, wenn sie die Kritik gegebenenfalls auch einmal deutlich
ausspricht.
Hans Schneider
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