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377 märz 2013
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>> 377 märz 2013

In Seattle wurde 1996 das Rad neu erfunden

... es war viereckig!

CrimethInc. Message in a Bottle. CrimethInc. Communiques 1996-2011. Unrast-Verlag, Münster 2012, mit einigen s/w-Abb., 290 S., 16 Euro

Jugendliche NeurastenikerInnen werfen Flaschen ins Meer (ins elektronische), mit der Hoffnung, dass diese irgendwo ankommen und gelesen werden. Es ist schlichtweg zum In-die-Tischkante-beissen: Da finden - laut der Einleitung von Gabriel Kuhn - anarchistische Texte rund um den Globus Verbreitung, was ja sehr wünschenswert ist, und dann sind diese voll von Widersprüchen und bleiben mitunter hinter den jehrzehntelangen Diskussionen zurück.

Mit situationistischer Poesie und stoischer Ignoranz führt uns "Message in a Bottle" durch drei Phasen (die auch als Entwicklungsstufen gesehen werden sollen) des anarchistischen Kollektivs CrimethInc. durch seine Texte:

1.) Die Sicherungen durchbrennen lasssen 1996-2001,
2.) Herstellung einer Flasche 2002-2007 und
3.) Alles explodiert 2008-2011.

Und wenn in der ersten Phase etwa der Ladendiebstahl (S. 23) als revolutionäre Akt gefeiert wird, wird weiter später wieder zurückgerudert. So geht das mit den unterschiedlichsten Themen wie Gewalt, Repressionen durch den Staat, Utopien usw. Das Kompendium als solches ist eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn, einer gefährlichen Naivität und - mitunter - erschreckender Geschichtslosigkeit.

Galt Geschichtslosigkeit auf der einen Seite als ein Prinzip, wird hier in den Texten durchaus öfter auf Ereignisse unserer Geschichte hingewiesen, aber eben auch nicht mehr.

Da werden in Halb- und Nebensätzen Ereignisse erwähnt (von der Russischen Revolution bis zur SchwarzfahrerIn-Gewerkschaft in Stockholm), ohne auch nur den Versuch einer Vermittlung davon. Dies hinterläßt bei mir den Geschmack von jener Überheblichkeit, die da sagt: Seht her, ich kenne mich aus, und wenn Ihr Euch nicht auskennt, dann googelt.

Die USA wird als der "mächtigste Staat der Weltgeschichte" (S. 196) angesehen - und von dieser Größe geblendet, wird das Drumherum nicht mehr wahrgenommen, auch von den US-amerikanischen AnarchistInnen nicht.

Aber nicht nur mit der Globalität gibt es Probleme, sondern auch mit dem einfachen (?) menschlichen Zusammenhängen. Es irritiert mich, wenn von der "wirkliche[n] leidenschaftliche[n] Liebe" geschrieben wird, ohne den Begriff "Liebe" irgendwie zu definieren.

Ebenso, wenn "Verantwortung" als etwas negatives dargestellt wird, womit die (feindlichen) Eltern behaftet sind, und AnarchistInnen sich selbst davon befreien müßten. Aber ist es nicht gerade die Verantwortung, die uns von den Staats- und Glaubensapologeten unterscheidet, indem wir eine Verantwortung für unser Leben und Handeln übernehmen, statt sie zu delegieren?

So geht das ständig: Sätze zum Niederknien wie etwa: "Wäre dein Leben ein Film, würdest du ihn Dir ansehen?" (S. 15) Großartige Frage. Und dann wieder Larifarisätze: "Es sollte immer klar sein, dass militante Aktionen kein Mackergehabe, sondern wohlüberlegte Entscheidungen sind, oder zumindest eine ehrliche emotionale Ausdrucksweise." (S. 205, unter der Überschrift: "Sozialer Krieg braucht soziale Kompetenz").

Vermutlich habe ich noch zu keinem anderen Buch mir derartig viele Notizen gemacht, und vermutlich könnten die Hinweise auf Widersprüche, Entgegnungen, auf (Selbst-)Ein- und Überschätzungen usw. ein weiteres Buch füllen. Das Buch hat das Krankheitsbild einer manischen Depression: zu Tode betrübt und himmelhochjauchzend.

"Message in a Bottle" ist eine Literatur für Menschen mit starken Nerven. Das An- und Aufregende an den Texten liegt hier dicht beieinander. Dass u.U. die SchreiberInnen dieser Texte von 1996 und 2011 - immerhin liegen hier 15 Jahre politischer Kampf und Erfahrungen dazwischen - die selben sein könnten, ist nur schwer nachvollziehbar, und die "Alles oder Nichts"-Mentalität halte ich für völlig unanagemessen: Wir wollen Alles - das Nichts haben wir schon.

Aber es läßt sich auch positiv schließen mit Sätzen etwa wie jenem: "Besser eine schwarze Fahne hissen, als eine weisse". (S. 88)

Jochen Knoblauch
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