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Heute schon an morgen denken

Nach dem Urlaub: Castor stoppen

Noch in diesem Jahr will die rot-grüne Bundesregierung den nächsten Castorzug nach Gorleben rollen lassen. Der phantasievolle Widerstand dagegen ist nötig und die Anti-Atom-Bewegung sitzt schon in den Startlöchern. Ein Bericht aus dem Wendland (Red.).

Die Straßen und Wege rund um die Atomanlagen in Gorleben waren am 31. Mai fest in der Hand von AtomkraftgegnerInnen aus nah und fern. Mehr als 5.000 Menschen kamen, als die BI Lüchow-Dannenberg das "Fest zum Protest" ausrief. Das Ziel war, Kraft zu tanken für den kommenden Herbst und dieser Zweck wurde gründlich erreicht.

Die freien Wendinnen und Wenden verstehen es eben zu feiern. Und sie verstehen es, ein Fest mit Protest zu verbinden.

Neben guter Musik bis nachts um drei wurde überall im Programm deutlich, worauf die Sache letztendlich hinausläuft: So gab es einen Baumkletterworkshop, einen riesigen begehbaren "Schwarzen Block", und auf das Pförtnerhaus des Zwischenlagers wurden nach Einbruch der Dunkelheit mittels Diaprojektor freche Parolen projiziert. Höhepunkt war für viele das Modell der Castor-Strecke von Lüneburg nach Dannenberg. Die mehr als sechs Meter lange Modellbahnstrecke, mit unendlicher Liebe zum Detail gebaut, hatte alles, worauf man sich schon mal wieder vorbereiten sollte: Jede Menge bunte protestierende Leute, viel Polizei, ein rollender Castorzug, ein als Hochsicherheitstrakt ausgebauter Verladekran, eine vollautomatische "X-tausendmal quer"-Blockade, die den Zug stoppt, Ankettaktionen, Baumklettereien und als Höhepunkt eine Brücke die rechtzeitig vor dem Zug zusammenbricht. Das machte sie während des Festes 471-mal. Der Zug musste jedes Mal wieder zurückfahren.

Drei Transporte nach Gorleben innerhalb von zwölf Monaten?

Ob das auch im Herbst so sein wird, wird sich zeigen. Zwölf Behälter mit hochradioaktivem Atommüll aus La Hague sollen dann wieder nach Gorleben rollen. Noch gibt es keine Informationen über den genauen Zeitpunkt, aber im Wendland geht mensch vom Bereich zwischen Mitte Oktober und Mitte November aus. Bei den Planungen für den Herbst spielt diesmal auch eine Rolle, dass es möglicherweise innerhalb von zwölf Monaten drei Transporte nach Gorleben geben wird. Denn ab 2004 sollen zu den jährlich zwölf Behältern aus Frankreich auch noch sechs Behälter aus der britischen Plutoniumschleuder Sellafield ins Wendland rollen.

Derzeit scheint ein einziger Transport mit 18 Castoren unwahrscheinlich. So würden also zwischen dem Herbst-Transport 2003 und dem Herbst-Transport 2004 ein weiterer Tag X liegen.

Die Strategie der Polizei ist darauf angelegt, den Widerstand zu zermürben, damit dann spätestens bei den Transporten im nächsten Jahr deutlich weniger BeamtInnen zum Schutz eingesetzt werden müssen. Denn wenn das nicht passiert, dann haben sie nächstes Jahr ein dickes Personalproblem.

Es geht also darum, den sich abzeichnenden schnelleren Transportrhythmus nach Gorleben zum Aufbau neuer kontinuierlicher Bewegungszusammenhänge zu nutzen.

Im Wendland ist mensch sowieso auf lange Zeiträume eingestellt.

Bisher dauert der Streit um Gorleben 26 Jahre und ein Großteil der Pläne von Atomindustrie und Bundesregierung sind bisher nicht umgesetzt. Die Castor-Halle steht zu 86 Prozent leer, die Pilotkonditionierungsanlage (PKA) ist nicht in Betrieb und die Entscheidung über das Endlagerprojekt ist noch nicht gefallen. Es wird also noch viel zu tun geben. Da ist es besonders erfreulich, dass seit dem letzten Castor-Transport eine hochmotivierte junge Generation den Widerstand aufmischt.

Druck in Richtung "Endlager Gorleben" nimmt zu

Das ist auch nötig, denn derzeit steht der Standort Gorleben so stark in der Debatte wie lange nicht mehr. Und dabei geht es nicht nur um diesen Standort, sondern um die Atommüll-Frage insgesamt. Schließlich hat das von der Bundesregierung berufene Wissenschaftlergremium "AK End" errechnet, dass sich die bisher durch AKW-Betrieb angefallene Atommüllmenge bis zur Stillegung des letzten Reaktors in etwa 25 Jahren noch verdreifachen wird.

Der AK End hatte vorgeschlagen, nach anderen Standorten als Alternative zu Gorleben zu suchen. Die neue niedersächsische Landesregierung aus CDU und FDP ist dagegen, möchte gemeinsam mit den Stromkonzernen erreichen, dass das Endlager-Bergwerk im Salzstock zu Ende gebaut wird. Die Atomstromer weigern sich auch, Gelder aus ihren Entsorgungsrückstellungen für die weitere Endlagersuche zur Verfügung zu stellen.

Innerhalb von Umweltverbänden und Anti-Atom-Bewegung gibt es unterschiedliche Einschätzungen, wie mit der aktuellen Situation umzugehen ist. Manche halten den vom AK End angeschobenen Prozess der neuerlichen Standortsuche für die einzige Möglichkeit, eine schnelle Festlegung auf den maroden Salzstock Gorleben zu verhindern. Andere befürchten bei einer auch nur indirekten Beteiligung an der Endlager-Suche eine Legitimation des Weiterbetriebs der AKWs und des sich noch verdreifachenden Atommüllbergs.

Der Kelch einer Mitarbeit in der sogenannten Endlager-Verhandlungsgruppe des Bundesumweltministeriums ging an den Umweltverbänden vorüber. Weil sich CDU und Konzerne weigerten, in dem mit VertreterInnen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen besetzten Gremium mitzuarbeiten, kommt die Runde nicht zustande.

Damit ist jetzt allerdings auch wieder völlig offen, wie sich die Bundesregierung in der Endlagerfrage weiter verhalten wird. Der Druck wächst, einfach das nun mal schon für viel Geld entstandene Bergwerk im Wendland zu nutzen, auch wenn es massive geologische Mängel gibt. Sowohl die Landesregierung in Hannover als auch Teile der SPD fordern nun die Einrichtung eines unterirdischen Labors in Gorleben, um Versuche zur Lagerung von hochaktivem Atommüll durchzuführen. Das wäre der nächste Schritt auf dem Weg zur Inbetriebnahme. Bisher sträubt sich Jürgen Trittin noch gegen diese Idee, aber Wissenschaftler aus seinem Umfeld haben am Rande von Fachkongressen schon bei Vertretern der BI Lüchow-Dannenberg nachgefragt, ob die Sache mit dem Labor vielleicht akzeptabel für die AtomkraftgegnerInnen sei. Die BI lehnte dankend ab.

Um die sich verstärkenden Tendenzen hin zu einer Fertigstellung eines eigentlich völlig ungeeigneten Endlagerbergwerks zu stoppen, bietet sich nichts besser an, als die kommenden Castor-Transporte. Sie werden Gradmesser dafür sein, inwieweit die Gesellschaft bereit ist, wachsende Atommüllberge zu akzeptieren, inklusive massiver Gefährdung für kommende Generationen. Der alte, das Atommüllproblem beschreibende Vergleich vom Flugzeug, dass irgendwann mal gestartet ist, ohne dass eine Landebahn gebaut wurde und ohne dass klar ist, wie eine funktionierende Landebahn überhaupt zu bauen ist, bekommt eine aktuelle Fortsetzung: Die heutige Frage ist, ob diese Gesellschaft es zulässt, dass immer weitere Flugzeuge starten und zur Legitimation eine alte Buckelpiste voller Schlaglöcher bei Gorleben feierlich als Landebahn eröffnet wird.

Konzepte für den Widerstand

Noch sind die meisten Gruppen im Wendland und bundesweit am Diskutieren und Planen. Es gibt also derzeit noch kein fertiges Konzept für die Aktionen im Herbst. Manche wollen verstärkt die Rolle der Bahn zum Thema machen und überall an den Strecken Proteste starten. Andere überlegen, wie das im letzten Herbst erfolgreiche Konzept, den Castor-Konflikt in die Stadt Lüneburg zu tragen, erweitert werden kann. Im Gespräch sind auch neue Aktionskonzepte für die Straßenstrecke zwischen Dannenberg und Gorleben. Aber noch ist ja ein bisschen Zeit, die Ideen reifen zu lassen.

Zwei Ansätze sind schon etwas konkreter, deshalb möchte ich sie hier vorstellen: Das ist zum einen die Initiative "Kettenreaktion Gorleben". Hier geht es um eine reine Mobilisierungs-Idee, angelehnt an Kettenbriefe. Der Gedannke: Es beteiligen sich mehr Menschen an den Castor-Protesten, wenn sie nicht durch unpersönliche Flugblätter oder Internet-Aufrufe, sondern aus ihrem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis darauf angesprochen werden. Und zwar von Menschen, die sich selbst schon entschieden haben, ins Wendland zu fahren. Natürlich weiß mensch von Kettenbriefen, dass sie endlich sind, aber es geht bei der "Kettenreaktion" darum, das vorhandene Potential möglicher DemonstrantInnen möglichst auszuschöpfen.

Aufhänger ist die große Auftaktkundgebung in Gorleben am Samstag vor dem Tag X. Gesucht werden in einer "anti-atomaren Kettenreaktion" viele Menschen, die folgende Erklärung unterschrieben: "Ich werde an der großen Auftaktdemonstration gegen den nächsten Castor-Transport nach Gorleben teilnehmen und werde mindestens drei weitere Menschen überzeugen, ebenfalls diese Erklärung zu unterschreiben."

GWR-LeserInnen, die sich beteiligen möchten, schicken einfach einen Brief mit dieser Erklärung und einer leserlichen AbsenderIn-Adresse an Kettenreaktion Gorleben, Auf dem Berg 19, 29439 Jeetzel.

Der andere schon etwas konkrete Ansatz für den Herbst stammt von "X-tausendmal quer": In einem intensiven Diskussionsprozess haben Aktive der Kampagne die Erfahrungen der letzten Jahre ausgewertet. Da viele von ihnen auch den Blockadeaktionen von "resist - sich dem Irak-Krieg widersetzen" vor der Frankfurter US-Airbase beteiligt haben, konnten auch die dort gewonnenen Erkenntnisse einfließen.

Neben der politischen Außenwirkung bei großen Aktionen Zivilen Ungehorsams spielt auch die Wirkung nach innen eine wichtige Rolle, also die Frage, inwieweit bei den Aktiven selbst eine persönlich-politische Weiterentwicklung mit der Teilnahme an solchen Aktionen verbunden ist. Bei der häufig anzutreffenden Last-Minute-Mentalität vieler Blockadewilliger - sie kommen erst direkt bei Aktionsbeginn ohne Vorbereitung an - ist es sehr schwer, solche Lernprozesse gemeinsam voranzubringen. Auch die Qualität der Aktion, die Wirkung nach außen und das Ziel, auch in Großgruppen möglichst hierarchiearm und selbstbestimmt zu handeln, leiden darunter.

Auch weil sich beim letzten Castor-Transport etwa 90 Prozent der BlockiererInnen von Laase nicht an der gemeinsamen Vorbereitung beteiligt haben, gab es beim Vorbereitungstreffen von "X-tausendmal quer" eine deutliche Abkehr vom bisherigen Konzept der bis zur letzten Minute offenen Aktionsgruppe.

Zwar wird weiterhin anerkannt, dass es auch für "Last-Minute-Widerstand" aufgrund persönlicher Prioritätensetzung eine Berechtigung gibt - schließlich ist es besser, jemand kommt erst spät dazu als gar nicht - aber Aktionsangebote für diese Gruppe wird es diesmal nicht von "X-tausendmal quer" geben.

Dass diese Aktionen auch von anderen gut organisiert werden können, hat die Aktionsgruppe "WiderSetzen" mit ihrer "Einladung zum Kaffeetrinken in Hitzacker" beim letzten Castor-Transport eindrucksvoll bewiesen: Nachdem zwölf Familien in Hitzacker ihre Häuser für Gäste öffneten, strömten kurz vor Ankunft des Castor-Zuges 1.300 Menschen Richtung Schiene, und einige Gruppen kamen auch durch.

Viele derjenigen, die bei "X-tausendmal quer" mitorganisiert haben, sind inzwischen an einem Punkt angelangt, dass sie nicht mehr für andere, sondern mit anderen zusammen ihren Widerstand vorbereiten möchten. Die Idee ist, dass sich alle, die an der "X-tausendmal quer"-Aktion mitmachen wollen, vorher zu Bezugsgruppen zusammenschließen und über mehrere Tage gemeinsam ihr Vorgehen planen. Das war zwar auch bisher schon möglich, wurde aber eben nur von einem Bruchteil der Aktiven mitgemacht. Diesmal ist es Bedingung für die Teilnahme. Es soll also lieber etwas kleiner, dafür aber intensiver werden.

Aber klein muss es gar nicht sein: Denn auch diejenigen, die ohne feste Bezugsgruppe zum Castor anreisen, haben natürlich die Möglichkeit, sich noch vor Ort mit anderen zusammenzutun. Aber dies soll rechtzeitig geschehen, damit noch genügend Zeit zur gemeinsamen Vorbereitung bleibt. Außerdem gibt es gerade sowieso bundesweit die Tendenz, neue gewaltfreie Aktionsgruppen zu gründen (siehe Aufruf in der letzten GWR). Letztendlich bleibt "X-tausendmal quer" also ein für alle offenes Aktionskonzept, zumindest für alle, die in den Tagen vor dem Tag X zu gemeinsamer Vorbereitung bereit sind.

Vielleicht ist diese Entscheidung von "X-tausendmal quer" für manche auch ein zusätzlicher Anreiz, schon jetzt in ihrer Region eine eigene Aktionsgruppe zu gründen. Denn auch die in den nächsten Monaten laufende konkrete Planung der Aktion soll schon unter Beteiligung möglichst vieler Gruppen geschehen. Noch ist nur die beschriebene äußere Form festgelegt. Konkretere Ideen können in den nächsten Wochen und Monaten von allen mitentwickelt werden, die einsteigen. Der nächste große Schritt wird auf dem Sommercamp im Wendland vom 2. bis 10. August gegangen. Während der Woche wird an Aktionsideen gebastelt und am Wochenende 8. bis 10. August sollen dann gemeinsame Entscheidungen über den Aktionsrahmen fallen.

Jochen Stay
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