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411 september 2016
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es wird ein lächeln sein
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Der Inbegriff von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit

Ein Gespräch mit Ralf Dreis über Selbstorganisation und Anarchismus in Griechenland und Deutschland

Ralf Dreis (* 1965) ist Gärtner, Griechisch-Übersetzer, freier Journalist, GWR-Autor und Aktivist der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnen Union (FAU). Zwischen 1996 und 2001 in der anarchistischen Bewegung Thessaloníkis aktiv, pendelt er seitdem zwischen Deutschland und Griechenland. Das Interview mit ihm erscheint im Oktober in dem von Bernd Drücke herausgegebenen Buch "Anarchismus Hoch 3. Utopie, Theorie, Praxis. Interviews und Gespräche" (ISBN 978-3-89771-219-5). Wir veröffentlichen einen gekürzten Vorabdruck und danken dem unrast-Verlag für die Abdruckerlaubnis. (GWR-Red.)

Bernd Drücke: Stell dich bitte mal vor.

Ralf Dreis: Aufgewachsen bin ich in Lorch im Rheingau, einem Weinbaudorf unterhalb von Wiesbaden. Es war eine idyllische Kindheit, mit viel Natur.

Bernd Drücke: Wie hast du dich dann politisiert? Wie kamst du zum Anarchismus?

Ralf Dreis: Wenn die Idylle zu idyllisch ist, dann ist es letztendlich doch nicht so toll. Das Dorf war damals zu 99 Prozent erzkatholisch. In diesem erzkonservativen Nest gab es dann die Jugendgeneration derejenigen, die etwas älter als ich waren und ein selbstverwaltetes autonomes Jugendzentrum durchgesetzt haben. In dem waren wir mit 14, 15 Jahren zugange, haben viel diskutiert, gefeiert, uns verliebt. Wir wollten ein ganz anderes Leben. Anfang der 1980er Jahre kamen da auch die Ökologie- und Selbstverwaltungsbewegungen auf.

Im Rhein-Main-Gebiet begann der Widerstand gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens größer zu werden. Die Anti-AKW-Bewegung und besetzte Häuser interessierten mich. Gemeinsam mit meinen FreundInnen sind wir dann häufig auf Demos gefahren, nach Wiesbaden, Frankfurt, an die Startbahn, später nach Wackersdorf. So war das eine schnell von statten gehende Politisierung, mit 13 noch eher in der Natur zugange und Fußball spielen und mit 15, 16 Jahren ein Schnelleinstieg in die Alternativ- und Öko-Bewegung. Hervorgerufen durch die Auseinandersetzungen an der Startbahn West war ich ab da vor allem in der autonomen Szene in Wiesbaden unterwegs, ab 1980/ 81.

Bernd Drücke: Was verstehst du unter Anarchie?

Ralf Dreis: Für mich ist Anarchie der Inbegriff von Freiheit. Dabei ist ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Freiheit die soziale Gerechtigkeit. Ohne soziale Gerechtigkeit verkommt Freiheit zur Herrschaft der Starken über die Schwachen, zu dem, was wir in den letzten Jahren zunehmend auch in Europa sehen. Die Freiheit derjenigen, die es sich leisten können, das wäre in Reinform das, was die herrschende Politik und die Wirtschaftseliten versuchen mit aller Macht durchzusetzen. Wogegen wir uns wehren.

Bernd Drücke: Bernd Drücke: Wie haben deine Freunde und deine Familie auf deine Politisierung reagiert?

Ralf Dreis: Wir haben uns auf unterschiedliche Weise gemeinsam politisiert und radikalisiert. Spätestens 1980 mit der Besetzung im Startbahn-Wald und 1981 mit der Hüttendorfräumung und den Auseinandersetzungen um die Startbahn ging es Tausenden von Jugendlichen ähnlich wie mir. Das heißt, in meinem Freundeskreis war das keine Frage, einige haben sich mehr radikalisiert, andere weniger. Dass von den Tausenden nur wenige übriggeblieben sind, hängt mit individuell unterschiedlichen Lebensentscheidungen, der rückwärtsgewandten gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und staatlicher Repression zusammen. Die ständige Konfrontation mit der Polizei, die Verhaftungen, Razzien und die Toten (Günter Sare, 28.9.1985 ; Conny Wessmann, 17.11.1989) haben viele traumatisiert. Ein tiefer Einschnitt waren darüber hinaus die toten Polizisten nach Schüssen aus einer Demo an der Startbahn am 2.11.1987, die das Selbstbild einer ganzen Bewegung in Frage stellten.

Meine Eltern hatten bis zu dieser Zeit mit Politik eigentlich nichts am Hut. Mein Vater war Bürokaufmann, meine Mutter Hausfrau. Später hat sie wieder als Sekretärin gearbeitet. Die Beiden haben sich mit dem Erwachsenwerden ihrer politisierten Kinder selbst politisiert. Sie sind mit uns an die Startbahn gefahren, waren auf Friedensdemos, haben sich der Ökologiebewegung angeschlossen und den B.U.N.D. (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) im Dorf gegründet. Sie wurden zu der Zeit angefeindet, weil der B.U.N.D. in Lorch als "Die Grünen" galt. Und "Die Grünen" waren für viele "Terroristen".

Dass ich als Jungöko aus dem Dorf rauskomme, nach Abi und Gärtnerlehre nach Wiesbaden ziehe und Anarchist werde, das war noch nicht unbedingt ausgemacht. Das hängt mit einer Besonderheit des Rhein-Main-Gebiets der damaligen Zeit und speziell Wiesbadens zusammen. Es gab da eine extreme Aufspaltung der autonomen Bewegung in sogenannte Anti-Imps und eher antiautoritäre, anarchistische Strömungen. Das lag daran, dass es in Wiesbaden eine starke Fraktion der anti-imperialistischen Szene gab, weil einige der Untergetauchten der Dritten RAF-Generation wie Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams aus Wiesbaden stammten.

Als Neuankömmlinge vom Dorf - wir sind mit einer kleinen Gruppe nach Wiesbaden gezogen, um im Café Klatsch-Kollektiv zu arbeiten - wurden wir agitiert von den verschiedenen Strömungen der Szene. Vor allem die Anti-Imps haben WG-Besuche gemacht und zu Gesprächen gebeten, um die radikale Jugend für sich zu gewinnen. Mir war das alles zu strikt, zu gewollt konspirativ, zu kommunistisch, zu wenig frei. Spätestens seit der Ermordung des US-GIs Edward Pimental am 8.8.1985, den die RAF hingerichtet hat, um an seine ID-Karte zu kommen, war mir klar, dass ich mit dieser Art von Politik nichts zu tun haben möchte, dass sie mit Befreiung und Freiheit nichts zu tun hat, sondern nur eine neue Art der Unterdrückung ist. Es war in Wiesbaden eine krasse Auseinandersetzung, dass die große autonome Szene gemeinsam an der Startbahn, der Hamburger Hafenstraße, in Brokdorf oder Wackersdorf gegen den Staat, gegen die Polizeitruppen in sehr militanten Auseinandersetzungen gekämpft hat und andererseits so zerstritten war, dass es teilweise zu körperlichen Auseinandersetzungen kam. Wie beim Antiimperialistischen Kongress 1986 in Frankfurt, als die selben autonomen Anti-Imps, die an der Startbahn gemeinsam mit uns militant gegen den Versuch der Bullen ankämpften, ein generelles Demoverbot durchzusetzen, nun Taschen- und Körperkontrollen bei uns durchführen wollten. Wir haben das verweigert, versucht den Eingang zu stürmen und den Kongress schließlich boykottiert. Da war mir klar, meine politische Richtung ist auf Seiten der Freiheit und nicht auf Seiten so einer Stalino- und Kopfschusspolitik.

Bernd Drücke: Dann hast du dich in einer Wiesbadener anarchistischen Gruppe engagiert?

Ralf Dreis: Nee, ich bin ins Café Klatsch eingestiegen. Das ist ein großes Kollektiv, welches heute nach 33 Jahren noch existiert. Nach einer bundesweiten Unterstützungskampagne gelang es dem heutigen Kollektiv im Januar 2016 die Räumlichkeiten zu kaufen. Das Café war der damalige Szenetreff in Wiesbaden. Wir waren 32 Leute zu der Zeit im Klatsch, sehr politisiert. Es haben dort Feministinnen, AnarchistInnen, Autonome, Anti-Imps, Antifa, Ökos und kommunistisch orientierte Leute zusammen gearbeitet. Wir hatten innerhalb des Kollektivs heftige Auseinandersetzungen. Aber das Klatsch als Ganzes tendierte zum anarchistischen Teil der autonomen Bewegung, während der damalige Infoladen in Wiesbaden die Hochburg der Anti-Imp-Szene war. Ich habe mich hauptberuflich als Mitglied des Café-Klatsch-Kollektivs verstanden und bin außerdem in den AKU (Arbeitskreis Umwelt) Wiesbaden eingetreten, der eine ökologisch-libertäre Richtung vertritt, heute noch Anti-Atom-Politik macht, in den letzten Jahren verstärkt gegen Kohlekraftwerke mobilisiert und zur damaligen Zeit bei Hausbesetzungen aktiv war. Als Bezugspunkte möchte ich noch die autonome Frauenbewegung und die Aktionen und Texte der RZ (Revolutionäre Zellen und Rote Zora) in dieser Zeit erwähnen. Mir war klar, dass es nicht den einen wahren Kampf gibt, sondern dass die vielen Teilbereichskämpfe miteinander verbunden sein sollten. Die verschiedenen gesellschaftlichen Kämpfe sollten zusammen gebracht werden. Um erfolgreich zu sein, müssen wir den Zusammenhang zwischen Ökologie, sozialer Unterdrückung, ungerechten Löhnen und Freiheitskämpfen, die damals ja weltweit stattfanden, klar machen. Da bot mir der Anarchismus die bei weitem überzeugendsten Lösungen.

Bernd Drücke: Du bist aktiv in der FAU. Erzähl mal.

Ralf Dreis: Die FAU ist eine anarchistische Basisgewerkschaft. Sie wurde 1977 nach dem großen anarchosyndikalistischen Kongress in Barcelona gegründet, in Tradition der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), die von den Faschisten 1933 zerschlagen worden war.

In den 1980er Jahren hatte mich gewerkschaftliche Organisierung nicht interessiert. Wir hatten im Klatsch natürlich auch die Direkte Aktion (DA) als Leseexemplar und haben sie auch verkauft. Zwei meiner Mitkollektivisten waren FAU-Mitglieder. Aber Gewerkschafter waren für mich vor allem dickbäuchige, schnauzbärtige Männer, die nichts mit meinem Lebensgefühl zu tun hatten. Ich war Hausbesetzer, militanter Umweltaktivist, Kollektivist. Auf die Idee, mich in der FAU zu organisieren, kam ich Ende der 1990er Jahre in Griechenland, da dort die AnarchistInnen viel organisierter waren, als ich es aus Deutschland kannte. Sie waren alle in festen Gruppen organisiert und hatten Pläne. Sie haben mehr auf die Beine gestellt als wir. In ihren besetzten Häusern, gemieteten Treffpunkten und Zentren hatten sie viele internationale Zeitungen. In einem dieser Zentren, in Thessaloníki, begann ich regelmäßig die DA zu lesen und war recht angetan. In mir reifte der Entschluss, sollte ich denn zurück nach Deutschland gehen, dass ich nicht mehr als frei fliegender Anarcho in der autonomen Szene agieren, sondern mich in einer festen Gruppe organisieren will.

Ich bin Anfang der 2000er Jahre zurück nach Wiesbaden und hatte im Rhein-Main-Gebiet das Problem, dass es keine anarchistischen Gruppen gab. Es gab aber die FAU. Da dachte ich, dass es für einen Anarchisten, der auf Lohnarbeit angewiesen ist, natürlich wäre, sich in der Gewerkschaft zu organisieren, die mir ideologisch am nächsten steht. Das war die FAU. Seitdem bin ich in der FAU Frankfurt organisiert und halte das für einen richtigen Weg, um in Deutschland im Bereich der Arbeit Veränderungen zu erkämpfen.

Bernd Drücke: Wie du sind viele durch die DA auf die FAU aufmerksam geworden. Jetzt wurde auf dem FAU-Kongress 2016 beschlossen, die DA nicht mehr herauszugeben. Es gibt sie nur noch online. Somit ist die FAU vermutlich die erste Gewerkschaft ohne eigene Zeitung?

Ralf Dreis: Ob das die erste Gewerkschaft ohne eigene Zeitung ist, glaube ich eher nicht. Den Beschluss halte ich dennoch für eine Katastrophe. Er ist politisch falsch, da die DA das Aushängeschild der FAU ist, die in Kneipen, Zentren, besetzten Häusern, auf Demos und gewerkschaftlichen Mobilisierungen verteilt und mit Interesse gelesen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Online-Zeitung so viel Bekanntheit und so viele Kontakte zu Leuten die man erreichen will bringen kann. Ich glaube nicht, dass der Beschluss endgültig sein wird, da wir viele in der FAU sind, die ein starkes Interesse daran haben, dass die DA als Printmedium bestehen bleibt. Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich schreibe ja auch seit vielen Jahren für die DA und werde dafür kämpfen, dass sie nicht eingestellt wird.

Bernd Drücke: Das finde ich gut. Mir erscheint der Beschluss des FAU-Kongresses als politische Dummheit. Es tendiert in Richtung politischer Suizid, wenn eine Gewerkschaft ihr etabliertes und über die eigene Mitgliedschaft hinaus beliebtes Sprachrohr ohne Not in die Tonne kloppt.

Ralf Dreis: In Erwägung gezogen wurde das schon seit zwei Jahren. Es gibt eine starke Fraktion innerhalb der FAU, die behauptet, dass eine Papierzeitung altmodisch sei und dass die FAU-Website wesentlich mehr Öffentlichkeitswirkung hätte.

Bernd Drücke: Wie schätzt du die Situation Neuer Sozialer Bewegungen und des Anarchismus in Deutschland ein?

Ralf Dreis: Ich sehe zum einen die gesellschaftliche Entsolidarisierung und europaweite Faschisierung, die voran schreitet. Ich sehe in den letzten Jahren, die FAU betreffend, auch eine zunehmende Bereitschaft von Leuten, die von Natur aus nicht dem Anarchismus nahe stehen, sich innerhalb der FAU zu organisieren. Vor allem in Frankfurt, Berlin, Hannover, Dresden und Leipzig hat die FAU Zuspruch. Interesse erzeugt sie bei Leuten, die sich gewerkschaftlich organisieren wollen und mit den DGB-Gewerkschaften unzufrieden sind. Sie suchen eine selbstbestimmte Art der Organisierung, wollen selbst entscheiden, was in ihrem Namen geschieht, sind nicht mehr bereit, sich diktieren zu lassen, wann sie auf die Straße gehen, wann sie streiken, wann sie ihre Stimme erheben. Von daher sehe ich den Ansatz, sich in dieser immer krasser werdenden gesellschaftlichen Entsolidarisierung, mit uns AnarchistInnen gewerkschaftlich zu organisieren.

Andererseits ist die anarchistische Bewegung in Deutschland immer noch so schwach, dass sie für breite Teile der Bevölkerung leider keine Alternative bietet. Es ist weitgehend eine Jugendbewegung, dominiert von jungen Menschen, die aus dem Alltag ausbrechen und etwas anderes ausprobieren wollen, was ja auch ok ist. Doch die meisten beenden irgendwann ihre Lehre oder ihr Studium und steigen aus ihren anarchistischen Zirkeln aus, weil es für viele Ältere keine Perspektive in der Bewegung gibt. Das ist einer der Schwachpunkte. Wir sollten kapieren, dass der Anarchismus Antworten und Perspektiven für Jugendliche, für Auszubildende, für Leute im Studium, sowie für Eltern, für alleinerziehende Mütter und Väter, für RentnerInnen bereitstellen muss. Wenn wir das schaffen, dass nicht mehr der junge, radikale Vorzeigeanarchist in einem bunten, besetzten Haus leben muss, sondern dass Leute sich auch, wenn sie es denn wollen, in einem Reihenhaus aktiv an der anarchistischen Bewegung beteiligen und dass es auch Treffpunkte für Ältere in der Bewegung gibt, dann wären wir weiter. Viele sind unzufrieden mit dem, was hier momentan existiert. Und es ist nicht absehbar, dass in den nächsten Jahren von Seiten der Politik und der Wirtschaftseliten irgendetwas in Richtung solidarischer Gesellschaft verändert werden soll, im Gegenteil.

Bernd Drücke: Du bist oft in Griechenland und schreibst über Soziale Bewegungen dort. Wie siehst du die gegenwärtige Situation? Wie schätzt du die Politik der Syriza-Regierung ein?

Ralf Dreis: Die Situation in Griechenland ist seit sechs Jahren eine Katastrophe. Sie wird mit jedem durchgesetzten Spardiktat schlimmer. Politisches Desinteresse, Ellbogenmentalität und die Propaganda der Massenmedien in Deutschland sorgen dafür, dass hier ein großer Teil der Bevölkerung an den Sinn irgendwelcher "Rettungspakete" glaubt, unabhängig davon, ob sie diese befürwortet oder nicht, und sich nicht aktiv gegen diese für Griechenland zerstörerische Politik engagiert. Diese sogenannten Rettungspakete retten einzig und allein das Großkapital, die Banken und auch den deutschen Staat, der hervorragende Gewinne mit den Geldern gemacht hat, die nach Griechenland transferiert wurden. Bei der griechischen Bevölkerung kommt nichts davon an. Die Leute verarmen.

Mehr als 35 % der GriechInnen sind nicht mehr krankenversichert, es herrscht eine Arbeitslosigkeit von offiziell 27 %. Das ist eine Katastrophe, vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass die Zahlen seit zwei Jahren stabil auf diesem Niveau bleiben, weil massenhaft Leute nicht mehr in die Statistiken mit eingerechnet werden und vor allem junge, gut ausgebildete Leute in großer Zahl ausgewandert sind, u.a. nach Deutschland.

Momentan verfolgen wir in Griechenland den vielleicht vorletzten Akt des Desasters: Eine von Sozialdemokraten und Konservativen enttäuschte Bevölkerung wählte 2015 zum ersten Mal die sogenannte radikale Linke in die Regierung, also Syriza mit Aléxis Tsípras als Ministerpräsidenten, in der Hoffnung, dass sie die Spardiktate stoppen und eine neue Politik einleiten könnten. Die Menschen müssen nun mit Enttäuschung feststellen, dass Tsípras und der Teil von Syriza, der noch in der Partei aktiv ist, es innerhalb von fünf Monaten schafften, auf Linie der früheren Pasok- und Néa Dimokratía (ND)-Regierungen einzuschwenken. Im Gleichschritt mit Schäuble, Merkel, Hollande und sonstigen Führern der EU werden die Spardiktate gegen alle Widerstände durchgesetzt.

Im Jahr 2016 wurden die 14 gewinnbringenden Regionalflughäfen Griechenlands an den Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport verkauft. Das sind die Flughäfen, die dem Land Geld einbrachten. Die anderen 23 Lokalflughäfen, die kleine Inseln mit dem Lebensnotwendigen versorgen und deswegen staatlich subventioniert werden müssen, sind nach wie vor im griechischen Staatsbesitz, weil sich Fraport nicht für Flughäfen interessiert, die man subventionieren muss. Die Fraport AG befindet sich zu 51 Prozent im Besitz des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt. Für die nächsten 40 Jahre hat sie sich alle Gewinnoptionen gesichert und dem griechischen Staat die Haftung für mögliche Verluste aufgebürdet. So muss die griechische Staatskasse Opfer von Arbeitsunfällen auch dann auszahlen, wenn Fraport für diese verantwortlich ist. Auch Abfindungen für entlassene Angestellte übernimmt Griechenland. Bei möglichen Streiks der Beschäftigten wiederum haftet der Staat für entgangene Gewinne des Konzerns, der darüber hinaus von allen maßgeblichen Steuern befreit ist. Das Beispiel zeigt, wie verlogen die Propaganda ist, dass die Zwangsprivatisierungen dem griechischen Staat und der Bevölkerung etwas bringen. Ich nenne es neokoloniale Ausbeutung. Vor kurzem wurde auch der größte Hafen des Landes in Piräus an den chinesischen Staatskonzern COSCO (China Ocean Shipping Company) verkauft. Dies wird zur Folge haben, dass die Hafenarbeiter demnächst sozusagen zu chinesischen Löhnen arbeiten und auch der Kündigungsschutz ausgehebelt werden wird.

Die Politik, die EU, IWF und Syriza in Griechenland betreiben, ist desaströs. Die gleiche verbrecherische Politik, wie sie zuvor von EU, IWF, Pasok und ND verfolgt wurde. Der letzte Akt dieses griechischen Dramas könnte ein Umschwenken der WählerInnen zu den Faschisten von Chrysí Avgí (Goldene Morgenröte) sein. Ich kann nicht vorhersagen, ob die Leute wirklich bereit sind, in Massen solche Mörderbanden zu wählen, aber es liegt zumindest im Bereich des Möglichen, dass nach der Entzauberung von Syriza vielen bei kommenden Wahlen Chrysí Avgí als einzige nicht korrupte Partei Griechenlands erscheint. Es wäre eine Katastrophe, wenn diese Mörderbande an die Regierung käme. Zu den globalen Entwicklungen würde es durchaus passen.

Bernd Drücke: Auf der anderen Seite gibt es außerparlamentarische Bewegungen, die zur Selbstorganisation übergehen, z.B. Vio.Me oder selbstverwaltete Krankenhäuser.

Ralf Dreis: Das ist die positive Seite der Medaille. Sechs Jahre Spardiktat haben auch die außerparlamentarischen Bewegungen gestärkt. Basierend auf einer vorher schon starken anarchistischen Bewegung, die schon immer Selbstverwaltung propagiert, gibt es eine breit gefächerte Bewegung, die versucht, über Selbstverwaltung, über die Aneignung des eigenen Lebens, über gegenseitige Hilfe, über kollektiven, biologischen Anbau, über Landbesetzungen, über Hausbesetzungen, das Leben in der Krise gemeinsam zu organisieren. Große Teile der Projekte sind prekär, was heißt, dass die Leute es zwar schaffen, sich über die kollektive Organisierung über Wasser zu halten, aber auch klar ist, dass es aus der Not geborene Projekte sind, die immer kurz vorm Zusammenbruch stehen oder von staatlicher Repression bedroht sind.

Solidarische Krankenstationen und Soziale Kliniken gibt es mittlerweile in ganz Griechenland, in jeder kleineren und größeren Stadt. Bekannt ist die Soziale Klinik der Solidarität (KIA) in Thessaloníki. Die BetreiberInnen sind vor allem linke oder anarchistische ÄrztInnen, oder eben KollegInnen mit einem humanistischen Weltbild. Sie versuchen, zumindest eine gesundheitliche Grundversorgung der nicht mehr krankenversicherten Bevölkerung sicherzustellen. Sie arbeiten unentgeltlich. Jeder Mensch, unabhängig vom Aufenthaltsstatus, egal ob Griechin, Grieche, Migrantin oder Flüchtling, aus welchem Land auch immer, wird in diesen Sozialen Kliniken versorgt. Das geht natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt. Leute, die Krebs haben, HIV-Infizierte oder Menschen, die eine schwierige Operation benötigen, können nicht versorgt werden und müssen in einem normalen Krankenhaus behandelt werden. Das zeigt auch die Grenzen der Sozialen Kliniken, die eine super Arbeit leisten, der Bevölkerung noch eine gute Grundversorgung garantieren, selbstverwaltet und außerstaatlich. Sie verfügen aber nicht über die Mittel der großen Krankenhäuser, über Maschinen, über Medikamente, über staatliche Zuschüsse. Sie können somit nicht wirklich ernsthafte Krankheiten behandeln. Das wird einer der Bereiche sein, die wir als AnarchistInnen angehen müssen, nämlich in der Lage zu sein, über das absolut Nötigste hinaus die Versorgung der kompletten Bevölkerung hinzubekommen.

Das andere Projekt, das du ansprachst, ist Vio.Me, die erste besetzte und selbstverwaltete Fabrik in Griechenland. Mittlerweile gibt es noch eine weitere, ein Sägewerk (vgl. GWR 410). Die Arbeiter von Vio.Me haben ihre Fabrik im Mai 2011 besetzt, nachdem sich die damaligen Besitzer vom Acker gemacht und die Leute schon seit einem Jahr keine Löhne mehr erhalten hatten. Sie haben dann nach langen Diskussionen mit vielen Leuten aus den außerparlamentarischen und anarchistischen Bewegungen und mit selbstverwaltet arbeitenden Genossen, die aus Argentinien zu Besuch waren, 2013 beschlossen, die Produktion unter eigener Regie wieder aufzunehmen. Seitdem stellen sie umweltfreundliche Reinigungsmittel, Waschmittel und Seifen her. Die kleinen Vio.Me-Seifen haben auch in Deutschland eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil sie auf Solidaritätsfesten, Büchertischen und Demonstrationen verkauft werden. Seit drei Jahren wird selbstverwaltet produziert, auch nur mit wenig Geld; aber die ArbeiterInnen, die sich an dem Projekt beteiligen, sind begeistert. Sie haben seit drei Jahren ihr Leben selbst in der Hand, bestimmen alles selbst und erleben eine einzigartige Solidarität aus vielen Teilen Europas und vor allem aus Griechenland, die sie so vorher weder erwartet hatten noch kannten. Diese ArbeiterInnen hatten zuvor weder mit der anarchistischen Bewegung noch mit anderen radikalen Bewegungen zu tun. Sie waren einfache FabrikarbeiterInnen, die hofften, ihr Auskommen über eine normale Arbeit zu finden.

Bernd Drücke: Welche Perspektiven siehst du für Soziale Bewegungen in Deutschland und Griechenland? Was möchtest du als Schlusswort loswerden?

Ralf Dreis: Im Vergleich zu Griechenland fehlt mir in Deutschland eine zuverlässige Organisierung der Menschen, die sich als AnarchistInnen verstehen. Das ist mir zu viel auf "Heute habe ich Bock, morgen habe ich keinen Bock" ausgerichtet. Freiheit und Selbstbestimmung schließen auch (Selbst-)Disziplin mit ein. Wenn wir eine andere Gesellschaft aufbauen wollen, dann geht es nicht nach dem Bock-Prinzip, sondern dann ist relativ viel Arbeit nötig. Und viele Diskussionen. In Griechenland ist die Frage momentan eine ganz andere. Dort gibt es zwar eine relativ starke anarchistische Bewegung, deren Problem ist aber, das scheint eine allgemeine Krankheit der Linken, der Bewegungen weltweit zu sein, ihre Zerstrittenheit. Die Gruppen sind teilweise so ideologisch miteinander verfeindet, dass einige anarchistische Gruppen mehr Wert darauf legen, andere anarchistische Gruppen zu bekämpfen als Gemeinsamkeiten zu suchen, Gemeinsamkeiten auch zu finden und gemeinsam gegen die Spardiktate, gegen das Krisendiktat der EU und der griechischen Regierung vorzugehen. Das wäre das naheliegende Ziel in Griechenland, dass sich die Leute auf Gemeinsamkeiten besinnen, statt ständig Unterschiede zu betonen und die bis ins Letzte auszutragen.

Ansonsten gilt hier wie dort: Staat und Kapital angreifen, Rassisten und Sexisten bekämpfen, selbstverwaltete Strukturen ausbauen!

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