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Racak als zweites Gleiwitz?
Diskussionsbeitrag zum Stellenwert der Menschenrechte in der
Diskussion um die Zukunft des Antimilitarismus
Mit diesem Diskussionsbeitrag nehme ich Bezug
auf jüngste Analysen in der GWR in der Nachbetrachtung des
Jugoslawien-Krieges, vor allem auf "Rambouillet und andere Lügen",
darin den Abschnitt über das angebliche Massaker von Racak
(GWR 254, S. 1 und 12f.) sowie auf die "Thesen zur Zukunft der
Friedensbewegung" in GWR 255, S. 10f.
Ich stimme mit großen Teilen beider Artikel überein
und finde es entscheidend für die zukünftige antimilitaristische
Arbeit, die offizielle Medienpolitik und Legitimationsfiguren
der Herrschenden für den Krieg zu entmystifizieren. Dies
hat vor allem der erstgenannte Artikel in vorbildlicher Weise
getan. Wenn ich mich hier auf detaillierte Unterschiede in der
Bewertung beziehe, dann nicht mit der Intention, diese Artikel
grundsätzlich zu kritisieren, sondern auf Gefahren aufmerksam
zu machen und eine eigenständige libertäre Sicht auf
die Zukunft des Antimilitarismus einzufordern, sich also weniger
als bisher auf Diskussionen aus dem antiimperialistischen Spektrum
zu beziehen.
Der reaktionäre UCK-Krieg in Mazedonien als Bestätigung
der Antikriegsposition
Zur Zeit führt die kosovo-albanische Guerilla UCK Krieg
an zwei Fronten: einmal in der südserbischen Pufferzone einen
Krieg um eine territoriale Ausweitung des Kosovo auf Kosten Jugoslawiens,
und zum anderen einen offenen Krieg in Westmazedonien im Gebiet
um die Stadt Tetovo, wo die mazedonische Bevölkerung nur
noch 15 Prozent der dort lebenden EinwohnerInnen ausmacht. Dieser
UCK-Krieg erscheint somit als Kampf für ein nationalistisches
Groß-Albanien und zeigt sich - wohl nicht nur mir - als
besonders reaktionär und hässlich, weil Mazedonien schliesslich
in der Gegend um Tetovo unter grossen eigenen Lasten noch vor
zwei Jahren mehrere Hunderttausend kosovo-albanische Flüchtlinge
solidarisch aufgenommen hat und auf ihrem Territorium vor der
Verfolgung geschützt hat. Dass die UCK den gemäßigten
gewaltfreien albanischen Nationalismus Rugovas von vor dem Krieg
'99 in extremer Weise radikalisiert hat, bestätigt nur Analysen
zur Kritik des Befreiungsnationalismus der UCK, die etwa in der
GWR schon früh zu lesen waren (1).
Wäre die Situation nicht so dramatisch und wären nicht
reale Menschenleben im Spiel, käme man/frau gar auf die Idee,
klammheimliche Freude darüber zu empfinden, dass die Bundeswehr
in Tetovo nun tatsächlich im Sperrfeuer der UCK steht, zu
deren Hilfe sie in der Allianz mit anderen westlichen Armeen ja
gerade eben erst den Kosovo freigebombt hatte.
Alles klar, alles einfach also? Was die libertäre Kritik
der befreiungsnationalistischen UCK betrifft, ganz sicher.
Der Unterschied zwischen Inszenierung und Instrumentalisierung
Was aber den Rückblick auf den Krieg gegen Jugoslawien betrifft,
bin ich mir da nicht so sicher. Zunächst einmal fällt
mir eine neue Tendenz nach Auflösung von Komplexität
auf: während in der Zeit vor dem Krieg gegen Jugoslawien
eine Rückkehr des Bürgerkrieges konstatiert wurde und
sich die verbliebenen Initiativen und antimilitaristischen Gruppen
einer nicht mehr existenten Friedensbewegung mit der gewachsenen
Kompliziertheit der Kriegsursachen auseinandersetzen mußten,
empfinde ich heute eine verblüffende Rückkehr zur Einfachheit
der Analysen. Vor dem Krieg galt zumindest in gewaltfreien und
auch in libertären Zusammenhängen die These, dass es
mehrere Ursachen für den Bürgerkrieg in Jugoslawien
gibt, der seit 1990 in vollem Gange war. Der sehr schnell in die
Diskussion gekommenen antiimperialistischen These von der Aufteilung
Jugoslawiens durch die imperialistischen Westmächte wurde
durch eine libertäre und antimilitaristische Binnenanalyse
der nationalistischen Ursachen des Jugoslawienkrieges widersprochen.
In diesem Zusammenhang spielten auch die Menschenrechte eine sehr
gewichtige Rolle und alle friedenspolitischen Initiativen gegen
den Bürgerkrieg verstanden sich auch als VerteidigerInnen
der Menschenrechte. Heute scheint mir diese Komplexität der
Kriegsursachen wie weggewischt. Es kommt sogar zu einer seltsamen
Koalition der nachträglichen Verteidigung des Milosevic-Regimes
von seiten sowohl der Antideutschen wie auch der AntiimperialistInnen.
Noch nie wurde wohl in der GWR ein Buch eines Journalisten wie
Jürgen Elsässer - immerhin ansonsten nachträglicher
Befürworter der Berliner Mauer ebenso wie der Bombardements
der Russischen Armee auf Grosny - so zustimmend zitiert wie in
GWR 254. Und in GWR 255 heisst die erste These zur Zukunft der
Friedensbewegung, ebenfalls in Anlehnung an die Einleitung des
Buches von Elsässer: "Wir leben in Orwell’schen Zeiten" (2)
- das ist natürlich auf die jüngsten Aufdeckungen von
Propagandalügen zur Legitimation des Jugoslawien-Krieges
bezogen.
Dagegen hatten wir uns bis zum Krieg und auch noch während
des Krieges nach meiner Wahrnehmung eher mit "postmodernen Zeiten"
auseinanderzusetzen, mit einer erhöhten Komplexität
bei gleichzeitig gestiegenen Möglichkeiten der Zerstreuung
und Gleichgültigkeit der Menschen in den Metropolen, mit
Huxley statt Orwell. Die Medien hatten dabei nicht simpel gelogen,
sondern mit Halbwahrheiten und einer Filterung von Informationen
jongliert. Noch die Medienanalyse des Golfkriegs durch Noam Chomsky
legte den Schwerpunkt darauf, dass im modernen Kapitalismus die
Informationen im wesentlichen vorhanden sind und nicht per se
falsch, sondern selektiv gefiltert dargestellt werden. So konnte
dann die bekannte Lüge, irakische Truppen wären im kuwaitischen
Krankenhaus barbarisch mit gerade geborenen Kindern umgegangen,
nur deshalb wirken, weil es in der US-Öffentlichkeit bereits
ein bestimmtes Bild vom barbarischen Hussein-Regime gab, das als
solches auch nicht völlig falsch war, sondern die Fakten
nur einseitig gefiltert waren. Nicht die Lüge kennzeichnete
die Medienpolitik, sondern die Filterung von Informationen, auf
der dann die Lüge nurmehr das Sahnehäubchen war. Die
eine Lüge konnte in dieser Sicht nur deshalb so wirksam sein,
weil sie eben nicht auf einem Gebäude von Lügen, sondern
auf einer speziell gefilterten Ansammlung von Wahrheiten und Halbwahrheiten
aufgebaut war.
Diese Chomskysche Medienanalyse, die m.E. einiges für sich
hat, scheint mir insbesondere durch die jüngste Racak-Diskussion
auf den Kopf gestellt: die Lüge wird wieder zum Charakteristikum
westlicher Medienpolitik erklärt, das schlichte Wort der
Medienpropaganda macht in den Analysen die Runde. Wenn Klaus Hartmann,
ehemaliger DDR-Aussenminister in Jugoslawien (*),
dessen Analysen oft faktenreich, aber von einer Verteidigungsposition
des Staates Jugoslawien geprägt und daher für libertäre
Analysen nur mit äusserster Vorsicht heranzuziehen sind,
sagt, das "'Massaker von Racak' folgt dem Muster des 'Überfalls
auf den Sender Gleiwitz' - durchsichtige Manipulation, bestellte
Provokation" (3), dann sagt
er damit, in Racak sei gar nichts vorgefallen, denn auch Gleiwitz
war von den Nazis ja inszeniert.
Überhaupt fällt mir in diesen Analysen die Vermischung
der Begriffe Lüge/Inszenierung und Instrumentalisierung auf.
Ich würde jedoch auf einer feinsäuberlichen Trennung
bestehen: Instrumentalisierung durch die UCK und die NATO ja,
die Frage der Lüge/Inszenierung bleibt m.E. jedoch bis auf
weiteres offen. Zu Racak hat es ja auch nach den GWR-Artikeln
immer wieder eine öffentliche Diskussion in den herrschenden
Medien gegeben. Auffällig und auch verdächtig erscheint
mir dabei, dass nahezu einhellig alle KriegsgegnerInnen aus den
bisher öffentlichen Papieren des Ranta-Obduktionsberichtes
diejenigen Stellen betonen, die gegen ein Massaker sprechen, und
natürlich alle KriegsbefürworterInnen diejenigen Stellen,
die auf das Gegenteil hindeuten. Ranta selbst ist auch hier nicht
entschieden: in einem heftig diskutierten Monitor-Fernsehbeitrag
- auch dieser Beitrag übrigens ein Beleg dafür, dass
wir nicht in Orwell'schen Zeiten leben - sagte sie, ihr sei bewusst,
dass Racak auch "arrangiert" gewesen sein "könnte". Als der
WDR das aber als Beleg gegen die Massaker-These auslegte, fühlte
sich Ranta nicht nur missinterpretiert, sondern behält sich
sogar vor, den WDR zu verklagen, weil er ihre Aussagen "völlig
verkürzt" wiedergegeben habe. Ich zitiere dazu eine längere
Passage aus dem letzten Racak-Artikel, bei dem Spiegel-JournalistInnen
einen Teil der bisher geheimen Dokumente des Ranta-Berichtes einsehen
konnten, im Spiegel 12/2001:
"Doch tatsächlich hatten die meisten der aus Racak stammenden
UCK-Kämpfer das Dorf bereits verlassen, bevor sich der
Ring der serbischen Bewaffneten schloss - viele überlebende
Einwohner nehmen den Kämpfern diesen strategischen Rückzug
bis heute übel. Denn die Bevölkerung war den serbischen
Soldaten und Paramilitärs nun weitgehend schutzlos ausgeliefert.
Offiziere der UCK rechtfertigen den Abzug damit, sie hätten
gegen die gewaltige Übermacht der Serben ohnehin nichts
ausrichten können. Bis heute wird in ihren Reihen ungern
über den Rückzug gesprochen. Am 15. Januar 1999, so
Aussagen von Zeugen in Den Haag, hätten die Serben dann
die Männer aus ihren Häusern geholt und den Hügel
hinaufgejagt. Aus der Sicht der Serben war jeder männliche
Dorfbewohner ein potenzieller Terrorist. Für die Ankläger
in Den Haag scheint wahrscheinlich: Außerhalb des Dorfes
feuerten serbische MP-Schützen auf die aus dem Dorf vertriebenen
unbewaffneten Albaner. Weil jedoch die Schüsse aus einiger
Distanz fielen, ließ sich bei der Obduktion der Opfer
eine Exekution schwieriger nachweisen als etwa bei einer Erschießung
aus nächster Nähe. Fast alle auf den Hügel getriebenen
Männer starben im Kugelhagel - auf die Aussagen der wenigen
überlebenden Zeugen stützt sich Chefanklägerin
Del Ponte bei ihrer Anklage. (...) Auch in einem Kurzbericht
- die noch immer streng geheime Langfassung umfasst über
1000 Seiten (4) - halten
sich die Autoren (drei finnische Forensiker aus dem Ranta-Team,
d.A.) sehr bedeckt. Die These vom Massenmord wird dort aber
- wenn auch nur in verklausulierter Form - erhärtet. Erst
im November 1999 war es den Finnen gelungen, weitere Indizien
für die Massaker-Theorie zu finden. Vor Ort durchstreiften
Spezialisten die Gegend und suchten mit Metalldetektoren nach
Geschossen und Patronenhülsen. Am Platz der vermuteten
Exekutionen wurden sie fündig: Dort stießen die Rechercheure
unter Blättern und im Schlamm nur auf Patronenhülsen,
nicht auf Kugeln. Die Schlussfolgerung der Ermittler: Es wurde
nur aus einer Richtung geschossen, von den Serben. Erst später
wurden die Leichen wohl in den nahen Graben gelegt." (5)
Auch wenn unter den Opfern entwaffnete ehemalige UCK-Kämpfer
waren, ist ihre Erschießung nach Gefangennahme dennoch eine
Menschenrechtsverletzung. So lange der wirkliche Tathergang so
umstritten und die Möglichkeit des Massakers immer noch offen
ist, sollten auch wir vorsichtig sein, sofort von "Lüge"
oder Inszenierung zu sprechen. Was sich hinter dieser Übernahme
antiimperialistischer Analysemuster verbirgt, ist die Tendenz,
im Nachhinein den Staat Jugoslawien von Menschenrechtsverletzungen
freizusprechen und damit die komplexe Ursachenanalyse von vor
dem Krieg zu überdecken. Eine libertäre Analyse sollte
sich m.E. jedoch diesen Tendenzen entziehen: der Skandal an Racak
wäre in libertärer Sicht in jedem Fall die Instrumentalisierung
für das NATO-Bombardement, und zwar ganz unabhängig
von der Frage, ob das Massaker real oder inszeniert war. Hier
wäre m.E. die libertäre Forderung die nach weiterer
Aufklärung. Wenn aber Racak letztlich nicht ganz aufgeklärt
werden kann - worauf vieles hindeutet -, dann wäre allerdings
m.E. im Zweifel für die Opfer zu entscheiden, und das waren
im konkreten Fall Kosovo-AlbanerInnen, auch wenn uns das vor dem
Hintergrund aktueller nationalistischer Kämpfe in Mazedonien
keineswegs passt.
Libertärer Antimilitarismus und Menschenrechte
Racak ist hier nur als Symbol zu verstehen und letztlich auch
nicht entscheidend für die Bewertung. Es geht darum, ob dem
Staat Jugoslawien im Nachheinein alle Menschenrechtsverletzungen
abgesprochen werden können, nur weil sich der NATO-Krieg
mit ihnen legitimiert hat. Für eine Bewertung der Menschenrechtssituation
in Jugoslawien ist auch nicht der Zeitraum von Oktober 1998-März
1999 entscheidend, sondern entscheidend sind tatsächlich
die Menschenrechtsverletzungen durch Armee und Milizen seit allen
Kriegen von 1990 an. Unabhängig von der verständlichen
juristischen Rechtsposition ist dabei nach wie vor zu konstatieren,
dass der serbische Nationalismus in nahezu allen jugoslawischen
Kriegen eine Vorwärtsaggression als präventive Kriegsführung
praktizierte, was eine ebenso deutliche Verurteilung der jeweiligen
Gegennationalismen, seien sie slowenisch, kroatisch, oder bosnisch-muslimisch
natürlich miteinschliesst (6).
Srebrenica ist eine Realität - und diese Realität sollte
nicht durch nachträgliche Uminterpretationen verdrängt
und verleugnet werden, wie das AntiimperialistInnen heute immer
wieder dadurch tun, dass sie sagen, alles sei von BosnierInnen
oder AlbanerInnen inszeniert worden, um die NATO zum Eingreifen
zu zwingen (7). Eine libertäre
Analyse der Zukunft der Friedensbewegung sollte m.E. auch nach
dem Jugoslawien-Krieg auf der Basis von Srebrenica und nicht auf
der Basis von dessen Verdrängung aufbauen. Wogegen sich eine
Friedensbewegung - wenn es sie denn wieder gäbe - wenden
sollte, ist eine Instrumentalisierung solcher Menschenrechtsverletzungen
für NATO-Bombardements und militärische Interventionen,
nicht gegen die Möglichkeit und Faktizität solcher Menschenrechtsverletzungen.
Und letztlich ist ja die politische Revolte vom Oktober 2000,
der Sturm aufs Parlament, der beste Beleg dafür, dass die
Menschen in Serbien selbst ihre Regierung als illegitim angesehen
haben.
Krieg ist Menschenrechtsverletzung
Damit komme ich zu dem für mich überraschenden Befund,
dass in GWR 255 bei den "Thesen zur Zukunft der Friedensbewegung
nach dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien" über Menschenrechte
gar nichts zu lesen steht. Und hier ergibt sich mein Hauptwiderspruch:
vor dem Krieg schrieben die Friedensinitiativen, die zu Jugoslawien
arbeiteten, die Menschenrechte zu Recht auf ihre Fahnen und sprachen
- in Ansätzen zumindest - den westlichen Staaten inclusive
der BRD die Fähigkeit, den Willen und auch die Berechtigung
dafür ab, sich im Namen von Menschenrechten einzumischen.
Nun haben die Ergebnisse des Krieges diese These eher bestätigt
- nichts von Konflikt ist gelöst, die "Befreiten" schiessen
in Mazedonien auf die "Befreier", der radikale Nationalismus wächst,
neue Kriege stehen vor der Tür. Und jetzt, gerade in dieser
Situation, verzichten antimilitaristische und friedenspolitische
Initiativen darauf, sich selbst als die eigentlichen BefürworterInnen
von Menschenrechten darzustellen? Für mich ist das eine Kapitulation
vor den Verhältnissen - zumindest in der Analyse.
Libertäre Kriegsanalysen haben im Gegensatz zu bürgerlichen
wie auch zu antiimperialistischen Analysen darauf bestanden, dass
der Krieg selbst schon eine Menschenrechtsverletzung ist. Jeder
Krieg ist überhaupt nur denkbar durch dabei vorkommende Menschenrechtsverletzungen.
Deswegen bestätigt die antiimperialistische Akribie, mit
der danach gefragt wird, ob die Untersuchungsberichte tatsächlich
beweisen, ob eine Erschießung aus nächster Nähe
stattgefunden hat und damit eine Erschießung als Massaker
und damit als Menschenrechtsverletzung zu qualifizieren ist, nur
die bürgerliche, auch im Haager Tribunal zugrundegelegte
Trennung zwischen Krieg und Menschenrechtsverletzungen. Dass Krieg
und Menschenrechtsverletzungen getrennt wurden, war eine zentrale
Voraussetzung für die Führbarkeit des Krieges auch auf
Seiten der NATO. Jede zukünftige libertäre, gewaltfreie
und antimilitaristische Analyse sollte immer wieder darauf zurück
führen, dass Krieg und Menschenrechtsverletzungen aber nicht
getrennt werden können, dass der Krieg bereits die Menschenrechtsverletzung
miteinschliesst, ja ist. Zu dieser Analyse gehört aber auch,
dass eine Menschenrechtsverletzung auch als solche benannt wird
und nicht aus Opportunitätsgründen versucht wird, sie
im Nachhinein kleinzureden oder zu rechtfertigen. Libertäre
AntimilitaristInnen sollten sich dagegen wenden, dass Menschenrechtsverletzungen
wiederum als Legitimation für Krieg benutzt/instrumentalisiert
werden. Dabei ist aber die Tendenz die entscheidende, dass neuer
Krieg und neue Menschenrechtsverletzungen nicht wirksam dazu führen,
die vorhandenen Menschenrechtsverletzungen aufzuheben - und nicht
die Tendenz, dass die Menschenrechtsverletzungen eigentlich gar
nicht vorhanden sind. Das wäre m.E. eine unzulässige
Reduktion der Komplexität von Kriegsursachen. Genau darin
unterschiede sich m.E. eine libertäre von einer antiimperialistischen
Analyse. Und so gesehen waren wir vor dem Krieg m.E. tatsächlich
schon weiter als mit den Reduktionismen von heute.
Frank Tiresias
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Anmerkungen
(1) Vgl. z.B. Gewaltfrei aus Schwäche? "NATO
erwache!"? Nationalismus und internationaler Militarismus zerstören
Ansätze gewaltfreien Widerstands in Kosova, in GWR 228, April 1998,
S. 7.
(2) Vgl. Ozeanien führt Krieg,
in: Jürgen Elsässer: Kriegsverbrechen, S. 7-13.
(3) Zit. nach GWR 254, S. 13, Anm.
15.
(4) Angeblich liegt der Bericht
ganz oder teilweise sowohl der Berliner Zeitung wie auch "Konkret" vor.
Der Autor dieses Artikels hat Anfang Februar beiden Zeitungen die GWR-Ausgabe
mit dem Titelartikel "Rambouillet und andere Lügen" mit der Bitte
zugesandt, die den Redaktionen vorliegenden Materialien als Kopie erhalten
zu dürfen. Beide Zeitungen haben bis jetzt weder etwas geschickt,
noch auf diese Bitte überhaupt reagiert. Darf die Hoheit der eigenen
Interpretation keinen Schaden erleiden? Warum wird dem Staat überhaupt
Geheimhaltungspolitik vorgeworfen, wenn angeblich geheime Unterlagen
an andere Initiativen nicht genauso weitergeleitet werden, wie das andererseits
vom Staat eingefordert wird?
(5) Zit. nach Spiegel: Täuschen
und Vertuschen, Spiegel 12/2001, 19.3., S. 240 und 243.
(6) Die besten Analysen der Jugoslawien-Kriege,
die ich gelesen habe, sind: Catherine Samary: Die Zerstörung Jugoslawiens.
Ein europäischer Krieg, Köln 1995; und Ernst Lohoff: Der Dritte
Weg in den Bürgerkrieg. Jugoslawien und das Ende der nachholenden
Modernisierung, Bad Honneff 1996.
(7) Zu Srebrenica vgl. z.B. Jan
Willem Honig, Norbert Both: Srebrenica. Der größte Massenmord
in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1997. Die Autoren
schätzen die Zahl der Getöteten auf zwischen 10 und 15.000.
Berichtigung
(*) In GWR 258, im Artikel "Racak als zweites
Gleiwitz?", S. 8, 4. Spalte, zweiter Absatz von unten, wurde Klaus mit
Ralph Hartmann verwechselt. Ralph Hartmann ist ehemaliger DDR-Botschafter
(nicht "Außenminister") in Jugoslawien gewesen, beim hier gemeinten
Klaus Hartmann handelt es sich dagegen um den Vorsitzenden des Freidenker-Verbandes,
Autor bei der DKP-nahen Zeitung "Unsere Zeit" sowie der "Marxistischen
Blätter". Für die inhaltliche Tendenz des Gesagten ist die Verwechslung
bedeutungslos. (Red. HD)
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