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415 januar 2017
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>> 415 januar 2017

"Wir leben zusammen, wir kämpfen zusammen"

Interview mit zwei Aktivistinnen des besetzten Hotels City Plaza in Athen

Das City Plaza ist ein Hotel im Herzen von Athen. Es war ein Symbol der griechischen Krise, jahrelang war es geschlossen. Heute ist es wieder geöffnet und voll belegt - und zwar mit über 400 Geflüchteten und einigen AktivistInnen, die das City Plaza im April 2016 besetzt haben. So ist mitten in einem Viertel, in dem 20 Prozent die faschistische Partei "Goldene Morgenröte" wählen, ein selbstorganisierter Ort der Solidarität entstanden.

Graswurzelrevolution (GWR): Olga, kannst du uns von der Entscheidung berichten, das Hotel zu besetzen und wie die ersten Tage abliefen?

Olga: Bevor wir am 22. April das Gebäude besetzt haben, haben wir die Entscheidung, das praktische Vorgehen und mögliche Probleme für circa zwei Monate in verschiedenen Versammlungen diskutiert. Während dieser Zeit wollten wir das Gebäude nicht betreten, weil die Nachbarschaft uns hätte sehen und es möglicherweise der Polizei melden können. Darum sind wir kurz vor der Besetzung nur für wenige Minuten dorthin gegangen und haben die Schlösser ausgetauscht, aber niemand hat das Gebäude betreten. Dann, am besagten Freitag, haben sich verschiedene Gruppen zu einem festen Zeitpunkt rund um das Gebäude versammelt. Eine Minute vor zehn setzten sich diese Gruppen, insgesamt waren es 100 Personen, in Bewegung. Wir öffneten die ausgetauschten Schlösser und betraten das Gebäude. In dem Gebäude war es sehr dreckig, es wurde seit sieben Jahren nicht als Hotel genutzt, es gab kein fließendes Wasser, was es sehr schwierig gemacht hat, das Gebäude zu reinigen.

Die Situation draußen war furchtbar. Als die Nachbarn bemerkten, dass wir das Gebäude besetzt haben, sind sie aus ihren Wohnungen gerannt und völlig ausgerastet. Es gab viele Versuche, uns anzugreifen und so haben wir eine Kette aus ca. 50 Personen gebildet, die den Zugang zum Gebäude schützen sollten. Eine Stunde nachdem wir das Gebäude betreten haben, war die Ankunft der ersten 120 Geflüchteten geplant. Als die ersten ankamen, war es sehr schrecklich. Viele von ihnen hatten Angst, als sie sahen, wie wir attackiert wurden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite warteten einige Personen, die zu uns kommen wollten, doch sich nicht über die Straße trauten. So haben wir eine Gasse gebildet, um diese Menschen zu beschützen und ins Gebäude bringen zu können. Die Nachbarn haben uns beleidigt, haben uns geschlagen. Sie sagten, sie werden die Polizei und die Faschisten rufen und dass wir verschwinden sollen.

GWR: Wie ist es euch gelungen, die verschiedenen Herausforderungen zu organisieren?

Olga: Es hat fast zwei Monate gedauert, bis sich die Dinge etwas stabilisiert haben. Nachdem anfangs etwa 120 Geflüchtete mit uns das Gebäude bezogen haben, hatten wir ursprünglich den Plan, jede Woche eine Etage des Hotels zu öffnen und Schritt für Schritt mehr Geflüchtete aufzunehmen. Aber das war unmöglich. Bereits am ersten Morgen standen mehrere hundert Menschen vor der Tür und fragten nach einem Zimmer. Es sprach sich in der Stadt sehr schnell herum, dass wir das Gebäude besetzt haben. Es war keine leichte Entscheidung, aber wir konnten in den ersten Tagen nicht mehr Menschen aufnehmen.

GWR: Wir würden gerne noch etwas über die Organisation und die Verteilung der Aufgaben erfahren. Wie stellt ihr beispielsweise sicher, dass sich jede Person beteiligen kann?

Kristina: Eine der ersten Sachen war, dass wir erklären mussten, warum es wichtig ist, sich zu beteiligen und Aufgaben zu übernehmen, dass es sich um einen selbstorganisierten Ort handelt und dass niemand für uns arbeitet. Es gibt zwei zentrale Tätigkeiten. Erstens muss zweimal am Tag geputzt werden, was bei 400 Personen und 180 Kindern verständlich ist. Der zweite große Aufgabenbereich ist die Küche. Natürlich, es gibt immer ein paar Leute, die mehr helfen als andere, manche versuchen sich auch davor zu drücken. Wir haben ein paar Dinge auf der Hausversammlung beschlossen. Zum Beispiel haben wir einen Plan erstellt, auf dem steht, welches Zimmer an welchem Tag welche Schicht übernimmt.

GWR: Habt ihr mehr feste Regeln, oder versucht ihr Probleme eher spontan zu lösen, wenn sie aufkommen?

Olga: Wir haben ein paar grundlegende Regeln für die wir uns entschieden haben, bevor wir City Plaza besetzt haben. Das sind: Keine Gewalt, kein Alkohol, keine Drogen und keine Waffen im City Plaza.

Kristina: Auf der Hausversammlung haben wir beschlossen, dass man das Haus verlassen muss, wenn man zu zwei aufeinanderfolgenden Schichten nicht erscheint. Aber das ist ziemlich kompliziert. Sogar was die ganz strengen Regeln angeht, sagen wir nicht, dass jede Person, die dagegen verstößt, sofort das Haus verlassen muss. Wenn zum Beispiel jemand mit einem Bier ins City Plaza kommt, dann schmeißen wir ihn nicht gleich raus. Wir diskutieren mit ihm. Und auch in den komplizierteren Fällen, wie bei Gewalt, ist das nicht so einfach. Es hängt natürlich von der Art der Gewalt ab. Aber in den meisten Fällen diskutieren wir mit den Tätern und versuchen, einen gemeinsamen Umgang zu finden. Meistens sagen wir dann, du kennst die Regeln, wenn du sie noch ein weiteres Mal brichst, musst du gehen.

GWR: Ihr habt eine Hausversammlung und eine Koordinationsgruppe. Was ist der Unterschied zwischen den beiden?

Kristina: An der Hausversammlung nehmen alle von uns teil, also alle Geflüchteten und alle Freiwilligen, die für längere Zeit im Hotel sind. Die Koordinationsgruppe besteht zum größten Teil aus Freiwilligen, die täglich vor Ort sind und natürlich aus Geflüchteten, die seit längerer Zeit im City Plaza sind und stark in das Projekt involviert sind. Die Hausversammlung trifft sich normalerweise alle zwei oder drei Wochen. Dann werden Dinge besprochen, wie die grundlegende Organisation des Alltagslebens und an welchen politischen Kämpfen wir teilnehmen wollen. Die Koordinationsgruppe ist kleiner und deshalb flexibler, so dass wir uns zwei oder dreimal in der Woche treffen können, wann immer das nötig ist. Das geht mit der Hausversammlung nicht.

GWR: Wie wichtig seid ihr persönlich für das Projekt? Was würde passieren, wenn die Hälfte des Kernteams plötzlich ausfallen würde?

Olga: City Plaza wäre nicht dasselbe mit anderen Leuten. Aber trotzdem sind prinzipiell alle von uns ersetzbar. Wenn jetzt die Hälfte des Organisationsteams wegfallen würde, wäre das schon ein Problem. Aber ich kann zum Beispiel für einen Monat auf Reisen gehen und Kristina, die mit mir im Rezeptionsteam ist, kann meine Arbeit übernehmen. Aber es läuft auch nicht so, dass jemand an einem Tag kommt und am nächsten Tag wird ihm die Verantwortung übertragen. Es ist ein langfristiges Projekt und es braucht Zeit, Leute zu integrieren und zu verstehen, wie es funktioniert. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, wenn morgen die Hälfte von uns weg wäre, dann wären wir ziemlich am Arsch.

GWR: Was waren die größten Herausforderungen, vor denen das Projekt bislang stand?

Olga: Wahrscheinlich die praktischen Probleme wie Elektrizität. Das war ein riesiges Ding für uns. Die herausforderndsten Diskussionen waren diejenigen, bei denen es um Macht, Hierarchie und Grenzen ging, als wir unsere Positionen und unsere Regeln verhandelt haben. Wir haben uns gemeinsam Regeln gegeben, aber wer setzt diese Regeln um? Und wie fällen wir die Entscheidungen darüber?

GWR: Euer Slogan ist "Wir leben zusammen, wir kämpfen zusammen". Den Teil mit dem Leben habe ich verstanden, aber wie sieht es mit dem Kämpfen aus?

Kristina: Kämpfe werden sowohl auf der Ebene des Alltagslebens, als auch auf einer gesellschaftlichen Ebene ausgetragen. Im Alltagsleben wollen wir einen Ort ohne Gewalt schaffen, ohne Sexismus und ohne Rassismus. Aber das bekommen wir nicht einfach, weil wir es wollen. Sogar was den Rassismus betrifft, ist es nicht so einfach. Im City Plaza leben Menschen aus sehr vielen verschiedenen Ländern. Da ist es sehr einfach zu sagen, wenn wir mit jemandem streiten, "der sagt das nur, weil ich Afghane bin und er Syrer". Diese Alltagskämpfe sind der schwierigste Teil. Die gesellschaftlichen Kämpfe betreffen größtenteils die Rechte der Geflüchteten. Wir organisieren zum Beispiel Demonstrationen gemeinsam mit anderen Besetzungen und sozialen Zentren. Aber wir wollen nicht nur für die Rechte der Geflüchteten kämpfen. Wir wollen die Kämpfe verknüpfen. Wir haben City Plaza am 22. April eröffnet und gleich am ersten Mai haben wir an der großen Arbeiterdemonstration teilgenommen, bei der es natürlich nicht vordergründig um die Rechte der Geflüchteten geht. Oder wir haben es geschafft, Kinder, die im City Plaza leben, an den Schulen in der Nachbarschaft anzumelden. Das konnten wir nicht alleine schaffen, sondern wir hatten Hilfe von der Gewerkschaft der LehrerInnen. Die Rechte der Geflüchteten sind verknüpft mit den Rechten von uns allen.

Olga: Es gibt diesen feministischen Slogan "vom Körper zum Globalen". Wir glauben, dass die verschiedenen Bereiche unserer Leben verknüpft sind. Kämpfen bedeutet nicht nur, einmal im Jahr auf eine Demonstration gegen Knäste zu gehen. Es geht darum, auch im Alltagsleben entsprechend zu handeln.

GWR: Gibt es etwas, das ihr AktivistInnen im deutschsprachigen Raum mitteilen möchtet?

Olga: Ihr könnt uns natürlich gerne besuchen kommen. Wir brauchen immer Leute, die uns unterstützen wollen. Aber wenn ihr kommt, kommt bitte nicht als LehrmeisterInnen. Manchmal kommen Leute, die uns unterstützen wollen und es geht dann ungefähr so: "Wir werden euch jetzt organisieren. Wir sind zwei Wochen lang da und dann zeigen wir euch, wo es langgeht". Das ist ein bisschen nervig. Genauso wie Leute, die für "Holidarity" kommen und im City Plaza Party machen wollen. Die vergessen, dass das für die Leute, die hier leben, ihr Zuhause ist. Aber es kommen auch viele Leute, die uns wirklich helfen. Das ist wichtig, weil wir mit unserer Energie auch irgendwann am Ende sind. Zum Beispiel haben viele von uns keine Energie mehr für die Nachtschichten. Wenn Leute kommen wollen, die sagen, wir übernehmen eine Woche lang diese Schichten für euch, freuen wir uns sehr. Und natürlich sind wir auf Spenden angewiesen. Denn aufgrund der Wirtschaftskrise können es sich viele Leute einfach nicht leisten, etwas zu spenden, selbst wenn sie das gerne würden. Wir bekommen keinerlei staatliche Unterstützung, aber wir konnten schon viele Spenden sammeln. Wir schätzen, dass mehr als 80% unseres Geldes aus internationalen Spenden kommt. Durch unsere derzeitige Europatour konnten wir genug Geld sammeln, um uns für ein paar weitere Monate über Wasser zu halten.

GWR: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für das Projekt!

Das Interview führten Tobias Drewlani und Simon Schaupp

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