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313 november 2006
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>> 313 november 2006

Wie wollen wir wirtschaften?

Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. Kongress vom 24. bis 26.11.2006 an der TU Berlin

Weltweit entwickeln sich Projekte einer anderen Ökonomie. In Lateinamerika, Asien und Afrika, aber auch in Europa suchen immer mehr Menschen nach wirtschaftlichen Alternativen. Gleichzeitig wächst die internationale globalisierungskritische Bewegung mit ihren politischen Forderungen. Diese Bewegung verbindet sich in einigen Ländern zunehmend mit der Solidarischen Ökonomie.

Auch in Deutschland gibt es einen großen Wirtschaftssektor Solidarischer Ökonomie, der sehr unterschiedliche Formen von Betrieben und Projekten umfasst, z.B. alte und neue Genossenschaften, selbstverwaltete Betriebe, Unternehmungen mit sozialer Zielsetzung, Wohn- und Gemeinschaftsprojekte, Tauschringe, alternative Finanzierungseinrichtungen, fairen Handel, landwirtschaftliche Direktvermarktung, Frauenprojekte, Initiativen für offenen Zugang zu Wissen und andere Formen wirtschaftlicher Selbsthilfe.

Die Zeit ist reif für einen Kongress, der diesen Wirtschaftssektor öffentlich darstellt und politische Fragen Solidarischer Ökonomie diskutiert; für einen Kongress, der Mut macht zu solidarischem, ökonomischen Handeln, die vielfältigen Akteure zusammen bringt und einen Raum bietet für die Diskussion offener und kontroverser Fragen.

Im globalisierten Kapitalismus werden immer mehr Lebensbereiche der Profitmaximierung unterworfen. Die Produktion von Waren und Dienstleistungen unter dem Druck von Wachstum und Effizienz zerstört menschliche Lebensverhältnisse und deren natürlichen Grundlagen. Finanzierungsfonds kaufen Unternehmen auf, zerschlagen sie und vernichten massenhaft Arbeitsplätze. Wasser- oder Energieversorgung, städtische Wohnungsunternehmen, Verkehrsbetriebe, Krankenhäuser und andere, bisher öffentliche Strukturen der Daseinsvorsorge werden privatisiert und damit den Marktgesetzen unterworfen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst weiter an.

Es ist an der Zeit, offensiv eine andere Ökonomie auszubauen, die auf sozialen, ökologischen und demokratischen Werten basiert, eine Ökonomie, die darauf ausgerichtet ist, sinnvolle, gesellschaftlich nützliche und auf friedliche Zwecke gerichtete Produkte und Leistungen zu erstellen, unter menschenwürdigen, persönlichkeitsförderlichen, basisdemokratischen und geschlechtergerechten Arbeitsbedingungen und unter Schonung der natürlichen Lebensgrundlagen. Eine solche Solidarische Ökonomie sehen wir als Teil unserer Suche nach einer anderen Welt.

Von der neoliberalen Umstrukturierung ist jede und jeder betroffen. Angesichts der anhaltenden Massenerwerbslosigkeit verschärfen sich gleichermaßen Lohn- und Konkurrenzdruck, Stress und Angst für ArbeitnehmerInnen wie auch der Druck auf Arbeitssuchende, jede Arbeit, und sei sie noch so prekär, anzunehmen. Projekte anderen Wirtschaftens können sich ökonomischen Zwängen und dem sie umgebenden Wertesystem nicht entziehen. Sie können aber Orte sein, an denen bei allen äußeren Marktzwängen und inneren Widersprüchen auch nach sozialen, ökologischen und demokratischen Werten gewirtschaftet wird. Sie bieten Raum für Selbstverwirklichung und Emanzipation im Austausch mit anderen. Und insofern eine Chance, Sein und Bewusstsein weiterzuentwickeln, hin zu mehr Solidarität miteinander.

Viele Alternativkonzepte sind existenzbedrohenden Zerreißproben zwischen Marktmechanismen einerseits und Emanzipationsansprüchen andererseits ausgesetzt. Dabei bleiben die politische Zielrichtung und die Bereitschaft, die Verantwortung gemeinsam zu tragen, nicht selten auf der Strecke.

Ein Kongress zum Austausch unter und zur Vernetzung von Projekten und neuen sozialen Bewegungen kann Ideen, Mut und Kraft geben, die Entwicklung visionärer Konzepte anzugehen und die Ideen in neue Kreise zu tragen.

Die Entwicklung des ‚Sektors' der Solidarischen Ökonomie braucht die gegenseitige Unterstützung sowohl zwischen bestehenden Unternehmungen als auch für Neugründungen. Erfahrungen aus anderen Ländern (z.B. Brasilien und Frankreich) zeigen, wie wichtig auch politische Rahmenbedingungen sind. Wir wollen Anforderungen Solidarischer Ökonomie an die Politik diskutieren. Dabei kann es nur um eine Politik gehen, die wirtschaftliche Selbsthilfe nicht als soziales Feigenblatt für den fortgesetzten neoliberalen Umbau der Gesellschaft benutzt, sondern Solidarische Ökonomie als Teil einer Strategie gegen neoliberale Zumutungen begreift.

Bisher gibt es in Deutschland kaum Verbindungen zwischen politischen Protestbewegungen gegen neoliberale Globalisierung und Sozialabbau oder Erwerbsloseninitiativen einerseits und Projekten Solidarischer Ökonomie andererseits.

Nach kollektiven politischen Aktionen gehen viele AktivistInnen allein nach Hause. Armut, Prekarität oder Stress am Arbeitsplatz mit all ihren Folgen müssen sie individuell bewältigen. Diejenigen, die im Sektor Solidarische Ökonomie arbeiten, werden häufig vom materiellen Überlebenskampf aufgefressen und ziehen sich aus politischen Zusammenhängen zurück.

Wir laden Menschen aus den verschiedensten sozialen Bewegungen und Projekten ein, gemeinsam zu diskutieren, ob Solidarische Ökonomie eine wirksame politische Strategie gegen Armut und Ausgrenzung sein kann, und wie angesichts der neoliberalen Umstrukturierung der Gesellschaft eigene wirtschaftliche Strukturen aufgebaut werden können.

Erwartet werden ca. 500 TeilnehmerInnen, die in mehr als 150 Workshops, Foren und Podiumsveranstaltungen über Ökonomische Alternativen diskutieren. Am Samstag und Sonntag findet ergänzend eine Projekte- und Betriebemesse statt.

Im Vorfeld des Kongresses gehen 10 der internationalen ReferentInnen aus Argentinien, Brasilien, Venezuela, Sambia, Kanada, Frankreich und Polen im Rahmen der "Info-Tour Solidarische Ökonomie" auf Deutschlandreise, um ihre Erfahrungen in über 25 Städten vorzustellen und zu diskutieren.

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Die Graswurzelrevolution ist eine von vielen MitveranstalterInnen.


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