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Die Herrschaft der Vergewaltiger

Großbritannien und die USA versprachen, der Krieg gegen Afghanistan werde die Frauen befreien. Wir warten noch immer

Als die USA am 7. Oktober 2001 mit der Bombardierung Afghanistans begannen, wurde das Ziel, die Taliban-Regierung zu stürzen, mit der Unterdrückung der afghanischen Frauen gerechtfertigt. Fünf Wochen später verkündete Amerikas First Lady Laura Bush triumphierend: "Dank unserer militärischen Siege in weiten Teilen Afghanistans sind die Frauen nicht mehr in ihren Häusern eingesperrt. Der Kampf gegen den Terrorismus ist zugleich ein Kampf für die Rechte und die Würde der Frauen."

Amnesty international hingegen zeichnet ein anderes Bild: "Zwei Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft hat sich gezeigt, dass die internationale Gemeinschaft und die afghanische Übergangsregierung unter Präsident Hamid Karsai unfähig sind, die Frauen zu schützen.

Die von bewaffneten Gruppen und ehemaligen Kriegsteilnehmern ausgehende Gefahr von Vergewaltigungen und sexueller Gewalt ist nach wie vor hoch. Die Zwangsverheiratung insbesondere minderjähriger Mädchen ist in vielen Regionen des Landes weit verbreitet, ebenso wie Gewalt gegen Frauen." In der Tat: Die Situation der Frauen in Afghanistan ist nach wie vor entsetzlich. Zwar dürfen Mädchen und Frauen in Kabul und einigen anderen Großstädten zur Schule gehen und Berufe ausüben, aber im größten Teil des Landes sieht es anders aus. In der westlichen Provinz Herat erlässt der Kriegsherr Ismail Khan Dekrete, die denen der Taliban gleichen. Viele Frauen haben keinen Zugang zu Bildung und dürfen nicht für die ausländischen Nichtregierungsorganisationen oder die UN arbeiten. In einheimischen Regierungs- und Verwaltungsstellen sind Frauen fast gar nicht vertreten. Frauen dürfen ohne Begleitung eines nahen männlichen Verwandten weder ein Taxi nehmen noch zu Fuß unterwegs sein. Wenn sie mit Männern angetroffen werden, die keine nahen Verwandten sind, können Frauen von der Sonderpolizei festgenommen und gezwungen werden, eine ärztliche Untersuchung über sich ergehen zu lassen, um festzustellen, ob sie vor kurzem Geschlechtsverkehr hatten. Wegen dieser andauernden Unterdrückung begehen Monat für Monat viele Mädchen Suizid - deutlich mehr als unter der Taliban-Herrschaft.

Auch im von der Nordallianz kontrollierten Norden und Süden Afghanistans ist es um die Frauenrechte nicht besser bestellt. Eine Mitarbeiterin einer internationalen Nichtregierungsorganisation äußerte gegenüber amnesty international: "Wenn zur Zeit der Taliban eine Frau in der Öffentlichkeit einen Zentimeter Haut zeigte, wurde sie ausgepeitscht. Heute wird sie vergewaltigt."

Nicht einmal in Kabul, wo Tausende ausländischer Soldaten stationiert sind, fühlen sich die afghanischen Frauen sicher, und viele tragen weiterhin die Burka, um sich zu schützen. Wenn überhaupt Schulbildung für Mädchen angeboten wird, haben die Eltern oftmals Angst, ihre Töchter diese Chance nutzen zu lassen: Mehrere Mädchenschulen sind bereits niedergebrannt worden, Mädchen sind auf dem Weg zur Schule entführt worden, und nach Angaben von Human Rights Watch sind sexuelle Übergriffe gegen Kinder beiderlei Geschlechts an der Tagesordnung.

Entgegen ihren Beteuerungen betreibt die Karsai-Regierung aktiv eine frauenfeindliche Politik

Frauen finden keine Arbeit, und in den Mädchenschulen fehlen häufig die einfachsten Dinge, zum Beispiel Bücher und Stühle. Frauen genießen keinen rechtlichen Schutz, und die älteren Rechtssysteme schließen sie von notwendigen Hilfsleistungen aus. Im Kabuler Fernsehen dürfen keine Sängerinnen auftreten, von Frauen gesungene Lieder werden nicht gespielt und Filmszenen, in denen unverschleierte Frauen zu sehen sind, fallen der Zensur anheim.

Die Karsai-Regierung hat ein Frauenministerium eingerichtet, aber nur, um der internationalen Gemeinschaft Sand in die Augen zu streuen. In Wirklichkeit hat dieses Ministerium nichts für die Frauen getan. Es liegen Beschwerden vor, Gelder, die dem Frauenministerium von ausländischen NGOs zur Verfügung gestellt worden seien, seien von mächtigen Kriegsherren in Karsais Kabinett einkassiert worden.

Der "Krieg gegen den Terror" hat zwar das Taliban-Regime gestürzt, nicht aber den religiösen Fundamentalismus als wesentliche Ursache des Elends der afghanischen Frauen beseitigt. Vielmehr haben die USA, indem sie die Kriegsherren wieder an die Macht gebracht haben, schlicht ein frauenfeindliches Fundamentalistenregime durch ein anderes ersetzt.

Allerdings haben die USA die Taliban auch nicht deshalb bekämpft, weil sie afghanische Frauen retten wollten. Noch im Jahr 2000 gab die US-Administration den Taliban 43 Millionen Dollar als Belohnung für die Eindämmung des Opiumanbaus. Jetzt unterstützen die USA die Nordallianz, unter deren blutiger Herrschaft in den 1990er Jahren über 50.000 Zivilisten getötet wurden. Die heutigen Machthaber - Männer wie Karim Khalili, Rabbani, Sayyaf, Fahim, Yunus Qanooni, Mohaqiq und Abdullah - sind dieselben, die 1992 unmittelbar nach ihrem Machtantritt frauenfeindliche Bestimmungen erließen und eine Terrorherrschaft in ganz Afghanistan errichteten.

Tausende Frauen und Mädchen wurden von bewaffneten Banditen systematisch vergewaltigt und viele begingen Suizid, um diesen Vergewaltigungen zu entgehen.

Aber das Fehlen von Frauenrechten ist nicht das einzige Problem, mit dem Afghanistan heute zu kämpfen hat. Weder der Opiumanbau noch das Kriegsherrentum noch der Terrorismus sind wirklich beseitigt worden. Es gibt weder Frieden noch Stabilität oder Sicherheit. Präsident Karsai ist Gefangener seiner eigenen Regierung, der nominelle Kopf eines Regimes, in dem ehemalige Kommandeure der Nordallianz die eigentliche Macht haben. In einem solchen Klima ist das Resultat der im Juni anstehenden Wahlen leicht vorherzusagen: Einmal mehr wird sich die Nordallianz das Wahlergebnis unter den Nagel reißen, um ihre blutige Herrschaft zu legitimieren.

Im November 2001 sagte der US-amerikanische Außenminister Colin Powell: "Die Rechte der Frauen in Afghanistan sind nicht verhandelbar." Aber die Frauen Afghanistans haben die Unredlichkeit solcher Stellungnahmen führender US-amerikanischer und britischer Politiker am eigenen Leibe erfahren - wir wissen, dass sie die Frauenrechte in Afghanistan bereits hinwegverhandelt haben, indem sie das Volk den heimtückischsten Kriegsherren ausgeliefert haben. Ihre schönen Reden sind von politischem Kalkül und nicht von echter Anteilnahme bestimmt. Von 1992 bis 2001 wurden afghanische Frauen von Fundamentalisten jeglicher Couleur, ob Dschihadis oder Taliban, wie Vieh behandelt. Einige westliche Intellektuelle vertreten die These, diese Unterdrückung wurzele in afghanischen Traditionen und Kritik daran sei respektlos gegenüber der kulturellen Andersartigkeit. Die afghanischen Frauen selbst jedoch sind keine stummen Opfer. Es gibt Widerstand, aber man muss genau hinsehen, um ihn zu erkennen, denn jede ernsthaft antifundamentalistische Gruppierung muss in der Halblegalität arbeiten. Die Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) war bereits unter den Taliban verboten und kann noch heute kein Büro in Kabul eröffnen. Noch immer können wir unsere Zeitschrift Payam-e-Zan (Botschaft der Frauen) nicht offen vertreiben. Noch immer werden Ladenbesitzer, die unsere Publikationen im Sortiment haben, mit dem Tode bedroht und Unterstützerinnen der RAWA, die unsere Schriften verteilt haben, sind inhaftiert und gefoltert worden. Wer auch nur beim Lesen unserer Publikationen erwischt wird, ist in Gefahr.

Der Feminismus braucht nicht importiert zu werden; er hat in Afghanistan bereits Fuß gefasst. Schon lange vor den US-amerikanischen Bombardements versuchten progressive Organisationen, Freiheit, Demokratie, eine säkulare Gesellschaft und Frauenrechte zu etablieren. Damals zeigten die westlichen Regierungen und Medien kaum Interesse an der Not der afghanischen Frauen. Als RAWA vor dem 11. September 2001 der BBC, CNN, ABC und anderen Sendern die filmische Dokumentation der Hinrichtung Zarmeenas übergab, hieß es, das Filmmaterial sei zu schockierend, um gesendet zu werden. Nach dem 11. September jedoch wurde die Dokumentation mehrmals von den gleichen Medienanstalten ausgestrahlt. Außerdem wurden einige Fotos von RAWA, die Misshandlungen von Frauen durch die Taliban dokumentierten, benutzt - übrigens ohne unsere Genehmigung. Sie wurden auf Flugblättern reproduziert und von amerikanischen Kriegsflugzeugen bei ihren Einsätzen über Afghanistan abgeworfen.

Mariam Rawi, Kabul
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Anmerkungen

Die Autorin ist RAWA-Mitglied. Sie schreibt unter Pseudonym.

Dieser Text wurde erstmals im New Internationalist Magazine (www.newint.org) veröffentlicht. Am 12. Februar 2004 erschien er in der britischen Tageszeitung The Guardian.

Übersetzung: Heike (GWR)


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