graswurzelrevolution
310 juni 2006
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
kommentar
>> 310 juni 2006

Tschernobyl-Jahrestag

Erinnern ja - Konsequenzen nein

Eine Befürchtung der Anti-Atom-Bewegung hat sich nicht bewahrheitet: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist auch 20 Jahre danach nicht vergessen.

In unzähligen TV-Dokus und Zeitungsberichten wurden die grausigen Fakten dargestellt; in LeserInnen-Interviews kam klar rüber, dass die Mehrheit der Bevölkerung noch heute weiß, was der "Super-GAU" damals bewirkte; und die mehreren hundert lokalen Infoveranstaltungen waren bundesweit oft sehr gut besucht. Damit ist es gelungen, dem Verdrängen und Verharmlosen seitens der Atomindustrie und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) einen Riegel vorzuschieben. Zu tief ist das Unbehagen der Bevölkerung gegenüber den Risiken und Gefahren der Atomenergie verankert, als dass dies durch die hochpolierten Image-Kampagnen der Atomlobby wegzuretuschieren wäre.

Das ist die positive Seite der Medaille.

Es zeigte sich aber auch, dass die Medien zum Tschernobyl-Jahrestag die Anti-Atom-Bewegung als "Experten" nicht wirklich anerkannt hat. Das Wort bei den Kritikern wurde Strahlungsbiologen, Umweltverbänden u.ä. erteilt. Dies ist eine interessante Erfahrung: Während bei Castor-Protesten die Anti-Atom-Bewegung von den Medien angesprochen wird, gelten die Bürgerinitiativen und AktivistInnen bei Reaktorkatastrophen offensichtlich nicht als kompetent genug.

Hinter dieser medialen Differenzierung steckt natürlich ein zweiter Gesichtspunkt. 20 Jahre nach Tschernobyl soll die Erfahrung der Katastrophe von der aktuellen politischen Diskussion um die Zukunft der Atomenergie abgekoppelt werden. Um sich vor unliebsamen politischen Forderungen zu schützen, fragt man lieber "Experten" zu den Gesundheits-Folgen von Tschernobyl als Anti-Atom-Initiativen zu den politischen Schlussfolgerungen, die tagespolitische Konsequenzen nach sich ziehen. So blieb es dabei: Erinnern ja - Konsequenzen nein.

Diese Tendenz wird von der Atomlobby gerne unterstützt und gefördert. So waren die altbekannten Lügen zu hören, dass "im Westen" alle AKWs sicher seien, dass "hier" nichts verheimlicht werde wie damals in der UdSSR, dass Atomenergie gegen den Klimawandel hilft.

Während diese Thesen seit Jahren bekannt sind und sehr inhaltlos klingen, ist eine neue These viel gefährlicher: "Der Atomausstieg ist in Deutschland doch beschlossen, wir müssen nur daran festhalten." Vor allem in rot-grünen Bevölkerungskreisen hat sich diese Mär eingebürgert, mit fatalen Konsequenzen. Denn wenn der Atomausstieg schon beschlossen ist, muss man dafür nicht mehr auf die Straße gehen. Ganz nach dem Motto: Wir haben doch aus Tschernobyl die Konsequenzen gezogen.

Nichts ist falscher als diese Behauptung. Fakt ist aber, dass viele überhaupt keine Ahnung haben, was im Atomgesetz wirklich drin steht oder eben nicht. Selbst im Münsterland und im Ruhrgebiet konnte mensch z.B. rund um den Tschernobyl-Jahrestag immer wieder feststellen, dass die Urananreicherungsanlage Gronau weitgehend unbekannt ist, also auch, dass sie gar nicht im Atomgesetz erwähnt wird und deshalb unbegrenzt weiterbetrieben werden darf. Gleiches gilt für die Brennelementefabrik in Lingen. Vielleicht erklärt sich so auch, warum vergleichsweise so wenige Menschen bundesweit auf Mahnwachen, Kundgebungen oder Demonstrationen waren.

Schätzungsweise 6.000-7.000 Menschen demonstrierten für den sofortigen Atomausstieg. Das ist gemessen an der bundesweiten Demo in Lüneburg letzten Herbst (7.000 Leute) anscheinend das Mobilisierungspotenzial. Gemessen an der Anti-Atom-Demo im französischen Cherbourg (20-30.000 Leute) ist es aber eher wenig. Wie der ehemalige GWR-Redakteur Jochen Stay treffend anmerkte, die Anti-Atom-Bewegung ist hierzulande derzeit keine Massenbewegung. Weil zudem eine zentrale und/oder gemeinsame Mobilisierung fehlte, wurden selbst die größten Demos in Biblis und Freiburg (jeweils 1.000 Leute) überregional in den Medien kaum wahrgenommen.

Hier gilt es deshalb, in den kommenden Monaten und Jahren anzusetzen. Zum einen ist massiver Druck gegen die "Renaissance"-Pläne der Atomlobby nötig, zum anderen muss die Mär vom "beschlossenen Atomausstieg" durch verstärkte Aufklärungsarbeit zerstreut werden. Zum dritten müssen wir dafür sorgen, dass die Atomanlagen, die 2008/09 offiziell abgeschaltet werden sollen, auch tatsächlich abgeschaltet werden.

Um erfolgreich zu sein, muss sich die Anti-Atom-Bewegung auch überregional wieder stärker vernetzen und gemeinsam die politische Offensive suchen. Denn wie gesagt: In der Bevölkerung sitzt der Schrecken über die Atomenergie auch 20 Jahre nach Tschernobyl noch tief. Das ist eine gute Basis für die anstehenden Aufgaben (s. GWR 308). Es darf nicht beim Erinnern bleiben.

Matthias Eickhoff
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Anti-Atom-Herbstkonferenz in Hamburg
news & infos 13.10.2013

Internationales Anti-Atom-Sommercamp & Netzwerktreffen
news & infos 1.7.2012

Chorprobe statt Probebohrung
369 mai 2012

"Ein Ausstieg betrifft nicht nur die Atomkraftwerke"
368 april 2012

Atomtransporte quer durch die Welt
367 märz 2012

"Auf der Straße, auf der Schiene"

"Von Atomausstieg kann keine Rede sein"
365 januar 2012

Castor-Proteste ab dem 24. November 2011
news & infos 3.11.2011

"Ein Hasardeurspiel mit der Zukunft der Menschheit"
361 september 2011

Etappensieg

Neues von Kapital und Demokratie

"Wichtig ist der Druck der Straße"
360 sommer 2011

"verrückt und unrealistisch"

"Wunderreaktoren" sollen die Atomindustrie retten
359 mai 2011

Abschalten! Sofort!
news & infos 23.4.2011

Die Castoren bleiben länger zu Besuch
358 april 2011

Nachrichten-Dienste für die Atomindustrie
356 februar 2011

Ziviler Ungehorsam kennt keine Staatsgrenzen

Atomausstieg durch "Brückentechnologie"
354 dezember 2010

Anti-Atom-BEWEGUNG!
352 oktober 2010

Anti-Atom-Bewegung - wie hältst du's mit Parteien?
350 sommer 2010

"Wir brauchen eine Anti-Atom-Revolution"
349 mai 2010

Bisher schwerster Störfall in der Gronauer Urananreicherungsanlage

"Coole" Anti-Atom-Demo in Ahaus

"Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch"
346 februar 2010

>> alle verwandten artikel





 


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net