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322 oktober 2007
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Lernen und Bildung ohne Schule

Bertrand Stern: Schluß mit Schule! Das Menschenrecht, sich frei zu bilden. Leipzig: tologo Verlag 2006, 222 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 10:3-9810444-5-2

Der Philosoph Bertrand Stern hat in seinem neuen Buch dreißig Jahre Diskussion und Auseinandersetzung für ein Lernen ohne Schule gebündelt. Damit gehört er bis heute zu den wenigen, die sich im Anschluss an Ivan Illichs Idee von der Entschulung der Gesellschaft in Deutschland für dieses, wie Stern es nennt, "Grundrecht", einsetzen. Seit dreißig Jahren begleitet und berät er Schulverweigerer, spricht vor LehrerInnen, Eltern und mutigen Menschen, die Lernen und Bildung ohne Schule denken und die aus dem Zwangskorsett Schule ausbrechen wollen.

Stern wendet sich gegen eine Institution, die als "Heilige Kuh" (Ivan Illich) unserer Zivilisation seit ihrem ersten Auftreten vor etwa 5000 Jahren in den frühen Hochkulturen zu den unantastbaren Einrichtungen "moderner" Gesellschaften geworden ist. Eine grundsätzliche Kritik daran kommt heute einer säkularen Blasphemie gleich. Es gibt wohl kein Thema, bei dem sich sonst uneinige Menschen so einig sind wie bei der Institution Schule. Schule hat im Laufe der menschlichen Geschichte zu einer "sakralen Allianz" über alle politischen, sozialen, ökonomischen und religiösen Grenzen hinweg geführt und alle Untiefen menschlicher Geschichte in den letzten Jahrtausenden überstanden. Andererseits entspricht Sterns Titel, "Schluß mit Schule!", vermutlich einem Gefühl, das sehr viele Menschen ohnmächtig und hilflos erlebt haben.

Gegen dieses Bollwerk der kulturellen Evolution wendet sich der Publizist mit seinem Plädoyer. Jedoch: Ist dies nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

Wie kommt jemand dazu, gegen ein Phänomen Stellung zu beziehen, das Diktatoren und demokratisch gewählte Präsidenten eint und wir in faschistischen ebenso legitimiert sehen wie in demokratischen Staaten? Ist es Irrsinn oder Weisheit, Provokation oder Vernunft?

Wer Stern gelesen hat, der merkt schnell, was seine Motivation und Hintergründe sind. Stern gehört zu jenen Menschen, die wir aus der Renaissance als Humanisten kennen. Bei ihm verbindet sich die Liebe zum Menschen mit einem nahezu grenzenlosen Optimismus und dem Schwert der kritischen Vernunft. Er ist Realist und Humanist und in einem kosmopolitischen Denken verwurzelt. Er ist transkulturell, baut Brücken und trennt, was getrennt werden muss.

Stern hat etwas von Max Stirners "Einzigem", jenem autonomen Wesen, das in einer seltsamen Mischung aus Egoismus und Solidarität für eine bessere Welt steht.

Vor diesem Hintergrund ist ein Buch über den Mythos Schule entstanden, das mehr ist als eine schlichte Abrechnung mit der Schule im Allgemeinen oder mit den eigenen schlechten Erfahrungen mit Lehrern. Es ist kein pädagogisches Buch, in dem mit erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen und Weisheiten das System Schule hinterfragt wird. Es ist in der Sprache und Logik durch einen libertären Humanismus geprägt, der die Freiheit des Menschen als Maßstab seiner Existenz hat.

Von hieraus argumentiert Stern gegen verschultes Lernen und verschulte Bildung.

"Das Menschenrecht, sich frei zu bilden" ist nicht nur sein plakativer Untertitel, sondern auch sein Programm. Stern steht mit seiner Argumentation in der Tradition des naturrechtsphilosophischen Diskurses, ohne diesen allerdings zu würdigen oder einzubeziehen. Er diskutiert das Thema Schule antipädagogisch. Genau dies macht das Buch so gefährlich für die Schule und Pädagogik. Es ist nicht der pädagogische Blick der Legitimation, sondern der zivilisationskritische. Er verlässt den pädagogischen und bildungspolitischen Kontext und argumentiert aus der Perspektive des kritischen Humanisten. Damit wird Stern für die Pädagogik schwer greifbar - ähnlich den Antipädagogen aus den 1970er Jahren - und zwingt die Lesende auf eine andere, nicht-pädagogische Diskursebene.

Was diese 222 Seiten auszeichnet, ist der andere Blick auf eine kulturelle Selbstverständlichkeit. Man fühlt sich erinnert an die Studie von Walther Borgius aus dem Jahre 1930, "Die Schule - Ein Frevel an der Jugend", die in ähnlicher Weise das Tabu-Thema Schule angeht. Das Unbehagen an der Institution Schule, das wir trotz aller Gewohnheit immer wieder neu spüren, erfährt in diesem Buch eine Bestätigung, die überzeugt und die es lohnt, verfolgt zu werden.

Das Buch erwartet Disziplin und Konzentration vom Leser. Es ist keines, das man als Urlaubslektüre am Strand lesen sollte. Es ist eines, das man vor dem Schlafengehen genießen und verarbeiten kann - wenn man die Muße hat, sich auf anregende Gedanken einzulassen. Stern schreibt nicht einfach. Der Band ist stellenweise aphoristisch, eklektisch und trägt essayistische Züge. Er ist nicht analytisch im Sinne einer sozialwissenschaftlichen Systematik. Eine prägnante Zusammenfassung findet sich im "Exkurs 4: Gründe für eine Schulverweigerung" (S. 193-196), in dem er zehn "gute" und zehn "schlechte" Gründe für Schulverweigerung nennt.

Stern liegt es fern, didaktische, infrastrukturelle oder politische Vorschläge für ein Lernen ohne Schule zu unterbreiten. Ihm liegt fern, Ratschläge für Eltern oder Schüler zu geben. Sein Buch ist keine Anweisung für den "Ausstieg" aus der Schule.

Er hinterfragt klug, stellt den jungen Menschen als Subjekt an den Ausgangspunkt seiner Überlegungen und widerspricht dem Bild vom Schüler als Objekt von Schule und Lehrer, der "für das Leben" in der Schule lernen soll. Das Kind als Schüler zu definieren ist Ausdruck eines fehlgeleiteten zivilisatorischen Prozesses. Schule ist für Stern eine Form der Kränkung junger Menschen, die ihre Souveränität verlieren und aus denen in der Schule Objekte werden.

Dies erinnert an Frederic Vester, der 1975 in seinem Klassiker "Denken, Lernen, Vergessen" aus neurobiologischer schrieb: Sobald das Kind in die Schule kommt, beginnt ein grauenhafter geistiger Verarmungsprozess" (29. Aufl. 2002, S. 133).

Schule ist für Stern ein menschenrechtliches Problem.

In diesem Sinne steht er in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung. Die Verweigerung der Schulpflicht und der Einsatz für das Grundrecht auf freie Bildung sind seine politischen Botschaften an diejenigen, die mehr als nur eine "bessere" Schule haben wollen.

Ulrich Klemm
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