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405 januar 2016
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Keine ferne Utopie, sondern sozialer Umgang

Freiräume, Kollektivbetriebe und Anarchismus heute. Ein Gespräch mit Marvin Landauer, Sascha Bender vom Dortmunder Buchladen Black Pigeon und Thorsten Hallmann vom Druckereikollektiv Fairdruckt

Am 8. Dezember 2015 produzierte GWR-Redakteur Bernd Drücke im Studio des Medienforums Münster eine Radio Graswurzelrevolution-Sendung zum Thema "Freiräume und Anarchismus". Gesprächspartner waren Marvin Landauer und Sascha Bender vom anarchistischen Dortmunder Buchladen Black Pigeon sowie im zweiten Teil der Sendung Thorsten Hallmann, der in der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) und im Druckereikollektiv Fairdruckt aktiv ist. Die Sendung ist am 30.12.2015 von 20:05 bis 21 Uhr im Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz.) und im Livestream auf www.antenne-muenster.de zu hören. Wir veröffentlichen eine überarbeitete Druckfassung des Gesprächs. (GWR-Red.)

Graswurzelrevolution (GWR): Black Pigeon ist der Anarchistische Buchladen im Dortmunder Norden. Wie kamt Ihr auf die Idee, ihn 2014 aufzumachen?

Sascha Bender: Wir hatten schon länger die Idee, einen anarchistischen Buchladen zu gründen. Das war erstmal eine Spinnerei von uns, zu dritt. Wir haben uns dann nach Leerständen umgeguckt und uns informiert, wieviel die Mieten kosten würden, und so weiter. Dann sind wir auf ein städtisches Projekt gestoßen, das gerade dabei war, ein Kreativkaufhaus zu gründen, mit vielen verschiedenen Anbietern. Die meinten dann, dass wir uns einfach mal bewerben sollen. Das haben wir gemacht und eigentlich noch nicht so wirklich geglaubt, dass wir tatsächlich als Anarchistischer Buchladen in ein solch städtisches Projekt reinkommen können. Wir haben das auch zunächst nicht direkt gesagt, sondern ein bisschen umschrieben als politisches Projekt, das linke und libertäre Literatur verkaufen will. Also als "libertär", weil "anarchistisch" ja für viele immer direkt den Klang von "Chaos und Gewalt" hat. So sind wir dann in das Projekt gekommen.

GWR: Was bedeuten denn für Euch Anarchie und Anarchismus?

Marvin Landauer: Für mich ist der Anarchismus eine herrschaftsfreie Alternative zum Bestehenden. Nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern auch für mich persönlich, in meinem Umfeld. Anarchismus bedeutet für mich eben auch, dass es kein Wunschtraum von einem Paradies in einer fernen Zukunft, nach einer Revolution oder im Himmel ist, sondern dass ich auch schon im Hier und Jetzt meine Ideen von einem herrschaftsfreien Leben im Kleinen zumindest schon umsetzen kann. Und das hat überhaupt nichts Gewalt, Chaos und Terror zu tun, sondern mit Einvernehmlichkeit und Gegenseitiger Hilfe.

Sascha Bender: Das kann ich fast so schon unterschreiben. Anarchie ist für mich auch keine ferne Utopie, sondern ein sozialer Umgang. Das wir da schon etwas verändern und respektvoller miteinander umgehen. Vor allem, wenn das nicht schon im Hier und Jetzt anders und besser wird im Umgang miteinander, dann funktioniert das natürlich auch nicht in einer fernen Zukunft. Für mich hat sich dadurch mein persönliches Umfeld schon sehr verbessert, finde ich.

GWR: Euer Buchladen befindet sich direkt am Borsigplatz, im Dortmunder Norden. Dortmund hat die größte Naziszene in NRW. Auch der Dortmunder Norden war in der Vergangenheit bekannt dafür, dass es dort eine militante Faschoszene gibt. Habt Ihr da Probleme gehabt? Wie sieht die aktuelle Situation aus?

Marvin Landauer: Die Dortmunder Faschoszene ist heute nicht mehr primär in der Nordstadt aktiv, so wie das früher der Fall war. Sie hat sich vor allem in den Dortmunder Stadtteil Dorstfeld und jetzt auch verstärkt nach Dortmund-Eving verlagert. So ist man heute im Dortmunder Norden nicht mehr täglich mit militanten Neonazis konfrontiert.

Sascha Bender: Militante Anschläge von Neonazis auf linke Läden gab es in letzter Zeit in Dortmund eher nicht, sondern mehr auf Flüchtlingsheime. Darauf konzentrieren sich die Nazis jetzt verstärkt.

Marvin Landauer: Das liegt in erster Linie auch daran, dass die "Kameradschaft" in Dortmund verboten wurde und sich stattdessen "Die Rechte" als Partei gegründet hat, wo sich dann die "Kameradschaft" neu organisiert hat. Dadurch versuchen sich die Faschisten einen legalen Anstrich zu geben, um nicht direkt von einem Verbotsverfahren betroffen zu sein.

GWR: Wie seid Ihr auf den Namen "Black Pigeon" gekommen?

Sascha Bender: Wir finden, dass die Taube ein cooles Tier ist, das auch viel mit dem Ruhrgebiet zu tun hat und gut zur Großstadtmetropole passt. Und schwarz ist die Farbe des Anarchismus.

GWR: Wie sieht Eure Vernetzung aus? Gibt es andere Gruppen, Projekte und Zusammenhänge, mit denen Ihr zusammen etwas auf die Beine stellt und auch den Neonazis auf der anderen Seite etwas entgegensetzt?

Marvin Landauer: Der Buchladen ist eingebunden in die anarchistische Bewegung vor Ort. Es ist nicht so, dass wir isoliert sind und die Leute nur ihre Bücher da kaufen. Es erfüllt einen Infrastrukturaspekt, der auch im Kampf gegen den Faschismus für uns wichtig ist, weil wir denken, dass wir nur aus einer eigenen Stärke heraus den Nazis etwas entgegensetzen können. Das ist auch ein Aspekt, den wir weiter ausbauen wollen, dann für ein Anarchistisches Zentrum in Dortmund.

GWR: Regional werdet Ihr auch unterstützt von anderen Gruppen aus dem Ruhrgebiet und NRW?

Sascha Bender: Da heben wir eine gute Resonanz. Zum Beispiel hat uns der Buchladen Le Sabot seine Hilfe angeboten und meinte, wenn wir Fragen haben, sollten wir die einfach mal anschreiben. Von Black Mosquito, Unrast und verschiedenen A-Verlagen haben wir auch Bücher für unsere Crowdfunding-Kampagne zugeschickt bekommen.

Es gibt eine gute Unterstützung der anarchistischen Bewegung für unser Projekt…

Marvin Landauer: … und darüber hinaus auch verschiedene anarchistische Gruppen, zum Beispiel in Bochum, die dann da verschiedene Materialien für die Crowdfunding-Kampagne verteilen. Also, da bekommen wir ordentliche Unterstützung.

GWR: Ihr wollt jetzt ein größeres Anarchistisches Zentrum in Dortmund auf die Beine stellen. Was sind Eure weiteren Vorhaben, um das zu realisieren?

Sascha Bender: Zurzeit sind wir noch am Borsigplatz in diesem städtischen Projekt. Da haben wir einen Raum, der uns zur Verfügung steht, aber wir können da noch nicht komplett unsere Sache durchziehen. Anfang 2016 wollen wir dann unser eigenes Ladenlokal anmieten und das über einen reinen Buchladen hinaus entwerfen, so dass da auch Veranstaltungen gemacht, Vorträge gehalten und Filme gezeigt werden können.

Gleichzeitig soll politische Infrastruktur gestellt werden. Das heißt zum einen, dass sich die Leute dort mit ihren Gruppen treffen, Flyer drucken können und ähnliches. Gleichzeitig gibt es in Dortmund bisher wenige Orte, wo man tagsüber vorbei kommen kann und nichts konsumieren muss, wo man diskutieren und eine gute Zeit verbringen kann. Also, das Anarchistische Zentrum soll auch eine Begegnungsstätte werden.

GWR: Was gibt es denn in Dortmund für Freiräume, mit denen Ihr vielleicht auch vernetzt seid?

Marvin Landauer: In Dortmund gibt es neben uns den Nordpol, das ist eine alternative Kneipe im Dortmunder Norden, die auch kollektiv von verschiedenen Projekten und Initiativen betreut wird. Außerdem den Langen August, das ist ein Stadtteilprojekt, in dem auch Gruppen ihre Räume haben, wie die DFG-VK und das freie Internetprojekt Free. Dann gibt es noch das Taranta Babu, das ist auch ein linker Buchladen mit Veranstaltungsraum, aber in einem anderen Stadtteil. Es gibt noch ein paar ältere Sachen wie das Archiv Schwarzer Stern der Gefangeneninitiative.

Die haben auch Räumlichkeiten, wo ehemalige Gefangene wohnen können, wenn sie keine Wohnung finden. Und das Café Aufbruch, das ist ein Stadtteilladen in Dortmund-Hörde. Von diesen Projekten bekommen wir auch Unterstützung und Kooperation. Im Dortmunder Norden ist es tagsüber schwierig sich zu treffen, weil das Nordpol zum Beispiel erst abends aufmacht. Da kann man dann zum Kneipenabend.

GWR: Dortmund war ja nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit eine Hochburg des Anarchosyndikalismus in Deutschland. Nach Angaben des Anarchismusforschers Andreas Müller von der Geschichtswerkstatt Dortmund gab es unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig bis zu 20.000 organisierte Mitglieder der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) in Dortmund. Wie würdet Ihr die Situation heute einschätzen?

Marvin Landauer: Es gibt in Dortmund keine 20.000 AnarchistInnen mehr. Dortmund war damals eine Arbeitermetropole. Durch den Faschismus ab 1933 wurde die anarchistische Tradition gebrochen und alles wurde in zwölf Jahren Nationalsozialismus zerstört. Jetzt sind wir im Vergleich zu früher quasi an einem Nullpunkt, aber im Vergleich zu vor wenigen Jahren nicht. Mit unseren Projekten, die wir seit einigen Jahren betreiben, haben wir schon gut etwas erreicht und wir erhöhen immer weiter unsere Außenwirkung und Möglichkeiten.

Sascha Bender: In den letzten Jahren gab es auch ein paar Hausbesetzungen in Dortmund, die viele neue Leute wieder politisiert haben und die sich im Nachgang davon heute noch immer engagieren. In den letzten Jahren gab es wieder einen kleinen Aufschwung.

GWR: Könnt Ihr Eure Utopie beschreiben?

Marvin Landauer: Ja. Bezogen auf die Nordstadt, ein Viertel, das von außen sehr stark marginalisiert wird, wo gesagt wird "da ist nur Kriminalität, Mord und Todschlag". Das ist ein bisschen übertrieben, aber so in etwa. Da würden wir sagen, dass die Antwort nicht mehr Polizei und Repression sein kann, nicht mehr Ausschluss aus der Gesellschaft, sondern dass die Leute zusammenkommen, sich in ihrem Viertel vernetzen, in ihrer Nachbarschaft zusammenfinden. Und das ist mit unserem kleinen A-Zentrum ein Schritt hin zu so einer Utopie, dass da ein Ort geschaffen wird, wo Leute gemeinsame Ideen realisieren und Gemeinsamkeiten finden können. Das im Kleinen.

So stelle ich mir das auch für die gesamte Gesellschaft vor, dass die Gesellschaft in ganz vielen Einheiten von Versammlungen organisiert wird. Es ist schwer, das in ein paar Worten zusammenzufassen.

Sascha Bender: Für mich bedeutet das auch, der Vereinzelung, der heute viele Menschen ausgesetzt sind, etwas entgegen zu setzen. Und Sachen kollektiv zu organisieren und zu verwalten. Das bezieht sich dann auf viele Lebensbereiche. Da ist der Wohnbereich, wo Leute heutzutage zusammen in einem Haus wohnen und nicht einmal den Nachbarn kennen. Dann der Arbeitsbereich, da sind Kollektivbetriebe ein wichtiges Thema. Und dann geht es auch darum, Schule und Bildung anders zu organisieren.

Wir brauchen Stadteilprojekte, wo es wieder Begegnungsorte gibt, die meiner Wahrnehmung nach immer mehr weggefallen sind. Es gibt in den Innenstädten fast nur noch Konsumtempel, wo die Leute hingehen und sich gar nicht mehr wirklich begegnen. Die Utopie erstreckt sich auch auf die direkten, zwischenmenschlichen Beziehungen, die es anders zu gestalten gilt. Das ist ein grober Umriss von dem, was ich als Utopie verstehe.

GWR: In einer Selbstdarstellung habt Ihr beschrieben, dass mit dem neuen Anarchistischen Zentrum ein Freiraum für all die Menschen entstehen soll, "die sich abseits von Parteipolitik organisieren möchten, neugierig gegenüber anarchistischen Ideen sind und generell Menschen, die sich von antiautoritären Ideen angesprochen fühlen". Jetzt macht Ihr eine Crowdfunding-Kampagne. Könnt Ihr dazu etwas erzählen?

Marvin Landauer: Wir denken, dass es eine Veränderung der Gesellschaft von unten geben muss, nicht über Parteien, sondern selbstorganisiert. Da wir, wie das oft bei selbstorganisierten Strukturen ist, nicht so viel Geld haben, aber die Zeit und den Elan, brauchen wir Geld. Das probieren wir über diese Crowdfunding-Kampagne zu akquirieren, damit Leute, die unsere Ideen gut finden und ein bisschen Geld über haben, uns unterstützen.

Sascha Bender: Gleichzeitig hat die Crowdfunding-Kampagne den Zweck erfüllt, unser Projekt bekannter zu machen, weil wir jetzt diese Idee des Ladens weit gestreut haben. Ich glaube, das hat schon aus der Sicht viel gebracht.

GWR: Thorsten, Du machst bei Fairdruckt mit. Kannst Du erzählen, was das für ein Projekt ist?

Thorsten Hallmann: Fairdruckt ist eine Genossenschaft, die seit 2008 eine Siebdruckerei betreibt. Wir machen Auftragsarbeiten z.B. für Bands, Vereine und andere KundInnen, vor allem T-Shirts, Taschen und ähnliches. Wir haben inzwischen einen eigenen Laden im Güterbahnhof Münster und vertreiben dort, neben unseren selbst bedruckten Dingen, auch Graffiti-Bedarf, fair gehandelten Kaffee und politische Literatur. Das ist schon ein Gemischtwarenladen. So soll es auch weitergehen.

GWR: Wie seid Ihr organisiert?

Thorsten Hallmann: Wir sind eine eingetragene Genossenschaft. Das heißt, wir haben Mitglieder, die auch alle Geld hereinbringen. Bei uns gibt es das schlichte Prinzip "Ein Mensch, eine Stimme". Die Mitglieder sind überwiegend diejenigen, die auch dort beschäftigt sind oder zumindest punktuell mitarbeiten. Es ist also ein kollektivökonomisches Projekt, wo die das Sagen haben, die dort arbeiten.

GWR: Der Name "Fairdruckt" deutet ja schon an, wo die Reise hin geht. Was unterscheidet ein H&M-T-Shirt von einem Fairdruckt-Shirt?

Thorsten Hallmann: Die T-Shirts, die wir in aller Regel bedrucken, sind von verschiedenen Unternehmen, die der Fair Wear Foundation angehören. Das ist eine Stiftung in den Niederlanden, der vor allem kleinere Textilhersteller angehören. Diese Stiftung gibt Ziele vor in Sachen Arbeitsrechte, Bezahlung und Recht auf gewerkschaftliche Organisierung sowie ein Verbot von Kinderarbeit und dergleichen mehr. Die Stiftung kontrolliert, dass die Firmen, die dort Mitglied sind, das in allen ihren Produktionsstätten auch sukzessive umsetzen, sei es in ihren eigenen oder in Fabriken, die sie als Subunternehmer beauftragen.

GWR: Was sind das für Motive, die Ihr auf die T-Shirts druckt?

Thorsten Hallmann: Das ist, was uns gerade in den Sinn kommt, entweder an schönen Designs oder an politischen Aussagen. Oder beides in Kombination. Am liebsten so, dass es nicht gleich mit der Türe ins Haus fällt, sondern ein bisschen um die Ecke gedacht ist.

GWR: Ihr wollt Euch jetzt erweitern.

Thorsten Hallmann: Ja. Wir sind im Moment drei Beschäftigte, zwei davon haben sozialversicherungspflichtige Teilzeitstellen, einer macht seine Ausbildung als Mediengestalter bei uns. Wir würden unser Angebot gerne verbreitern im Sinne eines Kollektivladens, der ein Laden vom Kollektiv für Kollektive ist. Das heißt, wir würden uns freuen, mehr Produkte anderer Kollektivbetriebe im Laden zu haben. Wir wollen auch die lokale Musikszene fördern, indem wir deren Musik, aber auch die Bandshirts und ähnliches online und offline vertreiben.

Aber auch z.B. Verlage mit libertärem und emanzipatorischem Programm. Und natürlich hoffen wir, dass unsere ganz unterschiedlichen Zielgruppen - von der Street-Art-Szene und lokalen DIY-Bands über politisch Interessierte bis hin zu Leuten, die gerne besonders guten, fairen Kaffee trinken - dann auch dieses breitere Angebot unseres Ladens wahrnehmen und quasi auch die Ideen dahinter mitnehmen. Der Laden ist täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet, außer sonntags. Bisher steht noch "Fairdruckt" über dem Eingang. Aber wir haben uns schon einen neuen Namen überlegt. Der Laden soll "Onbones" heißen.

GWR: Wieso "Onbones"?

Thorsten Hallmann: "Onbones" heißt wörtlich übersetzt "auf Knochen". Es spielt auf eine alte Geschichte an: nämlich, dass es nicht möglich war, Tonträger in die Sowjetunion zu importieren oder sie dort legal zu verkaufen. Dann kamen Leute auf die Idee, diese Tonspuren auf gebrauchte Röntgenfilme zu pressen und damit quasi die Musik auf den Knochen zu haben. Also: Gute Musik findet schon ihren Weg und lässt sich nicht verbieten.

Das ist der Hintergrund des Namens.

GWR: Ihr macht gerade eine Kampagne.

Thorsten Hallmann: Ja. Wir haben ja wie gesagt vor, unseren Laden auszubauen. Dafür brauchen wir Geld und sind auf der Suche nach möglichst vielen solidarischen Leuten, die uns ein kleines Darlehen geben. Wir wollen nicht viel und schon gar nichts von der Bank, sondern kleine Direktkredite um die 200 Euro. Wer sich beteiligen möchte, kann uns gerne eine Mail schicken (siehe unten).

GWR: Du bist auch aktiv bei der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAU. Kannst Du etwas zur FAU sagen?

Thorsten Hallmann: In Spanien gab es vor 80 Jahren eine anarchosyndikalistische Massenbewegung, die einerseits als Gewerkschaft quasi im Untergrund entstand und den KapitalistInnen ordentlich Zunder gegeben hat, anderseits es auch geschafft hat, während des Spanischen Bürgerkriegs einen großen Teil der Ökonomie kollektiv zu betreiben. Die FAU generell sieht sich auch in dieser Tradition und will kämpferische Basisgewerkschaften vor Ort aufbauen, was in manchen Städten auch ganz gut vorangeht. Aber wir versuchen auch, Kollektivökonomie als ökonomischen Freiraum zu fördern.

Es gibt beispielsweise in Berlin neuerdings die "UnionCoop", eine Kooperation von Kollektivbetrieben, die ebenfalls der FAU angeschlossen ist. Wir denken, um zu einem Wirtschaften ohne Ausbeutung zu kommen, gehört notwendig beides dazu: starke Gewerkschaften, in denen sich Leute kollektiv gegen ihre schlechten Arbeitsverhältnisse organisieren, aber auch das Wissen und die praktische Möglichkeit, selber Ökonomie zu betreiben, als Lernort und sichtbarer kleiner Vorgriff auf eine bessere Wirtschaftsordnung. Deswegen sind es zwei Seiten einer Medaille: Kollektivbetriebe und FAU als libertäre, anarchosyndikalistische Gewerkschaft von unten und ohne Chefs.

GWR: "Ohne Chefs" ist ein gutes Stichwort. Wir haben ja gerade schon darüber geredet, wie eine anarchistische Utopie aussehen könnte und was Anarchie überhaupt bedeutet. Was bedeutet Anarchie für Dich?

Thorsten Hallmann: Für mich ist Anarchie vor allem die bestmögliche Form der Organisation von Gesellschaft. Es braucht nämlich Organisation, um nicht beherrscht zu werden und um möglichst große Freiheit und auch materielle Gerechtigkeit herzustellen. Dafür müssen wir lernen, gut organisiert zu sein, so dass die Organisation nicht missbraucht werden kann für Herrschaft, sondern die Stärke einer solidarischen Selbstorganisation zum Tragen kommt. Sie muss in der Lage sein, alles, was man im täglichen Leben so braucht, so zu organisieren, dass es weder eine zentrale Planung oder oberste Autorität braucht, noch ein freies Spiel der Kräfte wiederum zu Konkurrenz und Ausbeutung führt.

GWR: Ein wunderbares Schlusswort. Herzlichen Dank!

Interview: Bernd Drücke
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Crowdfunding Kampagne für ein Anarchistisches Zentrum Dortmund:

www.startnext.com/azentrumdo

Fairdruckt eG
Hafenstr. 64
D-48153 Münster
Tel.: 0251/5389797
www.fairdruckt.de
info@fairdruckt.de


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