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Die Rätebewegung in Berlin 1919/1920

Eine sozialistische Alternative jenseits von Sozialdemokratie und Stalinismus

Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/1920. Bebra Verlag, Berlin 2015, 476 S., 32 Euro, ISBN 978-3-95410-062-0

Im November 1943 schrieb der 1938 in die USA emigrierte Ernst Fraenkel in der deutschsprachigen "New Yorker Volkszeitung": "Was immer man auch sonst vom 9. November halten mag, jenes Beispiel wird geschichtsbildende Kraft behalten. Ein Volk, das einmal in kritischer Stunde sein Geschick in die eigene Hand genommen hat, wird auf die Dauer niemals wieder ganz entmündigt werden können."

Diese Prognose traf leider nicht zu. Die deutsche Revolution und die Rätebewegung 1919/1920 haben in der öffentlichen Wahrnehmung keine Bedeutung mehr. Und dies gilt auch für die linke Bewegung.

Mit dem 9. November werden nicht mehr der Sturz des Kaiserreichs und der Beginn der Revolution erinnert, sondern die Novemberpogrome 1938 (und der Fall der Mauer 1989). Dies kann aber nicht alleine daran liegen, dass die Revolution mit einer Niederlage endete. Denn es gibt revolutionäre Niederlagen, wie die Pariser Commune, deren Erinnerung zukünftige Generation beflügelte. Dass dies in Deutschland nicht der Fall war, hatte mit der Zerstörung der Erinnerung im Nationalsozialismus zu tun. Aber auch damit, dass die SPD mitverantwortlich für die Niederschlagung der revolutionären Bewegung war.

Auch in der wissenschaftlichen Forschung hat das Thema keine Konjunktur mehr. Die Arbeit von Axel Weipert gibt der Forschung neuen Schwung. In den ersten drei Kapiteln analysiert er drei zentrale Ereignisse:

1. Der Berliner Generalstreik im März 1919, der nicht von oben verordnet wurde, sondern entscheidende Impulse von unten, aus den Betrieben bezog. Er scheiterte an der mangelnden Koordination der Streikenden, aber auch an dem militärischen Terror der Freikorps, der 200 Tote forderte.

2. Die Demonstration gegen die Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes am 13. Januar 1920, zu der über 100.000 kamen und die mit einem Blutbad mit 42 Toten und über 100 zum Teil Schwerverletzten endete, weil die preußische Sicherheitspolizei in die Menge geschossen hatte.

3. Der Kampf der Rätebewegung gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch.

Es folgen detaillierte Kapitel zur Revolutionären Betriebsrätezentrale sowie zu den Schüler- und Erwerbslosenräten und dem "Politischen Rat geistiger Arbeiter", die zeigen, dass die Rätebewegung nicht nur in den Fabriken, sondern in großen Teilen der Gesellschaft verankert war. Die Schülerräte wurden vor allem von den Lehrlingen in den Fortbildungsschulen getragen. Hinsichtlich der Beteiligung der Frauen in der Rätebewegung kommt Weipert zu widersprüchlichen Befunden. Zum einen wurden "immer wieder Vorschläge für eine wirkungsvolle Einbindung von Frauen in die Räte erarbeitet", zum anderen "fanden sich aber kaum Frauen in den Räten selbst" (S. 340). Abschließend analysiert Weipert die Rätepolitik der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften.

In einer ausführlichen Zusammenfassung analysiert er Ziele und Konzepte, Organisationsstrukturen und Aktionsformen der Berliner Rätebewegung sowie deren Verhältnis zum Staat. Die historische Forschung habe die zweite Phase der Revolution ab Februar 1919 vernachlässigt. Dies habe Folgen für die Einschätzung der Rätebewegung gehabt. Es habe sich bei der Deutschen Revolution 1918-1920 "nicht nur um eine verpasste Chance der Demokratisierung von oben" gehandelt, wie vor allem von sozialdemokratischen HistorikerInnen argumentiert wurde, sondern "vielmehr engagierten sich erhebliche Teile der Rätebewegung aktiv für eine Demokratisierung von unten" (S. 443). Die Rätebewegung in Berlin 1919/20 stand für eine "alternative Entwicklungsrichtung der Revolution". Ob diese Zweite Revolution zum Erfolg hätte führen können, lässt sich, so Weipert, "mit einem Blick nur nach Berlin nicht beantworten" (S. 446). Aber "die Berliner Rätebewegung zeige, dass es jenseits von Sozialdemokratie und Stalinismus noch eine sozialistisch-demokratische Alternative gab." (S. 448)

Dieter Nelles
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