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252 oktober 2000
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Rocker: Nationalismus und Kultur

"Für die Freiheit gibt es keinen Ersatz, kann es nie einen Ersatz geben." (1)

Rudolf Rocker: Nationalismus und Kultur. Korrigierte u. erg. Neuausg. des zuerst 1949 unter dem Titel Die Entscheidung des Abendlandes erschienen Werkes. Münster: Bibliothek Thélème, 1999, 78 DM, ISBN 3-930819-23-6

"Staaten schaffen keine Kultur, wohl aber gehen sie häufig an höheren Formen der Kultur zugrunde. Macht und Kultur im tiefsten Sinne sind unüberbrückbare Gegensätze."(S. 71)

Immer wieder ein befreiendes Buch! Eine schöne Ausgabe! Neu gesetzt, in einem Band statt der früheren zweibändigen Ausgaben, mit dem Vorwort zur italienischen Übersetzung von 1958, das sich für die föderative Vereinigung Europas stark macht (und in dem leider nochmals die zeittypische Hoffnung ausgedrückt wird, die Atomkraft könne "ein Werkzeug für die Zwecke des Friedens und der allgemeinen Wohlfahrt werden" (S. 572). Heiner Becker hat die Bibliographie ergänzt und ein instruktives Nachwort über Autor und Werk verfasst, geholfen haben bei der sicherlich teuren Realisierung des Projekts das Libertäre Kultur- und Aktionszentrum Hamburg und die FAU Hamburg. Da können wir gratulieren und dem Buch eine weite Verbreitung wünschen!

Die Auswahl-Bibliographie der Schriften von und über Rocker ist sehr nützlich und zeigt den Internationalisten Rocker, auch wenn sich über die zweckmäßige Ordnung der Titel streiten lässt.

Was nun vielleicht fehlt, kann und sollte durch die öffentliche Diskussion der LeserInnen erarbeitet und ergänzt werden. Dazu würde vor allem der inhaltliche Vergleich mit anderen Kritiken des Nationalismus gehören, etwa mit Hobsbawm.

Mir scheint der Vergleich mit Ernest Gellners Überlegungen zum Nationalismus interessant. Gellner geht wie Rocker davon aus, dass nicht Nationen Staaten bilden, sondern eher Staaten und Möchtegern-Staaten Nationen. Gellner verwendet aber nicht wie Rocker einen emphatisch-normativen Kultur-Begriff, die Begrifflichkeit von "Kultur" kann natürlich kritisch betrachtet werden (2).

Was Zygmunt Bauman über die vereinheitlichende Gewalt der Moderne geschrieben hat, seine Soziologie des Fremden, gehört auch unbedingt in eine Diskussion von Rockers älteren Ansätzen. Denn die zwanghafte Einheit, Disziplin, Gewalt der Nationalstaaten und damit der Ausschluss der Nicht-Dazugehörigen und ihre Verfolgung, auch die Bestimmung des Feindes als Wesen der Politik (Carl Schmitt) sind mit nationalistischen Bewegungen und Weltanschauungen immer verbunden.

In Rockers Buch gibt es auch Aussagen, die zunächst nicht in die neoliberale Welt zu passen scheinen, er hat die Drohung umfassender Verstaatlichung vor Augen, was angesichts seiner Erfahrungen und der Entstehungszeit des Buches nicht verwundert. Das Buch ist m.E. aber gerade deshalb geeignet, auf die Gefahren hinzuweisen, die überall da drohen, wo der schöne Schein ökonomischer Prosperität zerbricht. Es bietet eine umfassende Kritik aller Rechtfertigungen für Machtpolitik, aller Staatsphilosophie. Dabei sind aber auch die Differenzen, etwa zwischen Liberalismus und Demokratie, die Rocker nachdrücklich herausarbeitet (S.137ff) für konkrete Politiken sehr wichtig: Der Liberalismus geht vom Einzelnen aus, die Demokratie von Rousseaus "Volonté générale", dem allgemeinen Willen, der nicht identisch ist mit dem Willen der einzelnen, von einem Kollektivbegriff, dem die konkreten Freiheiten Einzelner und ganzer Gruppen geopfert werden (S. 154ff). Insofern schließt in Rockers Konzeption der Anarchismus an den Liberalismus an, ist dessen konsequente Verwirklichung. Rocker entwickelt seine Thesen an einem reichen historischen Material (sehr gut ist das Kapitel über die Reformation, das deutlich die freiheitlichen und die autoritären Tendenzen gegenüberstellt; hier wurden für die deutsche Tragödie in der Niederlage der aufständischen Bauern und ketzerischen Christen Vorentscheidungen getroffen). Die deutsche Philosophie und Literatur wird auf ihre etatistischen und nationalistischen Gehalte kritisch gemustert.

Die (traurige) Aktualität des Buches (3) steht außer Zweifel, denn die Renaissance der Nationalismen ist sicher eine der bedrückendsten Erfahrungen der letzten Jahre, und das weltweit.

Viele von uns werden sich erinnern, wie 1977 die Ausgabe, die im Bremer Impuls-Verlag herauskam, diskutiert wurde. Dass das Format der beiden Bände nicht ganz übereinstimmte und der erste Band auf grauem Umweltschutzpapier, der zweite auf weißem gedruckt war, machte alles nichts, es kam ja auf den Inhalt an.

Schnell füllten sich die Seitenränder mit Ausrufezeichen!!! "Genau, genau!" Das Rocker-Buch wurde schnell als Munition gebraucht und etwa in unserer Schrift zur Göttinger Mescalero-Affäre "Feldzüge für ein sauberes Deutschland" zitiert (S. 32): "Schon damals [nämlich während der Hussitenkriege S.M.] zeigte es sich, dass eine revolutionäre Volksbewegung, wenn sie durch fremde oder eigene Schuld in einen längeren Krieg verwickelt wird, durch die Verhältnisse selbst dazu kommen muß, ihre ursprünglichen Bestrebungen aufzugeben, weil die militärischen Anforderungen alle gesellschaftlichen Kräfte restlos für sich verbrauchen und damit jede schöpferische Betätigung für die Entwicklung neuer Gesellschaftsformen zunichte machen. Nicht bloß, dass der Krieg im allgemeinen verheerend auf die Natur des Menschen wirkt, indem er fortgesetzt an seine brutalsten und grausamsten Triebe appelliert, die militärische Disziplin, die er erfordert, erstickt auch jede freiheitliche Regung ..."

Wir suchten und fanden vor allem eine Bestätigung unserer Sozialismus-Auffassung, eine antiautoritäre, antimilitaristische und föderalistische Konzeption (4), die sich damals ununterbrochen in Rechtfertigungszwang gegenüber marxistisch-leninistischen und reformistischen Parteien sah. Wir waren permanent mit der "ökonomischen Geschichtsauffassung" konfrontiert und dementsprechend begeistert von einer anderen Konzeption, die mit einem weiten historischen Horizont argumentierte, viele Motive und Gestalten einer Geschichte von unten (die Leveller, La Boetie, Thomas Münzer ...) und zudem Motive, die uns von Bakunin oder Landauer her vertraut waren, aufnahm. Die Anspielungen an beide sind deutlich; die Grundkonzeption, dass die politische Macht im Religiösen wurzelt, ist bakunistisch, das Aufblicken zu einer überlegenen Gewalt der Kern der Misere "nur dass die heutigen Träger der Macht vielfach bestrebt sind, den religiösen Verehrungsdrang ihrer Bürger ausschließlich auf den Staat zu konzentrieren..." (S. 47). Und im kleinsten Machtgebilde ist latent der Wille zur Weltherrschaft verborgen (S. 54), das paraphrasiert Bakunin. Rocker geht jedoch in seiner Kritik des Nationalismus wesentlich weiter als die älteren anarchistischen Theoretiker, und meiner Ansicht nach hat das einen Grund, der mir heute klarer ist als damals: Der erste Weltkrieg hatte die katastrophal-barbarischen Konsequenzen des Nationalismus auf den Schlachtfeldern bewiesen. Rockers Buch ist gegen die "Ideen von 1914" geschrieben, die fast die gesamte deutsche Intelligenz chauvinistisch produzierte (denken wir an Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen") (5). Die Entscheidung zwischen Autorität und Freiheit, Zentralismus und Föderalismus stellt sich nach den "letzten Tagen der Menschheit" wesentlich schärfer. Diesen Zusammenhang konnten wir in den siebziger Jahren nicht so ganz erfassen, weil uns die Erfahrung fehlte, dass Sätze wie Rocker sie etwa von Ernst Moritz Arndt oder Heinrich von Kleist (um hier nicht von den Nazis und ihren unmittelbaren Vorläufern zu reden) zitiert ernst genommen und handlungsleitend werden könnten. Rocker war während seiner ganzen Zeit in Deutschland 1919 bis 1933 ununterbrochen mit jenen Korpsstudenten und Fememördern, Saalschlachthelden und Antisemiten konfrontiert, die sich als Träger einer höheren Kultur gegen die welsche Zivilisation, gegen "entartete" Kunst und "undeutsche" Literatur sahen. Deren Ideologien aber waren für viele erst nach einem zweiten Weltkrieg nicht mehr glaubwürdig. Die Gefahr besteht, dass eine neue Generation ohne Erinnerung an den Bombenkrieg, aber durch Leistungsideologie auf Durchsetzung eigener Interessen ohne Rücksicht gedrillt, den soldatischen Mann und den nationalen Opfergang ihrem durchindustrialisierten Gehäuse der Hörigkeit vorziehen könnte, etwa wie die Generation, die 1914 ihren "Aufbruch" erlebte.

Die politische Macht der Minderheiten, die Mehrheiten durch nationalistische Ideologie und Praxis für sich mobil machen, kann durch gegenseitige Hilfe und individuelle Verantwortlichkeit, die sich in transnationaler Solidarität entwickelt, gebrochen werden. Letztlich ist der Sozialismus eine Kulturfrage, und Rockers Buch macht, trotz alledem, Hoffnung. Zugleich entstehen aber auch Gedanken der Trauer: Was hätte aus dem Sozialismus seit seinen Anfängen werden können, wenn er antiautoritär, föderalistisch und großzügig begonnen worden wäre. Auch das Ende des bürokratischen Sozialismus bestätigt Rocker: er ging zugrunde an seiner Erstickung individueller Initiative, an seiner Unfähigkeit zu einer Kultur, die menschliche Bedürfnisse sich selbst organisieren lässt. Am Ende des "real existierenden" Staatskapitalismus blieb den herrschenden Klassen der Bürokratie nur eine Entscheidung: An den Nationalismus zu appellieren, um ihre Macht zu sichern (wie es Milosevic machte) oder von anderen Nationalisten ersetzt zu werden.

S. Münster
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Anmerkungen

(1) S. 232

(2) Auch bei manchen Begriffen sollte nicht vorschnell assoziiert werden, was andere damit meinen und verbinden, sondern nach der Wahrheit der Sache gefragt werden und danach, welches Problem Rocker damit bezeichnet, ich denke da etwa an "Masse ist nichts anderes als entwurzeltes Volk" (S. 90) und höre schon Kritiker schreien "kulturpessimistisches stereotyp" oder Ähnliches.

(3) Eine gute Zusammenfassung: "Rockers Beitrag zur Kritik des Nationalismus" durch die Mittwochsgruppe Frankfurt a.M. findet sich in GWR 171/173 S. 71-75: Texte zu Anarchismus und gewaltlose Revolution heute

(4) Die Theorie-Gruppe der Gewaltfreien Aktion Göttingen diskutierte das Buch neben Mumfords "Mythos der Maschine". Mumford hat Rockers Buch gekannt und gelobt und war ja selbst von Kropotkin beeinflusst. Beide Bücher haben viele interessante Ähnlichkeiten. Eine davon ist übrigens die Gegenüberstellung von "organischen" und "mechanischen" Tendenzen, Organisationen usw., eine Dichotomie, die kritisch diskutiert werden könnte, weil dieser Topos auch in konservativen Gesellschaftsphilosophien ein beliebtes Motiv ist. Aber auch die Ausführungen über den kapitalistischen Großbetrieb, Taylorismus ähneln sich oft. Die bei Mumford als "Megamaschine" begriffene Zusammensetzung von atomisierten Industriesklaven beschreibt Rocker etwa S. 248ff oder 516ff

(5) Übrigens: Daß so sehr mit Thomas Manns Lob für Rockers Buch geworben wurde und wird, hat mir noch nie eingeleuchtet. Natürlich ist dieser nicht bei den "Betrachtungen eines Unpolitischen" stehengeblieben, aber dank Reich-Ranicki wissen wir, dass Thomas Mann in seinen späteren Jahren nichts kritisiert und alles gelobt hat.


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