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>> 304 dezember 2005

Anarchists Against the Wall

Begegnung mit Mathan Cohen von der israelisch-palästinensischen gewaltfrei-anarchistischen Aktionsgruppe

Die gemeinsame israelisch-palästinensische Gruppe "Anarchists Against the Wall" führt unter lebensgefährlichem Einsatz, unter der Bedrohung eines direkten Schusswaffeneinsatzes des israelischen Militärs direkte gewaltfreie Aktionen gegen den Mauerbau um die palästinensischen Gebiete durch. Fred, ein französischer Anarchist, ist einem Mitglied der Gruppe, Mathan Cohen, begegnet. Solche Begegnungen helfen, die psychologische Dimension des Mauerbaus besser zu begreifen. Laut Mathan basiert die israelische Staatspolitik auf einer Ideologie der Angst und rassistischen Elementen, mit denen der Mauerbau als Schutz für die israelische Bevölkerung präsentiert wird. Dabei fördert die Mauer nach Ansicht Mathans und seiner Gruppe eher die palästinensischen Attentate. Wir finden die Berichterstattung über solche Gruppen wichtig, weil ihre Existenz und ihre direkten gewaltfreien Aktionen in allen bürgerlichen Medien hierzulande negiert werden. (Red.)

Alle wollen den Frieden, aber niemand fragt sich, wie er zu erreichen ist. Kein Israeli fragt PalästinenserInnen, wie die sich den Frieden vorstellen. Solche Diskussionen werden verhindert und verfälscht durch die politischen Parteien. Alle Friedensbemühungen - inklusive des Abkommens von Oslo - waren das Werk der Regierenden, die jedoch wollen, dass die Situation bleibt, wie sie ist. Den Menschen wurde nie richtig zugehört. Eine wirkliche Lösung muss jedoch für beide "Seiten" akzeptabel sein.

Die Gruppe "Anarchists Against the Wall" geht von dieser Zustandsbeschreibung aus und führt ihre direkten Aktionen in den durch die Mauer eingeschlossenen Gebieten durch.

"Dient es meiner Sicherheit, dass die Dörfer von einer Mauer umgeben werden, welche sie von den Feldern abtrennt, die von ihren BewohnerInnen bebaut werden?" Das fragt sich Mathan.

Vor Ort haben die "Anarchists Against the Wall" PalästinenserInnen kennen gelernt, die sie nicht mehr als FeindInnen betrachten. Und die PalästinenserInnen konnten Israelis kennen lernen, die nicht SoldatInnen, sondern FreundInnen sind. Beiden ist klar geworden, dass sie gemeinsam gegen die Mauer kämpfen können, und das ist das, was sie seitdem tun. Sie versuchen, ihre Konstruktion zu behindern, verzögern die Bauarbeiten und versuchen, in der Öffentlichkeit Kritik am Mauerbau zu artikulieren.

Die "Anarchists Against the Wall" haben ein Informationszentrum in einem palästinensischen Dorf eröffnet, zu dem israelische AktivistInnen kommen konnten, um sich über die Situation zu informieren. Aber dieses Zentrum ist von der israelischen Armee geschlossen worden. Die gewaltfreien Aktionen der Gruppe sind inzwischen alltäglich, und die Antwort der Herrschenden ist von der Gewalt der Armee geprägt, von Brutalität und manchmal durch den Tod. Die Gruppe hat mehrere Dokumentarfilme über ihre Aktionen gedreht und so versucht, breitere Kreise der israelischen Bevölkerung zu sensibilisieren, aber die Mehrheit weigert sich noch immer, dem wahren Horror der Situation ins Auge zu blicken.

Z.B.: Ein bestimmtes palästinensisches Dorf ist vollständig von der Mauer eingeschlossen. Nur durch ein Tor können die BewohnerInnen gehen, das als israelischer Check Point von SoldatInnen bewacht wird. Dieses Tor ist nur an wenigen Stunden am Morgen und am Abend geöffnet, und dann und wann, wenn die SoldatInnen weitere Öffnungszeiten zulassen. Die "Anarchists Against the Wall" haben deshalb Aktionen mit dem Ziel durchgeführt, dieses Tor symbolisch zu öffnen. Auch hierbei war die Antwort der Armee von Gewalt geprägt.

Die "Anarchists Against the Wall" wollen mit ihren Aktionen auch junge Wehrpflichtige beeinflussen. Der Militärdienst in Israel ist obligatorisch und dauert drei Jahre. Mathan sagt den Wehrpflichtigen: "Geht einmal vor Ort, in die eingeschlossenen Gebiete und schaut, ob ihr auf einen Feind trefft. Wenn ja, gut, dann bekämpft ihn, wenn nein, verweigert den Dienst in der Armee!"

Hier zeigt sich die anarchistische Vision der Gruppe: Sich treffen, diskutieren, gemeinsam für Menschenrechte kämpfen und nicht für illusorische nationalistische Rechtsvorstellungen.

Fred aus Besançon
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Anmerkungen

Übersetzung aus Le Monde libertaire Nr. 1415, 10.11.2005, leicht gekürzt: Lou Marin

Ein beeindruckender Dokumentarfilm über direkte gewaltfreie Aktionen der Gruppe kann als DVD-Kopie bestellt werden über: Viola Tölke, Uhdestr. 6, 30170 Hannover (Film in Hebräisch mit engl. Untertiteln). Bitte frankierten Rückumschlag beilegen.


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