graswurzelrevolution
357 märz 2011
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
aktuelles
>> 357 märz 2011

Geisterzug

Der Neonaziaufmarsch in Wuppertal konnte nicht verhindert werden

Der Aufmarsch von bis zu 200 Neonazis konnte in Wuppertal am 29. Januar 2011 nicht verhindert werden, obwohl ca. 3.000 GegendemonstrantInnen dazu entschlossen waren.

Dies lag an der Entschiedenheit, mit der die Einsatzleitung der ca. 1.500 PolizistInnen die Nazi-Demo, der es um die Erkämpfung "Antifa-freier Zonen" ging, gemäß vorherigen Gerichtsbeschlüssen durchboxte.

Die paar Handvoll Hass-Apostel, deren um viele Stunden verspäteter Geisterzug nachmittags dann formal alle Kriterien der Lächerlichkeit erfüllte, erzielte dadurch einen bedenklichen Erfolg: dass eine ganze Großstadt fast einen Tag lang lahmgelegt war! Wer morgens nach Elberfeld zum Einkaufen (oder zur Gegendemo) gefahren war, konnte nachmittags weder mit der Bahn, noch mit der Schwebebahn, noch mit Bussen, und auch zu Fuß oder mit dem eigenen Auto nur über abenteuerliche Umwege zurück nach, sagen wir, Oberbarmen gelangen. - Aber dafür gab es viel zu sehen und zu lernen!

Aus den Auflagen der Genehmigung der Gegenkundgebung: "Es ist verboten, an der Versammlung oder auf dem Wege dorthin in einer Aufmachung teilzunehmen, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern. Die Staatsanwaltschaft Wuppertal geht von einem Anfangsverdacht der Vermummung aus, wenn zwei Sinnesorgane verdeckt sind und unter Berücksichtigung der Gesamtumstände die Zielrichtung erkennbar wird, sich unter Nutzung der Vermummung der Feststellung seiner Person zu entziehen."

Ich beobachte, wie Duisburger Polizeibeamte, die deutlich mehr als zwei Sinnesorgane bedeckt haben und deren Aufmachung die Zielrichtung erkennen lässt, sich der Feststellung ihrer Person zu entziehen, einen antifaschistischen jungen Mann in die Mangel nehmen, dessen Vergehen offenbar darin besteht, in die falsche Richtung gelaufen zu sein. Ich fotografiere den Vorgang.

Wenig später ist der Demonstrant von sechs PolizistInnen umringt. Zwei drücken den Mann zu Boden, Knie im Kreuz, sein Gesicht aufs Pflaster gedrückt. Ich frage: "Warum tun Sie dem Mann denn weh?" - Ein Uniformierter antwortet: "Warum wollen Sie das wissen?" - "Weil ich ein Bürger dieses Landes bin!" - "Ach, und dann müssen Sie wohl alles wissen!?" Ein anderer Demonstrant weist auf die Idee einer demokratischen Polizei mit den Worten hin: "Ich bin Ihr Chef, ich bezahle Sie doch!", und fordert ebenfalls, den malträtierten Mann loszulassen.

Er erntet von den PolizistInnen spöttisches Gelächter.

Der zu Boden Gedrückte sagt, obwohl er sichtlich verängstigt ist, zu den Uniformierten, sie sollten lieber gegen die Nazis vorgehen als gegen Antifaschisten. Der gesprächige Beamte kontert: "Wieso, was haben die denn falsch gemacht?"

Komische Frage! Lernen die so was nicht auf der Polizeischule?

Gespenstische Szenen an den Straßenkreuzungen der Elberfelder Innenstadt: Obwohl alles weiträumig von der Polizei gesperrt ist und weit und breit kein Fahrzeug kommen kann, stehen die Menschen an den rot leuchtenden Fußgängerampeln und warten aufs grüne Licht, bevor sie die leere Straße überqueren. Unter ihnen auch viele Gegendemonstranten.

Sind das in Wahrheit alles Roboter? Nur wenige nutzen die unverhofft sich bietende Chance und flanieren auf den Fahrbahnen. Dabei zeigt sich hier, als Kehrseite jener Medaille, wonach 200 Nazis es schaffen, einen Tag lang eine ganze Innenstadt lahmzulegen, paradoxerweise der Aufschein einer schöneren Welt: eine Stadt, die den Menschen gehört. Man kann frische Luft atmen, der sonst obligatorische Krach fehlt. Und die enge Kanalisierung der Wege, auf denen man sich in der Stadt sonst fortbewegen kann - diese kaum noch bewusst wahrgenommene Einengung ist plötzlich aufgehoben! Immerhin: Am genehmigten Endpunkt des Nazi-Geisterzuges, der erst in Stunden losmarschieren wird, hat eine fröhliche Gruppe von KurdInnen begonnen, mitten auf der Kreuzung gemeinsam zu tanzen!

The city reclaimed? Dies wäre der gemeinsame Horror der Polizeistrategen und der Faschisten-Farce da draußen am Unterbarmer Bahnhof.

Es ist ja eine saure Allianz aus Bullengrün und Nazibraun, so richtig mögen die meisten von denen einander auch nicht.

Aber diese kleine dialektische Arabeske, diesen Vorschein von Freiheit, die sie beide verabscheuen, hat gerade diese saure Allianz heute auch bewirkt.

Und so viele von uns haben's noch nicht einmal gemerkt …

Leonie Felix
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben




 


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net